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Was soll ich dir, lieber Forum-Leser, erzählen von Kinderspielplätzen, wo Du doch eigentlich alles zu wissen glaubst. Du erwartest jetzt doch bestimmt, ich würde über alles herfallen: über kinderunfreundliche Bebauungspläne, über die auf den lokalen Straßenverkehr zugeschnittene Verkehrspolitik, über öde, langweilige Spielplätze, zu denen Jugendlichen kein Zutritt gewährt wird, über Spielanlagen, die sich weder an den Bedürfnissen der Kinder orientieren, noch den Wunsch der Eltern einbeziehen. All das soll ich wohl schreiben, nebenbei, dem Straßenbauminister sowieso, der hauptstädtischen Bürgermeisterin und allen übrigen Bürgermeistern die Leviten lesen, zu Deinem Ergötzen, so daß du Dir die Ignoranz der Politiker wieder einmal bestätigen lassen kannst. Doch

nicht mit mir, Du oberkritischer Forum-Leser. Ich möchte Dir die Augen öffnen und Dir verständlich machen, daß die gängige Kinderspielplatzpolitik durchaus Sinn macht.

Nehmen wir zum Beispiel diese, in der Tat sehr intelligente Vorschrift, Jugendlichen, den Zutritt zu Spielplätzen und Schulhöfen zu verbieten. Du glaubst jetzt wohl, die zuständigen Politiker würden durch diese Anordnung Vandalismus vorbeugen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: "Bewegt doch eure lahmen Ärsche aus Vatis Fernsehsessel. Seht ihr denn nicht diese Bushaltestellen, wo sich so toll dran rumturnen läßt. Oder die Parkbänke, greif zu, lieber Jugendlicher, ritz deinen Namen ins Holz, ja, mach deine Augen auf, siehst du die-

se geilen Fassaden der Banken nicht, die gilt es mit Grafittis voll zu sprühen." Ist dieses Verbot nicht eine tolle pädagogische Maßnahme, Jugendlichen den Weg in die Welt der Erwachsenen zu öffnen?

Sicherlich wirst du jetzt zu bedenken geben, daß unsere Kinderspielplätze nur deshalb nicht attraktiver sind, weil sie in der Regel an den Bedürfnissen der Kinder vorbei geplant werden. Hat man je erlebt, daß Eltern oder gar Kinder gefragt werden, wie ihr Platz aussehen soll? Dies ist Gott sei Dank nicht geschehen. Schöffenräte haben es allgemein verstanden, nicht auf die Spielplatzanforderungen von Elterninitiatoren einzugehen, und kunstvoll Spielnischen für die Kinder in die Bebauungspläne eingearbeitet. Welche Spielkultur hat sich nicht

Spielplatzentwurf von Dan Tanson, Gestalter, und Claude Simon, éducateur gradué

auf Parkplätzen entwickelt? Neuartige
Hüpf- und Ballspiele, Rollerblades, Ska-
teboard um nur einige Beispiele zu nen-
nen. Hinterhöfe, Häusereingänge, das so-
genannte Alibigrün vor Gebäuden, über-
all machen Kinder sich ihren Spielraum
zu eigen. Der Politiker weiß eben, was
in unseren Kindern steckt.

Ja manchmal glaube ich, die Politiker
würden sich von dem wundervollen Leit-
satz lenken lassen: Je weniger man pla-
nend eingreift, desto besser. So können
auf die wunderbarste Art die unschuldi-
ge Spielwelt der Kinder und die kalte Ge-
schäftswelt von Gebäudemaklern sich er-
gänzen. Wird nicht überall alte Bausub-
stanz für ein paar Jahre Kindern
überlassen: Sie finden hier eine phanta-
stische Abenteuerwelt vor, treiben, als
Gegenleistung sozusagen, den Zerstö-
rungsprozeß voran, bis der Makler end-
lich abreißen lassen und gewinnbringen-
de Neubauten planen kann, um so sei-

nem Spieltrieb nachzukommen? Das
nenn ich eine adäquate Einführung in die
Welt der Erwachsenen.

"Straßen, überall Straßen, Autos, Ver-
kehr, Unfälle, Gefahr! Gefahr! Gefahr!"
so hör ich Dich schon ausrufen, mit dem
Straßenbauminister als letzten Beweis
für eine spielweltfeindliche Politik.
Doch muß Du Dir nicht eingestehen, daß
Du als Kind am liebsten Go-Kart gefah-
ren, "Autocrashs" provoziert, Straßen-
landschaften in den Sandhaufen gezogen
oder mit der "Autobunn" gespielt hast?
Ja, dieser Minister ist ein Vorbild für
den homo ludens Der erfüllt sich seine
Kinderträume. Der weiß noch, was Spiel
ist. Der entspricht ganz dem Kinderan-
spruch ans Spiel von Zerstören und Wie-
deraufbauen. Dieser Minister gestaltet
unser Land zu einem einzigen riesen-
großen Spielpark um. Er steht für alles,
was ein Kinderherz schneller schlagen
läßt: kühne Straßenführung, reger Flug-

verkehr, da wird gebaut und niedergeris-
sen, in einem Tempo, daß jedem Lego-
Spieler schwindelig wird. Ja, wenn einer
sich das Kind im Manne erhält…!

Und Du, Forum-Leser, möchtest an al-
lem herummeckern. Du erkennst diese
große Aufgabe nicht, derer sich einige
unserer fähigsten Politiker angenommen
haben, um das Spiel, mit all seinen Facet-
ten unseren Kindern, ja uns allen, auch
in Zukunft zu erhalten. Siehst Du denn
nicht, wie in diesem Land zum Beispiel
alte Spiele mit richtigen Prinzen und
Prinzessinen immer wieder neu belebt
werden, wie kreative Abänderungen zu
traditionnellen Spielregeln erfunden wer-
den, so "De Bommeleër", zu Räuber und
Gendarme oder die Supermarkt-Variante
zu Monopoly. In diesem Land hat das
Spiel seinen Raum, das würde ich mit
felsenfester Überzeugung behaupten, nur
Du, Forum-Leser, steckst Deine Nase in
eben diese Zeitung.
h.l.

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