Geld oder Leben

Die allgemeinen Ursachen der Öberverschuldung

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Um in unserer Überflußgesellschaft mithalten zu können, verschulden sich immer mehr Männer und Frauen und manche geraten dabei unter die Räder. Mit zwei Beiträgen, die wir aus der "Newsletter" 6/1991 der Inter-Action Faubourgs übernehmen, möchten wir auf das Phänomen der Überverschuldung aufmerksam machen und die Überlegungen und Anregungen der Sozialarbeiterkreise zu diesem Problem einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.

Mehr als jeder zweite private Haushalt in der BRD (ohne ehemalige DDR) hat heute mindestens einen Konsumentenkredit zu tilgen. (Dazu kommen noch Immobilienkredite und Schulden bei Freunden und Bekannten).

In Frankreich, wo die Entwicklung der Verbraucherkredite etwas später einsetzt, hat etwa jeder dritte Haushalt einen Verbraucherkredit. Insgesamt ist über die Hälfte der Haushalte verschuldet (ohne Berücksichtigung der Verschuldung auf Grund von Kreditkarten):

    • 26% der privaten Haushalte tätigen Rückzahlungen im Zusammenhang mit der Anschaffung einer Wohnung
    • 7% für die Durchführung von Instandsetzungsarbeiten der eigenen Wohnung
    • 2% für die Anschaffung einer Zweitwohnung
    • 13% für die Anschaffung eines PKW’s
    • 16% leisten Rückzahlungen für Kredite verschiedener Art (Möbel, Elektronik, persönliche Kredite ohne spezifische Bestimmung).

Im Vergleich zur BRD, Großbritannien und vor allem den USA ist die Verschuldung in Frankreich noch relativ gering.

32% aller österreichischen Haushalte haben Kredite aufgenommen, mit einer durchschnittlichen monatlichen Belastung von umgerechnet 8.000 Flux. Für die meisten ist das kein Problem. Für ein Drittel unter ihnen jedoch ein um so größeres. Nach einer Untersuchung des Wiener Instituts für Gesellschaftspolitik hat jeder elfte Haushalt Schwierigkeiten, eingegangenen Kreditverpflichtungen nachzukommen, oder ist bereits in Zahlungsverzug geraten.

Das Problem der zunehmenden Verschuldung ist nicht einzig und allein beschränkt auf marginale Gruppen (in) unserer Gesellschaft, sondern umfaßt nahezu alle sozialen Schichten. Die Gründe für die steigende Verschuldung der privaten Haushalte sind vielfältig. Ökonomische, psychologische und soziologische Faktoren spielen eine Rolle.

Neuer Markt

Die Banken, auf der Suche nach neuen Märkten, haben sich verstärkt des Privatkunden angenommen,

der als einer der sichersten Partner gilt. Liegt die Konkursrate in der deutschen Industrie bei 4% bis 5% so betrifft sie nur 1% bis 2% der privaten Haushalte. In diesem Zusammenhang ist denn auch die Intensivierung der auf den privaten Kunden gerichteten Werbung der Banken und Kreditinstitute zu sehen. Eine Vielzahl neuer Kreditformen wird entwickelt und angeboten, deren Nutzen mancher private Kunde einzusehen vermag, deren Kosten für die meisten Verbraucher jedoch äußerst untransparent sind.

Informationsdefizit

Aus einer 1988 vom Centre de Recherche sur le Budget Familial in Frankreich durchgeführten repräsentativen Stichprobenuntersuchung geht hervor, daß 79% der Befragten ausschließlich über die monatlich zu zahlenden Raten informiert sind; umgekehrt heißt das, daß jede fünfte befragte Person, die zum Zeitpunkt der Erhebung über einen Kredit verfügte, sich dessen Umfangs nicht bewußt ist. 29% wissen nicht Bescheid über die Dauer des Kredits, 69% ist die Höhe des Zinssatzes unbekannt, genauso die Art der Zinsberechnung.

Die In-Rechnung-Stellung von Verwaltungs- und Beratungsgebühren ist nur jeder fünften Person bekannt.

Besonders häufig greifen junge Haushalte auf Kredite zurück. Dies hängt u.a. mit Veränderungen der Familienstrukturen zusammen. Früher konnten z.B. Jungverheiratete nach der Eheschließung vorläufig bei den Eltern wohnen oder letztere stellten dem Paar einen Großteil der Wohnungseinrichtung. Heute braucht ein junges Paar meist sofort eine Wohnung, Möbel usw., und oft ist wenigstens ein Auto unabdingbar, um zum Arbeitsplatz zu gelangen.

Die Ausgaben eines Haushalts sind in der Regel am Anfang am höchsten und nehmen allmählich an Umfang ab. Dagegen ist das Einkommen jüngerer Leute meist verhältnismäßig niedrig, um im Lauf der Zeit als Folge der beruflichen Entwicklung anzusteigen. Viele Haushalte neigen deswegen dazu, einen Teil ihres zukünftigen, meist höheren Einkommens bereits vorher in Neuanschaffungen zu investieren.

Kreditkarten, persönliche Kredite erlauben einerseits einen flexibleren Umgang mit dem Budget, führen aber andererseits sehr leicht zu einer völlig unübersichtlichen Finanzlage des Benutzers.

Mentalitätsveränderungen

Eine weitere Rolle spielen Generations- und Mentalitätsveränderungen: während die älteren Generationen eher skeptisch gegenüber einer Kreditaufnahme für private Zwecke sind – man kauft erst, wenn man zahlungsfähig ist – so können die in der Konsumgesellschaft aufgewachsenen jüngeren Generationen offenbar kaum noch auf den Kredit verzichten. Sie haben sich zu sehr daran gewöhnt, spontane Wünsche rasch zu erfüllen. Kreditkarten, persönliche Kredite erlauben einerseits einen flexibleren Umgang mit dem Budget, führen aber andererseits sehr leicht zu einer völlig unübersichtlichen Finanzlage des Benutzers. Dies gilt sowohl für Personen aus niedrigeren als auch für Personen aus höheren Einkommensgruppen.

Überverschuldung

Zu einer regelrechten Katastrophe kann dies führen im Falle von Krankheit oder Unfall, Arbeitslosigkeit oder Auflösung des Haushalts.

In Frankreich gehen die Schätzungen über die Zahl der Überverschuldeten$^{1)}$ auseinander und schwanken, je nach Autor, zwischen 200.000 und 1,5 Mio bzw. zwischen 2% und 15% derjenigen, die einen Kredit aufgenommen haben. In Luxemburg entspräche dies 1.500 bis 11.000 Personen.

Hauptursachen der Überverschuldung

  1. Die unzureichende bis fehlende Information des Verbrauchers in bezug auf die Kreditarten und die damit verbundenen Bedingungen.

  2. Die unsorgfältige bzw. unverantwortliche Kreditvergabe von seiten der Finanzinstitute, die eine über die finanzielle Tragkraft des Kreditnehmers hinausgehende Anhäufung von Schulden zulassen.

  3. Die unbedachte Kreditaufnahme von seiten des Verbrauchers.

  4. Unvorhergesehene Ereignisse, wie Krankheit usw.

Konkurs des Verbrauchers

Um US-amerikanische Verhältnisse in Zukunft zu verhindern, ist eine adäquate Aufklärung des Verbrauchers unerläßlich:

  • durch gezielte unabhängige Aufklärung über Formen, Kosten und Risiken der Kredite (inkl. Kreditkarten)

  • durch die Einrichtung unabhängiger, regionaler Beratungsstellen, an die sich sowohl potentielle Kreditnehmer als auch Personen wenden können, die bereits Schulden haben. In der BRD gibt es bereits 200 solcher Einrichtungen.

  • durch die Schaffung einer Schiedsstelle, unter deren Aufsicht Schuldner und Gläubiger eine Einigung

über Schuldrückzahlungsmodalitäten erzielen können; Roger Folmer

  • durch die Einrichtung eines Hilfsfonds für überverschuldete Personen, deren Überverschuldung nicht auf ein leichtfertiges Finanzgebaren zurückzuführen ist.

Darüber hinaus soll auch für den einzelnen Verbraucher zur Notbremse werden, was für Unternehmen schon seit langem besteht: der Konkurs. Seine Einführung dürfte einen positiven Effekt auf die Sorgfalt bei der Kreditvergabe (im In- und im nahen Ausland) haben und würde dem Verbraucher ermöglichen, unter gewissen Bedingungen einen Schlußstrich unter seine finanzielle Misere zu ziehen.

$^{1)}$ Eine eindeutige Definition des Begriffes "Überverschuldung" fehlt bislang. Überverschuldung bedeutet, daß durch Rückzahlungsverpflichtungen die soziale und/oder physische Existenz der betroffenen Person gefährdet ist.

Die im Artikel angegebenen Zahlen beruhen auf Angaben in der Zeitschrift "Informations sociales" (no 2/3 1989) und auf Angaben im "Sozialmagazin" Heft 6 und Heft 12/1989.

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