„Als der Zwerg die Klinge prüfte“
Werner Reinert: "Knaut"
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Werner Reinert, "Knaut", herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ralph Schock, Illustrationen von Anne Melcher, 124 Seiten, geb., 1995, Gollenstein-Verlag
Zwei Bücher liegen auf meinem Schreibtisch. Beide haben den selben Titel und stammen vom selben Autor. Das eine ist alt, fleckig und zerfleddert. Die Seiten sind aus dem Leim gebrochen; der quadratische Kartonumschlag in ehemals schlichtem Weiß bewahrt notdürftig Ordnung und Vollständigkeit.
Das andere ist ungefähr doppelt so dick, hat ein gängigeres Buchformat und ist frisch aus der Cellophanhülle gepellt. Es hat einen zweifarbigen Umschlag mit einer Schwarzweiß-Illustration um den Leineneinband.
Das eine ist 1963 im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, das andere jetzt kürzlich im Blieskasteler Gollenstein-Verlag erschienen. Das alte zerfledderte Bändchen bringt es auf genau 100 magere Seichen; das neue Buch kontert mit Doppelfalzung und setzt mit sehr schönen Illustrationen von Anne Melcher und einem Nachwort von Ralph Schock noch 24 zusätzliche Seiten drauf.
Man könnte meinen: ein dünnes Lesevergnügen! Aber dieser Eindruck ist falsch! Wenn man das Buch einmal gelesen hat, wird man es nicht mehr vergessen können. Ich habe den "Knaut" zwei oder drei Mal gelesen. Aber ich habe unzählige Male darin geblättert und einzelne Episoden gelesen. Nur eine einzige Seite genügt, und schon fächert sich das ganze Buch wieder vor dem inneren Auge auf.
Manchmal genügt sogar ein einziger Satz. Zum Beispiel der allererste Satz: "Als der Zwerg die Klinge prüfte". Ich bekomme bei diesem Satz eine Gänsehaut. Wie ist
das zu erklären? Was ist an diesem Satz schon dran?
Um ehrlich zu sein: Ich kann selber nur vage Erklärungsversuche anbieten. Das ging mir schon vor fast 20 Jahren so. Damals hatte mir Werner Reinert seinen "Knaut" geschenkt. Ich blätterte nur aus Langeweile. Ich begann zu lesen und hatte das dünne Bändchen in der Hand und starrte auf die letzte Seite. Irgendetwas war passiert. Nichts besonderes natürlich. Ich hatte nur eben mal schnell das Buch gelesen. Die Begeisterung dieses Augenblicks hat mich nie mehr losgelassen.
Knauts Leben erscheint nicht als organische Entwicklung, sondern ist in Bruchstücke zersprengt. Frühe Angsterfahrungen rücken mit Kriegserlebnissen zusammen. Bericht und Vision, Außen- und Innenschau wechseln, Figuren der realen Erfahrung kehren verwandelt im Alptraum zurück.
Immer wenn ich mit Freunden über das Buch redete, spürte ich mein Unvermögen, meine Unfähigkeit, sie für etwas begeistern zu wollen, was nur durch eigenes Leseerleben möglich ist. Schließlich habe ich es aufgegeben. Mein ganzes Gerede war nur Zeitverschwendung. Wer läßt sich schon freiwillig für einen Zwerg begeistern, der irgendeine Klinge prüft.
Stattdessen habe ich das Buch sehr oft kopiert und an Freunde verschenkt. In den 70er und 80er Jahren war es beim Verlag
vergriffen und auch im Buchhandel längst nicht mehr vorrätig. Ich hätte, – statt eine Rezension zu schreiben -, viel lieber den ganzen "Knaut" in den Saarbrücker Heften abgedruckt. Leider ist das nun nicht mehr möglich. Oder besser gesagt: Dank des Gollenstein-Verlags ist das nicht nötig.
Ralph Schock schreibt in seinem Nachwort: "Eine Gattungsbezeichnung trägt Werner Reinerts Buch nicht – aus gutem Grund. Denn wie sollte man diese Sammlung von 55 höchst unterschiedlichen Texten – unterschiedlich nicht nur dem Umfang nach – auch nennen? Am ehesten vielleicht Sprech- oder Lesestücke, beziehungsweise Fragmente, doch bliebe damit die formale Strenge in der Abfolge der Texte ebenso unberücksichtigt wie die Varianz der Textsorten."
Ich möchte ergänzen: Der Text ist möglicherweise ein experimenteller Roman. Der Text ist ein durchkomponiertes Gedicht, ohne ein Wort zuviel oder zuwenig. Der Text ist ein Filmdrehbuch mit harten Schnitten. Der Text reflektiert die psychologischen Bruch, Wahrnehmungen und Ängste nicht nur von Knaut selber sondern auch diejenigen seines Umfeldes mit geringstem sprachlichen Aufwand. Der Text entwickelt eine ganz eigene Struktur von Form und Inhalt. Und nicht zuletzt verbirgt sich natürlich ein Theaterstück hinter dem Text. Und ein Hörspiel und eine Oper sowieso und vielleicht sogar ein Video-Clip.
All das findet in diesem Text zueinander in einer beängstigend einfachen Sprache zwischen naivem Schulaufsatz und fachchinesischem Krankenbericht. Keine der elf Textsorten will für sich selber verstanden werden. Alle zusammen jedoch erzeugen in ihrer konsequenten Abfolge eine sehr verständliche und ganz einfache Melodie.
Mich begeistert diese Melodie. Mich begeistert die geniale Form dieses Buches. Mich ängstigt ein Zwerg, der eine Klinge prüft. Aber ich habe auch Verständnis dafür, daß der Leser oder die Leserin dieser Rezension ganz gerne wissen möchte, wovon das Buch eigentlich handelt. Der sorgfältig erarbeitete Klappentext, der schon in dem 63er Kiepenheuer & Witsch Bändchen abgedruckt ist, gibt auch auf dem neuen Gollenstein-Einband darüber Auskunft:
"Aus Berichten und Träumen, aus Kindheits-, Jugend- und Kriegserlebnissen, aus Schulaufsätzen und Fieberphantasien setzt Werner Reinert das Bild des sterbenden Soldaten Knaut zusammen. Und um diese Figur organisiert sich die Welt, in der er lebte. Reinert hat die geschlossene Erzählperspektive und die Chronologie aufgegeben. Knauts Leben erscheint nicht als organische Entwicklung, sondern ist in Bruchstücke zersprengt. Frühe Angsterfahrungen rücken mit Kriegserlebnissen zusammen. Bericht und Vision, Außen- und Innenschau wechseln, Figuren der realen Erfahrung kehren verwandelt im Alptraum zurück. Auch die Stilebenen wechseln dauernd. Da ist die unbeholfene Sprache des Kindes, das einen Aufsatz über seine Heimatstadt schreibt, da sind die monologisierenden Stimmen der Schwester, eines Kriegskameraden, eines Nachbarn, die sich über Knaut ihre Gedanken machen, da ist der Bericht des Arztes, der den sterbenden Knaut behandelt, und die immer wiederkehrende Folge von erzählender Prosa, ekstatischer Sprache und Wortmontage. Das Ganze könnte man mit einem Mobile vergleichen, trüge der Text nicht eine so schwere Erfahrenslast. Es ist eines der bannendsten Bücher über Vorkriegszeit und Krieg."
Das war 1963 schon so und das hat sich 50 Jahre nach Kriegsende nicht geändert. Der Gollenstein-Verlag hat eines der wichtigsten Bücher der Nachkriegszeit wieder aufgelegt.
Lesen Sie das Buch und gönnen Sie sich ein kleines Stückchen saarländischer Weltliteratur. Spielen Sie den großstädtischen Flaneur und schlendern Sie mit dem Buch unterm Arm wie Knauts Vater, Richard, über die Rue, die dummerweise gerade zu einer Baustellenzone umgefußgängert wird, nach Norden zum Hauptbahnhof. Kaufen Sie in der Bahnhofsbuchhandlung nicht die Saarbrücker Hefte. Lesen Sie den "Knaut". Auch wenn Sie gerade von der Arbeit kommen und nur Mittagspause haben. Auch Knauts Vater "trug nicht die ägyptische Straußenfeder. Nicht die Rüstung Götz von Berlichingens. Nicht das Schwarzhemd. Nicht das Braunhemd.
Nicht des Domherrn würdigen Ornat. Er trug den taubengrauen Konfektionsanzug von Overbeck & Weller. Das apfelblütenfarbene Hemd von Korn. Die seidene Krawatte aus dem Sommerschlußverkauf. In seiner Rechten schwenkte er den Spazierstock mit Silbergriff, Gummidorn und aufgenagelter Aluminiumplatte, die den Felsen Loreley bei St. Goar in der Abendsonne zeigte. Eine Uhr schlug siebenmal. Aus dem Mittelportal des Hauptbahnhofs trat eine Dame, einen Rehpinscher auf dem Arm. Ein Handschuh fiel ihr auf den Boden. Richard hob ihn auf und gab ihn der Dame zurück. Zwei Jahre später gebar sie ihm Knaut."
Vielleicht gehen Sie dann zurück zur Baustelle in der Bahnhofstraße. Sie setzen sich auf eine der gemütlichen Bänke und lesen weiter. Je nach Tageszeit werden Sie möglicherweise erleben, wie der Tod in kindlicher Vorahnung am Mittagstisch gesessen haben könnte, während der Zwerg die Klinge für ein noch viel schrecklicheres Geschehen prüfte: "Willi zog er unter die Dampwalze. Asphaltopfer. Zehn Jahre alte Nase eingestampft. Weißes Hirn in Teer gepreßt. Straßenarbeiter versuchten, den Körper abzuschälen. Sie schnitten, als es nicht gelang, den Asphalt in Streifen und warfen die Stück in den Kindersarg."
Willi war ein gleichaltriger Freund aus Kindertagen. Auch Unfälle kamen Anfang der 30er Jahre gelegentlich vor. Das Buch schließt die alltäglichen Ängste nicht aus, sondern bindet sie äußerst dicht und überzeugend in eine Kindheit ein, für die das
Jahr 1933 wahrlich nicht nur ein Unfall war. «"Was habt ihr gegen ihn?" fragte Knaut. "Hat er euch verpetzt?" "Der?" schrie ein Quartaner. "Weißt du nicht, wer das ist?" "Na, der kleine Winkler." "Und sein Vater, he? Kommunist ist er. Das weiß jeder. Abgeordneter war er in Berlin. Und er sitzt. Und den Reichstag haben sie angesteckt. Was hat ein Kommunist in unserer Klasse zu suchen? Und was willst du überhaupt? Du bist ja erst in der Quinta."»
Das Buch handelt weder von Willi noch von dem kleinen Winkler. Es handelt von Knaut, der einmal ein schwächerer Quintaner gewesen ist, "ein Weichling", "ein Kerl, der keinen Schnaps soff", einer, der "hinter der Gardine stand und Angst hatte", der Aischylos, Shakespeare, Dante, Jean Paul und Nietzsche im Tornister hatte und im Krieg gestorben ist. "Möchte wissen, wie er zum EK gekommen ist. Vermutlich eine dieser Schiebungen. Lieb Kind beim Spieß."
Werner Reinert war als Soldat in Rußland und Italien. Nach einer schweren Verwundung bei Monte Cassino verbrachte er zwei Jahre im Lazarett. Den "Knaut" schrieb er Ende der 50er Jahre. Sein "Held" stirbt an Herz-Kreislaufversagen. "Trotz des operativen Eingriffs kommt es zu keiner Besserung im Befinden des Patienten."
Werner Reinert ist 1987 in einem Berliner Krankenhaus nach einer Operation gestorben. Er hat mit dem "Knaut" das Buch seiner Generation geschrieben.
Dirk Bubel
"…Gib mir doch solange mal unser Buch, Röslein."
M. Limmroth
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