Kritische Christen schreiben dem Papst

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"Solange Sie Zucht predigen, floriert meine Unzucht, solange sie Kenntnis über Abtreibung und Verhütung in die Dunkelheit verbannen, bleibt mein Monopol, .. solange Ihr Thron fest steht, wackelt auch mein Bett nicht." Dies schrieb im Frühjahr die Frankfurter Prostituierte Flori Lille an den Papst, damit er über die Nöte und Sorgen der Deutschen Bescheid wisse, wenn er Anfang Mai die BRD besuche. Veröffentlicht wurde der Text mit 25 anderen in

BRIEFE AN DEN PAPST, Beten allein genügt nicht. Ein Publik-Forum-Buch, hrs. von Thomas Seiterich, rororo aktuell 12420, 8.80 DM.

Die auch "forum"-Lesern bestens bekannte Publik-Forum-Redaktion hatte im Vorfeld des jüngsten Papstbesuches 25 Männer und 25 Frauen eingeladen, dem Papst von jenen Anliegen zu berichten, die im offiziellen Besuchsprogramm nicht vorgesehen waren. 7 Frauen und 24 Männer haben geschrieben, vornehmlich Theologen, Theologieprofessoren (Greinacher, Denzler) und -studenten, Pastoralassistent(inn)en, Pfarrer, aber auch etwa die Schriftstellerin Luise Rinser, die saarländische SPD-Ministerin Brunhilde Peter, Eltern, Jugendliche. Frauen scheinen bezeichnenderweise dem Papst nichts mehr zu sagen zu haben. Das Buch ist sicher über die Grenzen der BRD hinaus von Interesse, da es auf recht lebendige Weise veranschaulicht, wo kritische Christen ihre Schwierigkeiten mit Papst und Kirche haben. Wiederholungen waren dabei natürlich nicht zu vermeiden und das im obigen Zi-

tat aufgeworfene Thema kehrt in mehr als einem Brief wieder: die kirchliche Sexualmoral macht (fast) allen zu schaffen, am meisten leiden aber die Frauen darunter. Diese machen auch klar, dass es nicht einfach um Moralvorstellungen geht, sondern um das Bild von der Frau, vom Menschen überhaupt. Dies dürfte auch ihr Schweigen erklären. Die restaurative, autoritäre Kirchenführung, wie sie das Pontifikat Johannes Pauls II. charakterisiert, oder Zweifel an Sinn und Nutzen der zahlreichen Papstreisen sind weitere Themen der kritischen Christen.

Mancher Brief ist im Zorn geschrieben, im heiligen Zorn, denn bei aller Kritik stehen die Autoren zur Kirche. Und am meisten schmerzt sie, dass weder Papst noch Bischöfe auf ihre Anfragen zu antworten bereit sind, sich als völlig dialogunfähig erweisen, ja offenbar jene Zeitgenossen lieber haben, die stillschweigend, aber in Massen die Kirche verlassen. "Ich stelle mir einen Papst vor, der im Namen der Kirche ein umfassendes Schuldbekenntnis ablegt. Ein Schuldbekenntnis über ihr Versagen im Laufe der zweitausendjährigen Geschichte," schreibt der 91-jährige Pfarrer Alfons Beil.

Hintergrundinformationen über den Lebenslauf von Karol Wojtila, die Entwicklung des Papsttums zu seiner heutigen absolutistischen Form, die bisherigen Reisen Johannes Pauls II. und den dabei getriebenen Aufwand sowie die offiziellen Titel des Papstes runden das lesenswerte Buch ab.

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