Ein Plaidoyer für die kleinen ONG
Entwicklungspolitik
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Welches der "richtige" Weg ist, den Entwicklungshilfe nehmen soll, darüber läßt sich trefflich streiten. René Kollwelter hat in seinem Artikel "Quelles orientations futures?" in FORUM Nr. 166 einige "pistes de réflexion" aufgezeigt. Über verschiedene der darin genannten Punkte würde ich gern ein Streitgespräch mit ihm beginnen.
René Kollwelter schreibt: "… nous devrions concentrer nos efforts sur un nombre réduit d’ONG, mais mieux équipées, mieux gérées, plus professionnelles et mieux pourvues de moyens en personnel et de moyens financiers." Und weiter: "Il faut arrêter la politique de l’arrosoir qui consiste à financer une multitude de micro-projets ne contribuant guère à une solution globale des problèmes de sous-développement".
Will man Erfolg haben, muß man rationalisieren. Das ist die Devise der modernen Wirtschaft. Ob sie wirklich für die Entwicklungspolitik anzuraten ist? Ich zweifle daran und möchte diese Zweifel mit meinen Erfahrungen in einer kleinen ONG begründen, die nur ein kleines Projekt ausführt.
"Hëllef fir Rosario" entstand durch eine persönliche Bekanntschaft einer Luxemburgerin mit zwei Argentinierinnen, die Kinder aus einem Slum bei den Hausauf-
gaben betreuten. Die kleine Kapelle der baptistischen Kirche, die sie benutzen durften, reichte aus. Es kamen nämlich nur wenige Kinder. Slum-Kinder im Schulalter müssen oft ihre Geschwister hüten, weil die Mutter arbeitet. Oder sie werden zum Betteln geschickt. Viele Kinder gehen darum gar nicht oder nur sehr unregelmäßig zur Schule.
Elvira und Adriana aus Rosario baten um Hilfe. Luxemburger Familien sprangen
in: brennpunkt drëtt welt 156/1996
ein. Sie adoptierten Patenkinder, unterstützten sie, schrieben Briefe und erhielten Antwort, lernten so Vater und Mutter kennen, erfuhren von Familien- und Schulschwierigkeiten und -erfolgen…
Und siehe, die Kapelle erwies sich langsam als zu klein. Die luxemburgischen Familien beschlossen, ein Haus zu kaufen. Es wurde ein bescheidenes Haus. Nicht nur Schüler kamen, tranken ihre Tasse Milch, lernten, bastelten, spielten. Die Mütter holten sich Rat. Die lokale Hilfsgruppe vergrößerte sich. Sie richtete eine Küche und eine Nähstube ein, organisierte Familien-, Erziehungs- und Rechtsberatungsnachmittage. Sogar Computerkurse wurden abgehalten…
In Luxemburg verfolgte man die Entwicklung sehr aufmerksam. Man gab sich große Mühe, ein ordentliches Projekt auszuarbeiten und das nötige Geld aufzubringen. Man warb bei Freunden und Bekannten.
Wichtig: das Slum-Viertel Bella-Vista in Rosario, der zweitgrößten Stadt Argentiniens, wurde so zur persönlichen Sache einer relativ kleinen Zahl von Leuten, die in regem Briefwechsel mit ihren Patenkindern und den Helfern auf der anderen Seite der Erde stehen.
Wir sind keine "professionnels". Wir sind überhaupt nicht "équipés" und haben gar keine "moyens en personnel". Wir geben nur einen Teil unserer Freizeit hin, und wenn wir nach Argentinien reisen, tun wir das auf eigene Kosten.
Mit unseren geringen Mitteln und der Hilfe der luxemburgischen Regierung konnten wir eine zweite "Casa Luxemburgo" einrichten und eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen schaffen. Manche Patenkinder haben bereits die Berufsausbildung abgeschlossen. Wir kennen unsere argentinischen Helfer persönlich – durch Briefe, durch Fotos oder durch unsere Besuche. Sie legen über jeden Franken, den sie erhalten, Rechenschaft ab und unser Projekt wir nach der vorgesehenen Aufbauzeit von fünf Jahren lebensfähig sein.
Was will ich damit sagen?
Entwicklungspolitik ist nicht nur Geldspenden- und Geldverwertungspolitik. Sicherlich, es gibt gewichtige, umfangreiche Projekte, die die Verwaltung großer Summen erfordern und darum professionell abgewickelt werden müssen. Doch darf man darüber die "kleinen" Projekte nicht vergessen – und vor allem sollte man sie nicht als ineffizient abtun.
Sie "wirken" nämlich in zwei Richtungen.
Entwicklungspolitik – dem stimmen wir wohl alle zu – soll auch hier bei uns etwas "entwickeln": den Blick für die Not in anderen Ländern; das Gefühl der Verantwortung des Besitzenden gegenüber dem Benachteiligten. Sicherlich sind die "professionnels" in den großen ONGs engagierte Menschen. Sicher kann man Bewußtsein auch durch "Sensibilisierungskampagnen" beeinflußten.
Viel wirksamer kann man Bewußtsein aber dadurch ändern, daß man das per-
sönliche Engagement ermöglicht: Mitarbeit, praktische Mitarbeit, jeder nach seinen Fähigkeiten. Und es soll niemand über Marmeladekochen, Kuchenbacken, Pulloverstricken und Auf-Weihnachtsmärkten-verkaufen lachen!
Die "politique de l’arrosoir", der René Kollwelter ein Ende setzen möchte, zeigt Früchte. Allerdings bringt sie uns, das stimmt, einer "solution globale des problèmes de sous-développement" nicht näher. Tun es großangelegte Projekte? Nein! Den Problemen der Unterentwicklung ist mit Entwicklungsprojekten allein nicht beizukommen!
Wenn die Bräderer Scouten und Guiden "fir Rosario lüchte gin", oder wenn sie im Herbst 2000 Blumenzwiebeln pflanzen, mit ihren eigenen Händen, und im Frühjahr die Narzissen von Haus zu Haus an-
bieten, um der allerärmsten Schule in Bella-Vista eine Fotokopiermaschine zu schenken, und wenn diese Aktion mit Berichten über das Leben der Kinder der Pablo-Pizzurno-Schule und mit einem Briefwechsel mit den Schülern verbunden wird – dann, glaube ich, werden dadurch mehr Kinder und Jugendliche für die Entwicklungspolitik "sensibilisiert" und von der Wichtigkeit und Notwendigkeit ihres persönlichen Einsatzes überzeugt, als durch eine große Aktion mit Aufklärungsbroschüren.
Und dann:
Wenn ich behaupte, daß die persönliche Einbeziehung in ein Projekt das Bewußtsein eher ändert als ein reiner Spendenaufruf, so gilt das nicht nur für die Gebersondern auch für die Nehmerseite.
So groß wie unser Engagement hier ist, so groß ist es auch bei unseren Partnern in Argentinien, die unser Projekt ausführen. Wir pflegen Freundschaft mit ihnen. Besonders wichtig ist dies für die in unglaublicher Armut lebenden Menschen in den Elendsvierteln. Ein Kind, das weiß, hinten in Europa interessiert sich jemand für mein Schicksal, fühlt sich nicht mehr als bedeutungsloses Stumkind ohne Adresse. Es wird ein klein wenig selbstbewußter. Sein Vertrauen, sich aus dem Elend herausarbeiten zu können, wächst. Das gilt auch für seine Eltern.
Natürlich wissen wir – und wir empfinden es schmerzlich bei jedem Besuch -, daß unsere Hilfe vertausendfacht werden müßte. Doch sie zieht Kreise. Die "politique de l’arrosoir", der René Kollwelter ein Ende setzen möchte, zeigt Früchte. Allerdings bringt sie uns, das stimmt, einer "solution globale des problèmes de sous-développement" nicht näher. Tun es großangelegte Projekte? Nein! Den Problemen der Unterentwicklung ist mit Entwicklungsprojekten allein nicht beizukommen!
Noch einmal: Ich stimme René Kollwelter insoweit zu, als es sicherlich umfangreiche Projekte gibt, die professionellen Einsatz verlangen. Ich bin auch damit einverstanden, daß die Kontrolle über die Verwendung der Mittel streng sein muß.
Ich warne aber davor, die kleinen ONGs zur Fusion und zu "professionellem" Gebaren zu zwingen! Das Netz an persönlichem Einsatz, an individueller Bewußtwerdung und Solidarität würde zerstört.
Lise Linster
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