Der Islam in Geschichte und Gegenwart

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1. Mohammed, der Verkünder des Islams

Mohammed wurde 570 n. Ch. in Mekka geboren. Er gehörte zum Stamm der Quraysh. Er verlor früh seine Eltern, wurde zuerst von seinem Großvater, dann von seinem Onkel Abu Talib erzogen. Dieser nahm ihn mit auf Karawanenreisen nach Syrien. Auf einer solchen Reise soll der zwölfjährige Mohammed einem christlichen Mönch aufgefallen sein, der auf seinen Schultern die Zeichen seiner späteren prophetischen Sendung feststellte. Mit 25 Jahren wurde Mohammed Karawanenführer der reichen Witwe Khadidja, die er später heiratete. Im Alter von 40 Jahren begann er über den Sinn des Lebens nachzugrübeln. Nach

dem Vorbild christlicher Einsiedler zog er sich in die Einsamkeit zurück. In einer Vision in der Höhle am Lichtberg bei Mekka forderte der Erzengel Gabriel Mohammed auf zu lesen (im Koran) und den Menschen die Botschaft Gottes zu verkünden. Tieferschüttert kehrte Mohammed nach Hause zurück. Die Visionen hörten eine Zeitlang auf. Mohammed versank in Verzweiflung, denn er fürchtete, ein Opfer des Teufels zu sein. Als die Visionen wieder einsetzten, gewann Mohammed die Gewißheit, zum Propheten berufen zu sein.

Er trat in Mekka auf. Er warnte seine Landsleute vor dem Zorn und dem Gericht Gottes. Gott (Allah) ist der Schöpfer der Welt. Neben ihm gibt es keine anderen Götter und Mächte. Die Predigt Mohammeds

in: GRIP, Clés pour l’islam

beunruhigte die Führungsschicht Mekkas. Denn Mohammed wandte sich gegen die traditionelle Vielgötterei der Stadt und bedrohte damit den Kult, der sich um das Heiligtum der Kaaba konzentrierte und eine gute Einnahmequelle war. Die neue Botschaft stellte auch die soziale Ordnung in Frage, da alle Menschen vor Allah gleich sind. Die Mekkaner verunglimpften Mohammed als Zauberer, als von Dämonen Bessesen. Trotzdem entstand um Mohammed eine kleine Gemeinde. Die ersten Muslime wurden von der Führungsschicht in Mekka verfolgt, geächtet und in die Verbannung getrieben. Als Mohammed sah, daß die Existenz der Gemeinde ernsthaft bedroht war, entschloß er sich, seine Vaterstadt zu verlassen. Er wandte sich nach seiner Mutterstadt Yatrib, dem späteren Medina, der Stadt des Propheten. Die Hedschra (Auswanderung) erfolgte 622, Beginn der islamischen Zeitrechnung. In Medina fand Mohammed freundliche Aufnahme. Die wachsende Zahl seiner Anhänger machten ihn zum sozialen und politischen Mittelpunkt der Stadt. Er wurde zum Leiter einer Gemeinde. Aber auch in Medina stieß Mohammed auf Widerstand. Christen und Juden, die Mohammed in Mekka mit großer Achtung behandelt hatte und Leute des Buches nannte, erkannten seine prophetische Sendung nicht an.

Mohammed überfiel mit seinen Anhängern immer wieder die Karawanen der Mekkaner und fügte ihnen großen Schaden zu. 630 erschien Mohammed mit seinen Kriegern vor den Toren Mekkas, das ihnen kampflos in die Hände fiel. Die Bevölkerung Mekkas wurde verschont. Die Kaaba wurde von den Götzen gereinigt.

Da die Juden den Islam nicht anerkennen wollten, ließ Mohammed sie aus Medina vertreiben. 629 startete Mohammed einen Feldzug gegen die christlichen Stämme Nordarabiens, der mißglückte. Daraufhin wurde der Ton der religiösen Auseinandersetzung schärfer. 630 gab Mohammed den Befehl, alle Nicht-Muslime, Juden und Christen zu unterwerfen. 630/31 erklärten die arabischen Stämme ihren Übertritt zum Islam. 631 verkündete Mohammed die Abschaffung des Polytheismus. 632 unternahm er mit einer großen Schar von Gläubigen die erste Wallfahrt des Islams nach Mekka, die als Vorbild für die nachfolgenden Wallfahrten dient. Mohammed erkrankte überraschend in Medina und starb am 8. Juni 632.

2. Die Ausbreitung des Islams

Nach dem Tod Mohammeds fielen die arabischen Stämme wieder vom Islam ab. Die Nachfolger Mohammeds (Khalifen genannt) mußten zuerst die unbestrittene Vorherrschaft des Islams in Arabien wiederherstellen. Dann sollten die arabischen Stämme in Syrien und im Irak für den Islam gewonnen werden.

Die Periode der ersten vier "rechtgeleiteten" Khalifen dauerte von 636 bis 661. Abu Bakr (632-34) unterwarf die abgefallenen arabischen Stämme. Dann begann er mit der Unterwerfung Syriens, die unter seinem Nachfolger Umar (634-644) abgeschlossen wurde. Dieser eroberte Syrien, Palästina, den Irak, einen Teil Persiens sowie Ägypten. Umar besitzt besondere Bedeutung für die Gesetzgebung des Islams. In Anlehnung an den Koran setzte er die Regeln fest,

nach denen die unterworfenen Völker behandelt wurden. Der dritte Khalif Uthman (644-56) eroberte ganz Persien. Er bemühte sich um die Festlegung des offiziellen Textes des Korans. Der vierte Khalif ist Ali (656-61) der Ehemann von Fatima, der Tochter Mohammeds. Es kam zu Aufständen gegen Ali, die von Muawiya, einem Verwandten des ermordeten Khalifen Uthman angezettelt wurden. Die islamische Gemeinde spaltete sich. Die Partei Alis ergriffen seine treuen Anhänger, die Shiiten (=Parteigänger). Die Mehrheit der Muslime arrangierte sich mit Muawiya. Dieser wurde 660 zum Khalifen ausgerufen. Dies sind die Sunniten. Ali wurde 661 ermordet.

Mit Muawiya beginnt die Regierungszeit der Umayyaden (661-750). Sie machten das Khalifat zu einer erblichen Monarchie. Hauptstadt der Umayyaden war Damaskus. Unter den Umayyaden dehnte sich die islamische Herrschaft über Nordafrika (700) und Spanien (711-717) aus. In Frankreich drangen muslimische Truppen bis Tours und Poitiers (717-732) vor. 732 wurden sie von Karl Martell bei Poitiers geschlagen. Damit war das Vordringen des Islams in Westeuropa gestoppt. Im Osten erreichte der Islam Nordindien und drang in Zentralasien bis nach China vor.

750 stürzten die aufständischen Abassiden die Umayyaden. Sie verlegten die Hauptstadt ihres Reiches nach Bagdad im Irak. Kultureller Höhepunkt war die Regierung Harun-al-Raschids, des Kahlifen von Tausendundeinenacht. Bald mußten die Abassiden die Zersplitterung des Reiches hinnehmen. In Andalusien/Spanien hielt sich eine Umayyadendynastie (765-1031). In den entlegenen Provinzen des Reiches machten sich immer wieder verschiedene Herrscher selbständig, in Nordafrika und Ägypten die Fatimiden (968-1171), in Ägypten, Syrien und Nordmesopotamien die sunnitischen kurdischen Ayyubiden (1174-1250), in Ägypten dann die Mameluken (1250-1517). Der letzte Khalif der Abassiden wurde 1250 von angreifenden Mongolen getötet. In die Zeit der Abassidenherrschaft fallen die Kreuzzüge (1095-1270).

Unter den Abassiden gewinnen türkische Stämme immer mehr an Bedeutung: ab 1055 die Seldschuken und ab Ende des 13. Jh. die Osmanen. Die Osmanen eroberten langsam die Reste des byzanthinischen Reiches in Kleinasien. 1453 fiel Byzanz/Konstantinopel. 1517 eroberten sie das Mamelukenreich in Ägypten. Vom 13. bis 17. Jh. drangen sie in Osteuropa vor. Sie beherrschten das Mittelmeer. Ihr Vormarsch wurde durch die Niederlage ihrer Flotte bei Lepanto (1571) und dann durch die Schlacht bei St. Gotthard an der Raab (1664) gestoppt. Als sie vor Wien immer wieder zurückgeschlagen wurden (das letzte Mal 1683), zogen sie sich aus Mitteleuropa zurück.

Inzwischen war der Islam durch die christliche Reconquista (Fall des Königreichs Granada 1492) aus Spanien endgültig verdrängt worden. Im Osten dehnte sich der Islam weiter aus. Er erreichte Indonesien (14.-15. Jh). In Indien schuf die Dynastie der Groß-Moguln (1524-1757) ein großes Reich, das eine einzigartige Kultur schuf (Tajmahal).

Im 19. Jh. wurden die meisten islamischen Länder zu Kolonien Europas. Das Osmanenreich brach im er-

Das Denken, das Reden, das Handeln, auch das Leben in Familie und Gesellschaft, endlich die Beziehung zu anderen Gemeinschaften unterliegt der Fügung Gottes und gehört somit in den direkten Einflußbereich der Religion.

sten Weltkrieg auseinander. Nur die Türkei blieb als Reststaat von diesem Reich übrig.

Heute haben die islamischen Staaten ihre Unabhängigkeit wiedererlangt. Ihr Einfluß wurde durch den Ölreichtum international gestärkt. Fundamentalisten versuchen in den islamischen Staaten wieder eine Staatsordnung auf dem Fundament des Korans zu errichten. (cf. Iran)

3. Der Koran

Die Muslime glauben, daß Gott zu den Menschen an vielen Orten der Erde gesprochen hat, zu verschiedenen Völkern, in verschiedenen Epochen ihrer Geschichte. Gott der Barmherzige hat die Menschen nie allein gelassen. Er führt sie zum Glauben durch Zeichen in der Schöpfung und durch die Worte seiner Offenbarung. Der Islam erkennt das Wort Gottes in der Bibel (besonders in der Tora des Mose) und dem Evangelium Jesu Christi. Der Koran bestätigt Tora und Evangelium. Allerdings nach der Herabsendung des Korans gilt nur noch seine Botschaft für die Muslime und für alle Menschen, die keine Offenbarungsschriften besitzen. Der Koran ist die letzte Offenbarung, die Gott dem Propheten Mohammed durch den Engel Gabriel übermitteln ließ.

Der Koran ist in 114 Suren (Abschnitte) eingeteilt. Das arabische Wort Koran kommt vom Verb qua’ra, lesen. Der Engel Gabriel forderte Mohammed auf: "Lies, im Namen des Herrn der erschuf/erschuf den Menschen aus geronnenem Blut/Lies, denn dein Herr ist allgültig" (96,1-3). Der Koran als das Wort Gottes ist ewig. Deshalb ist der Koran frei von Widersprüchen. Die arabische Sprache des Korans ist für die Muslime eine göttliche Sprache, heilig, geheimnisvoll, faszinierend. Deshalb hat der Koran eine absolute Autorität. Er ist die absolut zuverlässige Quelle

der Heilswahrheit und begründet den rechten Glauben.

Der Koran bestimmt das praktische Handeln der Muslime. Der Islam ist die Religion der Hingabe an Gott, die Unterwerfung unter den Willen Gottes. Deshalb unterliegt "das Denken, das Reden, das Handeln, auch das Leben in Familie und Gesellschaft, endlich die Beziehung zu anderen Gemeinschaften der Fügung Gottes und gehört somit in den direkten Einflußbereich der Religion" (A. Th. Khoury). Das ganze Leben der Muslime steht unter dem Einfluß der Sharia (des religiösen Gesetzes), das auf den Vorschriften des Korans und der Sunna (der Tradition) des Propheten Mohammed beruht. Denn von sich aus kann der Mensch den rechten Weg nicht gehen. "Wir hätten unmöglich die Rechtleitung gefunden, hätte uns Gott nicht rechtgeleitet" (7,43).

Der Islam wie Judentum und Christentum ist eine Stifterreligion und zugleich eine Buchreligion. Mohammed steht nach eigenem Verständnis in der Reihe der großen Propheten des Judentums und des Christentums. Die Propheten wurden im Laufe der Zeit zu den vergeblichen Menschen gesandt, um "auf die Zeichen Gottes in der Schöpfung und an sein Wirken im Leben der Menschen und der Völker zu erinnern" (A. Th. Khoury). Die Prophetengeschichte hat nach Auffassung des Korans ihren Höhepunkt in der jüdischen und christlichen Tradition. Moses brachte "von seinen Gesprächen mit Gott die Tora als göttliches Gesetz für die Kinder Israels" (A. Th. Khoury). Sie enthält verbindliche Vorschriften für die Juden. Aber die Barmherzigkeit Gottes konnte sich wegen der Harnackigkeit der Juden nicht voll entfalten. So blieben manche Bereiche des Glaubens und der Gesetzgebung im dunkeln.

Der Koran erwähnt an vielen Stellen Jesus Christus. Er hält an der jungfräulichen Geburt Christi fest, ja

Carlo Schmitz

verteidigt sogar Maria gegen die Verleumdung der Juden. Jesus ist mehr als ein einfacher Prophet, aber nicht Gott. Er wurde von Gott als Religionsstifter zu den Menschen gesandt. "Gott hat ihn mit dem Geist der Heiligkeit gestärkt und ihm die Verkündigung des Evangeliums anvertraut" (A. Th. Khoury). Gott beglaubigte durch Zeichen und Wunder seine Sendung. Als die Juden Jesus zu töten versuchten, rettete ihn Gott aus der Bedrängnis. "Und sie sagten: Wir haben Christus Jesus, den Sohn der Maria, den Gesandten Allahs ermordet – doch sie ermordeten ihn nicht und kreuzigten ihn nicht, sondern einen ihm Ähnlichen… und nicht töteten sie ihn in Wirklichkeit, sondern es erhöhte ihn Allah zu sich; und Allah ist mächtig und weise" (4,156). Nach islamischer Tradition wird Jesus am Ende der Zeit wiederkommen und das Endgericht ankündigen. Jesus wird in Jerusalem als frommer vollkommener Muslim leben. Er wird dann die Einheit der Menschen herstellen. Sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit wird 40 Jahre dauern. Er wird heiraten. Kinder zeugen und sterben. Er wird in Medina begraben neben Mohammed und den Khalifen Abu Bakr und Umar. Am Tage des Endgerichts wird Jesus für die Menschen Fürsprache einlegen.

Der Koran sieht Mohammed als "Höhe- und Endpunkt der Geschichte der Offenbarung und der prophetischen Verkündigung" (A. Th. Khoury). "Er ist das Siegel der Propheten" (33,40).

4. Gott, Welt und Mensch

Der Glaube an Gott und die Unterwerfung unter seinen Willen sind Islam. "Er ist der eine Gott/der ewige Gott/Er zeugt nicht und wird nicht gezeugt/Und keiner ist ihm gleich" (112,1-4). Gott ist der Schöpfer von Himmel und Erde, vor allem aber ist er der Schöpfer der Menschen. Er erhält die Welt und die Menschen durch seine Vorsehung. Er läßt Barmherzigkeit walten. Nach dem Koran erschafft Gott die Welt und die Menschen in jedem Augenblick neu.

Gott ist allmächtig. Die islamische Theologie betont die Willensfreiheit und damit die Verantwortung der Menschen. Zugleich aber hält sie an der göttlichen Vorbestimmung fest. "Das Leben des Menschen wird von einem lebendigen Gott gelenkt, dessen Entscheidungen zwar souverän und nicht hinterfragbar sind, der aber auch der weise und barmherzige Herr der Menschen ist" (A. Th. Khoury). So wird der Fatalismus vermieden. Der gläubige Mensch beugt sich dem Willen Gottes ergeben in einer gelebten religiösen Haltung der Unterwerfung unter seinen Willen (=Islam).

Auch der Muslim wird dem Leiden nicht entgehen, dessen Ursachen vielfältig sind. Das Böse wird vom Teufel verursacht. Der Teufel ist der Feind der Menschen. Neben dem Teufel bringt der Mensch seinen Mitmenschen mannigfaltige Leiden. Auch Gott bestimmt dem Menschen nicht nur Glück sondern auch Leiden und Krankheit. Unentrennbar ist schließlich der Tod. "Und wir haben für keinen Menschen vor dir bestimmt, ewig zu leben… Jeder wird den Tod erleiden" (21,34-35). Für den gläubigen Menschen hat Leiden einen zweifachen Sinn. Es ist eine verdiente Strafe oder Prüfung Gottes, denn Gott stellt

den Menschen auf die Probe. Um die Probe zu bestehen, muß er nach der Wahrheit streben und glauben. So darf er auf eine Belohnung im Paradies hoffen.

Der Islam verkündet einen strengen Monotheismus. Das islamische Glaubensbekenntnis lautet: Es gibt keinen Gott außer Gott/und Mohammed ist sein Prophet. Der Monotheismus des Islams wendet sich gegen die Polytheisten, aber auch gegen die Christen. Der Islam wirft den Christen eine übertriebene Verdrung Jesu Christi vor. Für den Islam ist Jesus der Messias, das Wort Gottes. Aber "die Christen sagen: Christus ist Gottes Sohn… Damit reden sie wie die, die vorher ungläubig waren" (9,130). "O ihr Leute des Buches übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit… Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch. Gott ist doch ein einziger Gott" (4,171). Für den Koran ist Maria eine Heilige, aber sie und ihr Sohn Jesus sind nur Menschen, keine Götter (5,75).

Dieser eine Gott ist der Transzendente. "Die Blicke erreichen ihn nicht" (31,11). Er bleibt der Verborgene, auch wenn er sich erkennen läßt. Auch sein Wort, seine Offenbarung, nimmt an dieser Transzendenz teil. Der Koran selbst ist ewig.

5. Die religiösen Pflichten

Um die Menschen zur göttlichen Wahrheit zu führen, damit sie Islam praktizieren, hat der Koran verschiedene Bestimmungen erlassen. Alle Menschen nehmen an der islamischen Glaubensgemeinschaft, der Umma, teil. Muslim aber wird ein Mensch erst, wenn er das Glaubensbekenntnis ablegt. Damit übernimmt er verschiedene religiöse Pflichten: das Gebet, das Fasten im Mondmonat Ramadan, Almosengeben für die sozialen und karitativen Aufgaben der Umma und die Wallfahrt nach Mekka, eine Pflicht, die er wenigstens einmal im Leben erfüllen soll.

6. Der Westen und der Islam

Peter Scholl-Latour deutet die Spannungen zwischen dem Westen und dem Islam als den Schicksalskampf zwischen christlicher und islamischer Kultur. Dabei kann er auf eine lange Tradition zurückgreifen (cf. Kreuzzug – Hl. Krieg). Auch des Islambild ganzer Generationen von Jugendlichen, das durch Karl May geprägt wurde, lautet ähnlich: Kara Ben Nemsi, der Kämpfer Christi steht den schlimmsten muslimischen Finsterlingen gegenüber. "Die Muslime bei Karl May sind rückständig und lasterhaft, und sie sind die Verlierer, sie haben die schlechte Bildung und die schlechteren Waffen" (Karin Hörner). Dieses Feindbild prägt auch heute noch das Denken des Westens: Kadafi ist ein Terrorist, die Mullahs des Iran sind die schlimmsten Fundamentalisten und haben Salman Rushdi, den Autor der Satanischen Verse, zum Tod verurteilt, ganz zu schweigen von Sadam Hussein, dem Diktator, und wem haben wir den hohen Ölpreis zu verdanken, wenn nicht muslimischen Ölscheichs. Mußten wir nicht den freien Zugang zu den Ölfeldern des Irak (und auch Kuweits und Saudi Arabiens) im Golfkrieg mit Waffengewalt verteidigen?

Dieses Feindbild ist nur schwer aufzulösen. Der Westen und besonders die Amerikaner haben nie zu einem echten Dialog mit dem Islam gefunden.

Dossier

Dieses Feindbild ist nur schwer aufzulösen. Der Westen und besonders die Amerikaner haben nie zu einem echten Dialog mit dem Islam gefunden. Auch die christlichen Kirchen tun sich schwer damit. Erst das II. Vatikanische Konzil hat festgelegt: "Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten." Aber bei den meisten Christen herrscht weiterhin Mißtrauen. Sie begegnen den Muslimen als "Ausländer und Fremde". Besonders in Osteuropa sind Erinnerungen an Unterdrückung und Fanatismus durch die osmanischen Türken noch durchaus lebendig. Trotzdem müssen Christen und Muslime zu einem schwierigen

Dialog zusammenfinden. Alle Menschen, "die guten Willens sind", dürfen den Fundamentalisten auf beiden Seiten, die zum Kampf aufrufen, keine Chance geben.
Al Estgen

Weiterführende Literatur

Diese Zusammenfassung über den Islam beruht auf zwei ausgezeichneten Büchern: – Khoury A. Th., Der Islam. Sein Glaube, seine Lebensordnung, sein Anspruch, Herder Spektrum 4167, Freiburg, 1992. – Rotter G. (Hg), Die Welten des Islam, Fischer TB11480, Frankfurt/Main, 1993.

Die vielleicht beste deutsche Übersetzung des Koran ist die von Rudi Paret: Paret R., Der Koran, Kohlhammer TB, Stuttgart, 1980.

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