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Buchhändler, ein viel beneideter Job! Wohl deshalb auch die Idee der forum-Redaktion, ein paar Impressionen aus der Kulturidylle eines Buchhütters glossenhaft einzufangen.
Zu schreiben gäbe es ganze Bände voll erfreulicher und haarsträubender Abenteuer in der trockenen Luft des Buchladens. Etwa über die schillernde Vielfalt der Kundschaft.
Markierendster Ausdruck des erwähnten Neidgefühls sind die Tiraden jener KundInnen, oft gestresste Lehrkörper, die den Blick über die Regale streifen lassen und seufzen: "Ach, muß das schön sein in einer Buchhandlung zu arbeiten!"
Nun, ganz so schrecklich wie hinter dem letzten Hochofen oder auf einer Putzfraueninsel ist der Job natürlich nicht. Was natürlich nicht hinter den Buchrücken hervorlugt, ist die Kehrseite der Medaille: geschwollene Beine am Feierabend, Ärger mit Bestellungen, lahmen Lieferanten, ungeduldigen Kunden, Kisten schleppen, Karton recyceln, … und bei miesem Wetter eine Neutronenbombe in der Fußgangsterzone und Ebbe in der Kasse.
Ganz zu schweigen vom Gehalt der Angestellten, das zumindest in einem intellektuell orientierten Laden eine tiefe Kluft zwischen den besserverdienenden Kunden und dem selbstlosen Ladenpersonal offenbart. Allerdings gönnt man als Buchhändler den Kunden Spitzenverdienste, sofern sie davon Bücher statt Weinkisten oder Interieur-nippes kaufen.
Und doch spielt Geld eine wesentliche Rolle in der Interaktion mit vielen Kunden, vor allem wenns um Rabattieren geht. Im europäischen Ausland erlebt man Feilschen höchstens noch auf dem Flohmarkt. Schließlich gibts ja auch keinen Rabatt auf Gehältern, wenn man mal nicht in Topform ist. Doch scheint
die Frage "git der Prozenter?" zu den Volkssportarten in diesem unserem Lande zu gehören. Dabei sind es zumeist nicht einmal die Bedürftigen, denen ’10 Protzänt" am Herzen liegt. Wahrscheinlich glauben auch viele Kunden, die Margen der Buchhändler lägen bei 90% wie im Teppich- oder Pelzhandel und nicht bei 20-35%. Also
"Ach, muß das schön sein in einer Buchhandlung zu arbeiten!"
ist es letztlich eine Art Rache an diesen liberalen Kleinkapitalisten, die sich an den hehren Zeugnissen abendländischer Kultur dumm und dämlich verdienen.
Positiver ist dagegen der religiöse Glaube an die Allwissenheit des Buchhändlers. Da schneit ein Kunde rein und sagt selbstbewußt: "Können Sie mir den MacBookshit, Sie wissen ja, den zweitletzten Titel, für morgen besorgen".
Da muß zuweilen gebluft werden: "Der drittletzte, ja wissen Sie, fällt mir gerade nicht ein, hats ja auch in sich". Hat der Buchhändler mal Mut zur Bildungslücke, erntet er ein mitleidiges "Wie, der ist doch nicht nur in Insiderkreisen Die Autorität auf dem Gebiet der Buchstabenredundanz!" Der Hinweis, daß im Computer nicht weniger als 800.000 Titel gespeichert sind und jedes Jahr 80.000 hinzukommen, reicht dann oft nicht aus: der enzyklopädische Nimbus ist hin.
Ganz krass sieht es dann aus, wenn jemand reingeschneit kommt und unbe-
unbedingt dieses eine Buch über Leib und Seele möchte, das "man" neulich im Fernsehen gesehen hat, aber weder Titel noch Autor kennt. Die Rückfrage, ob es denn wenigstens viereckig oder gar rund gewesen sei, läßt der Buchhändler schnell sein, denn für dumme Scherze haben viele Kunden in einer solch dramatischen Situation kein Feeling.
Eine langjährige Erfahrung führt dazu, daß der Buchhändler sämtliche Laufkunden, sofern sie nicht hereingestürzt kommen, mit geübtem Blick taxiert: Bibliophiler Philologe, gestresster Geschenkarpfer, depressive Psychotante, rabattgeiler Staatsbediensteter, alt-marxistischer Grufti, grüner Gourmet-yuppie,… Streng, aber ungerecht.
Doch gegen Fehleinschätzungen ist kein Profi gefeit. Kommt doch neulich die stereotype, katholische Lehrerin a.D. rein, die todsicher zwischen Hildgard von Bingen und Eugen Drewermann schwankt. Ein bisserl daneben das Vorurteil: katholisch ist die nette Dame allemal, doch freut sich über was Anderes: "Da habe ich doch glatt zwei Che Guevara Bücher bei Ihnen im Schaufenster entdeckt, die in meiner Sammlung fehlen." Ja, eine solche Überraschung – und der anschließende Plausch über das Weiterwirken des Jesus in der bärtigen Martyrerfigur aus Cuba –, das sind eben diese kleinen Dinge, die das rauhe Handwerk des Buchhändlers doch so beneidenswert machen.
Marc Héaux
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