Ein Kind entsteht!
Gedanken zur Vorbereitung auf die Elternschaft
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Ein Kind verändert vieles im Leben seiner Eltern. Zu wissen, wie man einen Säugling wickelt, ihn stillt und pflegt, sind wichtige Voraussetzungen; ein Kind auf die Welt setzen bedeutet aber auch, ihm Platz machen, ihm Raum schaffen, es hereinlassen in eine bestehende Zweierbeziehung.
Kinderwunsch – Wunschkinder?
Ein Kind entsteht bereits vor seiner eigentlichen Zeugung. Zuerst vielleicht ein vager Gedanke, dann irgendwann ein konkreter Wunsch zweier Menschen, die sich anfangs selbst genügten und denen
dann doch noch "etwas" in ihrer Zweisamkeit fehlt. Aus dem Wunsch wird ein gemeinsamer Punkt im Lebensplan des Paares, ein Lebensziel. Ein Raum, in dem der – nicht unbedingt von Anfang an – gemeinsame Wunsch wachsen kann, bis die Entscheidung gereift ist: Ein Kind kann entstehen.
Nicht jedes Kind ist gewollt, nicht jedes gewollte Kind entsteht. Die Schwierigkeit ein ungeplantes, ein un-gewünschtes zu einem er-wünschten, angenommenen und geliebten Kind werden zu lassen, hängt nicht zuletzt davon ab, wieviel und welchen Platz seine Mutter und sein Vater ihm bisher in ihren gemeinsamen Zukunftsplänen zugebilligt haben. Ein jahrelang unerfüllt gebliebener Kinderwunsch seinerseits hinterlässt eine große Leere im Leben seiner "Eltern".
Vieles ist also bereits gelaufen, bevor Samenzelle und Eizelle miteinander verschmelzen. Die Entstehungsgeschichte eines Kindes beginnt lange vor seiner biologischen Existenz.
Schwanger, was nun?
Vom Biologischen her betrachtet, passiert nichts Neues. Medizinisch gesehen, handelt es sich um einen Routinefall. Für das Paar: – eine neue Welt entsteht. Auch wenn der Embryo noch still in seiner schützenden Höhle heranwächst, bringt er im Leben seiner Eltern so manches in Bewegung. Noch ehe die Mutter sein erstes flatterhaftes Strampeln verspürt, werden draussen die ersten Vorbereitungen getroffen. Man plant die Ankunft des Nachwuchses und denkt dabei an Vieles: Schlafzimmerinrichtung, Kindermöbel, Kinderwagen, Umstandskleider, letzter Urlaub zu zweit, größeres Auto, Bankkonto für das Kleine einrichten … halt, ist das wirklich alles, was das Kind braucht, wenn es nackt, hilflos und unselbständig das Licht der Welt erblickt? Tja, die Eltern kommen ins Nachdenken. In Büchern schmökern, Geburtsvorbereitungskurse belegen, Atemtechniken erlernen, Kindermassage einstudieren, … das alles brauchen die Eltern, um sich innerlich auf das Ereignis einzustellen, sie brauchen es für ihr eigenes Wohlbehagen und zum Wohl des Säuglings. Es ist sicherlich richtig, daß sich auf die Geburt vorbereiten auch heißt, mit Liebe Strampelhöschen ordnen, sich in das Innenleben des Säuglings einlesen, sich auf die Geburt konzentrieren. Es reicht jedoch wohl kaum aus, um sich auf die lebenslange Aufgabe als Eltern mit allen ihren Folgen einzustellen.
Elternschaft: lebenslänglich
Mit der Geburt beginnt eine Aufgabe, die Eltern ein Leben lang nicht mehr loslassen wird. Sie werden immer wieder aufs Neue herausgefordert. Das liebevolle Versorgen eines hilflosen Säuglings stellt andere Anforderungen an sie als das trotzige Aufbegehren eines verunsicherten Jugendlichen. Ihre Elternrolle wird sich wandeln, wenn sie später als Schwiegereltern angesprochen werden. Auch die Großelternschaft verändert ihre Beziehung zu ihren
ebenfalls in den Rang von Eltern aufgestiegenen eigenen Kindern. Man wird nicht nur einmal "Eltern", bei der Geburt seines Kindes, sondern man wird immer wieder neu Vater und Mutter, je nach Anforderung durch das heranwachsende Kind. Kann man sich überhaupt auf etwas noch Unbekanntes vorbereiten?
Eltern werden
Eltern werden bedeutet auch, sich selbst in Frage zu stellen, sein Leben neu organisieren, ein neues Gleichgewicht im Paar finden. Vieles wird sich verändern.
Beziehungen müssen neu gestaltet werden: Die Partnerschaft zwischen Mann und Frau wird erweitert. Wie können sie es einrichten, Vater und Mutter zu werden, und trotzdem ein Liebespaar zu bleiben? Ihre bisherige Rollenaufteilung wird durcheinandergewirbelt. Ist die seit langer Zeit bewährte Aufgabenverteilung noch sinnvoll? Wer versorgt das Kind? Was bedeutet der neue Status von Hausfrau oder Hausmann für das Selbstwertgefühl des Betroffenen? Bleibt zwischen der Erfüllung unterschiedlicher Aufgaben und der gemeinsamen Sorge für die Familie noch Raum für den Einzelnen, noch Zeit für das Paar?
Wie stark müssen die eigenen Wünsche zurückgestellt werden angesichts eines kleinen Bündels, das lautstark die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse einfordert? Bleiben nach einem anstrengenden Tag mit dem Säugling noch Gefühle und Zärtlichkeit für den Partner übrig?
Auch die Beziehungen des Paares nach aussen verändern sich. Plötzlich stehen die frischgebackenen Eltern mit ihren Eltern auf derselben sozialen Stufe. Häufig verändert die eigene Elternschaft die Beziehung zu den eigenen Eltern. Der Freundeskreis wandelt sich. Vorbei ist die Zeit spontaner, kurzfristig geplanter Ausflüge. Das ewige Gespräch über Windeln, 1. Zähne und Kinderbrei langweilen mit der Zeit auch die geduldigsten kinderlosen Freunde. Und dann besonders für den, der seinen Beruf aufgibt: Tagsüber hat man kaum noch Kontakte, die intellektuellen Herausforderungen fehlen, man erfährt kaum Bestätigung für getane Arbeit – Alltag. Kann die Beschäftigung mit einem süssen Baby diese Verluste aufwiegen?
Weit davon entfernt, dramatisieren zu wollen, sind dies doch einige der Fragen, die sich einem Paar stellen. Wer diesen Herausforderungen auf die Dauer nicht gewachsen ist, wird kaum Freude, Glück und Erfüllung durch die Elternschaft erleben können. Was bedeutet Elternglück, wenn darüber die Partnerschaft leidet? Was bedeutet Mutterschaft, wenn daran die Frau zerbricht? Man kann sich sicher nicht vollständig auf diese Probleme vorbereiten. Sich ihrer bewußt sein, mit dem Partner darüber reden, sich mögliche Lösungsschritte ausdenken, einen
neuen Bekanntenkreis aufbauen, all dies sind wichtige Grundsteine für die Zeit nach der Geburt.
"Glückliche Eltern"
Ich wehre mich gegen rosarote Klischees von Elternschaft. Wer sich ein solches Bild vom Kinderkriegen macht, wird bitter enttäuscht werden. Die beste Vorbereitung ist eine realistische Sicht der Aufgaben, die sich zwei Menschen stellen werden. Nur wer bereit ist, diese Herausforderungen anzugehen, kann auf die Dauer eine "glückliche" Mutter, ein "zufriedener" Vater werden. Wer vor den veränderten Lebensumständen und den auftretenden Schwierigkeiten nicht den Kopf in den Sand streckt, wird auch die schönen, einmaligen Momente, die nur das Zusammenleben mit Kindern bringen, geniessen können, und die in
Werbung und billigen Klischees beschworenen Gefühle echt erleben (allerdings ohne dafür ein bestimmtes Produkt gekauft zu haben).
Elternschaft: Ein Abenteuer, das vor der Zeugung beginnt und lange über das Säuglingsalter hinaus andauert. Eine Aufgabe, die sowohl Erfüllung als auch Enttäuschungen bringen kann. Ein Weg, der immer wieder neue, noch wunderbarere Entdeckungen ermöglicht, wenn man von den Stolpersteinen absieht, die sich jedem noch so geübten "Bergsteiger" in den Weg legen. Ein Erlebnis, das ich niemals missen möchte.
Judy CONRAD
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