Toter Indianer, guter Indianer
Kostümierte Heimat. Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (17)
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Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (17)
Kostümierte Heimat
Toter Indianer, guter Indianer
Michel Rodange war ein genialer Luxemburger Dichter. Er schaffte es vor 125 Jahren, in einem einzigen, 6025 Verse langen Epos die Kleingeisterei seiner Heimat derart brilliant zu geiseln, dass er sofort zum Intimfeind der Bürger und Bonzen, der notorischen Heuchler und Wahrheitsverdreher wurde. 500 Exemplare stark war die erste Ausgabe seines «Renert», einer Dialektverarbeitung der «Reinecke-Fuchs»-Fabel: nicht einmal 50 Bücher wurden verkauft. Obwohl Michel Rodange ein literarisches Glanzstück abgeliefert hatte, blieb ihm der öffentliche Zuspruch versagt. Diese Ablehnung muss man nachträglich als Kompliment werten, denn sie verrät nichts anderes als den frustrierten Gestus jener, die Rodange mit grossartiger Präzision auf dem Seziertisch auseinandergenommen hatte. Die Weigerung, meisterhafte Literatur als solche zur Kenntnis zu nehmen, ist seither Tradition geworden. Was nicht in den sakrosanken Kanon der römisch-katholischen Wohlanständigkeit hineinpasst, wird mit grosser Kunstfertigkeit totgeschwiegen. Je höher die Auflage der Presse, umso beredter das ostentative Schweigen: diese Maxime kann man seit Erscheinen von Rodanges «Renert» immer wieder am Inhalt der bistumseigenen Tageszeitung überprüfen.
Aber wenn der Dichter schon lange tot ist, wenn er zu Staub zerfallen und zur Legende geronnen ist, dann proben die Gekränkten und Beleidigten plötzlich den grossen, den sentimentalen Auftritt, dann greifen sie sich mit pathetischem Edelmut das schwarze Schaf und drücken es in aller Öffentlichkeit an ihre Brust, bis ihm posthum Hören und Sehen und Denken und Schreiben vergeht. Das Sprichwort sagt: Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer, das gilt auch für verblühende Dichter. Den toten Bösewicht kann man vortrefflich streicheln und tätscheln. Den Kadaver des
Unholds kann man mit Kränzen behängen, mit Lobreden beschweren, mit honigsüssen Komplimenten einbalsamieren. Der solcherart Geschändete kann nicht mehr zurückschlagen und mit scharfer Zunge unter die Heuchler fahren. Genau das macht den Reiz der Vereinnahmung aus.
Seit jeher betrachtet es die katholische Kirche als eine Art theologische Aerobic-Übung, besonders widerspenstige Vertreter der Schöpfung post mortem in den Weihwasserkessel zu tauchen und mit dem Weihrauchfass zu desinfizieren. Diese klerikale Leichenfledderei musste nun auch der bitterböse Spottvo-
Wer sagt da, Literatur könne nichts bewirken?
gel Michel Rodange über sich ergehen lassen. Der Interessenverein aus Clausen, einem Vorort der Stadt Luxemburg, hatte zu einer Rodange-Feier geladen. Was nach aussen zunächst wirkte wie ein Treffen von gutgelaunten Literaturfans, die ihrem verehrten Meister ein bisschen huldigen wollten, entpuppte sich allerdings schnell als eine durch und durch vermessene Zeremonie der Zwangseingliederung in die hehre Gemeinschaft der Gläubigen. In der vordersten Reihe der Ehrengäste sass der Luxemburger Erzbischof – ein Tatbestand, der in wahrhaft eklatantem Widerspruch steht zu allem, was Michel Rodange über die pfälfische Deformation seiner Heimat zu Papier gebracht hat. Damit nicht genug: die Laudatio hielt ein landbekannter Rechtsradikaler, ein sogenannter Sprachpurist mit Blut- und Boden-Geruch, der es in seiner langen Karriere als linguistischer Blockwart geschafft hat, aus der luxemburgi-
schen Sprache eine Waffe der konservativen Heimathüter zu machen. Auch dieser Mann, sein Gerede und sein Talent, immer nur auf die Sprache zu pochen und den jeweiligen Inhalt des Sprachwerks zu unterschlagen, sind eine makabre Provokation des Dichters. Man braucht sich nur einen Augenblick vorzustellen, Michel Rodange hätte als Lebender diesem unwürdigen Spektakel beiwohnen können: noch am gleichen Abend hätte er mit zwei scharfen Vierzeilern den Erzbischof und den Sprachpuritaner zum Teufel geschickt.
Aber man weiss ja: Tote meckern nicht und halten selbst dann noch schön still, wenn man ihnen die ärgsten Beleidigungen an den Schädel wirft. Das macht literarische Weihestunden für begrabene Dichter so ergiebig. Mit wahrer Inbrunst legten die Veranstalter der Rodange-Feier Blumen aufs Grab des Geehrten, mit innerer Sammlung deponierten sie auch ein paar Blümchen vor Rodanges Sterbehaus. Es war alles in allem die raffinierte Inszenierung einer denkwürdigen Parabel über den Tod: Wer in Luxemburg stirbt, ist selbst schuld. Er darf sich nicht wundern, wenn man nach seinem Exitus Werk und Leben in ihr Gegenteil verkehrt, seine kritischen Attacken zu Gebeten erklärt, seinen beissenden Spott zu verschlüsseltem Gotteslob. Für die katholische Gesellschaft gilt weiterhin: willst Du nicht mein Bruder sein, schlag‘ ich dir den Schädel ein. Es sei denn, der Schädel ist schon auf natürliche Weise funktionsuntüchtig geworden. Dann herrscht auf einmal eine Brüderlichkeit, dass selbst dem rabiatesten Gesellschaftskritiker auf ewig das Mundwerk zuwächst. Wer sagt da, Literatur könne nichts bewirken? Sie bewirkt – wie figura zeigt – sogar das Unmögliche, nämlich das Gegenteil ihrer Absicht.
SR2 Kultur 27.10.97
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