Neue Ziele und Methoden für den Deutschunterricht

Die AL-Klassen im Lycée Technique du Centre

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Konzept

Seit geraumer Zeit werden in Luxemburg Sprachkurse für Erwachsene angeboten, seit der Gründung des "Centre de Langues" sogar als Intensiv-Tages-Kurse. Kinder und Jugendliche wurden bis etwa 1985 in dieser Problematik kaum wahrgenommen. Sie wurden in "classes d’accueil" aufgefangen, wo die Erfolgsquote vom guten Willen und vom Einsatz, aber auch von den strukturellen Möglichkeiten des Lehrbeauftragten abhing. Diese Klassen waren alles andere als einheitlich und verlangten eine derart vorangetriebene innere Differenzierung, daß sie sich selbst ad absurdum führten.

Nach dem Absitzen der Schulpflicht erreichten diese Schüler recht oder meistens schlecht höchstens "complémentaire"-Niveau und beendeten ihre schulische Laufbahn mit viel Frust auf Lehrer- und Schülerseite meist ohne Abschluß oder bestenfalls mit CCM.

Aus dieser Unzufriedenheit heraus, aber wohl auch, weil mittlerweile andere gesellschaftliche Schichten in unser Land einwanderten, die sich mit der vorgegebenen "Karriere" ihrer Kinder nicht abfinden mochten, entstanden im "Centre de Langues" Klassen für Jugendliche. Die Ausgangsidee war, ein Se-

Semester lang 30 Stunden pro Woche eine Sprache zu unterrichten, sie im zweiten Semester durch eine weitere zu ergänzen und die Schüler dann in das Luxemburger Schulsystem auf ihrem Niveau zu integrieren.

Dies entpuppte sich aber sehr bald als Illusion. Das Projekt wurde insofern verändert, als man die Idee eines Intensivkurses in einer Sprache übernahm, diese Sprache aber mit "normalen" Schulfächern kombinierte. Da es sich als unglücklich erwies, Kinder in einer Erwachsenenschule zu unterrichten, zogen die Ausländerklassen ins Lycée Technique du Centre um. Die Erlernphase wurde auf drei Jahre erweitert. Konkret sah und sieht dies so aus, daß die Schüler nach bestandenem (normalem) Aufnahmeexamen in Französisch und Mathe im ersten Lehrjahr 15 Stunden Deutsch nach einer intensiven Methode lernen und 15 Stunden das etwas ballastfreiere Schulpensum einer normalen 7. Klasse absolvieren.

Im 2. Lehrjahr ist das Verhältnis 10 : 20 zugunsten der üblichen Fächer einer 8. Klasse, auf der letzten Stufe (9. Klasse) nimmt Deutsch noch 8 Wochenstunden ein. Nach diesen drei Jahren Intensivprogramm sollen die Schüler sprachlich so weit integriert sein, daß sie ohne allzu große Mühe einer beliebigen 10. Klasse im Lehrstoff folgen können.

Methoden

Aufbauend auf deutschen Lehrwerken, die sich im Ausland bewährt haben, bieten wir einen handlungsorientierten und kommunikativ ausgerichteten Unterricht an. Sprache wird nicht als zu paukendes und abzufragendes Gebilde angesehen, sondern als Mittel, sich handelnd in der Welt zurechtzufinden. Die Programme sind audiovisuell gestützt und vermitteln Kenntnisse über Länder, in denen deutsch gesprochen wird, behandeln aber vor allem Themen, die junge Menschen unterschiedlicher Herkunft interessieren können.

Nun darf man aber die spezifische Situation Luxemburgs nicht aus den Augen verlieren. Hier wird nicht Deutsch gesprochen. Aus welcher Motivation heraus sollen also die Ausländerkinder Deutsch lernen? Im alltäglichen Umgang brauchen sie es überhaupt nicht, sie lesen keine deutschsprachige Presse und sehen sich keine deutschen Programme im Fernsehen an. Es liegt auf der Hand, daß sie die deutschen Tretmühle als Schikane ansehen, deren einzige Daseinsberechtigung darin besteht, daß man ohne sie die Schule halt nicht schafft. Das Positive der Mehrsprachigkeit an sich ist schwer einzusehen, wenn einem die deutsche Sprache die berufliche Karriere zu verbauen droht.

Dazu kommt, daß unser Schulsystem zu Recht oder zu Unrecht eines der perfektionistischsten der ganzen Welt ist. In Deutschland, wo die Fremdsprache für Ausländer lebensnotwendig ist, ist man bereit, ihnen Ungenauigkeiten nachzusehen, solange die Verständlichkeit nicht beeinträchtigt wird, in Luxemburg zücken wir den Rotstift bei dem kleinsten sprachlichen Schnitzer. Eine zweite weltweite Ausnahmestellung nimmt unsere Schule darin ein, daß der schriftliche Ausdruck im Vergleich mit dem mündlichen äußerst hoch bewertet wird. Dies bedeutet für die Unterrichtspraxis, daß sehr viel Grammatik und Orthographie vermittelt werden müssen, die brav gelernt, aber nicht internalisiert werden. Im Extremfall schreiben fleißige Schüler hervorragende Grammatikarbeiten, vermögen es aber kaum, sich in einem alltäglichen Kontext verständlich zu machen.

Wenn man bedenkt, daß unsere Absolventen der 9-AL spielend die offizielle Prüfung des Goethe-Instituts "Zertifikat Deutsch" schaffen würden, auf einer 10. Klasse des Luxemburger Systems aber an ihrem fehlerhaften Deutsch zu scheitern drohen, gerät man doch ins Staunen.

Der Lehrer ist daher gezwungen, das rein kommunikative System, das sonst mit Erfolg angewandt wird, an die Luxemburger Gegebenheiten anzupassen und damit den eigentlichen Sinn zu verfälschen.

Erfahrungen

Mehr oder weniger stolz blicken wir jetzt auf eine fünfjährige Praxis zurück. Unsere Versuchskaninchen von 1989 haben alle 16 überlebt, ihnen sind etwa 150 gefolgt, und es ist kein Ende abzusehen. Die besten besuchen mittlerweile den oberen Zyklus des

ECG und der "Préformation Paramédicale", andere trifft man in den neugeschaffenen "Technicien"-Klassen, einige mußten die eine oder andere Klasse wiederholen, wobei nicht immer Deutsch der Schwarze Peter war. CATP-Anwärter gibt es auch, und einige wenige bereiten CITP oder CCM vor. Ein paar hatten Angst, den sprachlichen Anforderungen doch nicht zu genügen und besuchen jetzt ein "lycée" oder "collège" in Arlon oder Thionville. Leider sind auch Abgänge zu verzeichnen. Sehr schwache und unmotivierte Schüler halten dem massiven Druck dieser Klassen dann doch nicht stand. Sie versuchen, hier eine Arbeit zu finden oder reisen in ihr Heimatland zurück, wo sie natürlich bessere Chancen haben.

Die Resultate sind also in etwa denen einer "normalen" Klasse vergleichbar, deren Werdegang man über mehrere Jahre hinaus verfolgt, und doch ist man als Lehrer immer wieder enttäuscht, daß von diesen oft sehr intelligenten, wißbegierigen, lernbegeisterten Schülern nur die wenigen wirklich sprachbegabten ihr eigentliches berufliches Ziel erreichen.

Andererseits muß man natürlich auch anerkennen, daß diese Jugendlichen ohne unsere Kurse überhaupt keine schulische und berufliche Zukunft in unserem Land gehabt hätten und auf diesem Weg unheimlich stark gefördert wurden.

Ausblick

Mancher Luxemburger würde sich wohl wundern, wenn er erführe, daß sein Sprachunterricht im Deutschen mit der 6. Primärschulklasse abgegolten war. In der Sekundarschule beschränkt sich das Fach Deutsch nämlich auf Reflexion über Sprache, Textexegese und Literatur. Ein derartiges System kann logischerweise von einem Ausländer, der im Alter von 10 oder 12 Jahren in unser Land kommt, nicht geknackt werden. Ihm, aber auch seinem Luxemburger Mitschüler, von dem stillschweigend angenommen wird, ab 7e beherrsche er Deutsch wie ein Muttersprachler, wäre mit einer Neubestimmung der Lerninhalte sehr geholfen. Eine klare Definition dessen, wer was wann aktiv und passiv beherrschen sollte, würde endlich eine Auswertung der sprachlichen Fähigkeiten nach objektiveren Kriterien ermöglichen. Die mündlichen Abschlußprüfungen könnten als erster Schritt in diese Richtung verstanden werden, sofern sie nicht wieder ausschließlich mündlich geäußerte schriftliche Vorbereitungen darstellen.

Es ist in der Tat zu ungerecht, daß ein Ausländerkind für ein vergleichbares Resultat so bedeutend viel mehr Einsatz braucht als ein Einheimischer, und das höchstmögliche Ziel ist und bleibt der "bac technique", der Zugang zum "secondaire classique" ist auch dem besten unter ihnen im Normalfall verwehrt. Ist es da nicht verständlich, daß sie nach Arlon oder Thionville flüchten, wo sie ohne Schwierigkeiten ihr Diplom einheimen, während ihre Kollegen hier eine schlechte Deutschnote nach der anderen einstecken und sich auch noch in den wissenschaftlichen Fächern mit der ungeliebten Sprache abquälen müssen?

So, wie unser Schulsystem im Moment aussieht, und es stehen keine größere Änderungen ins Haus, darf

Nun darf man aber die spezifische Situation Luxemburgs nicht aus den Augen verlieren. Hier wird nicht Deutsch gesprochen. Aus welcher Motivation heraus sollen also die Ausländerkinder Deutsch lernen?

man den Ausländern keinen Sand in die Augen streuen. Solange wir für die höheren Karrieren auf der nach Luxemburger Kriterien verstandenen – perfekten Dreisprachigkeit bestehen, ist dieses Ziel nur für wenige erreichbar. Der Herzenswunsch der meisten ausländischen Mädchen, Sekretärin oder Bankangestellte zu werden, wird für viele eine Illusion bleiben, sogar wenn sie sich von der Intelligenz und der Persönlichkeitsstruktur her dafür eignen. Andere berufliche Wege, wo neuerdings Sprachen wegen ihrer untergeordneten Rolle gemeinsam bewertet werden oder sogar ab einem bestimmten Niveau abwählbar sind, sind natürlich erheblich leichter zu beschreiten. Weitere Verbesserungen wären denkbar, sind aber ohne finanzielle Hilfe nicht durchzuführen. Die unterschiedlichen Niveaus in einer Klasse könnte man durch Tutorate auffangen. Ein Lehrer könnte die "Guten" ihren Fähigkeiten entsprechend fördern, während die anderen Schüler, ihrem Kenntnisstand entsprechend, in Kleingruppen das Versäumte nachholen oder die noch unsicheren Strukturen festigen könnten.

Denkbar wären auch computergestützte Trainingsprogramme oder ein großzügiger Einsatz von audiovisuellen Medien. Da es in unserem Land keine Möglichkeit gibt, in der neuerlernten Fremdsprache zu kommunizieren, müßte man den oft nicht allzu bemittelten Schülern Auslandsaufenthalte finanzieren, damit sie das Gelernte aktiv und selbständig erproben können.

Wünschen kann man sich als Deutschlehrer von Ausländern nur eine flexiblere Schule, die Sprachen in einem Baukastensystem anbieten und prüfen würde, so daß ein tieferes Niveau in einer Sprache keinen Mißerfolg auf der ganzen Linie mit sich bringen würde. Dann könnte man Schüler motivieren, ihrem Rhythmus gemäß Fortschritte zu machen und eine Fremdsprache als Bonus anzusehen statt als Selektionsfach, das ihnen trotz massiver Anstrengungen den Notendurchschnitt verdirbt und die eigentlichen Berufswünsche platzen läßt.

Aber auch die beste Schule versagt, wenn ein gesamtgesellschaftliches Konzept fehlt. Solange etwa Stellengesuche offiziell "perfekte" Dreisprachigkeit verlangen, in Wirklichkeit aber höchst einsprachige Grenzgänger den fast dreisprachigen oder sogar viersprachigen "Luxemburger Ausländern" vorgezogen werden, sind angehende VerkäuferInnen oder SekretärInnen nicht motiviert, Sprachenunterricht allzu ernstzunehmen.

Wenn Eltern sich nicht bewußt sind, in welche schulischen Schwierigkeiten sie ihre Kinder durch häufigen Wechsel ihres Wohnsitzes bringen und weder der Schule noch den Sprachen eine allzu große Wichtigkeit beimessen, kann man dies wohl kaum von ihren Sprößlingen erwarten.

Sollten wir Luxemburger uns ärgern, daß ausländisches Dienstleistungspersonal nicht das Bischen an gutem Willen aufbringt, uns auf lëtzebuergesch anzureden, so vergessen wir, daß diese unsere Muttersprache die einzige ist, die einem im schulischen Kontext außer vielleicht im Pausenhof zu rein gar nichts verhilft.

Mit unseren AL-Klassen versuchen wir, zur Integration der Ausländer in unserem Land beizutragen. Sie schließen sicherlich eine schulische und gesellschaftliche Lücke. Sie steigern die beruflichen Chancen dieser Jugendlichen ungemein, sie verbessern die Möglichkeit, den ihnen adäquaten Lebensweg zu finden und verhelfen ihnen zu einem sozialen Aufstieg. Sie sind aber kein Allheilmittel für die Ausländerproblematik insgesamt, und wir weigern uns, als Feigenblatt für unzureichende sozialpolitische Maßnahmen benutzt zu werden.

Unsere Klassen leisten das, was sie können, brauchen aber eine gesellschaftliche Akzeptanz auf breiter Basis, um effektive Resultate zu erzielen.

Netty MAAS
Deutschlehrerin am LTC

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