Die Bücherwelt der Drei- bis Achtjährigen

Ihre Einwirkung auf die Entwicklung der Kinder

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Ihre Einwirkung auf die Entwicklung der Kinder

Die erste Idee war, die Eltern der Schüler in die Klasse einzuladen, um ihnen, auf eine möglichst unkomplizierte Art und Weise, zusammen mit den Schülern, unsere Klassenbibliothek vorzustellen. Im Hinterkopf hatte ich den Gedanken, bei den Eltern um Verständnis und Interesse zu werben, für das Lesen im allgemeinen und speziell für die Bücher, die für Kinder von 3 bis 8 Jahren geschrieben worden sind.

Zu Hilfe kam dann ein Abend in der Maison Servais in Mersch, zu dem die 1996 in Luxemburg neugegründete a.s.b.l. ‚Initiativ Freed um Liesen – Initiative Plaisir de Lire‘ einlud. Das Thema an diesem Abend lautete "An – Stiften zum Lesen", zu dem Dipl.-Päd. Heinrich Kreibich von der deutschen ‚Stiftung Lesen‘ aus Mainz sprach. ‚Initiativ Freed um Liesen – Initiative Plaisir de Lire‘ stellte mir Material zur Verfügung, insbesondere das Dossier "LESEN" der ‚Stiftung Lesen‘, das diesem Vortrag als Vorlage diente.

Am Freitagnachmittag begann in der Klasse eines ersten Schuljahres mit viel Spannung der Umbau des Schulsaales zu einer Bücherausstellung. Am Samstagmorgen führten die Kinder ihre Eltern stolz durch die, ihnen zum Teil schon bekannte Bücherwelt (etwa 50 bis 60 Kinderbücher). Aus diesem Anlaß entstand folgender Vortrag, der hauptsächlich an die Eltern gerichtet war.

Betrachten wir die Mediensituation der 3- bis 8jährigen, so sind diese Kinder durchschnittlich 12 Stunden aktiv. Von dieser 12stündigen Wachzeit verbringen sie 6 Stunden mit Spielen und eineinhalb Stunden bei Fernsehen, Kassetten und Bücher. Diese verschiedenen Medien bilden einen festen Bestandteil im Alltag der 3 bis 8jährigen. Fernsehen und Bücher bilden zusammen mit den Abendroutinen (Essen, Vorbereitung für das Zubettgehen) einen Block am Ende des kindlichen Aktivitätsalltags.

Bücher anschauen respektiv lesen und fernsehen tun Kinder in diesem Alter vorwiegend in Begleitung Erwachsener.

Was lesen diese Kinder:

  • Freud und Leid im Kinderalltag

  • Ich bin anders als die andern

  • Meine Freunde

  • Tiere – Natur – Umwelt

  • Realistische Geschichten

  • Misere, Krieg

  • Krankheit – Sterben und Begegnung mit dem Tod

  • Phantastische Geschichten

  • Geschichten zum Staunen

  • Abenteuer-, Hexen-, Gespenster- und Drachengeschichten

  • Räubergeschichten

  • Märchen – Sagen

  • Religiöse Bücher

  • Ferne Welten und vergangene Zeiten

  • Weihnachtsgeschichten

  • Neu: Bilderbücher für die Kleinsten

  • Neu: Sexueller Mißbrauch an Kindern

Wie können nun solche Bücher auf unsere Kinder wirken ?

Autoren von Kinderbüchern malen und schreiben für Kinder um eigene Eindrücke oder Erlebnisse zu vermitteln, Kinder zu unterhalten, zu informieren oder zu belehren.

In jedem Fall können Bücher auf verschiedene Bereiche der Persönlichkeit des Kindes einwirken.

Kinderliteratur kann das Denken anregen.

Dies ist dann der Fall, wenn Bilder und Text so gestaltet sind, daß Kinder dazu angeregt werden, genau zu beobachten, zu vergleichen und zu unterscheiden, Neues kennenzulernen und es sich zu merken.

Erst wenn Kinder genau beobachten können, sind sie auch imstande, Zusammenhänge zu erkennen, Ursachen und Wirkungen zu erfassen.

Bilderbücher tragen auch dazu bei, Einsichten zu vermitteln, die das Kind im täglichen Leben nicht gewinnen kann. Durch vereinfachte Darstellung kann die oft verwirrende kindliche Wirklichkeit durchschaubar gemacht werden.

Wichtig ist es, daß Bücher auch Impulse geben, sich an Probleme heranzuwagen, Lösungsmöglichkeiten zu suchen und gebotene Lösungen kritisch zu betrachten.

Dies gilt nicht nur für sachliche Probleme, sondern vor allem auch für Probleme des Zusammenlebens. Dieser Aspekt kommt den Kindern und Jugendlichen auch dann zugute, wenn z.B. in der Pubertät Probleme auftauchen, mit denen sie nicht mehr direkt zu den Erwachsenen gehen.

Kinderliteratur kann die Sprachentwicklung fördern.

Mit 2 Jahren beginnt beim Kind der kreative Umgang mit der Sprache. Das Kind beginnt selbst Laute und Worte zu erfinden.

Dieses Sprachbasteln ist wichtig für Kinder in jedem Alter, um mit dem Wort- und Satzbau vertraut zu werden. Es hilft die Sprachphantasie zu entfalten und die Fähigkeit zur Sprachkritik zu entwickeln und macht es so dem Jugendlichen später möglich, das Gelesene resp. das Geschriebene zu hinterfragen.

Mit einem Zuhörer oder einem Mit-Erzähler werden abgebildete Tiere oder Gegenstände benannt. Dadurch lernt das Kind die drei Komponenten Ding, Begriff und Wort miteinander zu verknüpfen.

Als nächstes wird der Begriff in seinem Umfeld erkannt und benannt, z.B. das Kind sagt beim Anblick des Bildes nicht mehr einfach "Kuh !", sondern "die Kuh frißt auf der Wiese".

Auch später noch sind textlose Bilderbücher wichtig: In mehreren aufeinanderfolgenden Bildern wird eine Handlung beschrieben, d.h. diese Handlung wird erkannt und in die Sprache umgesetzt. Dieses Umsetzen von Bildern in Worte hilft auch später beim Comic-lesen.

Kinderliteratur bietet Modelle für soziales Verhalten.

In den ersten Bilderbüchern wird schon gezeigt, wie sich "brave" und "böse" Kinder in der Familie verhalten, wie sie essen, schlafen, sich anziehen usw.

"Struwwelpeter", ist das bekannteste Beispiel, wie erwünschtes Verhalten im 19. Jht. durch das Buch vermittelt wurde, im Dienste eines ganz bestimmten Erziehungsstiles: durch Drohen und Gewalt wurde in solchen Geschichten Anpassung erzwungen.

Zeitgemäße Autoren bemühen sich heute eher, die Probleme der Kinder aufzuzeigen, z.B.

  • die kindliche Angst (Bsp.: "Martin hat keine Angst mehr" von Ingrid Ostheeren, Nord-Süd Verlag)

  • die Gefühle des Außenseiters (Bsp.: "Irma hat große Füße" von Ingrid u. Dieter Schubert, Sauerländer Verlag 1994 oder "Neben mir ist noch Platz" von Paul Maar, modus vivendi Verlag 1993)

  • körperliche Gebrechen (Bsp.: "Mein Opa ist alt, und ich hab ihn sehr lieb" von Wolf Harranth, Jungbrunnen Verlag 1991 oder "Meine Füße sind der Roll-

stuhl" von Franz Joseph Huainigg, Ellermann Verlag 1992)

  • unerfüllte Wünsche nach Liebe und Anerkennung durch die Erwachsenen (Bsp.: "Die Geschichte von der kleinen Gans, die nicht schnell genug war" von Hanna Johannsen, ObeliskVerlag 1989)

Wenn uns diese Fähigkeit, uns in eine andere Person hineinzuversetzen und deren Schmerz und Freude zu verstehen, verloren geht, werden wir grausam und gefährlich für andere und uns.

Diese Bücher ermutigen Kinder und Erwachsene, Konflikte auszusprechen, persönliche Probleme zu klären und werben für Verständnis für das Anderssein.

Welche Wirkung solche Bücher letztendlich auf die Kinder haben, hängt viel von der Haltung der Erwachsenen ab, die mit den Kindern diese Bücher erleben.

Aus diesen Gründen ist es nicht einfach, allgemeingültige Aussagen über die Wirkung eines Buches zu machen; man ist in den meisten Fällen auf Vermutungen, Hoffnungen und Befürchtungen angewiesen. Falsch ist jedoch anzunehmen, daß Bücher allein für die Entwicklung von Verhaltensweisen verantwortlich sind.

Kinderliteratur kann das Gefühlsleben ansprechen.

Das Zusammenspiel von Bewegung, Rhythmus und Sprachmelodie, die den ganzen Körper ansprechen, übertragen auch die Stimmung der Erwachsenen auf die Kinder.

So z.B. das Kniereiterspiel "Hoppe – hoppe – Reiter…", das Fingerspiel: "Do kriss d’en Daler, da gees de op de Maart…"

Sie sprechen seine eigenen Gefühle an und ermutigen das Kind, Kontakte aufzunehmen und Bindungen einzugehen.

Später sind es dann Geschichten, Märchen und Bilder, die eigene Gefühle ansprechen, Stimmungen aufkommen lassen und aufnahmebereit machen für die Gefühle der Figuren in Geschichten und Büchern.

Viele Autoren bemühen sich, die Gefühle der Kinder anzusprechen und sie so offen zu machen für das, was sie den Kindern in ihren Bildern und Geschichten sagen wollen.

Dies hat nur Erfolg, wenn das Kind sich hineinversetzen kann in die Gefühle und Probleme der Buchfiguren.

Leo Lionni – Bilderbuchillustrator – sagt das so:

"Das Kind muß fähig sein, sich mit den Gestalten in meinen Büchern zu identifizieren, sonst wird es von meinen Geschichten nicht ergriffen und muß sie, be-

stenfalls, als etwas Überflüssiges ansehen."

Wenn uns diese Fähigkeit, uns in eine andere Person hineinzuversetzen und deren Schmerz und Freude zu verstehen, verloren geht, werden wir grausam und gefährlich für andere und uns. Man denke an die Beispiele von Gewalt bei Jugendlichen aus sozialgestörten Familienverhältnissen.

Allerdings kann die Identifikation auch Gefahren in sich bergen. Immer dann, wenn sie zur kritiklosen Übernahme von Einstellungen und Verhaltensweisen führt.

Dies ist der Fall, wenn der Leser

  1. nicht über das Angebotene nachdenkt,
  2. es nicht mit dem eigenen Erlebten vergleicht und
  3. es nicht wagt, eine eigenständige Meinung zu vertreten.

Diese Kontrolle über das richtige Maß an Identifikation entwickelt sich schrittweise: Maßgebend sind hierbei auch die Auswahl der Bücher und die Anteilnahme der Erwachsenen an den Bilderbuch- und später an Bucherlebnissen der Kinder.

Es ist nicht immer leicht, sich für das richtige und gute Kinderbuch zu entscheiden.

Bücher unterscheiden sich als erstes in ihrer äußeren Aufmachung. Es gibt:

  • Bilderbücher ohne Text für die ersten (Sprach-)Erfahrungen mit dem Buch

Nico 7 J.

10 Argumente, warum Lesen so wichtig ist

  1. wer liest, entwickelt Phantasie und Kreativität
  2. wer liest, kann sich besser ausdrücken und hat beim Lernen mehr Erfolg
  3. wer liest, kommt weiter im Beruf
  4. wer liest, hat mehr von seinen Hobbys
  5. wer liest, genießt
  6. wer liest, profitiert mehr vom Fernsehen
  7. wer liest, profitiert von der Erfahrung anderer
  8. wer liest, wird mündiger Staatsbürger
  9. wer liest, erschließt sich lebendige Kultur

von der ‚Stiftung Lesen'(Mainz)

(vgl. Punkt 2: Kinderliteratur und Sprachförderung).

  • Bücher, in denen der Text in Großschrift wortweise durch Bilder ersetzt ist, z.B. "3 Freunde"-Bücher, Arena Verlag. Sie helfen Kindern im ersten Lesalter.

  • Bilderbücher mit Text für das Kind zu lesen im 1. Lesejahr.

  • Bilderbücher mit Text für das Kind nicht zu lesen im 1. Lesejahr, aber zum Vorlesen und Mitschauen wohlgeeignet, z.B. Märchen- und Geschichtenbücher.

Große Achtung verdient die Qualität des Bildes.

Das Betrachten, Analysieren und Sortieren der Gegenstände auf den Bildern und das Erkennen der dargestellten Handlung auf einem festen Bild ist die Voraussetzung überhaupt eines schnellen Erfassens eines Bildes oder eines

Eindruckes in unserer Umwelt und nicht zuletzt für das Fernsehen.

Hier bieten die eigenartigen, amusanten Bilderfolgen in den Büchern aus der Reihe der "Pettersson" Bilderbücher, von Sven Nordqwist, Oetinger Verlag, gespickt mit witzigen Details, eine wohltuende Schulung für das Lesen eines festen Bildes.

Das Lesen eines Bildes geht auch dem eigentlichen Leselernen (von Buchstaben und Text) voraus und fördert später das echte, nicht oberflächliche Lesen.

In den ersten 8 Jahren ist das Kind auf die Erwachsenen angewiesen, um Zugang zum Buch zu finden, d.h. um die Auswahl des Buches zu treffen, den Text zu entschlüsseln und den Buchinhalt zu verstehen und zu verarbeiten.

Wir Erwachsene orientieren uns meistens an den Bucherlebnissen unserer eigenen Kindheit um die Buchauswahl für unsere Kinder zu bestimmen.

Das Angebot an Kinderbüchern hat sich jedoch seitdem wesentlich erweitert und nicht unwichtig sind die Bücher, in denen die Probleme von heute angesprochen werden.

Was den Inhalt betrifft, unterscheiden sich die Bücher vor allem in der Sprache, in der künstlerischen Ausdrucksform speziell der Bilder. Sie sprechen verschiedene Interessen an und vermitteln verschiedene Bilder unserer Welt.

Kinderliteratur spricht die Kreativität an und regt zur kreativen Umgestaltung an.

Bilderbücher, Märchen und Comics können Anregungen für Experimente und Spiele geben, die durch die Phantasie und die Kreativität der Kinder weiterent-

wickelt werden. Von den Bildern und den Texten gehen Impulse aus, sich manches vorzustellen, was es in Wirklichkeit so noch nicht gibt.

Das kann entspannen, anregen, trösten oder auch Mut machen, bei Problemen nicht gleich aufzugeben.

Ein schönes Beispiel ist das Buch "Leb wohl, lieber Dachs" von Susan Varley, Annette Betz Verlag 1984, zum Thema Trauer nach dem Tod eines Lieben. Auf so liebe, einfühlsame Weise wird beschrieben, wie die Tiere mit dem Tod des Dachses umgehen und fertigwerden, daß sogar manch Erwachsener nachdenklich gestimmt wird.

Geschichten mit offenem Schluß regen dazu an, neue Lösungen zu suchen.

Kinder können durch Bücher erfahren, wie Menschen ihre Umwelt verändern und einrichten.

Kinderliteratur kann zum Lernen motivieren.

Wir klagen heute gerne darüber, daß Kinder nicht mehr zum Lernen zu bewegen sind. Unkonzentriertheit, Desinteresse, Nervosität und Zerfahrenheit der Kinder werden vor allem durch die Schnelligkeit, durch die Fülle an Reizen und Informationen begünstigt.

Gute Kinderbücher

  • bringen Darstellungen, die Kinder aus ihrem Erleben verstehen können,
  • stellen die Welt aus der Sicht der Kinder dar,
  • befriedigen die kindliche Neugier,
  • halten das Bedürfnis, die Welt zu erforschen, in Gang,
  • bieten Gelegenheit, sich auf das zu konzentrieren, was den eigenen Interessen entspricht,
  • und ermöglichen es, beliebig lange dabei zu verweilen!

Ein Buch, das diese Kriterien weithin erfüllt, ist das Aufklärungsbuch in Form eines Bilderbuches "Peter, Ida und Minimum – Familie Lindström bekommt ein Baby" von Grethe Fagerström, Ravensburger Buchverlag 1993.

Kinderliteratur kann Orientierungshilfen bieten, sich in der Umwelt zurechtzufinden.

Unsere Umwelt ist heute für Kinder schwer durchschaubar.

Kinderbücher können Informationen über verschiedene Bereiche der näheren und weiteren Umwelt geben, z.B. Naturvorgänge, technische Zusammenhänge, Arbeitsvorgänge, Einrichtungen des öffentlichen Lebens, Straßenverkehr, u.v.a.m. (Bsp.: "Der kleine Tiger braucht ein Fahrrad" und "Tiger und Bär im Straßenverkehr" von Janosch, Diogenes Verlag, oder "Das Löwen-Kinder-Buch" von Angelika Hofer aus der Tier-Kinder-Reihe, Neugebauer Verlag, oder aus der Reihe "Wir entdecken" das Buch "Die Eisenbahn" von Georges Forster, Edition Zack)

Kein gegenseitiges gegeneinander Ausspielen!

Vieles von dem, was wir in Büchern finden, begegnen wir auch in anderen Medien wie Fernsehen, Radio, Zeitschriften, Kassetten, audio und video, im Internet, usw.

Sich informieren kann man natürlich auch anders als mit Büchern. Es geht nicht darum, die verschiedenen Medien, besonders das Fernsehen und das Buch gegeneinander auszuspielen.

Es geht darum, den Kindern die Möglichkeit zu bieten, sich aktiv mit ihrer Umwelt, auch ihrer Medienumgebung, auseinanderzusetzen und ihnen zu helfen beim Hineinwachsen in eine Gesellschaft, die auf Kommunikationstechnologie und Bildungsbereitschaft aufgebaut ist.

anne jungblut

Bibliographie:

  • "Initiativ Freed um Liesen – Initiative Plaisir de Lire" asbl. 1, rue de la Loge L-1945 Luxembourg. Secrétariat: 7, rue du Bois L-8121 Bridel
  • Dossier "LESEN" von der ‚Stiftung Lesen‘, Fischtorplatz 23, 55116 Mainz
  • Informationbroschüre für Eltern "LESEN IST FAMILIENSACHE", von der ‚Stiftung Lesen‘ und dem ‚Oesterreichischen Buchklub der Jugend‘-Wien

Deshalb brauchen Kinder Bücher

Am Anfang war das Wort. Mit der Zeit merkten die Menschen, daß man Wörter zu Märchen und Geschichten aneinanderreihen kann. Dann kam man auf die Idee, diese Märchen und Geschichten in Büchern zu drucken. Und dann kam man darauf, die Bücher Kindern in die Hand zu geben. Da geschah etwas Seltsames mit den Worten. Im Strahlenglanz der kindlichen Phantasie begannen sie zu leuchten, sie erwachten zu einem Leben, das sie zuvor nicht besessen hatten. Es bedurfte einer gewissen Zusammenarbeit zwischen Worten und Kindern, um aus diesen erstaunlichen kleinen Schnörkeln zwischen zwei Buchdekkeln Bilder von einer Deutlichkeit erstehen zu lassen, wie sie nur die Phantasie eines Kindes malen kann. Die Kinder schufen Bilder – von dunklen Märchenwäldern und grünen Indianerpfaden, von längst erloschenen Lagerfeuern und längst versunkenen Piratenschiffen. Bilder von bekannten Welten und von unbekannten, von nahen Dingen und von fernen Wunderwerken, und es war in diesen Bildern eine Stärke, eine Intensität, die alles übertraf, was es in "Wirklichkeit" gab.

Solche Bilder braucht der Mensch. An dem Tag, da die Phantasie der Kinder nicht mehr die Kraft besitzt, sie zu schaffen, an diesem Tag verarmt die Menschheit. Alles, was an großem in der Welt geschah, vollzog sich zuerst in der Phantasie eines Menschen, und wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in großem Maß von der Einbildungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen.

Deshalb brauchen Kinder Bücher, an denen ihre Phantasie wachsen kann. Es gibt nichts, was das Buch als Nährboden der Phantasie ersetzen kann. Die Kinder von heute sehen Filme, hören Radio, sitzen vor dem Fernsehschirm, lesen Comics – all das ist gewiß lustig und appelliert wohl auch an die Phantasie, aber es sind oberflächliche Erlebnisse. Ein Kind, allein mit seinem Buch schafft sich irgendwo tief in den geheimen Kammern der Seele eigene Bilder, die alles andere übertreffen.

Astrid Lindgren

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