Abstinenz, die Crux jeder liberalen Drogenpolitik

aus: Kommune 3, 1995

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Da nun die Drogenpolitik ein abgenagter Zankapfel ist, treten die Diskrepanzen der verschiedenen politischen Marschrouten schärfer zu Tage. Während man im Süden der Bundesrepublik wegen ein paar Gramm Hasch im Hosensack mit Gefängnisstrafe rechnen muß, kann im Norden der Weinkeller getrost mit einigen Kilos ergänzt werden. Manche schmunzeln zufrieden über den Vorstoß des Lübecker Landgerichts, andere halten ihn schlichtweg für Wahnsinn. Urteile, die lediglich Ausdruck einer Modifizierung des drogenpolitischen Wissensstandes sind, können freilich immer noch in der Revision gekippt werden.

Schuld an dieser beklagenswert langsamen Erneuerung drogenpolitischer Prämissen ist unter anderem das Abstinenz-Gebot. Zu ihm bekennen sich nicht nur die konservativen Hardliner, sondern auch ihre politischen Gegner. Man wünscht zwar die kontrollierte Vergabe von Heroin oder die Freigabe weicher Drogen, stimmt aber gleichzeitig darin überein, daß Abstinenz allemal der beste Umgang mit Drogen sei.

So bildet sich jener Widerspruch zwischen politischem Ziel und hehrem Ideal, der den liberaleren Umgang mit Drogen in sich zweifelhaft macht. Schließlich ist schwer zu vermitteln, warum plötzlich sein darf, was nicht sein soll.

Daß sich bisher niemand traut, öffentlich von der Abstinenzethik zurückzutreten, sie als erzieherische Maxime fallen zu lassen, scheint auf den ersten Blick völlig klar. Drogen sind gefährlich und machen süchtig, man mißtraut ihrer nicht kontrollierbaren Wirkung, fürchtet sich vor einem Genuß, der doch nur eingebildet ist. "Der fatale Irrtum des Berauschten besteht darin, seine Illusion für bare Wirklichkeit zu halten," formulierte Roman Leik einst auf dem Hamburger Anti-Drogen-Kongreß.

Man kann jedoch auch ein anderes Bild gewinnen. Bereits Hippokrates sagte: "Die Dosis ist das Gift." Fatal wäre die Wirkung demnach nur dann, wenn der Gebraucher nicht über die Gefahren der Drogen und ihre Handhabung aufgeklärt ist. Kennt er dagegen die psychologischen und toxischen Eigenschaften der Droge, auch in ihren spezifischen Wechselwirkungen mit seiner Person, kann er das Risiko weitgehend kontrollieren. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, bestimmt nicht die Droge, sondern die Kompetenz des Drogengebrauchers das Risiko, Eine Parallele zum Autofahren drängt sich geradezu auf. Obendrein ist auch der angeblich "eingebildete" Genuß nicht weniger "real" als irgendeine andere Freude im Leben. Es fehlt nur der Erfolg, der im gewöhnlichen Leben dem Glück vorangeht. In ihm eine Vorraus-

setzung für legitime Glücksgefühle zu sehen wäre falsch. Schließlich ist es eine besondere Qualität des Rausches, wie übrigens auch des Spiels, frei von Lebensernst und Erfolgszwang Spaß zu stiften.

Insofern scheint es, als sei ein abstinentes Leben weder prinzipiell "gesünder" noch "besser", wie allenthalben behauptet wird, Vielmehr zeigt sich, daß Abstinenz zwar ein angesehenes und tugendhaftes, aber zugleich höchst irrationales Verhalten ist. Eine These, die durch einen Blick auf die soziokulturelle Entwicklung abstinenter Lebensstile untermauert werden kann.

Schon in der antiken Aristokratie hatte Abstinenz (urspr. Bed.: sich fernhalten) den Ruf, einen guten Einfluß auf das Leben auszuüben, es bis ins Göttliche zu verlängern. Der körperlichen und seelischen Reinheit und Selbsterhöhung wegen hielt sich der Philosoph vom Dämonischen fern, das, nach allgemeiner Annahme, mit "Vorliebe" in den Speisen hauste. Noch heute glauben viele Menschen, daß in den Drogen eine Krankheit oder Sucht (der Dämon) enthalten wäre, die mit dem Konsum einverleibt würde. Im Christentum wurde Abstinenz wirklich bedeutsam. Man glaubte, daß sich durch Abstinenz die Chancen, ins Paradies zu kommen, erheblich verbessern ließen. Ein abstinent lebender Mensch galt als ein gottgefälliger und guter Mensch, der auf ein langes Leben und den göttlichen Segen hoffen konnte. Neben dem alten Zweck, das Böse fernzuhalten, diente Abstinenz nun auch der Buße und Versöhnung. Die breite, fast antibiotische Wirkung, die man sich vom abstinenten Leben versprach, wird durch die Rolle der Askese unterstrichen. Großes Vorbild war dabei der tugendhaft, rein und in Armut lebende Mönch, der seine Leidenschaften und Begierden überwand. Im Zuge dessen wurde Abstinenz ein anerkanntes Ritual zur Beeinflussung des eigenen Schicksals.

Auch in der Neuzeit bleibt Abstinenz Teil des gottgefälligen, guten und nun auch gesunden Lebens, entfernte sich jedoch mehr und mehr vom asketischen Grundideal. Statt dessen rückt die Enthaltung vom Alkohol, dem immer zahlreichere ethisch oder missionarisch motivierte Leuterungsbewegungen den Krieg erklären, in den Mittelpunkt des moralisch sauberen Lebens. Das ging so weit, daß sich die Kirchen im 19. Jahrhundert bitter darüber beklagten, daß sich Menschen alleine durch Nichttrinken in den Gnadenstand versetzten wollten. "Lieber ein aufrichtiger Sünder als ein Guttempler", konnte man deshalb hören.

Im Kampf gegen eine ubiquitäre "Sünde", wie das Trinken, konnte sich missionarischer Eifer besonders

Historisch gesehen war Abstinenz kein sozialer Reflex auf negative Erfahrungen mit Rausch oder "Drogen-sucht", sondern ein Symbol der weitgehend magisch bestimmten Auseinandersetzung mit dem Tod.

leicht profilieren. Mit dem lutherischen Wort vom "Saufteufel" wurde der Mensch nicht nur von der Kanzel herab gegeißelt, sondern man aktivierte blitzartig und zielsicher das schlechte Gewissen des "Sünders", jagte ihm zusätzlich Angst ein und spielte sich dann als Retter auf. Weder mit dem Teufel noch mit dem Schnaps kann man selbstverantwortlich umgehen, das war die geistige Grundlage der Predigt. Der Missionierende erkannte dabei nicht, daß er den Menschen entmündigte und ihm Verantwortungsbewußtsein wegnahm.

Die Durchsetzung dieser Strategie, die man heute "Generalprävention" nennen würde, forderte natürlich ihren Preis. Als Schutz vor "Sucht" und "Illusion" blieb alleine die Angst übrig. Ein höchst zweifelhafter Schild, der aber noch heute Drogenpolitik dominiert.

Für die Umorientierung des Abstinenz-Gebots, von Restriktionen der Speisewahl und des Sexuallebens hin zur Ächtung von Alkohol und illegalen Drogen, war die Stigmatisierung des Rausches ausschlaggebend. Sie hat im Christentum eine lange Tradition. Während der Rausch – beispielsweise bei den Griechen – bei allen Appellen maßzuhalten meist etwas Göttliches beinhaltete, galt er dem Christentum stets als Tempel des Heidentums.

Angesichts dieses Hintergrunds erscheint die Brandmarkung des Rausches, wie wir sie noch heute antreffen, in einem anderen Licht. Die Ächtung geht mehr auf die Sicherung von Herrschaftsinteressen als auf den Schutz der Bevölkerung zurück. Demgegenüber soll das abstinente Leben automatisch einen positiven Selbsteindruck bescheren. Seine Idealisierung schmiedet bis in unsere säkularisierte Leistungsgesellschaft zwischen Gesundheit, Erfolg und Abstinenz eine starke Assoziation. Tief innen ahnt man, daß nur abstinentes Leben rechtes Leben sein kann.

Historisch gesehen war Abstinenz kein sozialer Reflex auf negative Erfahrungen mit Rausch oder "Drogensucht", sondern ein Symbol der weitgehend magisch bestimmten Auseinandersetzung mit dem Tod. Infolgedessen war es eine Sache der Glaubenssysteme, Wertvorstellungen, Machtstrukturen und gesellschaftlichen Rationalisierungen, welches Objekt Ziel der Enthaltsamkeit sein sollte und wie Abstinenz interpretiert wurde. Bis heute bleibt es letztendlich eine Definitionsfrage, welcher Substanz oder Handlung man sich enthalten soll, um auf ein besseres Leben zu hoffen oder das Attribut eines besseren Lebens zu besitzen.

So verlagerte sich mit dem Ende der großen Prohibitionsbewegungen und der sittlichen Integrierung des Alkoholgenusses das Objekt abstinenter Lebensstile auf Marihuana, LSD und ähnliches. Plötzlich wurden Substanzen geächtet, die bis dahin sozial zwar kaum in Erscheinung getreten waren, geschweige denn ein Problem darstellten, sich aber als Sündenböcke für alte Ressentiments und Ängste bestens eigneten. Das Feindbild wechselte, die soziokulturelle Begründung wurde konserviert.

Guy Didier in: Journal

Der "lebensverlängernde" Charakter der Abstinenz wurde so über Jahrhunderte fast unverändert gepriesen. War es früher eine Minderheit, die sich vom asketischen Leben eine magische Wirkung versprach, ist es heute die Masse, die einen günstigeren Schicksalsverlauf erwartet, gesetzt, sie hält sich von illegalen Drogen fern. Wer kein Hasch raucht, handelt per se richtig, lebt gewiß gesünder und bekommt bestimmt seinen verdienten Lohn. Man ist stolz darauf, abstinent und damit überlegen zu sein.

Alles deutet darauf hin, daß Abstinenz eine von Menschen generierte Kulturscheinung von zweifelhaftem Sinn ist. Auch das Mißtrauen dem Rausch gegenüber ist weniger Ergebnis schlechter Erfahrung, als vielmehr einer langanhaltenden Verleumdung, die sich im Prozeß der Zivilisation niedergeschlagen hat. Die wenig ausgeprägte Kompetenz gegenüber den Suchtgefahren läßt sich in diesem Kontext erfassen.

Der moderne Begriff der Abstinenz, in seinem Zuschnitt auf Drogen, stiftet zwar einen positiven Selbsteindruck, erzeugt das Gefühl, etwas geleistet zu haben, doch wirkt der Bruch des in Fleisch und Blut übergegangenen Abstinenzgebotes dann wie ein Frevel. Der "Übeltäter" bekommt ein schlechtes Gewissen, wird sozial isoliert und konsumiert zur Besäntigung seines gesteigerten Unwohlseins wiederum Drogen.

Statt auf das Abstinenzgebot sollte auf ein anderes altes Gebot gesetzt werden: das Maßhalten. Es ist die dem selbstverantwortlichen Individuum angemessene Verhaltensform. Sie verlangt jedoch eine Kenntnis von sich selbst und vom Gegenstand, die frei erworben werden muß. Nur auf dieser Grundlage läßt sich eine Kompetenz herstellen, die in anderen Bereichen unserer Gesellschaft nicht nur üblich, sondern auch nötig ist, um ganz andere Dinge im Griff zu behalten.

übernommen aus: Kommune 3/1995

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