Kann eine Sprache auf dem Kartoffelacker wachsen?
Öber das Verhältnis von Literatur und Sprachpflege am Beispiel des "Lëtzebuergeschen"
Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Das "Lëtzebuergesch", die Sprache der Luxemburger, bleibt für die konservativen Heimathüter das Grundelement der nationalen Identität. Mordicus verteidigen diese Patrioten die These, ohne gezielten Schutz des "Lëtzebuergeschen" drohe bald die gesamte Luxemburger Eigenart zu zerfallen. Ironischerweise haben sie sogar recht. Denn man muß sich fragen, was das Luxemburger Volk, Produkt einer jahrhundertelangen Völkerwanderung und Völkermischung, außer seiner Sprache an Originalität und Authentizität aufweisen könnte. Nichts in diesem Land ist über längere Zeiträume organisch gewachsen: vielmehr haben sich auf diesem Territorium immer wieder die Kulturen ungezählter Einwandererfraktionen miteinander verbunden und untereinander angereichert. Wer demnach von "Luxemburger Eigenart" spricht, kann damit eigentlich nur die multikulturelle Geschichte der Luxemburger meinen. Seit jeher nämlich war das Fremde, das Ausländische, das Assimilierte die konstitutive Basis der Luxemburger Identität.
Das sehen die konservativen Heimathüter allerdings völlig anders. Sie gehen von der Projektion eines sogenannten "echten Luxemburgers" aus. Diese abstrakte Vision einer Rasse von reinen, unverfälschten, stammbaumgestützten Landsleuten wird in jüngster Zeit bedauerlicherweise immer wieder vorgeschoben, wenn es um die Zähmung der widerspenstigen Immigranten geht. Als europaweit die Einführung des Ausländerwahlrechts beschlossen wurde, hat der Luxemburger Staat sich sofort Ausnahmeregelungen ertrotzt. So als sei das kleine Land Luxemburg von einer ungeheueren Ausländerinvasion bedroht, wurden diverse Fallstricke und Fußangeln in das Vertragswerk zum Ausländerwahlrecht eingebaut. Wer hier wählen will, muß über längere Zeit seinen Wohnsitz in Luxemburg nachweisen, das
gleiche gilt für Kandidaten, die sich in Wahllisten einschreiben lassen wollen. Diese Sonderbestimmung enthält eine schlimme Unterstellung an die Adresse der Ausländer in Luxemburg: nämlich, daß sie von sich aus nicht in der Lage seien, politisch zu denken und sozial zu empfinden, sondern erst durch den verlängerten Aufenthalt im Großherzogtum befähigt würden, sich solche Qualitäten anzueignen. De facto ist diese Sonderregelung eine Entmündigung. Denn jeder, der das provinzielle, behäbige und selbstzufriedene Klima im Lande Luxemburg kennt, weiß, daß hier politische Begeisterung und soziale Empfindsamkeit eher abgebaut denn gefördert werden.
Bei diesem lächerlichen Kampf gegen Überfremdung wird auch das "Lëtzebuergesche" als hinterhältige Waffe benutzt. Die konservativen Heimathüter behaupten stur, nur der gelte als integriert und nachweisbar luxemburgisch, der einwandfrei das "Lëtzebuergesch" spricht und aktiv gebraucht. Den echten Luxemburger erkennt man also nicht an einem ganzen Fächer menschlicher Fähigkeiten – zu denen beispielsweise die Arbeitskraft oder der demokratische Umgang mit anderen zählen-, sondern einzig und allein am Nachweis, daß er die syntaktischen und orthographischen Grundregeln des "Lëtzebuergeschen" beherrscht.
Nun ist das "Lëtzebuergesch" mitnichten eine Weltsprache, die einem den Verkehr in der Welt und die Kontaktaufnahme mit anderen Völkern erleichtern könnte. Das Gegenteil ist wahr. Die Sprache der Luxemburger wird nur von rund einer Viertelmillion Menschen verstanden; wer sie gebraucht, sperrt sich also unfreiwillig ein auf sehr engem und beschränktem Raum. Nicht nur ist die kommunikative Potenz dieser Sprache sehr gering, für Ausländer wird sie
Unterschlagen wird, daß das "Lëtzebuergesch" selber nichts weiter ist als ein per Staatsbeschluß zu nationalen Weihen erhobener moselfränkischer Dialekt, streng genommen also die Sprache einer benachbarten Ausländergruppe.
Diese
Sprachsoldaten finden
es allemal
wichtiger, für
das korrekte
Verfassen
einer Glückwunschkarte
oder die
rechte
Übersetzung
von Kirchengebeten in die
Schlacht zu
ziehen, als
sich einzusetzen für das
produktive
Zusammenleben der
Luxemburger
mit ihren
zahllosen
ausländischen
Gästen.
schnell auch zum Instrument der Isolation. Statt vernünftigerweise für eine der europäischen Hauptsprachen als Verständigungsvehikel zu plädieren, setzen die konservativen Heimathüter auf das "Lëtzebuergesch". Somit wird die Sprache der Luxemburger zum Werkzeug der Selektion: nach dem Motto "Wer nicht lernen will, soll draußen bleiben" entpuppt sie sich darüber hinaus sogar als Motor der institutionellen Ausländerfeindlichkeit. Unterschlagen wird zudem, daß das "Lëtzebuergesch" selber nichts weiter ist als ein per Staatsbeschluß zu nationalen Weihen erhobener moselfränkischer Dialekt, streng genommen also die Sprache einer benachbarten Ausländergruppe. Allein diese Dimension macht deutlich, wie grotesk Verrenkungen sein können, die darauf abzielen, partout eine künstliche Identität aus dem Stein zu schlagen.
Anfang 1994 hat ein Zeitungsschreiber im "tageblatt" unter dem Titel "Luxemburger Sprachzentrismus" den übertriebenen Sprachpurismus im Großherzogtum scharf attackiert. Dieser Artikel von Joseph Welter brach im Grunde genommen ein Tabu. Denn in den letzten Jahren gewannen eher die gestrengen Sprachzuchtmeister Oberwasser. Parallel zu den starken nationalistischen und protektionistischen Strömungen in Westeuropa wurde auch in Luxemburg eine einseitige Debatte über Identität geführt. Dabei wurde der Begriff "Identität" regelmäßig reduziert auf die Kapazität, "Lëtzebuergesch" zu reden. Dadurch gewannen jene Sprachverteidiger Auftrieb, denen leider nicht nur an der Reinheit des lokalen Idioms gelegen ist, sondern viel mehr noch an der Verbreitung reaktionären Gedankenguts, das ins "Lëtzebuergesch" verpackt anscheinend am attraktivsten einherkommt.
Genau diesen wunden Punkt griff der Artikel von Joseph Welter auf: Es geht nicht allein um Linguistik und Sprachvermittlung, sondern in erster Linie um gesellschaftspolitische Inhalte. Die forcierte Wiedereinführung eines antiquierten "Lëtzebuergesch", das nur noch als Sprachhülse existiert und keiner sozialen und wirtschaftlichen Wirklichkeit mehr entspricht, steht für eine im wesentlichen rückwärtsgewandte und egozentrische Auffassung von der Luxemburger Gemeinschaft. Der linguistischen Ordnung und Sauberkeit entspricht die stramm konservative Ausrichtung des Denkens und Argumentierens. Der militante Sprachschutzverein "Aktioun Lëtzebuergesch" beispielsweise hat zur Gesellschaft im heutigen Luxemburg fast gar nichts mitzuteilen. Statt dessen versteift er sich darauf, immer neue Facetten längst vergangener Zeiten zu beleuchten, verstorbene Heimatdichter auszugraben und auszustopfen, klerikales und monarchistisches Brimborium zu verzapfen und den Rest der Welt überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen. In diesem aufdringlichen Verein macht sich eine ungesunde Nostalgie breit, die der verstaubten Historie mehr Aufmerksamkeit widmet als den wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten im aktuellen Großherzogtum. Diese Sprachsoldaten finden es allemal wichtiger, für das korrekte Verfassen einer Glückwunschkarte oder die rechte Übersetzung von Kirchengebeten in die Schlacht zu ziehen, als sich einzusetzen für das produktive Zusammenleben der Luxemburger mit ihren zahllosen
ausländischen Gästen. Insofern ist das auffällige Bemühen um sprachliches Nationalbewußtsein nur Tarnung. Hinter dieser peinlichen Sprachbesessenheit verbirgt sich ein Häuflein von Selbstgerechten die ganz einfach dem Wahn der ethnischen Unantastbarkeit verfallen sind.
Schon nach wenigen Tagen wurden zu Joseph Welters Zeitungsartikel die ersten Leserbriefe veröffentlicht. Sie stammten von Lesern, die unisono ihrem Unmut über die pingelige, autoritäre Art Luft machten, mit der ein paar selbsternannte Sprachpäpste die Einheimischen maßregeln möchten. Interessant am aufkeimenden Streit war, daß endlich jene zu Wort kamen, die bislang den Sprachwahn der konservativen Heimathüter eher als Kuriosität am Rande verstanden. Jetzt, unter veränderten Vorzeichen, zu denen auch die zunehmende Ausländerableitung zählt, ist die Auseinandersetzung mit den Sprachzuchtmeistern dringender geworden. Die Heiligsprechung einer Nationalsprache gehört nämlich unverkennbar zu den bedenklichen Nährstoffen des ausufernden Nationalismus. Der publizistische Konflikt, der sich anbahnte, war nur auf den ersten Blick eine sprachliche Angelegenheit. Tatsächlich stehen sich hier zwei unvereinbare Weltanschauungen gegenüber: hier die weltoffene Werbung für die Gleichberechtigung aller Volksgruppen, dort das bornierte Beharren auf tradierten Werten und Privilegien. Leider wurde im ersten Eifer des Gefechts gleich im Ansatz das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und dem "Lëtzebuergeschen" zum Teil die bare Existenzberechtigung abgesprochen. Diese snobistische Einstellung ignoriert zum Beispiel, daß das "Lëtzebuergesch" als neue, unverbrauchte Literatursprache auch neue Inhalte transportiert, die nichts gemeinsam haben mit sprachpflegerischer Abschottung.
Die Reaktion (im doppelten Wortsinn) ließ nicht lange auf sich warten. In einem unflätigen, rabiaten Tonfall erklärte der Präsident des militanten Sprachschutzvereins "Aktioun Lëtzebuergesch" per Zeitungsinserat die Sprachkritiker zu "Krippenbeisern, Hungerleidern und Provinzelwuns". Dabei hatten nur ein paar aufmerksame Menschen, die etwa von berufswegen in der Schule mit sprachlichen Problemen zu tun haben, die Frage aufgeworfen, ob es sinnvoll sei, in Zukunft weiterhin über den Weg einer übertriebenen Sprachpflege das "Lëtzebuergesch" vor dem zunehmenden Druck größerer Kommunikationssprachen wie Englisch, Deutsch oder Französisch abzuschirmen?
Wer aber öffentlich eine solche Frage stellt, dem dichten die rechtslastigen Heimatschützer der "Aktioun Lëtzebuergesch" die wüstesten Absichten und Hintergedanken an. So war sich der "Aktioun Lëtzebuergesch"-Präsident nicht zu schade, gleich das Gespenst des wiedererwachten Nationalsozialismus an die Wand zu malen und die Handvoll Sprachkritiker mit der Sprachenpolitik des damaligen Gauleiters zu identifizieren. Pathetisch rief er die Widerstandsorganisationen und die Zwangsrekrutierten dazu auf, wider die Sprachkritiker das patriotische Flammenschwert zu schwingen. Sein Appell hatte Erfolg. Bald schon meldeten sich in den Zeitungsspalten die ersten Kriegsteilnehmern, um ein typisch luxemburgi-
Carlo Schmitz
sches Kunststück vorzuführen: die Reduktion aller Problemkomplexe zum Thema Sprache und Identität auf die Leidensgeschichte der Luxemburger im Zweiten Weltkrieg.
An diesem Punkt wird die Diskussion tragisch und grotesk zugleich. Denn die unaufhörliche, seit nunmehr 50 Jahren praktizierte Projektion aller Heimatfragen auf die Ereignisse während der Nazi-Invasion ist in mehrfacher Hinsicht untauglich. Zum einen wurden seit 1945 weltweit Hunderte von neuen, schrecklichen Kriegen ausgefochten, zu denen die patriotische Elite Luxemburgs nie ein Wort der Entrüstung zu vermelden hatte. Bezeichnenderweise fußen zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen auf überzogenem Nationalismus, also auch auf der sturen Behauptung einer bestimmten Sprache gegenüber allen anderen. Die ethnischen Säuberungen in Ex-Yugoslavien zeigen, bis zu welch makaberer Konsequenz der patriotische Irrsinn getrieben werden kann. Zum anderen hat sich die Gesellschaft in Luxemburg und in den umliegenden Ländern seit Ende des Zweiten Weltkriegs in einer Weise entwickelt, die jeden Vergleich oder jede Rückversetzung unglaublich macht.
Wenn die Verteidigung der Luxemburger Sprache gegenüber den Nazis tatsächlich als Akt der Resistenz und des Selbstbehauptungswillens zu werten ist, so ist die gleiche Einstellung heute, unter den Bedingungen des demokratischen Verkehrs zwischen den Völkern, nur mehr eine verstockte Weigerung, sich auf die Notwendigkeit einer grenzüberschreitenden Kommunikation einzulassen.
Nichts ist in der Tat lächerlicher als die Bemühung, eine Sprache unbeugsam zu verteidigen, als sei sie etwas "Heiliges", das entsprechend nur im sakralen Rausch zu zelebrieren wäre. Die jetzt in der Polemik auftauchenden Begriffe wie "wir müssen unsere Sprache in Ehren halten" oder "hochhalten" deuten
zudem auf einen ungesunden Animismus hin, der in der Sprache schon fast eine Art Halbgott sieht, dem man unter keinen Umständen mit blasphemischen Einwürfen auf den Pelz rücken darf. Was ist denn eine Sprache? Eine Sprache ist ein Zeichensystem, nicht mehr und nicht weniger. Sie ist ein Werkzeug, das erst bei Gebrauch seine Tauglichkeit erweist. Also ist eine Sprache von vorneherein auch wertneutral. Wer beispielsweise den Versuch unternimmt, das "Lëtzebuergesch" mit patriotischen und nationalistischen Reminiszenzen zu befrachten, der belastet es, statt es zu fördern. Allein die Tatsache, daß eine bestimmte Gemeinschaft eine eigene Sprache hat, sagt noch gar nichts aus über ihre Identität. Erst, was mit dieser Sprache ausgedrückt und verhandelt wird, läßt Rückschlüsse zu auf Eigenarten und Besonderheiten. Nicht das Instrument, sondern das Produkt bestimmt die Identität.
Das Fatalste, was einer Sprache zustoßen kann, ist, daß sie zur Privatdomäne einer Handvoll Heimatfanatiker verkommt. Das "Lëtzebuergesch" steht genau unter diesem Druck: immer wieder wird feierlich die Deckungsgleichheit von Sprache und erzkonservativer Weltanschauung beschworen, immer wieder versuchen Heimatümler, das "Lëtzebuergesch" als ihre eigene, kodifizierte Spielwiese zu verkaufen. An dieser Hypothek wird die Luxemburger Sprache voraussichtlich zugrundegehen, wenn nicht die Verfilzung von Sprache und Patriotismus aufgebrochen und eine neue Chance für ein weltzugewandtes, problembewußtes, bürgernahes "Lëtzebuergesch" erschlossen wird.
In den frühen siebziger Jahren begannen ein paar Luxemburger Schriftsteller, systematisch "Lëtzebuergesch" bei ihrer literarischen Arbeit zu gebrauchen. Dies war insofern ein Novum, als das Literatur-Luxemburgisch bis dato als eine besonders penetrante Variante des exzessiven Lokalenthusiasmus galt. Diese neuen literarischen Versuche mit dem "lëtzebuergeschen" Sprachmaterial zeichneten sich vor allem durch neue inhaltliche Akzente und Schwerpunkte aus. Nationalstolz, Patriotismus, monarchistische Besessenheit, Muttergotteskult waren nicht nur keine Themen mehr, sondern wurden ironisch als antiquierte Gesellschaftsmuster enttarnt. Heute ist es angebracht, einmal mit aller Deutlichkeit zu betonen, daß diese "lëtzebuergesch" schreibenden Autoren mit den Zielsetzungen der etablierten Sprachschützer und Heimatkommissare absolut nichts am Hut hat-
ten. Ihre Wahl war einzig eine künstlerische und emotionale. Künstlerisch, weil das "Lëtzebuergesch" als unverbrauchte Literatursprache zahlreiche kreative Möglichkeiten bot, emotional, weil die sogenannte "Muttersprache", also die von der Wiege auf gehörte und erlernte Sprache, gefühlsmäßig die Leser am stärksten trifft und betrifft. Die Option, "lëtzebuergesch" zu schreiben, war also nie eine patriotische, sondern in jeder Hinsicht eine kommunikative.
Natürlich wurde versucht, diese Schreiber zu vereinnahmen und vor den Karren der reaktionären Sprachschützer zu spannen. Als das demonstrative Liebäugeln nichts fruchtete, nahmen die Sprachzuchtmeister bald wieder ihren Rohrstock zur Hand. Es dauerte nicht lange und die selbsternannten Sprachwärter begannen, an den unbotmäßigen Autoren herumzumäkeln. In einem von patriotischer Unterwürfigkeit strotzenden Referat wollte beispielsweise der Direktor der Luxemburger Nationalbibliothek einigen Autoren, die das "Lëtzebuergesch" lautmalerisch weiterentwickelten und mit Sprachspielereien durchsetzten, der "pubertären Übertreibung" bezichtigen. Eigentlich bedürfte der freie, schöpferische Umgang mit vorhandenem Sprachmaterial keiner Rechtfertigung. Aber schon ist es wieder so weit gekommen, daß man bei den gestrengen Zuchtmeistern das Recht auf kreative Autonomie beim Gebrauch des "Lëtzebuergeschen" einklagen muß. Wer die Sprache nicht mit Punkt und Komma todernst nimmt, wer sich nicht den orthographischen Imperativen bedingungslos fügt und das Luxemburger Wörterbuch als bibelähnliche Hausordnung verschmäht, dem wird mit dem professoralen Rotstift am literarischen Output herumgefuhrwerkt. In allen parteiischen Lagern, ob rechts, ob links, feiern die Fehlerfahnder, die syntaktischen Erbsenzähler fröhliche Urständ. Besonders dort, wo Autoren selbstbewußt orthographische Wi-
Widersprüchlichkeiten aus dem Wörterbuch durch eigene, neue Kreationen ersetzen, wird ihnen gern und oft die offizielle Sprachregelung um die Ohren geschlagen.
Die Heimattümler sind dabei, aus der Sprache, dem Rohmaterial des Spielerischen und der fröhlichen Lust am Experimentieren, wieder ein Mittel der Strafe und der Einschüchterung zu schmieden: Wer nicht überaus korrekt und brav die grammatikalischen Regeln reproduziert, der gerät neuerdings wieder in den Verdacht der linguistischen Fahnenflucht. Federführend bei der Zähmung der widerspenstigen Autoren sind einmal mehr die Sprachschutzstaffeln der "Aktioun Lëtzebuergesch". Einige dieser Zeitungsrezensionen schreibenden Herren bringen es fertig, mit ihren bierernsten Oberlehrerallüren die subversive Ironie literarischer Texte glatt zu übersehen und den Autoren bewußte Veräppelungen quasi als unverzeihliche Vergehen an der Sprache anzukreiden.
Dieser fast mit polizeilicher Akribie betriebenen Sprachüberwachung liegt ein völlig statisches Weltbild zugrunde. Die Manie, eine Sprache bis zum Gehtnichtmehr zu konservieren, verkennt den ständigen Fluß der Geschichte und der gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie verfällt ganz einfach der Illusion, eine Sprache sei etwas Unveränderliches, praktisch Ewiges, wenn man ihr nur eine kräftige, wenn nötig brutale Pflege angedeihen läßt. Tatsächlich geschieht weltweit das Gegenteil: Es existieren Tausende von Sprachen, sie entstehen und vergehen, wenn sie nicht länger in Einklang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen sind. Insofern ist auch das Verschwinden des "Lëtzebuergeschen" keine Frage des mangelnden Respekts, sondern ganz einfach der fortschreitenden Gesellschaftsentwicklung.
Guy Rewenig
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!