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Vorgeschichte
Der Aufschrei "Aggiornamento" vom Papst Johannes XXIII. klingt uns noch immer wie Musik in den Ohren. Es war ein Aufschrei, der wie im Ezechielbuch die Totengebeine der ausgetrockneten und vermodernen Kirchenstrukturen wieder belebte, ihnen also endlich mal weder lebendigen Geist einpustete. Der Aufschrei bewirkte also "Aufbruch". Das wurde sichtbar im Zweiten Vatikanischen Konzil, das dabei herauskam.
Hauptzüge des Antlitzes der wiederbelebten neugeborenen Kirche waren: statt himmlische Bespiegelungen die irdische Wirklichkeit ins Auge fassen; statt verkorkste Ewigkeitswahrheiten zeitgemässe Werte und Würdigkeiten entdecken und hochschätzen; statt klerikaler Firlefanz und hierarchischen Gerängels nun mal das Glaubensgefühl und das Gewissen des einzelnen, getauften und gefirmten Gotteskindes als Maßstab und Steuer der Lebensrichtung anerkennen.
Diese vom Konzil autorisierte Demokratisierungstendenz verschaffte den bis dahin unterschwellig lebenden Glaubensgefühlen frische Luft. Die Folge war, daß bald die ganze katholische Landschaft in den Niederlanden – etwa 5,5 Millionen Menschen in 1750 Pfarrgemeinden – wie ein umfassendes Pfingstfest in Feuer und Flamme stand und sich voller Warmherzigkeit und energisch drammachte, den katholischen Alltag zu beleben.
Während des Konzils gab es tausende Gesprächsgruppen, deren gemeinsam entdeckte und neugewachsene Glaubenswirklichkeit teilweise verbalisiert wurde in "De Nieuwe Katechismus", der 1966 erschien und 1968 als "Glaubensverkündigung für Erwachsene" seinen Weg im deutschen Sprachraum antrat. Gleichzeitig entwickelte sich ein breites Feld von Basisliturgie. Es gab hunderte Jugendchöre und liturgische Arbeitsgruppen, woraus eine neue Art von Glaubensfeier in Freude und Optimismus zum Vorschein trat.
In diesem Frühlingsblütengarten der niederländischen Katholiken schlug 1968 die Enzyklika Humanae Vitae ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Entsetzlich und unglaublich, sagten die einen, unwirklich im Sinne von "die in Rom haben sicher nicht mehr alle Tassen im Schrank", sagten die anderen, und Schulterzuckend ging man weiter mit der Hochachtung der Gläubigen auf Grund von Taufe und Firmung.
Das Pastoralkonzil von Noordwijkerhout begleitete den Demokratisierungsprozess, suchte seine Grenzen, und fand sie 1970, wo man zusammen mit Kardinal Bernhard Alfrink gegen die Betonwand der Festung Vatikan stieß, für eine gläubigengerechte
Art von Katholiksein fand man geschlossene Türen. Denn schon lange waren die "wilden Experimente" in den Niederlanden dem Vatikan ein Dorn im Auge. Das von früher her so brave Zugpferd war nun in deren Augen ein Wildpferd geworden und sollte endlich gestoppt werden. Nicht nur das, sondern auch kräftig gezügelt und gezähmt sollte es wieder in den alten Stall zurückgeleitet werden.
Rückzug
Die damaligen sieben Bischöfe hatten nicht die gleiche Überzeugung und also auch nicht die Lust, um den Rückzug anzutreten. Also wurden als neue Reiter Rückzugbischöfe ernannt, die dem Pferd den Hals umdrehen sollten. Ab 1970 kamen sie: Ad Simonis und Jo Gijsen. Seitdem ist der Riß in der Bischofskonferenz. Nichts lief mehr schön und überzeugend. Das Vertrauen in Rom war völlig zerstört. Die Besatzung durch konservative Bischöfe wurde intensiver, die Maßnahmen immer repressiver. Die meisten Errungenschaften, die das katholische Leben als frische Frühlingsblüten schmückten, wurden als Schädlinge bekämpft, und man versuchte sie auszurichten.
En wie durft de diagnose te stellen?
"Und wer darf die Diagnose stellen?"
Aber, wie geht das? Alles was nicht sein darf, kann man zwar verbieten oder als ungültig erklären, aber es bleibt dennoch existieren und lebt unterschwellig weiter. So wie ein Bergfluß, der nicht mehr fließen darf: man kann eine Talsperre aufwerfen, aber dann kommt früh oder spät der letzte Tropfen, der den Fluß wieder in Bewegung setzt.
Papstbesuch
In 1985 kommt der Papst nach Holland. "Pastoralbesuch" so heißt es: "Also, erzählt bitte eure Freuden und Sorgen", so würde man denken. Bei der Vorbereitung wurde beraten, wer wann, im Namen von wem, dem Papst zureden sollte. Im Namen der katholischen Frauenbewegungen – und auch im Namen der niederländischen Ordensfrauen – sollte Catharina Halkes dem Papst zusprechen. Für die Bischöfe war das unmöglich. Diese Frau würde nicht ausreichend das wahre Gesicht der katholischen Kirche zeigen, meinten die Bischöfe. Sie stellten ihr Veto. Empörung bei sehr vielen. Wenn sie nicht reden darf, denn ist der Papstbesuch uns egal, und dann halten wir unser eigenes Happening, und zwar ohne Papst.
Der Papst sollte am 11. Mai landen. Aber am 8. Mai 1985 stand in Den Haag ein großes Zelt. Einige Großen wie Edward Schillebeeckx, Catharina Halkes, Huub Oosterhuis, Katholiken aus der Gewerkschaft und aus der Politik analysierten, diskutierten, animierten und zeigten so in wachsender Freude mit zehntausend Anwesenden das, was nach der Auffassung der Bischöfe nicht existieren und dem Papst nicht gezeigt werden durfte: das andere Gesicht der Kirche.
Organisation
Das war die Geburtsstunde der "Acht Mei Beweging". Denn, danach wurde klar: wer dort anwesend war, was dort geschehen war: endlich mal wieder Freude am Glauben. Gesperrte Gefühle, Erniedrigungen, Verdrängungen, Totgeschwiegenes, vieles durfte: endlich mal befreiend ans Tageslicht treten. Das herrschende Gefühl war: "Das lassen wir uns nicht mehr abnehmen". Es war klar, wer dort war: Leute aus verschiedenen Pfarrgemeinden, aber vor allem auch viele aus katholischen Organisationen und Vereinen: weibliche und männliche Ordensleute, Frauenbewegungen, Exerzitienhäuser, Hochschulen, bischöfliche Institute, Pastoralarbeitergewerkschaft, Interessengruppe für Homosexuelle, Dritte-Welt-Gruppen. Bald entwickelte sich aus diesen verschiedenen Gruppen eine Organisationsform. Nicht hierarchisch, sondern demokratisch sollte sie werden. Die gewachsene Organisationsform nennen wir "Platform". Das heißt soviel wie: alle sind gleichwertig und gleichberechtigt und stehen als Partner
zueinander. Als "Gruppe" kann man sich beim Platform anschließen. Dann ist man "Partizipant der AMB". Es gibt momentan 107 Partizipanten. Es sind katholische Gruppen verschiedenster Art.
Zweimal im Jahr ist eine Partizipantenversammlung. Man wählt dann Vorstandsmitglieder, man evaluiert das was war, es wird geplant für das kommende Jahr. Hauptpunkt ist jedes Jahr: Die Acht-Mei-Manifestatie, wohin alljährlich etwa 13000 Besucher kommen. Das Bedürfnis, sich jedes Jahr zu treffen, ist sehr stark. Die Ermutigung, welche von diesem Treffen ausgeht, ist tiefgreifend und sehr inspirierend für die Glaubenspraxis am Alltag.
Die Manifestation steht jedes Jahr unter einem anderen Thema. Im vergangenen Jahr war das Thema: Die Zukunft der Tradition. Einige frühere Themen sind: Frauen und Männer, Bild von Gott; Diese Welt umgekehrt. Im Einklang mit den Ereignissen von Europa 92 und 500 Jahre Kolumbus wird das Thema in diesem Jahr – am Samstag, dem 9. Mai in Utrecht – sein: "Die Erde teilen". Die Welt teilen
Was an einem solchen Manifestationstag alles geschieht, ist unmöglich zu fassen und zu beschreiben. Deshalb wird jedesmal ein Bildbuch mit Berichten und Kommentaren über die vergangene Manifestation herausgegeben. So kann man nachträglich das ganze Geschehen noch einmal in aller Ruhe nachvollziehen und der Vielschichtigkeit der Bewegung auf die Spur kommen. Bemerkenswert ist, daß der Geist der Partizipanten und das Hauptanliegen der Bewegung immer weniger innerkirchliche Sachen wie Bischöfe oder Liturgie betrifft, sondern immer stärker gesellschaftlich und politisch gerichtet ist. Menschenrechte, Lebenssituation der Frauen, Probleme der Asylanten und der Dienst an den Menschen weltweit rücken in den Vordergrund. Nicht nur die Interessensgebiete der AMB greifen tief in das gesellschaftspolitische Leben ein, sondern umgekehrt wird die Politik auf die Organisationsstruktur der AMB hellhörig. Denn kürzlich wurden im Kreis der "Partij van de Arbeid" – die große sozialistische Volkspartei in den Niederlanden – Stimmen laut, die die Platformstruktur der AMB als Model für ihre Partei als Beispiel stellten, um eine Wiedermohlmachung der eigenen demokratischen Strukturen in ihrer Partei zu bewirken. Tritt hier ein Zeichen eines "umgekehrten Sekularisierungsprozesses" ans Tageslicht?!
Kommunikation
Das alljährliche Treffen, welches wir die "Acht-Mei-Manifestatie" nennen, ist der große Blickfänger und auch das Aufwendigste was die AMB zu bieten hat. Aber es gibt noch Vieles mehr. Durch eine gezielte schriftliche Kommunikation besteht ein intensiver Austausch von persönlichen und gesellschaftlichen Nöten, Freuden und Begeisterungen aus dem Lebensbereich der unterschiedlichen Partizipanten. So gibt es die "Acht Mei Post" mit Information vom Vorstand über organisatorische Sachen, aber auch wichtige Anliegen von Partizipanten werden darin mitgeteilt. Mittels der Acht Mei Post – ein Zweimonatsheft – kann man gezielt Leute aufrufen, um auf irgendwelche kirchliche oder gesellschaftliche Ak-
Die Acht Mei Beweging will "Bewegung" innerhalb der katholischen Kirche sein und bleiben. Das heißt also: Sie will sich nicht von der Hierarchie aus der Kirche hinauskatapultieren lassen; sie will keine andere Kirche sein; sie will bloß das "andere Gesicht der Kirche" zeigen und sein; sie will in Bewegung bleiben.
tualität zu reagieren. Wenn etwas ganz brenzlig ist,
dann verschickt das Sekretariat "Eilbriefe", um den
Partizipanten zur Stellungnahme oder Aktion zu
bitten.
Weiter gibt es die "Acht Mei Krant", welche vor
allem über die kommende Manifestation informiert
und als Werbezeitung gemeint ist.
Übrigens ist die katholische Wochenzeitschrift "De
Bazuin" ein sehr zuverlässiges Sprachrohr welches
alles was die AMB wichtig findet, auch der Öffent-
lichkeit kundtut.
Bewegung
Die Acht Mei Beweging will "Bewegung" innerhalb
der katholischen Kirche sein und bleiben. Das heißt
also: Sie will sich nicht von der Hierarchie aus der
Kirche hinauskatapultieren lassen; sie will keine
andere Kirche sein; sie will bloß das "andere Gesicht
der Kirche" zeigen und sein; sie will in Bewegung
bleiben. Sie will sich nicht kanalisieren lassen oder
sich als Fluß in ihrem Lauf versperren lassen. Die
Bischöfe versuchen dies noch immer, vor allem auf
dem Gebiet von Liturgie und um die bis zum Himmel
herausragende Position des geweihten Priesteramtes
auch für die Zukunft sicherzustellen. Aber es gelingt
ihnen nicht. Denn die Partizipanten bestimmen den
Lauf der Bewegung, und nicht die Bischöfe. Bewe-
gung heißt weiter: es gibt ein breites Flußbett: wenn
man Jesusähnlich inspiriert, demokratisch orientiert,
menschenwürdig mit Mitmenschen umgeht, dann
findet man als Partizipant in diesem Flußbett nicht
nur Wärme und Toleranz, sondern auch Freundschaft
und Schutz von den anderen Partizipanten. Diese
wachsende Toleranz und Schätzung untereinander ist
die tragende Kraft, welche der Bewegung ihren
Schwung und ihre Einsatzbereitschaft gibt.
Ohne Grenzen
Flüße und Tauben kennen keine Grenzen. Die Taube
- der heilige Geist – also auch nicht. Das was in den
Herzen von den Katholiken in den Niederlanden
vorgeht, das lebt auch in den Herzen von Katholiken
in anderen Ländern. Unterdrückung, Bedrohung mit
Strafe und Hölle, Erniedrigung und Bevormundung
in Angelegenheiten des Lebens von erwachsenen
Menschen lassen nur die meist Zurückgebliebenen
und die immer Mundtodgemachten sich noch gefal-
BISCHOFBERNENNUNGEN NACH HOLLÄNDISCHEM MUSTER
len. Bei anderen ist die Geduld endgültig zu Ende.
Sie sagen: ich bin als getaufter und gefirmter Katho-
lik ein selbstdenkendes und freies Kind Gottes. Von
vielen Seiten sieht man, daß die Menschen auftauen
und gerade auf Grund ihrer Taufgnade flüssig
werden und sich zusammenschließen, um eine ge-
meinsame Strömung und Bewegung der Glaubens-
freude zu werden.
Wir von der Acht Mei Beweging fühlen uns sehr
wohl dabei. Wir schließen uns gerne bei ähnlichen
europäischen und sogar weltweiten Geisteskindern
in der katholischen Kirche an. Wir bringen unsere
Erfahrung auf dem Gebiet von Organisation, Kom-
munikation und Inspiration in diese breite Strömung
mit hinein. Und wir hoffen, von euch Erfrischendes,
Originelles, Bereicherndes und Korrigierendes zu er-
fahren.
Früher gab es mal im deutschsprachigen Fernsehen
"Spiel ohne Grenzen". Daß es jetzt seinen Nachfolger
finden möge in "Acht Mei Bewegung ohne
Grenzen", oder wie es auch heißen möge. Hauptsa-
che ist, daß wir "aufbrechen". Und wichtiger als der
Name ist die Strömungsrichtung. Um Gotteswillen –
also auch um Jesuswillen – soll die Strömungsrich-
tung nicht mit dem Rücken zum Menschen und zur
Zukunft über die Alpen Richtung Rom absausen.
Denn gerade hier in Chur weiß man haargenau, wo
dann der Hase im Pfeffer liegt!
Leon Goertz c.p.
Franz Marcus
in: forum Nr. 79
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