Wie fremdes Geld eine Stadt verändert
Luxemburg und seine neuen Bankpaläste
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Auch das Ausland interessiert sich dafür, wie Luxemburg sich auf 1995 vorbereitet, wenn es "Europäische Kulturstadt" sein soll. Gottfried Knapp in der "Süddeutschen Zeitung" vom 3.8.1993 lanciert eine Diskussion, die in Luxemburg selbst nie stattgefunden hat: Wie fügen sich die Bank-Bauten auf Kirchberg in die architektonische Landschaft Luxemburgs ein? Unser Tübinger Leser Marc Schoentgen, dem wir den Beitrag verdanken, schreibt dazu: Die "Urbanität" war plötzlich da, sie entsteht nicht. Der Normalbürger entdeckt sie im nachhinein.
Was den Burgundern, den Österreichern, den Spaniern, den Franzosen und den Preußen als Besatzern in Luxemburg nicht gelungen ist, das haben die heutigen Herren im Land, die polyglotten Bankdirektoren, praktisch über Nacht geleistet; sie haben der Stadt ein neues Gesicht verpaßt.
Wenn irgendwo in Europa die Widersprüche und Gewaltsamkeiten des europäischen Einigungsprozesses mit Händen zu greifen sind, dann in dem Stadtgebilde von Luxemburg: Die Europa-Aktivitäten und der internationale Finanzschub haben hier gewaltige Verwerfungen hinterlassen. In wenigen Jahrzehnten ist das kokett auf einem Felsenkranz posierende Residenzstädtchen zu einem unharmonisch ausgebeulten, widersprüchlichen Großstadt-Monstrum angeschwollen: In dem putzigen Rest der Altstadt sind die Amts- und Wohnräume des Großherzogs fast unauffindbar versteckt; draußen aber, an den Rändern, setzen die gastierenden Finanz- und Hotelkonzerne ungeniert einen Escorial nach dem andern in die Landschaft. Hier diktiert das Bankgeheimnis, wie sich die Stadt entwickelt; hier sind die Schleichwege des Kapitals zu Luxus-Avenuen angeschwollen.
Wer aus der Oberstadt heraustritt auf eine der Aussichtsterrassen über dem tief eingeschnittenen Alzette-Tal, der bekommt die Gegensätze im Stadtbild mit dramatischer Wucht vorgeführt. Jenseits des Tales, auf den Plateaus, ragen Hochhäuser in den Himmel, bewegen sich Baukräne Tag und Nacht; dort treibt der neue Reichtum seine Blüten. Unten aber, in der Enge der Täler, wo sich schmalbrüstige Häuser, Türme und Kirchen auf engstem Raum malerisch mit dem Fluß und den Felsen arrangiert haben, zerbröselt die Substanz, stehen viele Häuser leer.
Doch in zwei Jahren will sich Luxemburg den Europäern als "Kulturhauptstadt" präsentieren; da wäre es recht unpassend, wenn ausgerechnet die wenigen kulturhistorisch interessanten Partien der Stadt, die gewachsenen Ensembles im Tal, wegen Baufälligkeit versteckt werden müßten und statt dessen die blitzenden Geschmacklosigkeiten, mit denen die Banken die Oberstadt verhunzt haben, den Stand der Kultur im Land dokumentieren würden.
So sind inzwischen ein paar Baukräne hinab ins Tal beordert worden. Einer von ihnen überstreicht mit seinem langen Arm das reizvoll am Fluß gelegene Hospice St-Jean im Stadtteil Grund, in dessen ruinösen Mauern derzeit ein naturhistorisches Museum eingerichtet wird. Ein Stück weiter flußabwärts rekonstruieren Denkmalschützer die Wehranlagen der bizarr bergauf- und -abkletternden dritten Stadtmauer über dem Fluß. Und auch in der Oberstadt sind derzeit wichtige historische Bauten wie das Großherzogliche Schloß und das Staatsmuseum hinter Baugerüsten verborgen.
Absurde Inszenierung
Dort in der Altstadt ist die spezifische Provinz-Duflnote, die man draußen auf dem Land genießen kann, noch nicht ganz verflogen: Wer abends auf der französisch geprägten Place d’Armes in einem der vielen Cafés bei einem trockenen luxemburgischen Moselwein miterlebt hat, wie sich ein Laienchor mit herzzerreißender Inbrunst in deutsches und lëtzebuergisches Volksliedgut verbeißt, der muß den internationalen Architektur-Aufmarsch im Stadtbild wie eine absurde Inszenierung empfinden.
Bis tief ins vitale Zentrum der Altstadt haben sich die Geldinstitute inzwischen hineingefressen. Nach außen hin aber ist das Bankenviertel zu einem breiten Speckgürtel angeschwollen, in dem die Architekturmoden der letzten Jahre einen provinziellen Karneval feiern. Ein quasi extraterrestrischer Bereich ist hier entstanden, in dem internationale Geldgeschäfte getätigt werden, die Einheimischen aber nichts mehr zu suchen haben.
Schon seit einiger Zeit kann die Innenstadt von Luxemburg die Geldmengen, die angekarrt werden, nicht mehr fassen. So sind die Banken, denen es zu eng wurde, über die Großherzogin-Charlotte-Brücke auf den Kirchberg umgesiedelt, wo sie, direkt an der Autobahn, die aus Deutschland oder vom Flughafen anrollende "gehobene Privatkundschaft" schon vor der Stadt abfangen, also im Grunde eine zivilisierte Form der Wegelagerei bestreiben können.
Auf diesem Plateau Kirchberg stehen seit den 60er Jahren die architektonischen Ungetüme der Europa-
Hier diktiert das Bankgeheimnis, wie sich die Stadt entwickelt; hier sind die Schleichwege des Kapitals zu Luxus-Avenuen angeschwollen.
Bauten wie gestrandete Flugzeugträger zwischen den umständlichen Autobahnschleifen herum. Das synthetische Quartier ist ein wenig ersprießliches Relikt aus jener Zeit, in der die Verkehrsplaner und Architekten noch eine Art Kalten Krieg gegen die Menschheit geführt haben.
Hat man sich als Fußgänger aus diesem Viertel herausgearbeitet und die "Piscine Olympique", eine hysterisch überdimensionierte, chlorumflorte Festhalle der Leibesertüchtigung, passiert, kommt man zwischen Feldern und Wiesen allmählich in die Zone der jüngsten urbanistischen Großtaten. Dort künden riesige Tafeln vor verlassenen Baugruben von Glanz und Elend des Spekulantentums: Die großspurige "Shopping Mall" mit Restaurants und Hotels, die ein Bauträger dort an den Himmel gemalt hat, wird in diesem Jahrtausend wohl nicht mehr gebaut werden. Doch die Festgesellschaft Luxemburgs kann sich trotzdem auf dem Kirchberg einrichten; hier löst eine Einweihung die andere ab. Und von Mal zu Mal wird die Architektur ehrgeiziger. Es ungern, böhm und fostert an allen Ecken.
Diskreter Luxus
Wie Pilze sind sie in den vergangenen warmen Jahren aus dem Boden geschossen: die fabelhaften neuen Pumpstationen des europäischen Geldes. Eine Mustersammlung der Architektur-Tendenzen der späten 80er Jahre empfängt den Besucher. Daß die edlen Finanz-Beratungsinstitute mit gewöhnlichen Sparkassen nichts zu tun haben wollen, machen sie schon mit den abweisend kühlen Materialien und mit dem elitären Habitus ihrer Neubauten deutlich. Da wird nicht mit bunten Parolen um die Kunden geworben. Die Firmensignets ducken sich elegant in den Rasen. Ja vor lauter Diskretion scheinen die Architekten die Eingänge zu den Häusern vergessen zu haben; man findet sie nur mit Mühe.
Dafür sind die Tiefgaragen-Einfahrten, die normalerweise auf der Rückseite versteckt werden, hier geradezu lustvoll instrumentiert. Die Gesten der Architektur machen also schon klar: Laufkundschaft ist hier nicht erwünscht. Wer in diesen einschüchternen Tempeln und Burgen ein größeres Paket abzugeben hat, der meldet sich mit dem Autotelephon an und rollt dann bequem in die unterirdische Empfangshalle, wo er seinen Wagen unbeobachtet entladen kann. So ist auf dem Kirchberg von Luxemburg ein neuer Bautypus entstanden: der Lux-Bau – das Haus, das man von unten betritt.
Am aufdringlichsten hat sich die Deutsche Bank im neuen Geld-Quartier auf der grünen Wiese in Szene gesetzt. Gottfried Böhms seltsam verschnörkelter Glaspalast mit seinem spitzen Kegeldach sitzt wie ein fettes Diadem an der Autobahnkreuzung. Die Zufahrt zum Untergeschoß
führt in zeremonieller Axialität auf den zentralen Haupteingang zu, der durch die beiden symmetrisch ansteigenden Rampen zu geradezu tempelhafter Feierlichkeit gesteigert ist.
Auch im Innern stößt das Pathos der hohlen Gesten eher ab. Natürlich überwältigt die gläsern überkup-
pelte, riesenhafte Rotunde den Besucher durch die schiere Größe des umbauten Raums; doch wenn man versucht, hier Form und Funktion auch nur ungefähr in Übereinstimmung zu bringen, wenn man überlegt, was an den luxemburgischen Geldgeschäften so glorios ist, daß sie von einer pantheonhaft großartigen Konzertsaalkuppel gekrönt und mit den teuersten Bildwerken des Kunstmarkts behängt werden müssen, dann gerät man rasch ins Aschgraue. Da hilft es dann auch nichts, wenn man sich klarmacht, daß die eisernen Treppen, Stege und Brücken,
Carlo Schmitz
die in allen Stockwerken frei um die leere Halle herumlaufen, im Grunde klassische Motive der Gefängnis-Architektur sind; auch einem Kerker der Luxusklasse kann man als Besucher nicht viel Sinn abgewinnen.
Psychologisch geschickter und architektonisch überzeugender hat sich die Bayerische Hypo-Bank an der neuen Kapital-Rollbahn aufgebaut. Für Reisende aus Deutschland ist die runde Bastion der "Hypo-Lux" das erste markante Monument der Stadt. Und alle, die ein bißchen Erfahrung mit neuer Architektur haben, sehen schon von weitem, wer das Haus gebaut hat. Richard Meier hat für das kulturell ehrgeizige Münchener Bankinstitut eine Variante seines weltweit in vielen Museums- und Verwaltungsbauten erprobten Grundmusters entwickelt: Ein runder, vielfältig durchbrochener Baukörper ist mit einem kubisch klar strukturierten Bautrakt verschmolzen, der sich in U-Form an den Grenzen des Grundstücks entlangzieht und zur Straße hin auf eine weite "Plaza" öffnet. Auf diesem Vorplatz hat ein anderer Weltstar aus New York, Frank Stella, ein bizarr zerklüftetes, zwei Stockwerke hohes Stahl-Gußwerk als Hommage an die luxemburgischen Stahlkocher aufgestellt. Wo die benachbarten Banken sich hermetisch abschirmen, signalisiert die Hypo-Bank also wenigstens formal etwas wie Offenheit.
In strahlendem Weiß hebt sich der "Zylinderbau" in dem die Kunden beraten werden, vom schlichteren, grauverkleideten Verwaltungstrakt ab. Die Räume im Innern des Turms sind elegant in die Rundform eingepaßt. Am schönsten läßt Meier seine abstrakte Formkunst aber in der viergeschossigen Halle hinter dem Kopfbau spielen. Dort schwingt sich die weiße Spindel einer Wendeltreppe so frei durch den Raum, daß das Licht, das von oben und von den Seiten modellierend einfällt, im Raum zu kreisen anfängt. Gerne würde man eine Architektur dieser Qualität wieder einmal an einem Kulturbau entdecken. Im Bürotrakt einer Bank wird soviel bemühte Schönheit zum schieren Luxus.
Wie weit sich die anspruchsvolle Raumskulptur von Richard Meier über ihre Umgebung erhebt, merkt man als Besucher spätestens dann, wenn man eine der verschwenderisch großen Dachterrassen betritt und auf der einen Seite in die verlassene Baugrube eines Fast-food-Bunkers, auf der andern Seite auf den häßlichen Abstellplatz eines Autohändlers hinunterschaut. Da wird dann zur Gewißheit, was man schon geahnt hat; daß hier die Welt zu Ende ist, ja im Grunde noch gar nicht richtig begonnen hat.
Gottfried Knapp
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