Aufbruch-Fest in Salzburg
aus: Publik-Forum 9, Mai 1992
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Vier Jahre lang pflegten Österreichs katholische Basis- und Alternativgruppen ihren Meinungsaustausch über den kirchlichen Widerstand in den verschiedenen Bistümern mehr oder weniger im Verborgenen. Nicht nur die vielen Berge in Österreich erschweren die Koordination des Widerstandes gegen die kirchliche Obrigkeit, sondern auch die örtlichen Besonderheiten und zeitlichen Rücksichtnahmen. Trotz kräftigen Protests gegen die römischen Bischofsernennungen arbeiten die unterschiedlichen Initiavgruppen gleichsam als Spiegelbild der offiziellen Kirchenleitung mehr neben- als miteinander. Doch die anhaltende Ausgrenzung vieler Menschen
aus der Kirche und die Tatsache, dass seit fünf Jahren jährlich mehr als 30.000 Katholiken in Österreich ihre Kirchenmitgliedschaft aufkündigen, veranlasste die kritischen Katholiken Österreichs, die vertrauten Nischen der Geborgenheit zu verlassen. Sie machten sich ein Wort des grossen Theologen Karl Rahner zu eigen, der einmal gesagt hat: "Es genügt nicht, wenn Gemeinden nur im Ghetto Kontrastgesellschaft einüben. Sie dürfen nicht Öfen sein, die nur sich selbst wärmen."
So luden verschiedene Gruppen am ersten Mai-Wochenende zu einem Aufbruch-Fest christlicher Hoffnung nach Salzburg ein. Dieses erste Fest dieser Art
sollte öffentlich das "andere Gesicht" der katholischen Kirche Österreichs zeigen, wie es von Wien bis Bregenz bereits modellhaft gelebt wird. Es kamen zwar keine Massen wie bei offiziellen Katholikentagen oder wie bei den grossen Treffen der holländischen Achte-Mai-Bewegung. Doch repräsentierten die bis zu 1500 Teilnehmer des Salzburger Aufbruchs die gleiche vielfältige Buntheit kirchlicher Alternativgruppen wie in anderen Ländern auch. Besonders bemerkenswert war das jugendliche Alter vieler Teilnehmer. In über 20 Arbeitskreisen wurden unter anderem die Probleme der Armen und der Ausgegrenzten, der Arbeitslosen und der Flüchtlinge, der Frauen und Kinder, der Homosexuellen und der vom Priesterzölibat betroffenen Frauen anhand eigener Erfahrungen besprochen. Einübung in Stille, Meditation, Bibelgespräch, religiöses Lied und Spiel waren ebenso möglich wie politische Diskussionen über die Europäische Gemeinschaft, über Krieg und Frieden in der Welt.
Salzburgs Erzbischof Georg Eder blieb dem Fest der aufmüpfigen Katholiken fern. Er empfing statt dessen den traditionalistischen Verein für Papst und Kirche. Dafür berichteten der geheim geweihte Bischof Fridolin Zahradnik und einige seiner Mitarbeiter über die Seelsorgearbeit in der Tschekoslowakei. Zahradnik erklärte, er werde nach 40 Jahren kirchlichen Widerstands unter dem Kommunismus auch weiterhin als verheirateter Bischof die Heilige Messe feiern und Sakramente spenden. Solange Rom ihm nicht deutlich die angeblichen Zweifel an der Rechtmässigkeit seines Bischofsamtes verdeutliche,
lasse er sich mit seiner Gemeinde und seinen priesterlichen Mitarbeitern nicht vom Altar vertreiben.
In den Diskussionen und Fürbittgebeten des Salzburger Aufbruch-Festes wurde deutlich, dass viele Katholiken ein winterliches Bild von ihrer Kirche haben. Mit dem Gleichnis vom Senfkorn und dem Hinweis auf das natürliche, ewige Gesetz des immer wiederkehrenden Frühlings machte die Journalistin Dolores Bauer den nach Salzburg Gekommenen Mut, den Weg des Widerstands fortzusetzen.
Das Aufbruchfest in der Festspielstadt war ein kräftiges Lebenszeichen der konziliaren Erneuerungsbewegung in der katholischen Kirche Österreichs. Ob es bereits ein Aufbruch in einen neuen Frühling in Österreichs Kirche war oder diese ersten Frühlingsboten dem nächsten winterlichen Frost zum Opfer fallen, das bleibt offen. Als nächste gemeinsame Aktion plant der Salzburger Aufbruch im Februar 1993 einen Studientag über die Rolle der Frauen in der Kirche. Dann wird – jahreszeitlich – Winter sein. Der österreichische Schriftsteller Josef Dirnbeck schreibt über die winterlichen Zeiten: "Die Menschen haben gelernt, auch in Zeiten des Winters zu leben, mit Wollsachen, Pelzmänteln und gefütterten Schuhen, mit Brennholz und Koks, mit Schneepflug, gestreuten Strassen und Lawinendienst. Die Menschen haben auch gelernt, sich dem Frost anzupassen und aus dem Winter das Beste zu machen, mit der Rodel, dem Schlittschuh und dem Ski."
Hans-Anton Ederer
(in: Publik-Forum Nr. 9, 15.Mai 1992)
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