Philosophie der ökologischen Krise
Buch von Vittorio Hösle
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Vittorio Hösle, Philosophie der ökologischen Krise. Moskauer Vorträge, Beck’sche Reihe, München 1990, DM 16.80, 151 Seiten.
Um es gleich vorwegzunehmen: Vittorio Hösles neue Buch Philosophie der ökologischen Krise vermittelt keine wesentlichen und brauchbaren neuen Einsichten in die Zusammenhänge von Philosophie und ökologischer Krise. Descartes wird wieder einmal – und mit Recht – als einer der geistigen Väter der ökologischen Krise dargestellt, und auch die Mängel der Kaufschen Ethik müssen wiederum – und auch hier mit Recht – für einen Teil unseres moralisch verwerflichen Verhaltens gegenüber der Natur herhalten. Neu an Hösles Buch ist eigentlich nur der Gedanke, daß der objektive Idealismus – also die Philosophie Hegels – uns einen Ausweg aus der ökologischen Krise zeigen kann. Allerdings wird dieser Gedanke nicht weiter ausgeführt, und die knappen zwei bis drei Seiten des Buchs die ihm speziell ge-
widmet sind, verwirren den sich in der Hegelschen Begrifflichkeit nicht auskennenden Leser mehr als sie ihm weiterhelfen.
Doch stellen wir unser philosophisches Unbefriedigtsein zurück und greifen wir einige Punkte aus Hösles Buch heraus. Denn daß das Buch uns nicht die Rettung der Umwelt durch den objektiven Idealismus in allen Einzelheiten vorführt, heißt noch nicht, daß es sich nicht lohnt, das Buch zu lesen. Das Buch enthält durchaus einige Gedanken, deren Diskussion sich lohnt. Ich möchte deren hier nur einige herausgreifen.
a) Hösles Buch besteht aus 5 Vorlesungen, die er im April 1990 in Moskau gehalten hat. Dieser Hinweis ist wichtig, denn Hösle geht es u.a. darum zu zeigen, daß "die Universalisierung des westlichen Lebensstandards nicht möglich ist, ohne daß die Erde ökologisch vollständig kollabiert" (S. 24-25). Mit anderen Worten: Sollten die Menschen sich in den
Ländern Osteuropas für unseren Lebensstandard entscheiden, dann wäre der ökologische Kollaps nicht mehr zu umgehen. Wobei natürlich schon zu fragen ist, ob nicht schon die Lokalisierung des westlichen Lebensstandards auf die sog. erste Welt genügt, um den ökologischen Kollaps auf die Dauer herbeizuführen.
b) Der westliche Lebensstandard orientiert sich am Besitz und am Konsum, es ist ein Lebensstandard des Luxus, frei nach dem Motto "Haste nichts, dann biste nichts", oder besser noch "Haste immer weniger, dann biste weniger." Der Westen kennt keine Maße mehr und ist in einem "Infinitismus der Moderne" (S. 78) befangen, und angesichts der zerstörerischen Aspekte dieses Infinitismus, "müssen (wir) wieder lernen zu sagen: ‚Das ist genug‘." (S. 79). Anders ausgedrückt: "Wir brauchen asketische Ideale" (ebd). Der Autor tritt ein für einen Angriff auf das herrschende Wertesystem, betont aber, daß der Angreifer sich stets einer "strenge(n) Selbstprüfung" (S. 93) unterziehen muß.
c) Aus dem Vorhergehenden dürfte vielleicht schon klar geworden sein, daß Hösle nicht primär das marktwirtschaftliche System als solches für die Umweltzerstörung verantwortlich macht. Nicht ein bestimmtes ökonomisches System hat uns an die Schwelle des Abgrundes gebracht, sondern eine bestimmte Einstellung zur Natur. Hösle ist der Meinung, daß "der einzige gangbare Weg in der Idee einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft" (S. 102) besteht, welche nach wie vor auf dem Egoismus aufbaut. Umweltsteuern sollen dabei ein "egoistisches Motiv schaffen" (S. 107) für einen schonenderen Umgang mit der Natur.
d) Dieses Ideal der ökologisch-sozialen Marktwirtschaft scheint aber nicht ohne einen ökologischen Staat bestehen zu können, ein Staat, der zu seinen wichtigsten Aufgaben die "Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen" (S. 123) zählen wird. Bei der Bestimmung der konkreten Aufgaben dieses ökologischen Staates, übernimmt Hösle zu einem sehr großen Teil Überlegungen von J. Fischer, etwa wenn gesagt wird, daß in diesem ökologischen Staat das Umweltministerium zu einem Schlüsselministerium werden soll.
e) Ein solcher ökologischer Staat hätte vorwiegend dafür zu sorgen, daß innerhalb seiner Grenzen wirksamer Umweltschutz getrieben wird. Dabei solle er gemäß den Prinzipien einer "ökologischen Realpolitik" (S. 143) handeln, was für die Verantwortlichen bedeuten kann "wenn man es streng nimmt, daß sie unter Umständen lügen müssen" (S. 144).
Hösle spricht dem ökologischen Staat allerdings nur innenpolitische Kompetenzen zu, und schreckt davor zurück, ihm auch ein Angriffsrecht auf "anti-ökologische" Staaten zuzusprechen. Der Autor ist aber nicht abgeneigt, internationalen Organisationen ein solches Recht zuzusprechen. Ich zitiere hier eine etwas längere Passage.
"Sicher wäre wenig moralisch beschämender für die Länder der Ersten Welt, als wenn sie in ihren einstigen Kolonien militärisch intervenieren würden, um die Umwelt zu retten, das Recht zu derartigen Öko-Kriegen scheint mir aber zumindest international-
in: Publik-Forum
len Institutionen nicht abgesprochen werden zu können" (S. 141, wir unterstreichen).
Hösle fügt allerdings hinzu, daß ein solcher Öko-Krieg nur dann geführt werden darf, wenn es keinen anderen Ausweg mehr zu geben scheint.
f) Als letzter Punkt sollen dann hier noch Hösles Anmerkungen zur Theologie und zum Christentum angeführt werden.
(a) Hösle zufolge bildet die Theologie die Basis der folgenden "begründungs-theoretischen Ordnung", an der sich, so will es dem Autor scheinen, "wenig rütteln" läßt (S. 65): die Wirtschaft muß in der Moral verankert sein, die Moral in der Metaphysik, und die Metaphysik schließlich in der Theologie. Als eine der wichtigsten Ursachen für die jetzige Umweltkrise sieht Hösle die Tatsache, daß bei uns das Ökonomische sich von allen Schranken emanzipiert hat, und vor allen anderen Subsystemen ein Primat genießt (S. 27).
(b) Was das Christentum betrifft, und die Kirchen, so ist Hösle der Meinung, daß sie bislang versagt haben, und daß das Christentum nur dann überleben wird, wenn es sich am Entwurf einer "Ethik für das technische Zeitalter" mitbeteiligt (S. 86). Und Hösle fügt dem noch hinzu, daß ihm ökologische Grundkenntnisse "für einen Lehrer der Moral (und das sollte der Priester ja auch sein) wichtiger als ein ausführliches Studium der Liturgiewissenschaft" erscheinen (S. 87).
Damit hätte ich einige der Grundgedanken von Hösles Buch vorgestellt. Wie schon eingangs bemerkt, bringt uns das Buch keine wesentlichen neuen Erkenntnisse oder Einsichten. Es kann trotzdem sehr nützlich sein zur Einführung in das Thema des ökologischen Paradigmenwechsels. Insofern Hösle uns – bis auf die eine oder andere Ausnahme – das Hegelsche Fachjargon erspart, kann man durchaus davon denken, das Buch auf einer Prima- oder
Sekundaklasse mit seinen Schülern zu diskutieren,
sei dies nun im Philosophie-, im Ökonomie-, im
Moral- oder im Religionsunterricht. Und dies scheint
mir um so mehr geboten, als Philosophie, Ökonomie,
Moral und Religion ihre Schuld an der jetzigen Umweltkrise tragen.
Norbert Campagna
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