Das Bild muss stimmen

Gewalt gegen Alte in der Familie (aus: Sozialmagazin 6, 1989)

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Gewalt gegen Alte. Das ist tabu. Jedenfalls wenn es in der Familie geschieht. Übergriffe und Mißhandlungen werden nur diskutiert, wenn sie in Alten- und Pflegeheimen vorkommen. Aber Gewalt gegen alte Menschen ist alltäglich. Sie entsteht aus der völligen Erschöpfung und der oft jahrelangen Überlastung der Pflegenden, meistens der Töchter. Diese Frauen haben sich in die Norm der harmonischen und umsorgenden Familie einzupassen. Die Frage, ob sie sich ihre schwere Aufgabe überhaupt leisten können, wird bewußt nicht gestellt. Das Bild muß stimmen.

Das Thema Gewalt gegen alte Menschen war auch Gegenstand der 5. Journée de Gérontologie, die die Association Luxembourgeoise de Gérontologie/Gériatrie 1990 abhielt. Der folgende Text ist aus "sozialmagazin" übernommen.

Eine 85jährige Frau wurde von ihren Enkeln in einem Kölner Hotel ausgesetzt, meldete im Oktober 1988 eine große bundesdeutsche Tageszeitung. Die hilflose alte Frau war in das Hotel gebracht und dort allein zurückgelassen worden. Die von der Hotelleitung herbeigerufene Polizei fand die 85jährige hilflos im Bett liegend.

In einem Aktenkoffer entdecken die Beamten einen Brief des vierzigjährigen Enkels. Darin klagte er, niemand den er um Hilfe gebeten habe, hätte sich um die alte Mutter kümmern wollen. Er selbst habe wegen Lohnpfändungen seine Arbeitsstelle und schließlich auch seine Wohnung verloren.

Eine seltene Meldung, denn Fälle von Altenmißhandlung sind bisher in der Bundesrepublik nicht nur fast unbekannt, sie sind tabu. Übergriffe und Mißhandlungen werden nur diskutiert, wenn sie in Alten- und Pflegeheimen vorkommen. Was sich aber in Familien, im intimsten Bereich zwischen Kindern und Eltern oder Ehepartnern abspielt, blieb bisher verborgen.

Über Gewalt in der Familie, die sich gegen Frauen und Kinder richtet, wird heute mehr oder weniger offen geredet. Erst Ende vergangenen Jahres trat der Deutsche Kinderschutzbund mit der erschreckenden Meldung an die Öffentlichkeit, daß "die Hälfte aller Eltern Gewalt zur Erziehung ihrer Kinder anwendet".

Wie aber sieht es bei den alten Eltern aus, die in der Familie betreut werden? Wie Kinder und Frauen, die mißhandelt werden, sind auch sie abhängig. Und zumeist sind sie noch hilfe- oder pflegebedürftig.

"Davon auszugehen, mit dem Gefühl der Verpflichtung gegenüber der Elterngeneration gingen vorherrschend positive emotionale Beziehungen einher, hieße, ein der Realität enthobenes, positives Familienbild zu entwerfen", erklärt Margret Dieck vom Deutschen Zentrum für Altersfragen, die in bundesdeutschen Fachkreisen als eine der ersten das Thema Gewalt gegen Alte in der Familie angesprochen hat.

In England und Amerika verweisen Studien und einige Publikationen schon seit Jahren auf Mißhandlungen von alten Menschen, die in der Familie betreut werden. Der Begriff Gewalt wird dabei weit

gefaßt: er reicht von psychischem Druck über finanzielle Ausbeutung bis hin zu wirklich körperlicher Gewalt.

Warum aber sollen sich deutsche Angehörige, die in der Pflege ihrer alten Eltern auch jahrelang überfordert werden, die zudem Hilfmöglichkeiten kaum kennen oder keine Unterstützung erhalten, anders verhalten als englische oder amerikanische Söhne und Töchter?

In deutscher Übersetzung ist bislang ein Buch des Engländers Mervyn Eastman erschienen. Er arbeitete vierzehn Jahre als Sozialarbeiter und mußte beobachten, wie die Überlastung der Familien in nackte Gewalt umschlagen kann.

Mervyn Eastman erhebt mit seinem Buch, "Gewalt gegen alte Menschen", keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Zugleich bedauert er, daß das Thema von der Wissenschaft bisher so wenig behandelt wird. Die meisten Forschungsarbeiten beschränkten sich bisher auf die USA. Übertragungen in europä-

Franziska Becker

dossier

ische Länder seien nur bedingt möglich, da es auch keine gemeinsame Methode oder Definition von Gewalt oder Mißhandlungen gebe.

Konflikte löst man so, wie man es gelernt hat: Wer als Kind geschlagen worden ist, kennt später selbst oft kein anderes Mittel und schlägt ebenfalls. Auch seine eigenen Eltern.

Erni Balluff, niedergelassene Ärztin in Frankfurt, die in der Woche bis zu vierzig Hausbesuche macht, bestätigt dieses Verhalten: "Ich würde von vornherein nicht unbedingt auf die Idee kommen, wenn einer einen blauen Fleck hat, daß dem vielleicht eine gewischt worden ist. Es ist gar nicht in meinem Kopf drin, daß so etwas passieren kann."

Hannes Heiler, der beim Frankfurter Club der Behinderten und ihrer Freunde arbeitet, meint freilich auch, das Altenpfleger oft "weitaus zu spät" in die Familien gerufen würden. "Aber wenn wir dann kommen, gehen pflegende Töchter plötzlich hoch wie sonst was. Die sind derart überreizt – über die Jahre." Und die Alten hätten "verlernt, die primitivsten Wünsche zu haben" und würden sich auch nicht mehr wehren.

Michaela Althen-Schnell leitete fünf Jahre lang eine Frankfurter Gesprächsgruppe "Angehörige pflegen Angehörige". Aus ihren Gesprächsgruppen weiß sie Fälle, in denen Töchter ihre alten Mütter angebrüllt haben: die Geduld war einfach zu Ende. Oder die Alten wurden zeitweise eingeschlossen, weil sie verwirrt waren und ständig aus der Wohnung liefen. Eine Tochter hätte einmal gesagt: "Anders halte ich das nicht aus." Zudem würden alte Pflegebedürftige stark bevormundet, obwohl sie durchaus noch in der Lage seien, bestimmte Dinge selbst zu entscheiden. Kommen Pfleger in Altenheimen auf die Idee, einen alten Menschen, der immer wieder wegläuft, einzuschließen, dann brauchen sie dafür eine Genehmigung des Vormundschaftsgerichtes. Dazu bedarf es aber einer ärztlichen Anordnung.

In den Familien aber sieht es keiner, wenn der Vater oder die Mutter eingesperrt oder ans Bett gebunden wird. Denn wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter.

Alle Welt redet heute über die Alterspyramide. Die Zahl der alten Menschen nimmt zu und gewinnt schon deswegen an Bedeutung. Familienministerin Maria Ursula Lehr sprach schon von "Alterskompetenz", als die noch an der Universität lehrte, und kämpfte gegen das Klischee, nach dem alte Menschen nur einsam, krank und hilfebedürftig seien. Sie forderte zu Recht die "Abkehr vom Defizitmodell".

Doch dieses neue Bild hat sich in der breiten Öffentlichkeit noch lange nicht durchgesetzt. Solange die Alten fit sind, verreisen, Sport treiben oder mit Verstand an die Wahlurnen gehen können, werden sie akzeptiert und – heutzutage – sogar hofiert. Anders freilich, wenn sie krank und pflegebedürftig werden. Dann hat es ein Ende mit dem Umworbenwerden. Schnell sind sie die Ausgestoßenen, die man auf ihren Platz in Pflegeheimen oder in der Familie verweist, weil sie hier der Öffentlichkeit nicht länger lästig werden können.

Nur etwa zehn Prozent der alten Männer und Frauen, die pflegebedürftig sind, leben in Heimen. Neunzig Prozent der Alten werden zu Hause gepflegt – zumeist von ihren Töchtern und Schwiegertöchtern. Berichte von den ungeheuren Belastungen einer solchen Familienpflege sind nicht neu.

In einer von der Hessischen Frauenbeauftragten Otti Geschka Ende 1988 herausgegebenen Studie über die Pflegebereitschaft der Töchter, schreiben Wissenschaftlerinnen, die im Rahmen der Studie pflegende Töchter interviewten: "Es kann als ein für Außenstehende erschreckendes Ergebnis konstatiert werden, daß die pflegenden Töchter fast durchgängig die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit am Punkt ihres körperlichen oder nervlichen Zusammenbruchs sehen."

Mervyn Eastman konnte beobachten: "Durch die ständige Sorge für einen älteren Menschen wird die Pflegende wirklichkeitsfremd. Kleinigkeiten werden zu großen Ereignissen hochstilisiert und große Ereignisse zu Kleinigkeiten heruntergespielt."

Die allerwenigsten Menschen werden in ihrer Familie alt. Erst im Alter oder Pflegefall werden die Eltern in die Familie ihrer Kinder "reintegriert"

Und dann kommt der Tag, an dem man einfach den Anforderungen an sich selbst nicht mehr genügen kann. Das christliche Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren", verliert seine Gültigkeit. Eine Kleinigkeit genügt und das Faß läuft über. Beschmutzt der Alte dann zum dritten oder vierten Mal am Tag sein Bett, zerrt man ihn mehr als unsanft aus den Kissen oder läßt ihn einfach im Dreck liegen.

In der Hessischen Studie sind Bedingungen, unter denen die Töchter ihre Aufgabe erfüllen, zusammengetragen: Sie müssen nicht nur täglich die körperlich schwere Arbeit des Bettens und Waschens immer gleich absolvieren. Sie müssen auch "extrem starke Einschränkungen in Kauf nehmen, da ihnen ihre zeitliche und räumliche Angebundenheit fast keine persönlichen Freiräume mehr läßt. Eigene Pläne und Aktivitäten müssen ebenso wie der Kontakt mit Freundeskreis und Nachbarschaft erheblich reduziert oder langfristig ganz aufgegeben werden, was bis zur völligen Isolation der Pflegenden führt. Selten sind freie Tage oder ein Urlaub zu organisieren."

So sieht eine Pflegealltag aus. Vergessen sollte man auch nicht, daß es weit angenehmer ist, einem süßen rosigen Baby die Windeln zu wechseln als einem alten Mann oder einer alten Frau.

Für Margret Dieck sind die Ursachen möglicher Gewalt gegen Alte nicht andere als die Ursachen entsprechender Übergriffe gegenüber Kindern und Frauen. "Die Dauer der ungeheuren Überlastung ist nur schwer abzusehen. Aus der Isolation kann sich die Pflegende auch nur schwer wieder herausziehen, weil die Pflege ja nicht so attraktiv ist, daß jemand anderes freiwillig die Arbeit abnimmt." Frustration und Resignation sind die Folge.

Der Gedanke an den Tod des Alten kennt manchmal als Befreiungsakt auf. Doch die Hoffnung löst das Problem nicht wirklich, denn sie setzt zugleich ein Ziel nach der Devise: Soll ich die paar Monate nicht

In den Familien aber sieht es keiner, wenn der Vater oder die Mutter eingesperrt oder ans Bett gebunden wird. Denn wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter.

auch noch schaffen? Aus den Monaten werden nicht
selten Jahre.

Kam es zu Übergriffen während der Pflege, dann
werden viele Töchter und Schwiegertöchter auch
noch lange nach dem Tod des Pflegebedürftigen vom
schlechten Gewissen gequält. Dann taucht der selbst-
zerstörerische Vorwurf auf: "Du hast es nicht ge-
schafft."

Altersverwirrtheit verschlimmert eine Pflege noch,
denn es kommt in diesen Fällen oft zum völligen Zu-
sammenbruch ehemaliger Beziehungen. Die einst
starken Eltern, von denen man nach wie vor Aner-
kennung und Zuwendung erwartet, werden plötzlich
kindisch, sprechen die pflegende Tochter als Mutter
an und erkennen sich selbst auf Fotos oder im Spiegel
nicht wieder. Der Rollentausch macht hilflos. Mi-
chaela Althen-Schnell weiß, daß der Begriff "Alters-
verwirrtheit" häufig falsch eingesetzt wird. Denn
manche merkwürdigen Verhaltensweisen der Alten
resultieren auch aus der angespannten Pflegesitua-
tion: "Würde ich in einem Zimmer eingeschlossen,
würde ich nach einer Weile auch die Schubladen auf-
reißen und alles rauszernen. Es ist ja immer die Frage:
Wer definiert? Wer hat die Macht zu definieren?"
Margret Dieck meint, daß "gerade die Hilflosigkeit –
auch die körperliche – ein Moment ist, das Entglei-
sungen fördert". Schutzbedürftigkeit führe zu Über-
schreitung von Normen.

Mervyn Eastman charakterisiert die Mehrzahl derje-
nigen, die in der häuslichen Pflege Gewalt anwen-
den, als: weiblich, im mittleren Alter, allein gelassen
in der Pflege einer abhängigen Person. Sie hätten ein
geringes Selbstwertgefühl und glaubten, in einer
Falle zu sitzen.

Daß die Töchter pflegen, wird nicht nur von den alten
Eltern selbst erwartet. Auch die Gesellschaft stülpt
den Frauen diese Forderung über, ohne danach zu
fragen, ob sie diese Erwartung auch erfüllen können.

Die oben vorgestellte Hessische Studie stellt fest, daß
Äußerungen und Anforderungen gesellschaftlicher
Institutionen wie Parteien, Verbände, Kirchen und
Ministerien nicht direkt genannt würden, aber sie
tauchten in den Interviews immer wieder als "allge-
meine Norm zur Töchterpflege" auf. Und weiter:
Auch wenn alle Befragten pflegen, so hätten doch
einige eine Abwehrhaltung gegen diese Norm ent-
wickelt.

Aber: Wenn Frauen mißhandeln, schlagen und
quälen, entspricht das nicht dem gängigen Bild von
der aufopferungsvollen Frau. Auch hier gibt es ein
Tabu: gewalttätige Frauen. Das Ergebnis heißt:
Schweigen von allen Seiten.

Margret Dieck weiß noch einen Grund, warum
Gewalt gegen alte Menschen kaum öffentlich sank-
tioniert wird: das gängige negative Altersbild wirke
"verharmlosend" und gebe einen Interpretationshin-
tergrund, der es erlaube, Gewalt und Mißhandlung
nicht zu erkennen. Vom alten Menschen, der sich
über Mißhandlungen beklagt, sagt man halt: der ist
verwirrt und erzählt Dinge, die nicht stimmen. Alte
Menschen haben kaum eine Chance, sich zu wehren.
Spätestens mit der Drohung: "Da kommst du halt ins
Heim, wenn du nicht spurst," werden sie schnell zum

Formen der Gewalt gegen Alte

Gewalt gegen alte pflegebedürftige Menschen kommt in Familien aller so-
zialen Schichten vor. Die Gefährdung wächst allerdings mit der Fülle der
Probleme, die die junge Familie auch sonst noch bewältigen muß. Die
Grenzen von noch normalem Verhalten zu tatsächlichen Übergriffen, sind
nur schwer zu ziehen. Selten werden alte Menschen systematisch gequält.
Mißhandlungen geschehen meist im Affekt, können sich aber wiederholen.
Folgt man Margret Dieck vom Deutschen Zentrum für Alterfragen und dem
englischen Sozialarbeiter Mervyn Eastman, so ist psychische Gewalt am
häufigsten verbreitet. Dazu gehören: Drohungen, Beleidigungen, Be-
schimpfungen, Anschreien und die Verweigerung von emotionaler Gebor-
genheit und Sicherheit. Auch passive Vernachlässigung gehört in diesen
Bereich. Alte werden oft auch finanziell ausgebeutet: Die Kinder bestim-
men über Ausgaben oder behalten die Rente und das Pflegegeld ganz
ein. Sie bestehlen damit ihre Eltern. Die Wohnung wird aufgelöst und das
Eigentum des Vaters oder der Mutter verramsch, oder das Haus wird ver-
kauft, ohne daß der alte Mensch an der Entscheidung beteiligt wird.
Das Spektrum von physischer Gewalt und Mißhandlung kann vom körperli-
chen Angriff wie Schlagen, Treten und Schütteln über wissentlich falsche
Verabreichung von Medikamenten bis hin zum Hinauswurf des Alten
reichen. Oftmals wird dem Pflegebedürftigen "zur Strafe" das Essen ver-
weigert, oder er bekommt nichts zu trinken. Flüssigkeitsmangel aber kann
bei Hochbetagten zu akuter Verwirrung führen. Auch das Einschließen ist
eine körperliche Gewaltanwendung.

In: "sozialmagazin" 6/1989

Schweigen gebracht. Lisette Milde, zweite Bundes-
vorsitzende des Seniorenschutzbundes Graue
Panther, bedauert, daß es keine Weglaufhäuser für
Alte gibt. Weder aus der Familie, noch aus dem Heim
können sie entfliehen.

Und dennoch sind sie an der Beziehungsfalle, in der
sie stecken, oftmals nicht unschuldig.

Michaela Althen-Schnell hat es oft in ihren Ge-
sprächskreisen gehört: "Die Schwäche, die in der
Krankheit liegt, wird zur Macht!" Vor allem dann,
wenn aus dem früheren Mutter-Tochter-Verhältnis
alte Rechnungen zu begleichen sind. Die Sozialpäd-
agogin konnte beobachten, daß manche Pflegesitua-
tionen nur noch "vom blanken Haß auf beiden
Seiten" geprägt war.

Es gibt also weder im strafrechtlichen, noch im mo-
ralischen Sinn einen Täter und ein Opfer. Die Täterin
ist zugleich auch immer Opfer und umgekehrt.
Gewalt gegen Hilfe- und Pflegebedürftige in der
Familie bedeutet ein strukturelles Problem, das sich
aus einem idealisierten Familienbild fern ab von
jeder Wirklichkeit speist.

"Die Alten leben heute ja kaum noch in einer Groß-
familie", so Lisette Milde. Erst im Pflegefall – wenn
die Situation ohnehin kompliziert und angespannt
wird – werden sie in die Familie der Kinder "rückin-
tegriert". Aus der eigenen Wohnung müssen sie zur
Tochter oder Schwiegertochter umsiedeln, meist
sogar ohne eigene Möbel. Viele von denen, die Fa-
milienpflege als eleganteste Lösung des zunehmen-
den Problems der Altenhilfe und -pflege favorisieren,
fragen gleichwohl nicht danach, ob die Wohnung der
Kinder auch groß genug für drei und vier Generatio-
nen ist.

Gewalt gegen alte Eltern geht häufig auch auf ein
eingeschliffenes Konfliktlösungsmuster zurück.
Kinder, die mit Schlägen zur Räson gebracht werden,
haben gelernt, ihre familiären Konflikte auf diese Art
zu lösen. Bedenkt man die kategorische, gesell-

dossier

schaftlich gültige Norm, daß erwachsene Kinder gefälligst ihre alten Eltern pflegen und betreuen müssen, dann ist Gewalt gegen Alte zugleich auch der Versuch, den Zusammenhalt der Familie gewaltsam zu erzwingen. Altenpfleger aus ambulanten Diensten halten zur Recht dagegen, daß Pflege in der Familie positiv sein kann. Margret Dieck: "Die familiäre Dynamik ist immer positiv und negatif zugleich." Die Frage sei nur, wie man damit umgeht.

Deswegen fordert sie "Grenzen familiärer Pflege, die auch öffentlich diskutiert werden". Je mehr die Politik ambulante und Familienpflege fordere, desto deutlicher müßten Altenpfleger, Ärzte und Wissenschaftler darauf hinweisen, "daß es Qualitätsprobleme zu beachten gibt".

Katharina Sperber in: "sozialmagazin" 6/1989

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