Der Chorgesang — Stiefkind der Musikszene?
Ein forum-Gespräch mit Claude Thill, Präsident von "Stad Lëtzebuerg"
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Ein forum-Gespräch mit Claude Thill, Präsident von ‚Stad Lëtzebuerg‘
forum: Bis Januar 1992 hieß der Chor ‚Jong Lëtzebuerg‘. Deutet der Namenswechsel auf Nachwuchsschwierigkeiten hin?
Claude Thill: Der Namenswechsel ist nur zum Teil darauf zurückzuführen. 1966 wurde der Verein nach dem Vorbild von ‚Jung Wien‘ gegründet. Die Wiener sind auch heute kein Jugendchor mehr, obschon sie den Namen nicht geändert haben. Es stimmt, daß wir vor rund 20 Jahren die statutarische Altersgrenze von 35 Jahren abschaffen mußten, weil wir in der Tat keinen Nachwuchs mehr aus den Schulen rekrutierten. Der Altersdurchschnitt lag damals de facto bei 40 Jahren. Der neue Name zeigt nicht eine besondere Beziehung zur Stadtverwaltung Luxemburg an, sondern rührt von dem Lied ‚Ons Stad
Lëtzebuerg‘, das unser Gründer Professor Julien Hoffmann 1963 aus Anlaß des Jahrtausendfeier der Stadt Luxemburg geschrieben hatte und das wir jahrelang zum Abschluß unserer Konzerte sangen.
forum: Wie sieht’s denn überhaupt mit dem Nachwuchs aus?
Claude Thill: Neuzugänge sind vor allem Erwachsene. Aus dem Schüler- und Studentenmilieu rekrutieren wir keine Sänger mehr. Doch auch ältere Personen kommen keineswegs in Scharen zu uns. Zur Zeit stoßen Neuzugänge nur tropfenweise zu uns. Besonders selten sind Tenöre. Das gilt übrigens auch für andere Chöre. Vor kurzem suchte die ‚Maîtrise‘ der Kathedrale mittels Zeitungsinseraten Männer, um das Tenorregister zu besetzen, doch verge-
berabs. Das Nachwuchsproblem ist real, bei unserm Chor aber noch nicht dramatisch. Aus verschiedenen Kirchenchören hört man allerdings, daß das Problem schon sehr schwerwiegend ist.
forum: Das hängt aber nicht unbedingt am abnehmenden Interesse für Gesang als wohl eher am abnehmenden Kirchenbesuch.
Claude Thill: Das ist sicher richtig. Hinzu kommt aber wohl auch der Mangel an Chordirigenten, die imstande wären, einen Chor mit nach vorne zu reißen. Man soll auch nicht glauben, das Gesangleben werde mit den Kirchenchören in Luxemburg aussterben. In den letzten Jahren sind hierzulande mehrere ‚Ensembles‘ entstanden: 15-18 Personen sammeln sich um einen
Klassische Musik
Dirigenten und leisten durchwegs gute Arbeit. Seltener sind Chöre mit 30 und mehr Sängern. ‚Stad Lëtzebuerg‘ zählt um die 35 Sänger, von denen regelmäßig 31-32 in den Proben präsent sind.
forum: Warum tun sich diese kleineren ‚Ensembles‘ nicht zusammen und gründen einen größeren Chor?
Claude Thill: Das geht wohl kaum, weil immer ein Gründervater da ist, der kaum bereit ist zugunsten eines anderen zurückzutreten.
Was den Mangel an Dirigenten anbelangt, so hatte ‚Jong Lëtzebuerg‘ vor etwa zehn Jahren die Initiative ergriffen, sich während acht Tagen für einen Schulungskurs für Dirigenten zur Verfügung zu stellen. Zwei Jahre hintereinander opferten wir unsere Pfingstferien, um Dirigenten aus dem ganzen Land nach Remich ins Schulungszentrum der Arbeiterkammer einzuladen, wo sie dann während acht Tagen mit einem österreichischen Professor arbeiten konnten, während unser Chor für Übungszwecke zur Verfügung stand und nachher auch ein Konzert einprobte, bei dem im hauptstädtischen ‚Cercle‘ bzw. im Konservatorium jeder angehende Dirigent ein Werk leitete.
Zur Zeit fehlt es ohne Zweifel an Chordirigenten. Die Vereine haben große Probleme, demissionäre Dirigenten zu ersetzen. ‚Stad Lëtzebuerg‘ suchte vor vier Jahren auch während Monaten einen Dirigenten, bis sich ein einziger Kandidat meldete, den wir dann auch übernahmen.
forum: Was singt ein Chor wie ‚Stad Lëtzebuerg‘?
Claude Thill: Das aktuelle Repertorium stellt einen völligen Bruch dar mit der achtzehnjährigen Ära des Gründerdirigenten Julien Hoffmann. Sein jüngerer Nachfolger Jean Schumacher interessierte sich viel stärker am klassischen Liedgut von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert. Er wandte sich eher von der leichten Muse, die unter Julien Hoffmann vorherrschte ab; österreichische Chorliteratur interessierte den Nachfolger nicht. Er brachte eher zeitgenössische Komponisten und Arrangeure mit ins Spiel. Er plante auch erstmals Konzerte mit kleinem Orchester, was vorher selten war. Zur Zeit ist unser Repertorium daher als eher klassisch anzusprechen, keine Unterhaltungsmusik mehr. Das gilt m. E. übrigens für die meisten Chöre, die mehr als einmal in der Woche proben, also ihre Arbeit schon recht ernst nehmen. Wir sind auch kein kirchengebundener Chor, d. h. wir geben durchaus auch weltliche Konzerte, in Kulturzentren u. ä., meistens mit Klavierbe-
gleitung. Daneben singen wir auch Hochzeitmessen, für die der Dirigent auch eher klassische Komponisten bevorzugt. Unser drittes Standbein sind schließlich spirituelle Konzerte, die immer in Kirchen stattfinden und für die wir ein Orchester brauchen.
Das bedeutet natürlich auch finanzielle Unterschiede. Während weltliche Konzerte normalerweise Geld einbringen, müssen wir bei geistlichen Konzerten meistens Geld hinzulegen. Das heißt auch, ein ausgewogenes Jahresprogramm erstellen, um nicht allzu hohe Defizite zu machen.
Geistliche Konzerte können wir auch höchst selten in der Stadt Luxemburg aufführen, weil dort der Chor der Michelskirche und die ‚Maîtrise‘ der Kathedrale ihre Kirchen zur Verfügung haben, in denen sie ihre Konzerte aufführen. ‚Stad Lëtzebuerg‘ gibt spirituelle Konzerte daher nur außerhalb der Stadt, wenn wir dazu eingeladen werden. Solche Konzerte sind nicht gewinnbringend, weil wir dafür sehr hohe Partiturkosten haben für das Orchester. Außerdem müssen wir das Orchester bezahlen. Daher müssen wir schon aufpassen, daß die Gage, die wir vom Organisator verlangen, zumindest kostendeckend ist. Kein Organisator blättert 200 000 Franken für ein geistliches Konzert auf den Tisch.
forum: Wie hoch ist denn die normale Gage?
Claude Thill: Wir verlangen 20 000 Franken für ein Konzert. Davon erhält der Pianist minimum ein Viertel. Es gibt allerdings sogar kleinere ‚Ensembles‘, die mehr verlangen.
forum: Was geschieht mit dem Geld? Alle Sänger sind ja Amateure oder …?
Claude Thill: Ja. Im ganzen Land gibt es keinen professionellen Chor. In der Großregion gibt es m. W. nur das ‚Ensemble‘
Carlo Schmitz in: Musikalische Federspiele
La Psalette de Lorraine, der semi-professionell arbeitet und von Pierre Cao dirigiert wird. Praktisch alle Sänger haben eine Gesangausbildung und leiten selbst ihrerseits Chöre. Er gehört sicher zu den besten Chören Frankreichs. Vergleichbar ist in Luxemburg höchstens das ‚Ensemble vocal‘ des hauptstädtischen ‚Conservatoire‘.
forum: Wovon lebt denn ein Chor wie ‚Stad Lëtzebuerg‘?
Claude Thill: Wir erhalten jedes Jahr ein ordentliches Subsid von der Stadt Luxemburg und ein kleines Subsid des Finanzministeriums. Daneben haben wir ‚membres protecteurs‘, die einen Jahresbeitrag bezahlen; doch diese Einnahmen allein würden nicht einmal genügen, um den Dirigenten zu bezahlen. Dabei ist der keineswegs sehr anspruchsvoll: Jean Gehlen, einem Schüler von Pierre Cao, geht es auch in erster Linie um die Freude am Gesang und um das Abschalten nach Feierabend. Daneben können wir am Jahresende unseren Aktivitätsbericht im Kulturministerium einreichen, um dann nach Monaten eine kleine ‚prime d’encouragement‘ zu erhalten.
1995, im Kulturjahr, erhielten wir allerdings vom Kulturministerium eine ansehnlichere Geldspritze, weil wir zusammen mit dem ‚Madrigal de Luxembourg‘ und den ‚Amis du Chant‘ zwei große Konzerte unter der Leitung von Carlo Hommel aufführten. Die hohen Orchesterkosten wären anders nicht bezahlbar gewesen. Zum Abschluß konnten wir dasselbe Konzert auch noch im Dom von Florenz aufführen. Dieses einmalige Projekt von drei Chören, die alle drei im Kapuzinertheater ihre Proben abhalten, hat uns mehr als ein halbes Jahr lang zum Proben zusammengebracht.
forum: Proben im Kapuzinertheater: müßt Ihr da auch Mietkosten bezahlen?
Klassische Musik
Claude Thill: Die Frage ist berechtigt, aber Gott sei Dank ist das für keinen der drei genannten Chöre der Fall. Auch die Chöre auf den Dörfern zahlen ja meistens keine Miete für den ihnen von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Saal.
Der Probesaal im 2. Stock des Kapuzinertheaters wurde auf Betreiben von Julien Hoffmann speziell für Chorproben eingerichtet, nicht für Fanfaren oder Harmonien. Die Benutzung ist zwar kostenlos, doch wir dürfen dort nicht tun was wir wollen. Jeder Chor hat zwar einen Schrank, um die Partituren aufzubewahren, doch wir können keine Souvenirs aufhängen. Der Wochenplan muß auch der Benutzung durch andere Vereine Rechnung tragen.
forum: Der Chor probt also zweimal pro Woche.
Claude Thill: In der Tat: zweimal anderthalb Stunden pro Woche. Wenn man wie wir auf drei Ebenen singen möchte (profane Konzerte, geistliche Konzerte, Hochzeitsmessen), ist das ein Minimum.
forum: Außer dem Zeitopfer müßt Ihr auch noch die Uniformen bezahlen?
Claude Thill: Nein. Als ‚Stad Lëtzebuerg‘ sein 25. Jubiläum feierte, stiftete die Vereinskasse die Anzüge der Herren und die Abendkleider der Damen im Chor. Das war eine gewaltige Ausgabe, die nur durch jahrelanges Sparen ermöglicht worden war.
forum: Wieso erhält der Dirigent eigentlich eine Entschädigung? Ist er nicht ein Amateur wie die Sänger auch?
Claude Thill: Das ist bei fast allen Chören so, zumindest bei jenen, die mehr als einmal in der Woche proben. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen. Der Dirigent, sofern er nicht der Chorgründer ist, wurde ja vom Chor gesucht, engagiert. Ein bescheidenes Honorar ist also üblich. Julien Hoffmann hingegen, der ‚Jong Lëtzebuerg‘ gegründet hat, hat den Chor 16 Jahre lang unentgeltlich dirigiert.
forum: Und wie steht es mit dem Publikumserfolg?
Claude Thill: Ich kann natürlich auch in dieser Beziehung nur aus der eigenen Erfahrung reden. Im Juli 1995, als es schon eine gewisse Saturation im Kulturjahr gab, kamen immerhin noch über 300 Zuhörer zum Konzert in die St.-Alfons-Kirche und ein paar Tage später nochmals 300 nach Niederanwen. Im Frühjahr 1996 kamen wieder mehr als 300 Zuhörer zu einem Konzert, das wir in Lintgen gaben, al-
lerdings im Rahmen einer lokalen Feierlichkeit. Diese Zahlen erreichen wir bei geistlichen Konzerten in Kirchen mit Orchester. Kleine profane Vokalkonzerte mit Pianobegleitung in Kulturzentren ziehen hingegen nur wenige Leute an. Im Oktober 1996 kamen zu drei Konzerten nie mehr als hundert Leute. Das ist schon frustrierend.
forum: Wie ist diese Tendenz zu erklären? Ist sie neu?
Claude Thill: Julien Hoffmann erklärte schon 1976 in einem LW-Interview, die Luxemburger würden sich nicht sehr stark für Vokalkonzerte interessieren. Und in jener Zeit kamen noch mehr Leute auch zu den profanen Konzerten, wohl weil unsere damalige österreichische Chormusik von Johann Strauß oder Robert Stolz vom Zuhörer keine große Anstrengung verlangte. Das war reine Unterhaltung. Unsere jungen Dirigenten, die nach Hoffmann kamen, ziehen aber ein klassischeres Programm vor, das wohl mehr vom Zuhörer verlangt.
Ganz allgemein muß man in Luxemburg feststellen, daß die Leute sich nur noch wenig zu öffentlichen Veranstaltungen bewegen. Selbst im Sport, der doch ganz andere Möglichkeiten hat, sind die Zuschauerzahlen recht gering. Da ich auch sportinteressiert bin, möchte ich z. B. darauf hinweisen, daß die Fußballnationalmannschaft für ihr Spiel gegen Bulgarien, eine führende europäische Mannschaft, der sich die Luxemburger durchaus ebenbürtig zeigten, genau 3775 zahlende Zuschauer anzog. Das ist im Vergleich zur sportli-
Der große Zulauf, der in Luxemburg bei Orchesterkonzerten zu verzeichnen ist, spiegelt sich nicht wider bei Vokalkonzerten.
chen Leistung katastrophal: diese Mannschaft müßte eigentlich jedes Mal das Stadion füllen. Aber wenn gleichzeitig 50 000 Leute die Direktübertragung im Fernsehen schauen, ist das wohl nicht zu ändern.
Vielleicht hängt es auch am Engagement selbst. Wer zweimal in der Woche zur Probe geht – hinzu kommen 1996 elf öffentliche Auftritte -, hat keine Zeit oder Lust, auch noch an einem dritten Abend zum Konzert eines anderen Chores zu gehen. Das geht mir selbst auch so.
forum: Kommen zu den Chorkonzerten dieselben Zuhörer wie zu Orchesterkonzerten?
Claude Thill: Nein, der große Zulauf, der in Luxemburg bei Orchesterkonzerten zu verzeichnen ist, spiegelt sich nicht wider bei Vokalkonzerten. Ich habe allerdings selbst auch ein außergewöhnliches Gegenbeispiel erlebt: Als ‚Jong Lëtzebuerg‘ 1985 das britische ‚Ensemble‘ The Kings’s Singers zum 20. Geburtstag nach Luxemburg einlud, fürchtete ich ein finanzielles Debakel. Doch schon wenige Tage nach Anlaufen des Vorverkaufs mußte ich feststellen, wie bekannt dieser Sechs-Männer-Chor dank Fernsehen auch in Luxemburg war. Der große Saal im neuen Stadttheater war im Nu ausverkauft; statt 930 Karten hätten wir 1400 verkaufen können.
forum: Du schreibst der Bekanntheit der Sänger durch die Presse diesen Erfolg zu. Wie steht es denn mit dem Echo, den Eure Arbeit in der Presse erfährt?
Claude Thill: Das ist ein trauriges Kapitel. Beim RTL-Fernsehen gibt’s ja nur noch eine halbe Stunde Kultur pro Woche, samstags von 7-8; der Rest sind ja nur Themen wie Haebicht und die Nordstraße und das Wetter. Vereine, Kultur gibt’s nicht mehr für RTL. Samstags werden höchstens Einzelkünstler vorgestellt. Wir müssen heute froh, sein, wenn die Presse unsere Konzerte überhaupt ankündigt. Konzertbesprechungen sind fast inexistent; es muß schon ein außergewöhnliches Konzert mit Orchester, Orgel und Solisten sein, daß überhaupt ein Artikel erscheint. Und ich denke, das Problem kennen befreundete Chöre genauso.
forum: Welche Wunschvorstellungen hegt Ihr für die Zukunft?
Claude Thill: Unser sehnlichster Wunsch ist, daß wieder mehr junge Leute, die eine Gesangausbildung im ‚Conservatoire‘ erhalten haben, den Weg zu den Chören finden. Ohne sie läßt sich keine Zukunft aufbauen. Das Problem ist umso größer im Stadtzentrum, wo ja immer weniger Leute wohnen. Man sollte übrigens nicht vergessen, daß Vereine wie der unsrige, die im Stadtzentrum zweimal in der Woche abends Probe halten, obschon sie in der Peripherie wohnen, wenigstens für ein bißchen Leben in der Stadt sorgen.
Schließlich möchte ich noch anmerken, daß wir vorhaben, uns nach dreißig Jahren Aktivität der UGDA anzuschließen, um unsere Kontakte mit anderen Chören zu intensivieren.
forum: Besten Dank für das Gespräch.
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