Nicht im Gleichschritt mit Rom
Konflikt um Bischof Jacques Gaillot (aus: Publik-Forum 16, August 1994)
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Konflikt um Bischof Jacques Gaillot
Nicht im Gleichschritt mit Rom
Die Insassen des Gefängnisses von Val-de-Reuil hätten ihn dringend gebeten, Bischof zu bleiben, erzählt Jacques Gaillot: "Sie haben auch meinen Auftritt in umstrittenen TV-Sendungen, etwa im freizügigen ‚Frou-Frou‘, gesehen und gesagt: Sie hatten recht mitzumachen, denn dort konnten Sie auch unsere Sache vertreten." So ist er, der Bischof von Evreux: Während sich die Glaubenswächter um die Rechtmäßigkeit seiner Worte kümmern und vor und hinter den Kulissen seinen Rücktritt fordern, läßt sich Jacques Gaillot von Gefängnisinsassen ermuntern weiterzumachen. Er kennt sie gut: Bevor er sonntags in der Kathedrale die Messe feiert, ist er bei ihnen oder bei Obdachlosen und Flüchtlingen. Mit Abbé Pierre ist er dabei, wenn Obdachlose in Paris Häuser besetzen.
"Option für die Armen" ist für Gaillot nicht nur theologisches Prinzip, sondern gelebte Wirklichkeit. Die Armen optieren ihrerseits für ihren Bischof, und nicht nur sie: 30 000 Briefe und Postkarten hat Gaillot von Mitte Juni bis Anfang August erhalten. Bis auf 15 Schreiben sind alle Briefe ermunternd, positiv, herzlich. Die Zeitschrift "Jesus-Jonas" hat die Korrespondenz ausgewertet: "Lieber Jacques" reden ihn Gefangene, Ausländer und Obdachlose an; auch Atheisten, Freimaurer, Homosexuelle, Arbeitslose, Aidskranke schreiben ihm und wollen ihre Verbundenheit ausdrücken. Auch "normale" Gemeinde-Mitglieder schicken Unterschriftenlisten: Mehr als tausend Priester haben sich mit Gaillot solidarisiert.
Allerdings konnte sich noch kein einziger Bischof aufraffen, freundliche Worte für den Kollegen in Evreux zu Papier zu bringen: Dem in der römischen Kirche üblichen Zwang zur Einheitlichkeit beugen sich die Männer, die sich Hirten nennen. So klatschten sie Beifall, als der Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz während der Vollversammlung Gaillot scharf kritisierte. Die Oberhirten haben sich offenbar entschieden, diesmal nicht ein Schaf, sondern einen Hirten in die Wüste zu schicken. Da muß sich der von seinen bischöflichen Amtsbrüdern gemiedene Jacques Gaillot damit trösten, daß ihm einige hundert Katholiken aus allen Teilen der Welt mit freundlichen Briefen unterstützen. Gaillots Bücher sind in viele Sprachen übersetzt; nicht zu Unrecht spricht der Bischof von Evreux von seiner "unsichtbaren Diözese" mit vielen tausend Christen und Nichtchristen. Sie bangen jetzt um "ihren" Bischof.
Die Angst, einen der profiliertesten Vertreter der Kirchenreform zu verlieren, ist berechtigt. Denn der
Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Joseph Duval von Rouen, hatte Mitte April in einem an alle französischen Bischöfe gerichteten Brief Gaillot aufgefordert, so zu reden und zu handeln, wie es alle anderen Bischöfe auch tun, eben uniform, im Gleichschritt mit Rom. Duval hatte Gaillot zwar brüderlich mit Du angesprochen, aber scharf Gaillots Verhalten kritisiert: "Es ist nicht länger zu tolerieren." Das Wort von einem "Administrator" für die Diözese Evreux wurde lanciert, der solle den Bischof "in Obhut" nehmen.
Was hat Gaillot getan? Die Liste seiner "Vergehen" ist lang. Zum Beispiel hat er im französisch-deutschen TV-Kanal "Arte" Verständnis für die Anliegen Eugen Drewermanns bekundet – ausgerechnet an dem Tag, als sich die Bischofskonferenz in Paris versammelte! Die Bischöfe von Straßburg und Metz haben Gaillot daraufhin Redeverbot in Elsaß-Lothringen erteilt – "Arte" sendet von Straßburg aus. Das neue kirchliche Gesetzbuch gestattet den Ortsbischöfen, unerwünschten Kollegen Auftrittsverbot zu erteilen. Gaillot nannte dieses Redeverbot – öffentlich – eine Attacke auf die Menschenrechte! Er hat seine Kritik am autoritären Verhalten kirchlicher Obrigkeiten nie hinter vorgehaltener Hand im kleinen Kreis geäußert, sondern stets öffentlich und in den Medien.
Seit zwölf Jahren ist er Bischof, seitdem nimmt er sich die Freiheit, laut und deutlich "ich" zu sagen, seine Meinung kundzutun. Gaillot nennt Fehlentwicklungen beim Namen: Die Zölibatsgesetzgebung
in: Publik-Forum
Solidarität mit Gaillot
Über 30 000 Franzosen und Christen aus dem Ausland versicherten Bischof Jacques Gaillot ihre Solidarität. Jacques Gaillots Adresse lautet: Boulevard Jules-Janin 4b, F-27001 Evreux, Tel. 0033/32330695.
Umfangreich berichtet eine Sonderausgabe (in französischer Sprache) der kritisch-christlichen Vierteljahresschrift Golias über den "Fall Gaillot". Kontakt: Golias, B.P. 4034, F-69615 Villeurbanne, Tel. 0033/78039816, Fax 78844203.
Wer sich für die Korrespondenz Gaillots interessiert, sollte das Sonderheft der französischen Zeitschrift "Jesus-Jonas" lesen. Kontakt: Presbytère, F- 27240 Damville
sorge dafür, daß die Pfarrgemeinden aussterben. Der Priestermangel hat in Frankreich verheerende Auswirkungen: Jugendliche lassen sich eben nicht von überarbeiteten, alten Dorfpfarrern ansprechen; nach neuesten Umfragen nennen sich nur noch 64 Prozent der Franzosen katholisch; vor zwölf Jahren waren es noch 84 Prozent. "Am Niedergang der Kirche ist auch die römische Gesetzgebung schuld", sagt Gaillot und fordert die Zulassung von Frauen zu den kirchlichen Ämtern. Er kritisiert, daß sich die Kirche heute weithin mit sich selbst beschäftigt und nicht sieht, daß auch in der Gesellschaft Gottes Geist lebt, etwa in den vielen Menschenrechtsgruppen.
Gaillot besitzt das Format eines Reformators: Ihm liegt daran, eine dem 20. Jahrhundert entsprechende Gestalt der katholischen Kirche aufzubauen. In einer zeitgemäßen und gleichzeitig evangeliumstreuen Kirche muß die freie Diskussion aller Themen eine entscheidende Rolle spielen. "Die römische Kirche muß Anschluß finden an die demokratische Kultur der Moderne. Sie muß darum Mut zur Pluralität entwickeln, auch innerhalb der Bischofskonferenz muß es Vielfalt geben." Das macht die Größe der vielen Vorschläge Gaillots aus: die Suche nach einer "demokratischen" Kirche.
Nicht nur den Bischöfen ist dieser Kirchenreformer aus Evreux ein Dorn im Auge: Rechte und politisch konservative Kreise trommeln gegen ihn. Politiker, die die Pressefreiheit einschränken wollen, gehen ge-
gen Gaillot vor, der es wagt, für die uneingeschränkte Meinungsfreiheit einzutreten. In der Diskussion über neue Formen menschlichen Zusammenlebens wagte es Gaillot, die Familie als eine "relative Form" menschlichen Miteinanders zu bezeichnen. Die kritisch-christliche Zeitschrift Golias wies nach, daß die stockkonservativen Familienbewegungen Druck auf den Vorsitzenden der Bischofskonferenz ausüben. Am 10. März schrieb einer der obersten Moralapostel, Monsieur Perrier-Daville, einen vertraulichen Brief an die Bischofskonferenz. Wenige Tage später wurde Gaillot von Erzbischof Duval gerügt. So schnell geht das.
Frankreichs Innenminister Charles Pasqua ist höchst erregt über den Bischof von Evreux, weil dieser es wagt, in einem Buch und in vielen Stellungnahmen die rigide ausländerfeindliche Politik der französischen Regierung "unmenschlich, egoistisch, skandalös" zu nennen. Auf einen Gerichtsprozeß gegen Gaillot will sich Pasqua nicht einlassen; das wäre zu spektakulär, wenn der auch für Kirchenfragen zuständige Innenminister einen Bischof vors Gericht bringt. So wird wohl hinter verschlossenen Kirchentüren der Fall Gaillot verhandelt werden, trotz der in Frankreich so viel beschworenen Trennung von Kirche und Staat.
Der Fall Gaillot ist deswegen so heiß, weil die Bischöfe und auch der Vatikan wissen, daß der Bischof von Evreux eine letzte Integrationsfigur für progressive Katholiken – nicht nur in Frankreich – ist. Dabei ist die Frage, ob Gaillot den enormen Druck der Konservativen auf Dauer aushalten kann und will. In den letzten Wochen deutete er an, daß er in absehbarer Zeit auf sein Bischofsamt verzichten möchte; er will sich ganz um die Menschen am Rande der Gesellschaft kümmern. Die ewigen Debatten über die Kirchenreform machen müde, wenn man nicht einen Millimeter Fortschritt sieht.
Christian Modehn
in: Publik-Forum Nr. 16, 26. August 1994
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