Realität oder Wunschdenken?

Fortschritt durch gentechnologisch erzeugte Medikamente

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Was versteht man unter Gentechnologie in der pharmazeutischen Industrie?

Mit dem Begriff der Gentechnologie werden Verfahren zur Isolierung und Übertragung von fremden Genen in lebende Organismen beschrieben. In der pharmazeutischen Industrie hat sich die Gentechnologie bereits etabliert und stellt eine Methode ebenso

im Bereich der Forschung wie auch der Produktion dar. Seit einigen Jahren sind in europäischen Ländern (auch in Luxemburg) alle oder einige der folgenden gentechnisch hergestellten Medikamente zugelassen:

NAME

Human-Insulin

Wachtstumshormon*

Blutgerinnungsfaktor VIII*

Interferon*

TPA

EPO

nat. VORKOMMEN

Bauchspeicheldrüse

Gewebe

Blut

Immunsystem

Zell-Gewebe

Rückenmark

WIRKUNG

Zuckerstoffwechsel

Wachstum

Blutgerinnung

Immunsystem

Auflösung von

Blutgerinnsel

Blutbildung

WIRKSAMKEIT

Diabetes

Minderwuchs

Bluterkrankheit

Leukämie*

Herzinfarkt

Anreicherung roter

Blutkörperchen

Eine größere Zahl – die pharmazeutische Industrie spricht von über hundert – neuer Arzneimittel befindet sich im Registrierungsverfahren oder in der klinischen Prüfung. Hier sind vor allem folgende Produkte zu erwähnen:

TNF

Neurotransmitter

Neurohormone

Immunsystem

Nervenzellen

Nervenzellen

Zellauflösungen

Impulsvermittlung

Kontrolle der Erregbarkeit

Krebs (zweifelhaft)

Psychopharmaka

Psychopharmaka

Heutige BILANZ : positiv oder negativ ??

In dieser kapitalen Frage scheiden sich die Geister. Während die pharmazeutische Industrie Erfolgsmeldungen vorzeigen muß, verweisen die Kritiker der Gentechnologie auf ein, gemessen am enormen finanziellen Aufwand, sehr mageres Ergebnis.

Ich möchte zum ersten auf die wichtigsten auf dem Markt vorkommenden gentechnologischen Arzneimittel eingehen. Dann versuche ich einige grundsätzliche Argumente gegen diese neuen Methoden in der pharmazeutischen Produktion darzulegen.

INSULIN:

Das Hormon, das in der tierischen und menschlichen Bauchspeicheldrüse hergestellt wird, ist verantwortlich für die Regulierung des Zuckerhaushaltes. Ist es in nicht genügendem Maße vorhanden, erkrankt der Mensch an Diabetes.

Bis vor einigen Jahren wurde der Patient mit Rindresp.Schweininsulin behandelt. Ein mögliches, wenn auch sehr seltenes Problem dieser Insulinform ist die Insulinresistenz (es bilden sich Antikörper gegen das tierische Insulin). Diese Art von Allergie wird dadurch ausgelöst, daß das tierische Insulin nicht genau dieselbe chemische Struktur besitzt wie das menschliche.

Seit einiger Zeit gibt es auch das sogenannte semi-synthetische Humaninsulin. Dieses ist eine genaue Reproduktion des menschlichen Insulins, das vorher beschriebene Problem besteht nicht mehr.

Aus vorwiegend Rentabilitätsgründen wird nun dieses semi-synthetische Humaninsulin – dessen Ursprung noch immer tierischer Natur ist – immer mehr durch das gentechnologische Humaninsulin ersetzt. Doch gerade auch diese neuen Insuline sind nicht problemlos: Neuere Publikationen reden von einer größeren Zahl von hypoglykamischen Schocks bei den humanen Insulinen als bei den tierischen.

HEPATITIS-B-IMPFUNG

Die Hepatitis B ist eine virale Erkrankung, die in Europa vor allem bei sogenannten Risikogruppen

(Pflegepersonal, Dialysepatente Drogenabhängige, Prostituierte und ihre Kunden…) häufig vorkommt, in den Ländern der dritten Welt ist sie endemisch verbreitet. Seit einigen Jahren kann man sich gegen diese Erkrankung impfen, dies mit einem auf "traditionellem" Wege hergestellten Impfstoff. Seit zwei Jahren wird in Europa und den USA auch ein gentechnologisch hergestellter Impfstoff verkauft, der den ersteren fast völlig vom Markt verdrängt hat. Keiner der beiden besitzt irgendeinen therapeutischen Vorteil gegenüber dem anderen, – dies wird übrigens auch nicht von der Herstellungsfirma des neuen Impfstoffes behauptet -, nur sind die Produktionskosten des gentechnologisch hergestellten Arzneimittels kleiner und somit die Gewinnspanne größer…

GEWEBEPLASMINOGENAKTIVATOR (TPA)

Unter gewissen Umständen lassen sich die Herzkranzgefäße, die bei einem Infarkt verstopft sind, durch eine sogenannte Lyse wieder öffnen. Diese Lyse kann mit mehreren Medikamenten gemacht werden, eines davon ist das gentechnologisch hergestellte TPA. Auch hier konnte bis jetzt dieses Produkt keine besseren Resultate aufweisen als die herkömmlichen Arzneimittel (Streptokinase, Urokinase und vor allem Apsac); wichtigstes Kriterium einer erfolgreichen Lyse ist die möglichst kurze Zeitspanne zwischen dem Infarkt und dem Beginn der Behandlung.

INTERFERON

Dieses Produkt geistert seit längerer Zeit durch die Presse : bis vor einigen Jahren galt es als potentielles Allheilmittel gegen fast jede Form von Erkrankungen: die Palette ging vom harmlosen, aber lästigen Schnupfen über Rheuma bis zu vielen Krebserkrankungen. Die reellen Indikationen wurden jedoch im Laufe der Zeit immer weniger: es bleibt heute nur eine sehr seltene Form von Leukämie (Hairy Cell); hier aber leistet das Produkt große Dienste.

ERYTHROPOETIN (Epo)

Erythropoetin ist ein vom menschlichen Körper hergestelltes Hormon, das zur Blutbildung notwendig ist. In gewissen Fällen wird nicht genug EPO bei dialysepflichtigen Patienten gebildet. Diese Patienten entwickeln dann eine schwere Anämie, die durch das gentechnologisch hergestellte EPO zum Teil aufgehoben wird. Ob dieses EPO nicht auch große biologische (negative) Wirkungen auf andere Systeme haben wird, kann nicht ausgeschlossen werden, kritische Stimmen warnen vor negativen Langzeitfolgen.

Zynischerweise steht jedenfalls fest, daß eine große Zahl von Dialysepatienten ihr Schicksal einem chronischen Abusus von phenazetinhaltigen Schmerzmitteln verdanken.

Wie diese einige Beispiele zeigen, ist die Erfolgsbilanz der bisherigen Entwicklung der Gentechnologie in der pharmazeutischen Industrie nicht sehr beachtlich. Dies wird auch von Industrieseite, unter der Hand, versteht sich, zugegeben.

Die wichtigsten gentechnologischen Arzneimittel

aus: Publik-Forum

Wichtiger, als 1990 schon eine definitive Bilanz über Erfolg oder Mißerfolg der gentechnologisch hergestellten Arzneimittel zu machen, scheinen mir folgende Ausführungen zu sein, die sich vor allem auf Publikationen der deutschen Wissenschaftlerin, Frau Prof. Hickel berufen. Frau Hickel ist Pharmazieprofessorin an der Technischen Universität Braunschweig, sie war Abgeordnete der GRÜNEN im Deutschen Bundestag und da maßgeblich am Zustandekommen der Enquêtekommission zur Gentechnologie beteiligt.

In einem bemerkenswerten Artikel, der in der Zeitschrift "Forum Wissenschaft 3/89" erschien, vergleicht die Autorin die modernen Heilversprechen der pharmazeutischen Industrie mit der Alchemisten (Un)kultur des Mittelalters. Genau wie damals, natürlich mit einer anderen, zeitgemäßen Terminologie, werden Versprechungen und Hoffnungen gemacht, den kranken menschlichen Leib heilen zu können.

Die Alchemie benutzte eine Reihe von Methoden die offenbar nicht zeitgebunden sind:

  1. Es wurden erstaunliche, den Menschen höchst willkommene, aber unhaltbare Versprechungen gemacht bezüglich der demnächst bevorstehenden Auffindung des Elixiers, der Quintessenz.
  2. Wenn der Erfolg sich nicht einstellte, halfen Vertröstungen auf die Zukunft; zufällig gewonnene Zwischenbefunde der Laboratoriumstätigkeit wurden zu Erfolgen erklärt.
  3. Die Bereitschaft zu glauben war riesengroß, befriedigte sie doch das übermächtige Grundbedürfnis nach Sicherheit und langem Leben.
  4. Um sich als Eingeweihte vor allzu kritischen Überprüfungen durch Laien zu schützen, behaupteten die Alchemisten, nur der "Adept" habe sichere Einsich-

ten in die Zusammenhänge. Der Laie solle glauben.

Die Biotechnologie* setzt voraus, daß man die bisher nicht beherrschbaren Zivilisationskrankheiten, wie vor allem Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen zuerst auf molekulare (chemische) Entgleisungen reduziert, die dann mit den gentechnisch hergestellten Molekulen angegangen werden. Diese mechanistische Krankheits-Erklärung ist eine Auffassung, die auch durch ewige Wiederholung mit allen Mitteln der Publizistik nicht richtiger wird. Sie läßt psychologische und soziale Bedingungen von Gesundheit und Krankheit außer Acht.

Vorläufige Erfolge, wie das vorhin erwähnte EPO sorgen dafür, daß immer mehr öffentliches Geld für die Forschung und Entwicklung zur Verfügung gestellt wird, dies auf Kosten anderer, zum Beispiel humanökologischer Maßnahmen. Die vorgebliche Exaktheit dieser "naturwissenschaftlichen" Behauptungen kann nur aufrechterhalten werden, indem man unliebsame – weil nicht voll verstandene oder nicht gewünschte – Sachverhalte ausgeklammert und vernachläßigt, wie zum Beispiel die Fragen

  • welche Eigenschaften des Organismus sind nicht molekular festgelegt?
  • wo sind bei den festgestellten Arzneimittelwirkungen die Unterschiede zwischen Wunschdenken und tatsächlichem Effekt?
  • Welche potentiellen und unabgrenzbaren Gefahren für die ökologischen Zusammenhänge haben die gentechnologischen Produktionsmethoden?
  • Gibt es in der Gesundheitspolitik keine anderen Gebiete, durch die man die sogenannte Volksgesundheit verbessern kann (z.B. Arbeitsmedizin)?

Marxen André
pharmacien hospitalier

Gentechnik

mit den
Methoden der
Alchimie?

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