10 Jahre „Lëtzebuerger Artisten-Center“
Ein "forum"-Gespräch mit Jean Fetz und Ralph Hoffelt
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Dieses Jahr feiert der "Lëtzebuerger Artisten-Center" (LAC), einst als rebellisches Gegenstück zum "Cercle artistique Luxembourg" (CAL) gegründet, sein zehnjähriges Bestehen. "forum" sprach aus diesem Anlaß mit den Animatoren des LAC, Jean Fetz und Ralph Hoffelt.
"forum": Warum wurde vor zehn Jahren der LAC gegründet?
Jean Fetz: Dazu gab es mehrere Beweggründe. Der wichtigste war, daß wir eine Gruppe schaffen wollten, in der Künstler sich treffen könnten, um gemeinsam Bilder zu malen oder Skulpture zu schaffen. Zweitens ging es ganz praktisch darum, ein Atelier zu mieten oder zu kaufen, das es dem einzelnen ermöglichen sollte, mit anderen Kunstschaffenden Kontakt aufzunehmen und in einen Dialog zu treten.
"forum": Gibt es im LAC nur freischaffende Künstler oder auch solche, die ihr Haupteinkommen aus anderen beruflichen Tätigkeiten, z. B. als Kunstlehrer, beziehen?
Jean Fetz: Es gibt beide im LAC. Einige leben von ihrem Kunstschaffen, wie Théo Adam oder Loni Hirtz. Andere, wie Ralph oder ich, sind in der Schule tätig. Ich muß aber sagen, das mich das eine so stark beansprucht wie das andere. Ich nutze jede freie Zeit, um zu malen. Wir haben häufig gemeinsame Mal-Sessions, etwa in der Ferienzeit. Ich sehe das auch nicht als Nachteil, kein fulltime Künstler zu sein.
"forum": Könntest Du denn von Deinem Kunstschaffen allein leben?
Jean Fetz: Den Mut dazu hätte ich schon, obwohl man nicht weiß, wie lange man damit über die Runden kommt.
Ralph Hoffelt: Ich nicht.
Jean Fetz: Ich muß sagen, daß der Schulberuf mir sehr viel Spaß macht. Und das färbt sich auf meine Malarbeit ab. Da beide Tätigkeiten sich gut ergänzen, will ich keine missen.
"forum": Der LAC wollte auch kollektive Ateliers schaffen. Ist das denn nicht eine Forderung, die eigentlich von der öffentlichen Hand zu erfüllen wäre?
Ralph Hoffelt: 1985 sind wir erstmals mit dieser Forderung an die Gemeindeverwaltung Luxemburg herangetreten. Damals waren gerade die Künstlerateliers in der "Schläifmillen" von der Stadt vergeben worden. Wir kamen leider knapp zu spät bei dieser Verteilung. Danach wurden wir immer nur vertröstet. Minister Krieps versprach uns z.B., in Neumünster
Auf dem freien Markt haben wir nie ein Lokal gefunden, wo wir zu mehreren hätten arbeiten können, zumindest nicht zu einem erschwinglichen Preis.
Seit langem
träumen wir
von einem
"Centre
d’animation",
wo es Atliers
und Aus-
stellungs
möglichkeiten
gäbe, wo
aber auch
andere
Kunstsparten
wie Musik
oder Theater
aktiv sein
könnten.
würden irgendwann Künstlerateliers geschaffen
werden. Von der Gemeindeverwaltung wurde der
LAC als kleine Gruppierung angesehen, die man
übergehen konnte. Und auf dem freien Markt haben
wir nie ein Lokal gefunden, wo wir zu mehreren hät-
ten arbeiten können, zumindest nicht zu einem er-
schwinglichen Preis.
Jean Fetz: Zur Zeit denken wir eine Lösung in der
Industriezone auf Howald zu finden, doch es ist sehr
schwierig, private Besitzer zur Vermietung von
Räumlichkeiten für solche Zwecke zu bewegen. Für
uns besteht die sauberste Lösung darin, auch uns in
der "Schläifmillen" ein Atelier zur Verfügung zu
stellen, denn es stehen dort durchaus noch Räume
leer! Wir finden es zumindest erstaunlich, daß zehn
oder zwölf Künstler ein Atelier erhalten – auf Lebzeit
- und die anderen gehen leer aus. Die Stadtverant-
wortlichen versuchten sogar, uns nach Esch in den
alten Schlachthof abzudrängen. Wir sind aber ein
Stadtluxemburger Verein.
Ralph Hoffelt: Es wird uns nicht einmal ein Büro-
raum zur Verfügung gestellt, in dem wir unseren Ver-
waltungskram unterbringen und einen Telefonbeant-
wortor anschließen könnten.
"forum": Was stellt der LAC denn heute dar? Wie-
viele Mitglieder hat er? Wie angesehen sind diese
Künstler?
Jean Fetz: Wir haben 42 aktive Künstler als Mitglie-
der. Und es könnten morgen schon mehr sein, wenn
wir alle zuließen. Welche Vereinigung kann schon
einen Jahresbeitrag von 2000 Franken verlangen?
Und doch genügt der nicht, um ein Atelier anzumie-
ten. Wir haben in der Stadt Luxemburg ein Budget
von 3 Millionen Franken ausgegeben, um im vergan-
genen Jahr Kunstausstellungen zu organisieren.
Manche LAC-Künstler stellen in gängigen Galerien
in Luxemburg aus, andere sind in internationalen Ga-
lerien im Ausland vertreten.
"forum": Der LAC veranstaltet auch Kunstausstel-
lungen? für wen?
Jean Fetz: Ja, an erster Stelle für seine Mitglieder.
Den größten Erfolg, den wir in letzter Zeit zu ver-
zeichnen hatten, war die Ausstellung in Sprinckin-
gen. Die hat in 11 Tagen 900 Besucher angezogen.
Uns scheint der Beweis also erbracht, daß in der Öf-
fentlichkeit Interesse an solchen Ausstellungen be-
steht. Seit langem träumen wir von einem "Centre
d’animation", wo es Atliers und Ausstellungsmög-
lichkeiten gäbe, wo aber auch andere Kunstsparten
wie Musik oder Theater aktiv sein könnten.
"forum": Warum fand die Ausstellung gerade in
Sprinckingen statt?
Jean Fetz: Die Ausstellungsidee fand Sympathie bei
Kunstfreunden, die uns ihre Scheune und ihren Stall
als Ausstellungs- und Gestaltungsfläche zur Verfü-
gung stellten.
"forum": Also nicht etwa, um "Kunst aufs Dorf" zu
bringen?
Jean Fetz: Doch, auch. Das machen wir ja schon seit
vier Jahren in Lellingen, "am Kiischpelt". Doch da
besteht die Gefahr, daß das Kunstfest zum Volksfest
ausartet, womit dem Künstler nicht unbedingt ge-
dient ist. Unsere ursprüngliche Idee war nicht,
100 000 Leute anzuziehen, sondern Künstlern die
Gelegenheit zu geben, sich zu begegnen, Ideen aus-
zutauschen, zusammen zu arbeiten. Nach unseren
Erfahrungen liegt den Besuchern viel daran, mit den
Kunstschaffenden in direkten Kontakt zu treten, um
ihre Beweggründe besser zu verstehen. Das hat in
Sprinckingen besser geklappt. Es gab auch einen Li-
teraturabend. Nächstes Jahr soll eventuell auch Mu-
sik oder Theater oder Kabarett hinzukommen.
"forum": Warum wird der LAC denn von den Auto-
ritäten abgewiesen?
Ralph Hoffelt: Einerseits gibt es in der Hauptstadt
eine etablierte Kunstszene, mit ihren Galerien, ande-
rerseits veranstaltet der CAL alljährlich seinen "Sa-
lon d’automne". Wir kamen als dritte Komponente
hinzu: zuerst kannten unsere Ausstellungen einen
mäßigen Erfolg, der aber stetig wuchs. Und nach
zehn Jahren kann man uns nicht mehr als Außenseiter
ansehen. Allerdings kommen zu den Ausstellungen
in der Stadt jene Leute, die ohndies sämtliche Aus-
stellungen besuchen. Sprinckingen hingegen hat eine
Eigendynamik entwickelt und Leute angezogen, die
möglicherweise nie solche Manifestationen besu-
chen.
"forum": Wie steht der LAC denn heute zum Salon
des CAL?
Ralph Hoffelt: Anfangs hat es da einige Polemik ge-
geben. Aber die hat sich gelegt. Das Anagramm
CAL/LAC war reiner Zufall. Vom dritten Jahr an
gingen wir schon andere Wege als der CAL: Wir ha-
ben uns nach Europa hin geöffnet. Das ist heute mo-
dern, aber vor sieben Jahren hat noch niemand davon
gesprochen. Heute versuchen andere es uns nachzu-
tun. Wir sahen uns nie als Konkurrenzunternehmen
zum CAL. Es gab Künstler, die bei uns und beim
CAL ausgestellt haben. Wir hatten eine andere Optik,
was die Jury-Zusammenstellung anbelangt.
"forum": Euer Kunstschaffen wird also nicht vom
CAL zurückgewiesen?
Ralph Hoffelt: Keineswegs, im Gegenteil.
"forum": Wie präsent seid ihr denn in den Galerien?
Jean Fetz: Verschiedene von uns sind oder waren in
Galerien im In- und Ausland vertreten. Einige haben
sie auch wieder verlassen. Anne Vinck z.B. war zu-
erst beim LAC, wurde dann Mitglied des CAL, be-
teiligte sich aber weiterhin an unserem Salon und ist
dank unserer Ausstellungen und ihrem Können auch
in eine Galerie hineingekommen. Vielfach wird auch
vergessen, daß Jean-Marie Biwer zuerst beim LAC
ausstellte, vom Dada-Haus mit ins Ausland genom-
men wurde und dann erst zum CAL überwechselte.
Ralph Hoffelt: Andere wollten sich an unserem Salon
beteiligen, wurden aber nicht von der strengen Jury
berücksichtigt. Unsere Jury kommt aus den vier Ek-
ken Europas, und zwar ausschließlich aus profession-
ellen Kreisen: freischaffende Künstler, Kunstpro-
fessoren, Galeriebesitzer. Diese Leute kennen die
Luxemburger Kunstszene nicht und können ihre Se-
lektion nach unabhängigen Kriterien vornehmen.
Wir nehmen auch keine Literaten oder Bankiers oder Vertreter einer ausländischen Botschaft in die Jury auf, nur Leute der bildenden Künste, höchstens einen Kritiker. Beim Filmfestival in Cannes sitzen ja auch nur Leute vom Fach in der Jury.
"forum": Das unterscheidet euch vom CAL, der eine rein luxemburgische Jury zusammensucht.
Ralph Hoffelt: Genau.
Jean Fetz: Wir waren mehrmals sehr innovativ. Wir beschlossen z.B. auch als erste, Ausländer aufzunehmen, die hierzulande unbekannt waren.
"forum": Das forderten ja auch Anna Recker und Brandy in dem "forum"-Interview in Nummer 150.
Jean Fetz: Ja, wir fordern es seit genau zehn Jahren.
Ralph Hoffelt: Seit zehn Jahren fordern wir auch, daß eine Ausstellung nicht nur Bilder zeigen darf, sondern auch Künstler miteinander in Kontakt bringen soll. Die Künstler sollen im Mittelpunkt der Ausstellung stehen.
Jean Fetz: Wir haben auch nicht gezögert, als erste eine Installation aufzubauen, obschon das sehr teuer war und kaum Geld einbrachte. Ein solches Konzept war neu. Bisher wurden die Bilder einfach nur aufgehängt. Wir haben versucht, sozusagen einen kleinen Kunsttempel aus der Ausstellung zu machen. Solche Innovationen kosten natürlich viel Geld.
Ralph Hoffelt: Wir haben auch professionelle Ausstellungsgestalter aus dem Ausland hergeholt. Die "eimaises" wurden bei uns auf den Künstler hin gestaltet, und nicht umgekehrt; denn meistens sind ja die Wände a priori da und dann werden Bilder daran gehängt.
Jean Fetz: Unsere Juroren kommen z.T. von weit her. Doch sie fragten und erhielten nie mehr als Reisespesen und Aufenthaltskosten. Ihre Juryarbeit war stets völlig gratis.
Und der Erfolg gibt uns recht. Wir konnten Künstler zeigen, die bei sich zuhause mindestens so bekannt waren wie Luxemburger bei uns. Ein Schweizer, der für Venedig selektioniert wurde, wurde aus eine Masse von mehreren hundert ausgewählt. Wir wollten bewußt aus der heimischen Nabelschau ausbrechen, uns mit ausländischen Künstlern konfrontieren. So kommt es, daß heute das Nationalmuseum bei unserem alljährlichen Salon Werke ersteht.
Seit zehn Jahren müssen wir aber feststellen, daß ein Dutzend Kunstschaffende bei der Vergabe von Ateliers und der Vermittlung von Ausstellungen im In- und Ausland sowohl beim Kulturministerium als auch bei der Stadt Luxemburg die Sahne abschöpfen. Ähnliches scheint sich abzuzeichnen bei der Herstellung von Gadgets für das Kulturjahr 1995. In unseren Augen mangelt es auch hier an Demokratie und Transparenz. Warum wurde diese Produktion von "Kunstfahnen" u. ä. nicht genauso ausgeschrieben wie die Gestaltung des offiziellen Logos?
Wer in Luxemburg innovativ und kritisch ist, braucht nicht auf Anerkennung zu hoffen, ganz gleich wie gut er ist.
"forum": Was hat der LAC denn für 1995 vor?
Ralph Hoffelt: Wir haben unser jährliches Salon, dessen Konzept aber noch nicht 100%ig feststeht. Wir werden auch wieder in Sprinckingen Künstlerwochen veranstalten. Außerdem laufen eine Reihe kleinerer Projekte in der Hauptstadt, über die zu reden aber noch verfrüht ist.
Jean Fetz: Beim Salon 95 möchten wir jedem Künstler die Möglichkeit geben, mehr von sich zu zeigen, Denn mit drei Bildern wie bisher lernt man keinen Künstler kennen. Mit fünf bis acht Werken kann man sich schon eher auseinandersetzen.
Gerold Paulus, in: Cartoons 1990.
Ralph Hoffelt: Unsere Probleme liegen auf der technischen Ebene. Im Stadttheater, wo der Salon normalerweise stattfindet, gibt es keine Räume, um die Bilder zwischenzulagern bis zur Ausstellung. Auch anderswo gibt es keinen bewachten Raum, in dem ein Pförtner angelieferte Werke entgegennehmen und die Jury ihre Selektion vornehmen kann. Wir müssen jeweils im Theater tausend Bilder von Raum zu Raum schleppen, bis die Ausstellung aufgebaut werden kann.
"forum": Und das Stadttheater steht euch nicht gratis zur Verfügung.
Jean Fetz: Bis letztes Jahr kostete das Studio für zwei Wochen und vier Tage 39 000 Franken. Dann half das Theaterpersonal die Ausstellung aufbauen und abbauen, die Wände streichen usw. Die Leute waren sehr behilflich. Seit einem Jahr kostet das Studio 20 000 Franken, plus 30 Franken pro laufenden Meter pro Tag, plus 50 Franken pro Stellwand, unter der Bedingung, daß wir sie selbst auf- und abbauen, oder 500 Franken, wenn das Theaterpersonal die Arbeit leisten muß. In anderen Worten für den Salon 1994 haben wir 224 234 Franken ausgegeben und noch selbst den Auf- und Abbau bewerkstelligt. Der CAL lieh uns 170 Stellwände, weil die Stadt Luxemburg zu dem Zeitpunkt nicht genug zur Verfügung hatte. In anderen Worten: wir müssen mit einer Viertel Million Unkosten für eine Ausstellung rechnen. Und die Stadt zahlt uns einen Zuschuß von 12 000 Franken; eventuell kauft sie auch noch ein paar Serigraphien
oder Bilder, doch deren Erlös erhält zu 80% der Künstler. Wir sind jetzt gezwungen, von den Ausstellern eine Beteiligung am Verkaufspreis zu verlangen, um über die Runden zu kommen. Damit will ich nichts gegen die Theaterverwaltung an sich sagen, die Leute sind sehr zuvorkommend. Doch die Politik, die hier die Stadtoberen betreiben, ist für gemeinnützige Kulturvereine katastrophal. Eine solche Politik verfolgt nicht einmal die kleinste Gemeinde in Frankreich (Thionville, Vaison-la-Romaine). Wir müssen 224 000 Franken ausgeben für eine Verschönerung des Theaters, von der ja auch die übrigen Theaterbesucher profitieren; wir fragen keinen Eintritt zur Ausstellung.
Und letzte Woche erhielten wir den Brief der Stadtverwaltung, daß 1995 die Richtlinien dieselben sein werden wie 1994. Was soll also das Gerede von seiten des Kulturministeriums, daß die Räume für die von der a.s.b.l. 1995 zurückbehaltenen Projekte gratis zur Verfügung stehen? Wir müssen innerhalb von zwei Wochen die Räume reservieren, sonst stehen sie uns 1995 nicht zur Verfügung.
Ralph Hoffelt: Und für eine Ausstellung, für die die Stadt einen Zuschuß von 12 000 Franken bezahlt, arbeiten wir während drei bis vier Wochen von mor-
gens bis abends im Theater. Da stimmt doch etwas nicht. Für 1995 sollen wir von der a.s.b.l. einen Zuschuß von 200 000 Franken erhalten. Der würde komplett für die Raummiete aufgefressen. Wir wollten damit aber die Kataloggestaltung verbessern; ein Katalog kostet rund eine Million. Anfangs war sogar nur vorgesehen, daß die a.s.b.l. 1995 einen neuen Preis von 100 000 Franken für den besten Künstler stiftet. Das wollten wir aber nicht, weil wir nie Preise verliehen haben. Die Künstler kommen nicht deswegen nach Luxemburg.
"forum": Was erhaltet ihr vom Kulturministerium.
Jean Fetz: Das zahlt uns seit Jahren einen Zuschuß von 70 000 Franken. Seit fünf Jahren gibt es von der Seite keine Probleme. Aber diesmal können wir nicht bis zur Vernissage warten, um dann den PolitikerInnen wieder die Hand zu schütteln. Kulturträger müssen bei der Vermietung des Theaters anders behandelt werden als Firmen, die dort ein Bankett oder einen Tanzabend veranstalten.
"forum": Besten Dank für das Gespräch.
Das Gespräch wurde am 7.6.1994 aufgezeichnet.
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