Die unheilige Allianz des Rattenvertilgers mit dem Kabarettzensor
oder: Wie mitten im Kulturjahr '95 ein Stadtschöffe und ein Erzbischof der künstlerischen Freiheit den Garaus machen möchten
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Oder: Wie mitten im Kulturjahr ’95 ein Stadtschöffe und ein Erzbischof der künstlerischen Freiheit den Garaus machen möchten
Anfangs verdiente der Mann nur ein homerisches Gelächter. Seine öffentlichen Aussagen über Kunst, vor versammeltem Gemeinderat verzapft (cf. Zitate im Kasten), verweisen auf eine horrende Begriffsstutzigkeit. Er verfährt offenbar nach der Methode: Ich bin der Herr im Hause, ich kann mir jeden Stuss leisten. Er verkörpert den typischen Kleinstadtpolitiker. Vom Wähler mit einem Mandat ausgestattet, glaubt er sich sofort und umfassend in allen Bereichen kompetent. Mit der Kultur springt er um wie die allermeisten Politiker. Da braucht man nicht genau hinzusehen, da genügen ein paar Allgemeinplätze, da kann man jenseits aller Sachkenntnis schwadronieren. Die sogenannten "Kulturschaffenden" darf man jederzeit ungestraft vor den Kopf schlagen. Sie haben keine Lobby und keine wirtschaftliche Macht. Eine effiziente Gegenwehr ist also nicht zu befürchten.
Der Escher "Kulturschöffe" Ady Jung ist nicht mal ein besonders exotisches Exemplar der Politikergattung. Er artikuliert nur tolpatschig und krass, was seine Kollegen im stillen Kämmerlein über Kultur denken. Eine gute Übung, Einblick in die kulturelle Substanz von Politikern zu gewinnen, ist die Lektüre der Debatten zum Kulturbudget im Parlament. Zum ersten wagen sich nur wenige vors Mikrofon, weil sie sich einbilden, thematisch voll auf der Rolle zu sein. Was dann aber an Reden zustandekommt, hat mit Kunst und Kultur meist nichts zu tun, wohl aber mit kulturell getünchter Freizeitüberbrückung, schöngeistigen Hobbies und musischer Vereinsmeierei. Zum zweiten fällt auf, daß den allermeisten Abgeordneten zum Fach Kultur überhaupt nichts in den Sinn kommt. Da versagt plötzlich die rhetorische Grandezza. Kultur steht an allerletzter Stelle im budgetä-
ren Themenkatalog. Sie wird im Eilverfahren abgehandelt. Wer will sich schon lange aufhalten bei einem zwar kostspieligen, aber unproduktiven und elektoral unergiebigen Ressort?
Esch geht nicht unter, wenn das Stadttheater geschlossen wird
Daß die Stadt Luxemburg ein Jahr lang die Rolle einer Kulturmetropole spielen muß, ist ein böser und anstrengender Zufall. Nichts berechtigt sie "organisch" zu einer solchen Hochstapelei. Wie wenig übrigens das vermeintlich glanzvolle Ereignis auf eingebürgerte Mentalitäten und Anschauungen abfärbt, beweisen die "Kunstbekenntnisse" des Escher Schöffen Jung. Mitten im hehren Kulturjahr gibt da einer Ansichten von sich, die in ihrer Grobschlächtigkeit und Verächtlichkeit unmittelbar an die nationalsozialistischen Thesen über entartete Kunst erinnern.
Zu Beginn waren diese elenden Attacken wirklich nur zum Lachen. Dann aber erhob sich Protest, es kam zu einer kontroversen Debatte im Gemeinderat, und nun blieb den Kulturschaffenden endgültig das Lachen im Halse stecken. Der Schöffe Jung, statt sich für seine Verleumdungen zu entschuldigen, stieg aufs hohe Ross und bekräftigte coram publico seine Auslassungen. Die Gemeinderätin und Europaabgeordnete Viviane Reding gab ihm Schützenhilfe und erklärte, "die große Mehrheit der Escher Bevölkerung teile die Ansichten des Herrn Jung."
Hier hört der schlechte Spaß wirklich auf. Frau Reding hält sich oft und gern in Katalonien auf, um vor Ort für die kulturellen Rechte der Katalanen zu kämpfen. Sie läßt sich in Nordostspanien quasi als Madonna der getretenen katalanischen Kultur feiern. Das ist schön und sehr werbewirksam. Aber in ihrer Heimatstadt Esch ist sie nicht in der Lage, die kulturell interessierte Minderheit in Schutz zu nehmen. Sie mobilisiert vielmehr die "große Mehrheit" gegen das armselige Häuflein der Kulturfanatiker.
Objektiv ist das nichts weiter als berechnete Hetze gegen die Kulturschaffenden. Selbstverständlich sind kulturelle Anliegen immer minoritär. Nirgendwo auf der Welt ist die Kunst konsensfähig. Es widerspricht ganz einfach ihrem Wesen, Mehrheiten anzusprechen. Umso entschlossener muß die Politik den Minderheitenstatus der Kultur absichern. Frau Reding tut das genaue Gegenteil. Sie liebäugelt demonstrativ mit jenen, die noch nie eingesehen haben, warum aus Steuergeldern Theaterkreationen und Bilderausstellungen finanziert werden sollen, wenn die neue Fußgängerzone den ästhetischen Ansprüchen der Mehrheit vollauf genügt. Genauso gut könnte sie fordern: Schließen wir das Stadttheater und schaffen wir dort einen Supermarkt. Ganz sicher würde die große Mehrheit der Escher Bevölkerung ihre Ansichten teilen.
Die Kunstkommentare des Kulturschöffen Jung sind deshalb so kläglich, weil sie ein im hohen Brustton der Überzeugung vorgetragenes Amalgam von Vorurteilen darstellen, die auf mangelnder Aufklärung über die Freiheit der Kunst beruhen. Bewußt wurde die Freiheit der Kunst, ipso facto des Geistes immer wieder von klerikalen Kreisen sabotiert, als Teufelswerk und Obsession Geisteskranker ausgemalt. Herrn Jungs Vokabular reproduziert exakt diese schlimme Tradition, Freiheit mit Exzess gleichzustellen. Die Kunst, als eines der letzten Reservate, wo Freiheit überhaupt noch erprobt werden kann, wird der Hemmungslosigkeit und Sinnlosigkeit bezichtigt. Das populäre Empfinden, daß es gefährlich sei, die eigene Freiheit kreativ und aktiv in die Hand zu nehmen, wird hier brutal bestätigt: Herrn Jungs "Warnungen" sind eine einzige Absage an wesentliche Werte und Orientierungen wie persönliche Autonomie, Gewissensfreiheit, Zivilcourage, Widerstand, Mündigkeit. Herr Jung glorifiziert den unmündigen Banassen. Er plädiert für das Gängelband als verbindliche Masseinheit für Kultur.
Ideologie der Sauberkeit und der Harmonie als Nährboden der Kunst
"Eine saubere Stadt kann nicht mit einem halben Dutzend Strassenfegern erreicht werden, wenn tausende Mitbürger nicht mithelfen, unsere Stadt sauber zu halten" (Ady Jung in der Gemeinderatssitzung vom 16. Januar 1995). Zwar spricht der Schöffe hier über Abfallpolitik und nicht über Kultur, aber die Identität der Aussagen ist verblüffend. Hier wie dort beschreibt er die Gesellschaft als ein durch und durch sauberes Gebilde, ohne Kanten und Ecken, ohne Brü-
che und Konflikte, stets einer allumfassenden Harmonie verschworen, das Kranke, Gefährliche, Kritische, Bedrohliche aussondernd, die Bevölkerung notfalls zu grossräumigen Säuberungen verpflichtend. Tausende Mitbürger sollen mithelfen, die Kultur sauber zu halten. Der Dreck steckt in den Köpfen, wer die Köpfe leert, wer – auch rhetorisch – eine öffentliche Deponie einrichtet für alles Aufmüpfige, Unbotmässige, Freche, Widerspenstige, Ungehorsame, der nähert sich im Marschritt der sauberen Kultur in einer sauberen Stadt.
Die Sauberkeit wird zum Oberbegriff jeder Ästhetik erhoben. Alles muß klar sein, übersichtlich, weder diffus noch schwer verständlich, Auge und Ohr dürfen nicht verletzt werden, sie müssen vielmehr das allgemein Bekannte in allgemein zugänglicher Ausschmückung sofort wiedererkennen, kein Kunstwerk darf an Spannungen und Widersprüche rühren. Hinter diesem Kult der Sauberkeit steht ein Menschenbild, das alles Unsaubere, Unschöne, Unappetitliche ablehnt bis zur völligen Verdrängung. Der Mensch wird zum "guten Wesen" erklärt, die Kunst darf dieses Postulat nicht widerlegen. Immer wieder taucht der Sauberkeitsdiskurs unter wechselnden Formen im konservativen Milieu auf. Zu den "Journées littéraires de Mondorf" schrieb Julien Bestgen im "Luxemburger Wort": "La finalité première de toute activité culturelle ne se doit-elle d’ailleurs pas de se faire d’abord échange, dialogue, approche solidaire du beau et du vrai?" (D’un millénaire à l’autre, 29.4.95). Kunst wird hier offenbar mit der katholischen Liturgie verwechselt. Sie soll zelebrieren, statt zu streiten, sie soll dem Pathos der Gemeinsamkeit dienen, statt das Trennende, Schmerzende, Kriegerische, Destruktive zum unumgänglichen Thema zu erheben.
Wenn der Escher Kulturschöffe von der Kulturfabrik im alten Schlachthof spricht, tauchen sofort die Ratten auf. Er berauscht sich buchstäblich an der Rattenbeschwörung. Wer ihm zuhört, hat den Eindruck, daß die künstlerischen Tätigkeiten im Schlachthof diese Ratten hervorgebracht haben, daß sie aus Gitarren und Bongos gekrochen sind, aus Theaterkulissen und Skulpturateliers, ja, daß der Rattenvirus überhaupt erst eingeschleppt wurde von der unsauberen, unharmonischen, undisziplinierten Fauna, die hier nach Gutdünken und ohne den Kulturschöffen um Erlaubnis zu fragen ihren künstlerischen Gelüsten frönt. Am Ende werden die Kunstschaffenden im Schlachthof selber zu Ratten, und wer dem Kulturschöffen zuhört, hat immer mehr den Eindruck, daß er zwar die Ratten nennt, aber die Kulturschaffenden meint. Der Kulturschöffe vergißt, daß die Ratten (übrigens nicht nur die im Schlachthof, auch die in den Escher Primärschulen) in der Gemeindeverwaltung gezüchtet wurden und nirgendwo anders, weil die Escher Politiker den Schlachthof bewußt und gezielt verkommen und verfallen ließen. Der Rattenverfolger im Kostüm des Kulturschöffen tritt also am falschen Ort zum Rattenvernichtungsfeldzug an. Das eigentliche Nest der Ratten ist die Escher Kultur- und Schulpolitik.
Wie aber sieht eine rattenfreie Kultur aus? Sie ist frei von allen Schädlingen und Nagern, von Ungeziefer
Selbstverständlich sind kulturelle Anliegen immer minoritär. Nirgendwo auf der Welt ist die Kunst konsensfähig. Es widerspricht ganz einfach ihrem Wesen, Mehrheiten anzusprechen. Umso entschlossener muß die Politik den Minderheitenstatus der Kultur absichern.
und Unkraut. Sie ist hochgradig desinfiziert, wenn nötig ethisch und ethnisch. In dieser Kultur ist kein Platz mehr für eigenständige Mikrokosmen. Das Ausrottungsprinzip ersetzt das Förderprinzip. Es ist eine im wesentlichen faschistische Kultur. Schlupfwinkel, Dunkelstellen, Zwischenräume, Nischen verschwinden. Bestand hat nur das Übersichtliche, sofort Begreifliche, Ordentliche, Gradlinige. Diese Kultur wird praktisch, tot und glatt sein wie ein Bürostuhl. Es ist die Kultur der Bürostuhlhändler.
Ein Erzbischof beginnt den heiligen Krieg gegen das Kabarett
Die Geistesverwandtschaft zwischen dem Escher Kulturschöffen und dem Luxemburger Erzbischof springt ins Auge. Sie gehören nicht nur rein technisch zum gleichen Lager. Ihre Sprache ähnelt sich sehr, wenn man auch dem Erzbischof den weitaus korrekteren Umgang mit Formeln und Begriffen bescheinigen muß. Dieser geweihte Mann hat sich dazu herabgelassen, ins wüste Getümmel der gottlosen Welt einzugreifen. Die Fakten: am Fastnachtssamstag hat der Kabarettist Jhemp Schuster im "Hei elei" ein paar Spitzen gegen die katholische Kirche losgelassen. Wer nun glaubt, derlei Spässe gehörten nicht nur zum Arsenal eines Kabarettisten, der sich selber einigermaßen ernstnimmt, sondern zu Basisargumentation eines jeden freien Luxemburgers, der muß sich nun vom Erzbischof belehren lassen, daß der religiöse Fanatismus mittlerweile auch hierzulande gefährliche Purzelbäume schlägt.
Der Erzbischof schrieb nämlich einen hochoffiziellen Brief an die Verantwortlichen der CLT. In diesem Brief kommen folgende Abschnitte vor: "L’alinéa 3
in: Témoignage chrétien
de l’article 8 du cahier des charges qui est annexé au et qui fait partie intégrante du contrat de concession pour l’établissement d’une station de télévision au Grand-Duché de Luxembourg spécifie expressément: ‚Sont également interdites les émissions à caractère antireligieux…‘ C’est dans ce contexte que nous devons nous placer pour vous informer d’une émission de télévision diffusée le samedi 25 février à partir de 20 heures, mais notamment aux alentours de 21 heures, et qui revêtait un caractère ouvertement antireligieux voire blasphématoire. La gravité des faits nous oblige à vous inviter formellement à faire examiner ou à visionner personnellement l’enregistrement de ce programme afin de réserver à l’incident les suites qu’il mérite et à prendre toute mesure de nature à ce que de tels faits ne puissent se reproduire."
Stil und Inhalt belegen: der Erzbischof verwechselt die CLT mit einer Filiale der heiligen Inquisition. Den CLT-Verantwortlichen wird nahegelegt, den sündigen Kabarettisten nach bewährter, mittelalterlicher Prozedur zu examinieren, zu inkulpieren und dann mit Schimpf und Schande vom Bildschirm zu verjagen. Uns Laien, die wir uns nur selten das grausame Vergnügen leisten, ein "Hei elei"-Programm einzuschalten, interessiert vor allem die lockere Gebärde, mit der ein Erzbischof einen faustdicken Skandal publik macht. Daß im CLT-Lastenheft ein Passus zu finden ist, der Sendungen mit antireligiösem Charakter schlicht verbietet, beweist im Umkehrverhältnis die katastrophale Vereinnahmung des Staates durch die Luxemburger Kirche. Wieso darf ein Medium nicht antireligiös sein? Was bedeutet überhaupt ein solcher Gummiparagraf? Heißt er zum Beispiel auch, daß katholische Kommentatoren unter keinen Umständen mit Spott und Zynismus über die islamischen Fundamentalisten herziehen dürfen, da es sich hüben wie drüben ja um Religionen handelt? Natürlich erübrigt sich die Frage. Denn das festgeschriebene Verbot "antireligiöser Sendungen" ist eine Initiative der katholischen Kirche, die allen Fernsehzuschauern, auch den nichtreligiösen, ihr ideologisches Diktat aufzwingt. Dabei scheint der Staat den Part des Verstärkers und Sympathisanten zu spielen. Wie anders wäre zu erklären, daß Premier Juncker den erzbischöflichen Brief ganz offiziell und nachdrücklich an die CLT weiterleitete und sogar den "commissaire du gouvernement près de la CLT" implizierte?
In seiner weltanschaulichen Überheblichkeit verwechselt der Erzbischof leider auch das Luxemburger Volk mit den katholischen Gläubigen. Wie anders könnte er dem Kabarettisten Jhemp Schuster Blasphemie, also Gotteslästerung, vorwerfen? Gotteslästerlich können sich nur Glaubende benehmen, genauso wie nur Sozialisten gegen die Grundsätze der sozialistischen Partei verstoßen können, und nur Liberale in der Lage sind, liberale Leitlinien zu übertreten. Offenbar sind hierzulande jetzt auch Gottfreie (um mal den diskriminierenden Ausdruck "Gottlose" beiseitezustellen), also Menschen, die nicht im geringsten an die Konstruktion irgendeines Gottes glauben, per Erzbischofsbeschluß befähigt, jenen Gott zu beleidigen, den es für sie nicht gibt. Hier bestätigt sich eine alte Faustregel: Wer in Luxemburg
nicht katholisch ist, der ist inexistent. Wie man sieht,
ist der Staat nach wie vor bereit, diese Definition zu
stützen.
Wie äußert sich eigentlich die von katholischen Kle-
rikern energisch beschworene "Verletzung religiöser
Gefühle"? Dem aufmerksamen "forum"-Leser wird
aufgefallen sein, daß wahrscheinlich keiner der eige-
nen Firma, also der katholischen Kirche, nachhalti-
ger und empfindlicher geschadet hat als Kanonikus
Heiderscheid mit seinem endlosen "Wort"- Sperrfeu-
er gegen alles, was nur entfernt nach aggiornamento
roch, und daß keiner in der Nachfolge heiderscheids
mehr innerkirchliches Porzellan zerbricht als der der-
zeitige Erzbischof mit seinen ständigen Versuchen,
den Vatikan an Rückständigkeit noch zu übertreffen.
Um die destruktiven Leistungen dieser beiden Her-
ren wettzumachen, müßten ganze Bataillone antire-
ligiöser Kabarettisten aufgeboten werden. Die "Ver-
letzung religiöser Gefühle" ist also im Kern ein rein
innerbetriebliches Problem, das die Oberkleriker nur
bereinigen könnten, wenn sie sich rabiat und perma-
nent an die eigene Nase faßten. Legendär ist hierzu-
lande im übrigen die ununterbrochene Verletzung
nicht-religiöser Gefühle, die sich die katholische Kir-
che leistet.
Die erzbischöfliche Zensur-Initiative verweist un-
mittelbar auf das weltweite Anschwellen des religiö-
sen Fanatismus. Die Ayatholla-Gesinnung prägt
mehr und mehr das Verhältnis der sogenannten Welt-
religionen zu den nichtreligiösen Gemeinschaften.
So betrachtet liegt der erzbischöfliche Vorstoß qua-
litativ auf der gleichen Ebene wie etwa die Anwürfe
gegen Salman Rushdie oder Taslima Nasren: Hier
wie dort wird mit einer Arroganz ohnegleichen vor-
ausgesetzt, daß es außerhalb der etablierten religiö-
sen Doktrin keinerlei Recht auf freie Meinungsäuße-
rung geben darf. Zwar verhängt der Luxemburger
Erzbischof nicht explizit eine Fatwa über den unbot-
mässigen Kabarettisten, aber in der Tendenz läuft
seine Beschwerde auf eine nachhaltige Maßregelung
eines freien Autors hinaus. Indem der Erzbischof
auch den Staat auffordert, der katholischen Ideologie
zu ihrem uneingeschränkten Vorrecht zu verhelfen,
bestätigt und bekräftigt er auch die unheilvolle Ver-
filzung von Staat und Kirche in Luxemburg. Wir sind
nach wie vor weit entfernt vom Status einer Kultur-
nation, solange Erzbischöfe und katholische Lokal-
politiker dekretieren dürfen, welche Ansichten und
Ausdrucksformen zulässig und genehm sind. Bei Be-
darf mobilisieren diese Aufwiegler ungeniert das
"gesunde Volksempfinden", wohl wissend, welche
Verheerungen ins Haus stehen, wenn sich der dump-
fe Konsens der Mehrheit einmal Bahn bricht.
Lachen belebt, aber es ist
tödlich für die religiösen
Fundamentalisten
Wie alle religiösen Fanatiker ist der Erzbischof zur
Selbstironie, zum befreienden Humor nicht fähig.
Todernst, buchstäblich mit zornzerknittertem Ge-
sicht, verteidigt er sein Dogmenkonstrukt, weil er
insgeheim spürt, daß jede lockere, verspielte, also re-
lativierende Sicht der Dinge das gesamte "Denk"-
Gebäude zum Einsturz bringen kann. Religiöse In-
halte vertragen jene Distanz nicht, die der wirklich
freie Mensch seinem Räsonieren und Fühlen zugrun-
delegt. Wenn dann die Äusserungsformen des Reli-
giösen auch noch unter das satirische Brennglas ge-
schoben werden – eine Praxis, die beispielsweise
Henry Gelhausen hervorragend beherrscht -, tritt ihr
grotesker Charakter vollends zutage.
Die religiösen Fanatiker müssen also versuchen, alles
Reflektieren über die Religion schon im Keim zu er-
sticken. Sie müssen drohen, Strafen in Aussicht stel-
len, erpressen (wie es sich der Erzbischof jetzt mit
der CLT erlaubt), mit donnerndem Wort und pathe-
tischer Gebärde die Unantastbarkeit ihrer Doktrin
einklagen, denn das eigenständige Nachdenken, das
Vergleichen der religiösen Rhetorik mit den tatsäch-
lichen Lebenserfahrungen im Alltag führt unweiger-
lich zu einer Entlarvung der unhaltbaren Prinzipien.
Religion ist nicht diskurstauglich. Sie duldet weder
einen demokratischen Verhandlungsrahmen, noch
eine mündige Anhängerschaft. Der Erzbischof als
Elefant im Prozellanladen ist eine treffliche Meta-
pher für den gehäuften Schwachsinn der religiösen
"Komplett sinnlos, hemmungslose Gesellschaftskritik, geistige Drogen"
Kunstkommentare des Escher Kulturschöffen Ady Jung in der Gemeinderatssitzung vom 16. Januar 1995 (Quelle: Analytischer Bericht, Esch-Alzette, Nr. 1/1995)
"Ich bin der Auffassung, daß zeitgemässe Literatur nicht nur das sein kann, was nur 5% der Bevölkerung verstehen, und was manchmal so konfus und zusammenhanglos ist, daß es als komplett sinnlos eingestuft werden kann."
"Bei der Zeitgemässen Malerei muß man sich manchmal aufgrund der Unterschrift des Künstlers orientieren, um herauszufinden, wo rechts, links, oben und unten ist. Zu-
dem stimmt die Farbharmonie des öfteren nicht. Manche sogenannten "Kunstkenner" orientieren sich oft mehr am Namen des Künstlers und am maßlos übertriebenen Preis, als an der pikturalen und expressionistischen Qualität des Werkes."
"Zeitgemäßes Theater darf sich nicht allein darin erschöpfen, all das Negative unserer heutigen Gesellschaft übertrieben darzustellen, ganz oft begleitet von vulgären Ausdrücken und hemmungsloser Gesellschaftskritik."
"Zeitgemäße Musik darf sich nicht nur durch einen hohen Geräuschpegel auszeichnen,
so daß sie von Spezialisten der Psychiatrie eher in den Bereich geistiger Drogen eingeordnet wird und den Bereich der harmonischen Musikalität immer mehr verläßt."
"Wer sich die Produkte dieser zeitgemäßen und sogenannten "alternativen" Kultur leisten möchte, soll dies aus eigener Tasche finanzieren. Ich denke hierbei in erster Linie an die Gesellschaft der Kulturfabrik, die sich im alten Schlachthof einnistete, und die sich vorstellt, daß dort für die sogenannte "alternative" Ausrichtung von Kultur, massiv öffentliche Gelder eingesetzt werden, für die sich nicht einmal 1% unserer Bevölkerung interessieren."
Verlautbarungen. Antiklerikalismus läßt sich unter Umständen noch verkraften, weil er nur an Strukturen rührt. Aber Antireligiosität ist tödlich für religiöse Fanatiker. Sie greift nämlich die Fundamente an und enthüllt deren Fragwürdigkeit.
Paul Hemmer schreibt: "J’ai le droit de rigoler publiquement des convictions des chrétiens comme les chrétiens ont le droit de rigoler publiquement les miennes… Un calotin chagrin voudrait nous empêcher de rigoler les uns des autres? Non, mais…, il est dangereux, ce type!" (Défense de rigoler, tageblatt, 29.04.95). Diese aphoristische Verkürzung trifft genau das gestörte Gleichgewicht. Die religiösen Fanatiker im Großherzogtum machen sich zwar ununterbrochen lustig über die Ansichten nichtreligiöser Bürger, sie leisten sich eine nimmermüde "Verletzung nichtreligiöser Gefühle" in ihrer Tageszeitung, sie verhöhnen die "Gottlosen" bis zum Exzess, aber sobald einer nur leicht an ihrem eigenen Irrwitz kratzt, karren sie gleich die schwersten Kanonen an die vorderste Frontlinie.
Laut "Den neie Feierkrop" (21.04.95) hat sich der Erzbischof u.a. über folgende Schuster-Pointen erregt: "Gott Vater, Gott Sohn, wo bleibt Gott Mutter? Ist das eine laut Weltkatechismus intakte christliche Familie?" und "Ist der Verkehr mit dem heiligen Geist, also einer Taube, als Sodomie zu betrachten?" Aus der kabarettistischen Optik sind diese Pointen ganz einfach genial. Denn sie demonstrieren auf einen Schlag die Doppelzüngigkeit und die ideologische Inkonsequenz der religiösen Fanatiker, in dem sie das sogenannte Lehramt konfrontieren mit der verqueren Familien- und Sexualmoral der katholischen Kirche. Wenn diese Pointen Gelächter auslösen, liegt es ganz einfach an der sturen Lebensfeindlichkeit des Lehramts.
Man muß Jhemp Schuster beglückwünschen zu seiner satirischen Pioniertat. Im Luxemburger Kabarett wurde nämlich bislang viel zu sehr eine personenorientierte Pfaffenfresserei zelebriert, die leicht umschlagen kann in einen ungewollten Personenkult, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Weit wirksamer ist dagegen Schusters Methode, den satirischen Meissel an den wirklichen Grundlagen anzusetzen, und nicht an den Repräsentanten. Für Kabarettautoren im pechschwarzen Großherzogtum eröffnet sich nun also ein weites und dankbares Feld: nicht nur der Katechismus ist ein quasi unerschöpfliches Pointenreservoir, auch und vor allem die Enzykliken, in denen sich die wechselnden Päpste als unfreiwillige Komiker der Lebensunfähigkeit erweisen, als tragische Erzfeinde der Menschheit sozusagen, könnten den Kabarettschreibern über Jahre wahre Filetstücke frei Haus liefern.
Ist die CLT ein Hort der Meinungsfreiheit und der Religionskritik?
Man sollte allerdings die angeschwärzte CLT nicht voreilig in Schutz nehmen. Dieser Privatsender ist
kein Freiheitsraum, im Gegenteil. Jhemp Schuster darf bei der CLT nur auftreten, weil er ein Werkzeug ist im kommerziellen Krieg der Rundfunkanstalten.
Wenn es auf diesem Sender Kultur gibt, so nur aus merkantilen Gründen. Dahinter steht keine Überzeugung und keine Deontologie. Jedes neue Programmschema der CLT signalisiert: Wir sind zu jeder Prostitution bereit, wenn wir nur den Gegner ausstechen können. Die CLT ist eine große, lukrative Heuchelmaschine. Engagement wird hier nur simuliert. Die größte Errungenschaft dieses Radios ist die Einführung der virtuellen Meinungsfreiheit. Alles, was in der Kasse klingelt, ist richtig und wahr. Das ist die simple Basisphilosophie. Ein solches Glaubensbekenntnis läßt jede kritische Einstellung verkommen zum Bestandteil der Werbung.
Die CLT schert sich einen Dreck um die Religionsgegner im Lande. Antireligiöse Ansichten dürfen hier nur abgesondert werden, wenn sie kurzfristig Einschaltquoten sichern. Fallen die Quoten, fällt auch der Religionskritiker. Wie eine heiße Kartoffel. Die CLT hat nicht das kleinste Verdienst an Jhemp Schusters aufmüpfigen Sprüchen. Die CLT-Herrschaften sind bereit, mit Hammer und Sichel in der Faust sich tief zu bücken vor dem Hochaltar in der Kathedrale, wenn es nur der Nettogewinnsteigerung dient. Die CLT ist der denkbar schlechteste Anwalt der Meinungsfreiheit. Meinungen haben hier nur Kurs, wenn sie zinsfähig sind.
Vor kurzem beschwerte sich Bundeskanzler Kohl öffentlich über eine Satire im ARD-Magazin "Monitor" von Klaus Bednarz. Der Kabarettist Thomas Freitag imitierte die Stimmen Kohls und Jelzins in einem bitteren Sketch über den dreckigen Krieg in Tschtschenien. Aus der Entrüstung machte Kohl im Handumdrehen einen Machtpoker: gefordert wurde plötzlich die Abschaffung der ARD. Als die Kohlbande über Klaus Bednarz herfiel, reagierte er souverän und couragiert. In der nächsten "Monitor"-Sendung setzte er wieder eine Kohl-Jelzin-Satire aufs Programm. Noch schärfer, noch schwefelhaltiger. Bednarz ist ein Journalist mit Rückgrat. Der Anmassung der Mächtigen stellt er ohne wenn und aber das Postulat der Freiheit entgegen. Bei der CLT wäre eine ähnliche Ehrlichkeit direkt kommerzgefährdend. Man darf also jede Wette eingehen: zum ersten wird Jhemp Schuster sobald nicht mehr über RTL gegen die katholische Religion lästern dürfen. Zum zweiten werden die CLT-Verantwortlichen brav vor dem Erzbischof kuschen. Sie beherrschen den weltanschaulichen Spagat wie die Weltmeister. Sie paktieren mit dem Himmel und der Hölle, wenn nur die Ambition der Markterprobung intakt bleibt.
Guy Rewenig
Die religiösen Fanatiker im Großherzogtum machen sich zwar ununterbrochen lustig über die Ansichten nichtreligiöser Bürger, aber sobald einer nur leicht an ihrem eigenen Irrwitz kratzt, karren sie gleich die schwersten Kanonen an die vorderste Frontlinie.
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