Medienerziehung im Religionsunterricht

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Vor den Sommerferien fand in Luxemburg eine Weiterbildungs-Tagung der ReligionslehrerInnen aus dem postprimären Unterricht statt. Matthias Wörther, Referent für Medienpädagogik in der kirchlichen Medienzentrale in München, trat dafür ein, daß der Religionsunterricht immer mehr ein Ort werde, wo Jugendliche lernen sich mit den für sie sinnstiftenden und orientierenden Botschaften in den Medien auseinanderzusetzen. Nicht kirchliche Bewahrpädagogik, sondern Auseinandersetzung mit der Um- und Mitwelt der Medien ist befreiend.

Im kirchlichen Raum genießen die Medien eine zwiespältige Beurteilung. Von diesen Beurteilungen, Befürchtungen und Erwartungen hängen Form von Pastoral und Religionsunterricht (RU) ab. Wenn auch viele, kirchlicherseits, die Medien als modernes Übel ansehen, heiligt oft für die Institution Kirche der Zweck die Mittel (z. B. der "hervorragende spirituelle Charakter" eines Werbespots des italienischen Fernsehens, wo ein den Rosenkranz betender Papst für eine CD wirbt).

Der Referent ging das Thema in drei Ansätzen an:

  1. Zuerst erläuterte er die beiden Grundkonzepte, die die Medien auf unterschiedliche bzw. gegensätzliche Weise bis heute begreifen.

"His Master’s Voice" (die Stimme seines Herrn) ist das erste vorherrschende Konzept. Es ist das gängigste und beliebteste Erklärungsmodell für die Funktionsweise der Medien. Medien stehen in dieser Sichtweise unter dem Verdacht der Manipulation. Sie täuschen etwas vor, was nicht wirklich ist. Sie errichten eine Scheinwelt.

Der Wirkungsbegriff dieser Auffassung ist jedoch monokausal und nimmt an, daß ein Sinnesreiz zwangsläufig zu einer bestimmten Wirkung führt. Hier sieht der Referent ein pessimistisches und zynisches Weltbild am Werk. Medien dienen Interessen. Die finanziellen Aufwendungen sind zunehmend größer. Oft wird, Wörther zufolge, der übermächtige Einfluß der Medien gesehen, wo er nicht besteht.

Diesem Konzept von der "Stimme seines Herrn" setzt Wörther das Label vom Aufschreibengel ("Recording Angel’s Mysteries") entgegen, das er Klaus Theweleits "Buch der Könige" entnimmt.

An die Stelle des Electrola-Hundes ist ein Engel getreten, der nicht passiv ist, sondern sich der Medien bedient. Er symbolisiert das Geistige im Menschen, seine Suche nach Schönheit und Wahrheit. Im Bild der Schreibfeder verliert die Technik der Medien den Anschein des Unbeherschbaren, Übermächtigen und bloß Mechanischen. Nicht Fremdbestimmung durch Medien, sondern erweiterte Möglichkeiten der Selbstbestimmung, des Selbstausdrucks, der Aufzeichnung von Sinn und Bedeutung und des Aufbaus von Bezie-

hungen zu anderen Sinnwelten stehen für die Menschen im Mittelpunkt dieser Sicht der Medien.

  1. Um diese zweite Sicht zu verstehen, muß der Schüler sich in die "Schule der Medien" begeben. Hier begegnet er Wirklichkeiten, die sich ihm primär von sich aus und ohne didaktische Auf- und Zubereitung erschließen. Denn Medienwirkung kann sinnvoll nur im Horizont von Subjektivität und Lebensgeschichte bestimmt werden. Niemand wird z. B. zum Fan von Horrorfilmen, der nicht für sich einen Nutzen darin finden kann. Allgemein: was dem einen eine Nachtigall ist dem anderen eine Eule oder meine Bilder sind nicht deine Bilder oder meine Musik ist nicht deine Musik und so weiter.

Im Prozeß der Orientierung des Jugendlichen bilden Medien, technisch wie inhaltlich, zentrale Schnittstellen zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft, ihren Traditionen, ihrem Wissensstand, ihren Regeln und ihren Werten. Was einem Vierzigjährigen Sinn macht, muß es für einen Fünfzehnjährigen noch lange nicht tun. Und umgekehrt. Medien sind Metaphern, die sinnstiftend-interpretierende Ordnungen, Zusammenhänge und Verbindungen zwischen Medien, Bildern, Worten und Sachverhalten herstellen.

  1. Im letzten Ansatz versuchte Wörther die Präsenz der beiden Medienmodelle im kirchlichen Raum grob zu bestimmen. Das Modell von "His Master’s Voice" artikuliert sich ebenso in hierarchischen Strukturen wie in pastoralen Konzepten von der Bewahrpädagogik bis zur Metapher vom Hirten und seinen Schafen, für die er Sorge tragen muß. Es steckt ein unchristliches Menschenbild dahinter, da die Menschen unfrei der Macht der Medien ausgeliefert sind.

Recording Angels‘ Mysteries

Als Beispiel für ein solches Denken zitierte Wörther die von der Glaubenskongregation 1990 veröffentlichte "Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen", wo es heißt: "Die im Volk Gottes umlaufenden Ideen stimmen nicht alle mit dem Glauben überein, zumal sie leicht von einer öffentlichen Meinung beeinflußt werden können, die durch die modernen Kommunikationsmedien gesteuert wird …" (Nr. 35).

Die Gläubigen sind zu dumm, um selbst beurteilen zu können, woran sie glauben.

Aber es gibt auch die andere Sicht der Medien, vom Aufschreibeengel. Diese positive Sicht der Medien hat ihren Niederschlag vor allem in der Pastoralinstruktion "Communio et Progressio" von 1971 gefunden, die eine Orientierung gibt für eine Theologie der Kommunikation und für den RU.

Der Begriff von Öffentlichkeit ist positiv belegt. "Die Kommunikationsmittel bilden gewissermaßen ein öffentliches Forum, auf dem das Gespräch der Menschen hin und her geht. Die Äußerungen und der Kampf der verschiedenen Meinungen in der Öffentlichkeit greifen tief in das Le-

Leben der Gesellschaft ein, bereichern es und beschleunigen ihren Fortschritt." (Communio et Progressio Nr. 24).

Ausgehend von der Aussage des Philosophen Whitehead, daß "Ausdruck das grundlegende Sakrament (ist). Er ist das äußere und sichtbare Zeichen einer inneren und spirituellen Gnade" (Wie entsteht Religion?, S. 99), bringt Wörther die Medien in Zusammenhang mit der Sakramentenlehre. Sakramente werden als "wirkende Zeichen" definiert. In ihnen sind Außen und Innen, Bild und Begriff, Wahrnehmen und Deuten aufeinander zugeordnet. Die knappste Formel dafür ist "Geist in Welt".

Medien haben sowohl erinnernden, vorausdeutenden und gegenwärtigen Charakter.

Matthias Wörthers Schlußfolgerung ist, daß Kirche und mit ihr Schule und RU sich viel stärker dem Aufschreibeengel anvertrauen sollen, statt gelähmt den Grammophontrichter anzustarren. Kirchliches Denken und Handeln zehrt noch immer von einer Vergangenheit, wo es tatsächlich das Monopol des Ausdrucks besaß, aber schon damals vergessen hatte, daß es sich bei diesem Monopol um eine Selbst-

Selbsttäuschung handelte. Der Referent wies daraufhin, daß die Kirche sich auch immer gerne des Ausdrucksvorrates an Symbolen bedient hat, den die sie umgebende Welt erarbeitet hatte. Andererseits hat sie dieses vermeintliche Ausdrucksmonopol oft mit Gewalt hergestellt, denn es gab immer auch andere Sinnwelten. Als Beispiel führte Wörther an, daß ganze vier Bücher des Maya-Volkes auf uns zugekommen sind, weil diese die Christen befremdende Form des Ausdrucks systematisch vernichtet wurde. Es geht nicht anders als den andern auch das Sakrament des Ausdrucks zuzugestehen. Damit verliert man auch Angst vor den Medien und ihren tatsächlichen und vermeintlichen Wirkungen. Auch wenn die Kirche lange geglaubt hat, sie habe das Monopol der Sinnherstellung gehabt, so hat sie es heute sicher nicht mehr. Die Mediengesellschaft ist ein großes Laboratorium, in dem Weltanschauungen und Lebensorientierungen einem permanenten Test unterzogen werden.

Auch der RU muß sich diesem Test unterziehen. Denn nur was sich bewährt, hat Bestand!

C.P.

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