Utopie im Clubsessel

Talk-Show zur 25-Stunden-Woche

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Am 13/6 hatte "Spektrum 87" im Bonneweger Kulturzentrum eine Prominentenrunde um die Autorin und Schreckin aller Feministen Esther Vilar versammelt. Die Geranien und Yuccapalmen auf dem Podium und die überdimensionalen Clubsessel – Attribut der S-Klasse-Menschen – liessen das Schlimmste befürchten. Mit einem gewinnenden Lächeln teilte uns Esther Vilar sodann ihre Erkenntnis mit, daß es in der Vergangenheit schon öfter Arbeitszeitverkürzungen gegeben habe.

Dieser vielversprechende Anfang wurde aber zum Glück von einer durchaus anregenden inhaltlichen Diskussion abgelöst. Esther Vilars naiv-provokative Vorschläge sind teilweise gut durchdacht, so zum Beispiel die Einführung eines Kindergehalts: Dabei handelt es sich nicht etwa um ein gesetzlich garantiertes Mindesttaschengeld für Kids, sondern um eine Art substantiell aufgewertetes Kindergeld, das die Lebensbedingungen von Kindern sozial schwacher Eltern verbessern soll.

$$5 + 5 = 8 + 2$$

In ihrer Utopie gibt es auch keine Notwendigkeit eines Lohnausgleiches. Bei gleichbleibendem Stundenlohn fiele zwar der Tageslohn niedriger aus, das Familieneinkommen bliebe aber trotzdem in etwa konstant: Wenn beide Partner fünf Stunden täglich arbeiteten, verdienten sie soviel wie heute mit acht Stunden und einem durchschnittlichen Zubrot von zwei Stunden. Die Rechnung geht natürlich vorne und hinten nicht auf (wegen Doppelverdienern, die auf ein Doppeleinkommen angewiesen sind, aber vor allem: Wenn bei gleichbleibendem Stun-

denlohn das Pro-Kopf-Einkommen nicht fallen soll, dann müßte das gesamte Erwerbsarbeitsvolumen konstant bleiben, trotz gewaltiger Produktivitätssteigerungen), die Arbeitgeber werden nichtsdestoweniger die Idee dankend aufgreifen.

Hier zeigt sich die typische Gefahr aller Utopien: Jeder schneidet sich davon das Stück ab, das ihm paßt. So vermerkte der Bankier Rainer Kühn mit ungewolltem Zynismus, Frau Vilars Utopie sei ja zum Teil schon realisiert, im Bereich der Flexibilisierung der Arbeitszeiten nämlich. Robert Goebbels führte das Beispiel von Arbeitnehmern an, die gerne zwölf Stunden am Tag arbeiten würden, aber nur an drei bzw. zwei Tagen in der Woche. Er verkannte damit völlig die zentrale Bedeutung des 5-Stunden-Tages und seiner Auswirkungen auf den Lebensrythmus der Menschen im Modell von Frau Vilar.

$$5 times 5 neq 2 times 12$$

Bei der Diskussion über die neugeschaffene Freizeit zeigte sich, wie seicht die Analysen der Gesprächsteilnehmer waren, verglichen zum Beispiel mit denen marxistisch geschulter Denker. So sorgte man sich darum, ob der Staat die Freizeit regulieren solle oder nicht. Das Phänomen der Kolonisierung der freien Zeit durch die Freizeitindustrie hingegen wurde als gottgegeben hingenommen, und Esther Vilar versprach sich davon sogar neue Arbeitsplätze, gleichzeitig aber hoffte sie auf eine Explosion der menschlichen Kreativität.

Und wer "darf" in einer zukünftigen Gesellschaft länger als fünf Stunden am Tag arbeiten? Richtig geraten: die Anwesenden – Po-

litiker, Künstler und Unternehmer! Gemessen an den Utopien eines André Gorz, geht eine solche Aussage total am Thema vorbei. Gewiß, es handelt sich hier um Jobs, die Flexibilität verlangen, aber das trifft zusehends auf alle Arbeiten zu. Keinem der Teilnehmer fiel aber ein, daß die Arbeit dieser Menschen eben schon nicht mehr Erwerbsarbeit ist (auch wenn sie ein Einkommen haben, das ihre Leistungen anerkennt): Ihre Motivation kommt ja daher, daß sie sich einsetzen für ihre politischen Ideen, ihre künstlerischen Leidenschaften, ihr Unternehmen. Ähnliche Arbeitsmotive sollten vielleicht in Zukunft alle Menschen über die Erwerbsarbeit hinaus zu persönlichem Einsatz und Leistung antreiben, und wie bei Gorz ihre Anerkennung im sogenannten "zweiten Scheck" finden.

Esther Vilar wirbt bereits seit vielen Jahren für die 25-Stunden-Woche, die mittlerweile auch von einem DGB-Vorsitzenden verlangt wird. Dabei verläßt sie sich auf die Kraft ihrer Ideen, ohne die gesellschaftliche Realität als den Motor der Entwicklung zu begreifen. Bezeichnenderweise zweifelten der Bankier und der Wirtschaftsminister daran, ob sich die wünschenswerte Umstrukturierung der Arbeit ohne einen Zusammenbruch der Solidarität vollziehen lasse. Auch Esther Vilars breit angelegte Umverteilung der Arbeit klammert die Frage einer Umverteilung von Reichtum und Macht einfach aus. Ihr großes, unbestreitbares Verdienst ist es jedoch, das Thema Arbeitsumverteilung populär zu machen, so daß überhaupt Diskussionen darüber stattfinden, – ob als Talk-Show oder als forum-Dossier.

RK

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