Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Mitglieder der ungarischen BOKOR-Bewegung (siehe dazu "forum" Nr. 142, März 1993, S. 33-35) hatten die europäischen Delegierten zu einem Solidaritätsbesuch in Ungarn eingeladen. Einer der Teilnehmer an dieser Reise hat uns seine Eindrücke zur Veröffentlichung überlassen, und wir bedanken uns herzlich dafür.
Das Haus, in dem Ana und Gyula mit ihren drei kleinen Kindern schließlich eine (staatliche) Wohnung gefunden haben, liegt am Fuß des Budapester Rosenhügels. Es ist ein Jugendstilgebäude von besonderer architektonischer Qualität, mit Loggien
Richtung Hang und Kachel-Friesen im Stiegenhaus. Die werden allerdings brutal durchbohrt von offen verlegten Gasrohren. Vom Aufzug gibt es nur noch das Gerüst. Die einen Minihof bildende Vorderfront ist übersät mit Einschußlöchern. -1956? – Auch, sagt
Gyula, der Elektroingenieur, aber das meiste stammt von 1945.
Gyula Deli und Ana Deliné-Szita sind Mitglieder einer Bokor-Gruppe. Sie beherbergen einen Teil der westeuropäischen Delegation, die Ende August 1993 auf "Solidaritätsbesuch" nach Ungarn gekommen ist.
Der "Busch" wächst
Wie die meisten Bokor-Leute, die wir kennenlernen, hat Gyula im Umfeld der wenigen (insgesamt 8) zugelassenen Privatgymnasien hinter vorgehaltener Hand erstmals von dem 1951 zum Tod verurteilten und 1961 amnistierten Piäristenpater György Bulanyi und seinen "Bokor"-Gruppen erfahren.
"Bokor" heißt auf deutsch soviel wie "Busch" – aber eher im Sinn von Strauch, und nicht von Urwald oder Untergrund. Unsere Gastgeber müssen lachen, als wir ihnen die Mehrdeutigkeit des "Buschs" erklären.
Diese schon am Beginn der Rakosi-Ära heimlich initiierten und von Bulanyi mittels Bibelauslegungen "großgezogenen" Zellen bestehen auch heute noch in der Regel aus 10 Mitgliedern. Die meisten gehören einer Gruppe an als ‚passive‘ Teilnehmer und einer Gruppe, die sie aktiv leiten. Man trifft sich monatlich, ohne Kinder, für mindestens einen ganzen Tag, außerdem gibt es eine Art "Exerzitien".
An einem solchen Bokor-Tag wird zuerst "studiert". Was? Franz Alt, Jesus, der erste neue Mann, Gerhard Lohfik, Wie hat Jesus die Gemeinde gewollt, auch Drewermann, Kleriker, Hans Küng ist allen vertraut.
Dann erzählt eines der Paare (immer ein anderes) näher von sich (die Treffen sind nicht öffentlich), von seinen Problemen, Aussichten usw… Schließlich feiert die Gruppe Gottesdienst.
"Bokor"-Gruppen gibt es vor allem in Budapest und Szeksfehervar, aber auch in Sopron, Debrecen (von dort stammt P. Bulanyi) und anderen Städten, weniger auf dem Land; insgesamt etwa 200.
Mehr als Amen
Die meisten Paare im "Busch" sind jung und haben offensichtlich etwas mehr Kinder als der ungarische Durchschnitt. Drei Grundüberzeugungen verbinden sie:
a) Geschwisterliche Gemeinschaft auf der Basis des Evangeliums statt sogenannter "Volkskirche";
b) keine Gewaltanwendung (Daß es in Ungarn überhaupt einen Zivildienst gibt – der derzeit doppelt so lange dauert wie der Militärdienst – ist den Wehrdienstverweigerern von Bokor zu verdanken; sie nahmen nicht nur Gefängnis auf sich, sondern auch einen Hirtenbrief der regimehörigen Hierarchie, in dem erklärt wird, katholisch könne sich nur nennen, wer bereit sei, das Vaterland mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.)
c) Kirchlicher Gehorsams-Ideologie setzen sie die Überzeugung von der Gewissensfreiheit des Christen entgegen.
Der Bokor-Initiator darf bis heute(!) in keiner Kirche Ungarns einer Meßfeier vorstehen – obwohl er bereit ist, alle vatikanischen Bedingungen für eine Normalisierung zu unterschreiben – mit dem von Ratzinger nicht genehmigten Zusatz allerdings, ein Christ müsse seinem Gewissen mehr gehorchen als der Obrigkeit.
Ana sagt es kürzer: "Wir glauben, daß Christen, egal ob Laien oder Priester, mehr zu sagen haben als Amen."
Der Trabi wird beschlagnahmt
Am Abend sind wir bei der Familie Vincze am Tabor-Berg. Der Blick geht weit hinaus über die Margit-Insel, bis zum Flughafen. Gabrielle und Endre haben zehn Kinder und sind seit 1986 daran, ein mehrstöckiges Haus zu bauen. "Es gibt Christen, die sich für den gesellschaftlichen ‚Abfall‘ einsetzen, z.B. Mutter Teresa in Kalkutta; wir wollen mit unseren Gemeinschaften dafür sorgen, daß kein gesellschaftlicher Abfall entsteht" – hat die blühende Frau bei der Vorstellrunde erklärt. Nun erfahren wir, daß sie regelmäßig Alkoholiker von den Straßen der Großstadt in ihr einfaches, unfertiges Haus einladen – zu ein paar "trockenen" Tagen mit Gemeinschaft, Zusammenarbeit, einem Dach über dem Kopf, Gebet, wenn man will, Aussprache. Und noch etwas erfahren wir zu vorgerückter Stunde bei einem Glas herrlichen Tokaiers: Gabrielle holt die Bokor-"Lehrunterlagen" aus dem Schrank. Alle diese Texte – ein großer Teil Übersetzungen – hat eine alte Ordensschwester nach ihrer Entlassung aus der Haft eigenhändig mit 11 Durchschlägen getippt. Mehrmals ist der mit den versandfertigen Heften vollgepackte Trabi vor der Haustür von der Staatspolizei beschlagnahmt worden: Strafzahlungen, Gefängnis, die Arbeit von Monaten umsonst.
Bei Bulanyi
Am letzten Tag erst treffen wir György Bulanyi, in einem Dorf ein paar Kilometer nördlich des Balaton. Er ist gerade mit Exerzitien fertig geworden und serviert – Sauerkirchenwein, Marke Eigenbau. Eine Delikatesse. Dann geht es gleich in medias res. G. Bulanyi begrüßt die Initiative von Rosemarie Ruther und Leonard Swidler, USA, die eine verfassungsgebende Versammlung für die katholische Kirche vorschlagen. Er hält nichts davon, diesen Vorschlag der Hierarchie zu unterbreiten. Wozu? Wenn wir überzeugt sind, daß die derzeitige Verfassung unserer Kirche nicht dem Evangelium gemäss ist, dann setzen wir die Diskussion in Gang!
Bulanyi ist überzeugt: "In dieser Kirche ist alles auf Ernennung und Gehorsam aufgebaut, und das – so seine langjährige Erfahrung im ‚Bokor‘ – hat sehr wenig mit dem Weg Jesu zu tun. Es kann doch kein Mensch eine Gemeinde im Geist Jesu leiten und missionarisch wirken, den nicht seine Christengemeinschaft gewählt hat, der nicht ihr Vertrauen hat." Ich spiele den westlichen advocatus diaboli und wiederhole die gängigen theologischen Schlagworte: Die Kirche kann doch keine Demokratie sein, schließlich haben nicht wir Jesus gewählt, sondern er uns.
György braucht sich nicht lange zu besinnen: "So ein Blödsinn! Natürlich haben die Jünger Jesus gewählt. Oder haben sie etwa nicht zuerst verfolgt, wie er lebte, heilte, predigte, und ihn dann gefragt, wo er wohnt?"
Die Liaison aufkündigen
Die immer dringendere kirchliche Strukturreform ist für P. Bulanyi allerdings nur eine Seite der Medaille. Wozu werden wir die geänderten Kirchenstrukturen benützen? Werden wir weiter unseren "nordatlantischen Privilegiertenstatus" auf dieser Erde verteidigen? Werden wir das immer wieder erneuerte bequeme Bündnis von Thron und Altar aufrechterhalten?
Die Schriften Bulanyis sind inzwischen auf ungarisch gedruckt, vor allem die fünfbändige Bibelauslegung Sucht zuerst das Reich Gottes. Auf deutsch gibt es nichts. Auch nicht die Programmschrift "Church order", in der der Bokor-Initiator darauf besteht, daß in der Kirche niemandem die Hand auf-
aufgelegt werden soll, der nicht von seiner Gemeinde erwählt wurde. Dieses Dokument von 1980 hat György die Vorladung durch die Glaubenskongregation und schwerste Verfemungen der ungarischen Bischofskonferenz eingetragen. Auch der "Karfreitagsbrief" von 1986 – Bulanyis Antwort an Ratzinger – ist trotz mehrerer Anläufe noch nicht auf deutsch gedruckt.
Bokor kann man tatsächlich, wie wir in einer Presseerklärung zum Abschluß der Ungarnfahrt festhalten, als Modell für die Kirche Europas bezeichnen, ein Modell christlicher Mündigkeit und Ausrichtung auf das Wesentliche.
Beim Abschied von Ana, die Germanistik studiert hat, kommt die Rede irgendwie auf die ungarische Literatur. György Konrad? Ach ja, der war bei dem Gottesdienst, den Bulanyi anläßlich seines 50jährigen Priesterjubiläums gefeiert hat. Im "Stadtwäldchen", auf dem Universitätsgelände, in eine Kirche durfte er ja nicht hinein.
Willibald Feinig
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!