Eine Vision für den Süden

Gespräch mit Michel Wurth

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Zum Thema Industriebrachen baten wir auch die ARBED S.A. um einen Beitrag. Er wurde uns in Form eines Interviews mit Herrn Michel Wurth, Mitglied der Generaldirektion und Direktor Finanzen der ARBED und Vizepräsident des GIE-ERSID geliefert. (Die Fragen stellte der Service Communication der ARBED S.A.).

Mit der zukunftsträchtigen Restrukturierung der luxemburgischen Stahlindustrie gehen tiefgreifende Änderungen in der Minett-Region einher. Das im Sommer vergangenen Jahres abgeschlossene Investitionsprogramm in Höhe von LUF 20 Milliarden zur Umstellung der Stahlproduktion auf das Elektrostahlverfahren wird sowohl das industrielle als auch das wirtschaftliche und urbanistische Erscheinungsbild des luxemburgischen Stahlreviers nachhaltig verändern. Welche Chancen sieht die ARBED in dieser neuen Gegebenheit?

Michel Wurth: Als erstes möchte ich unterstreichen, daß es sich bei der Neuausrichtung der luxemburgischen Stahlindustrie um die größte Investition handelt, die die ARBED seit dem Zweiten Weltkrieg in Luxemburg durchgeführt hat. Das Vorhaben verfolgte mehrere Ziele. Zum einen gingen die Eisenerz vorkommen in unserer Region zu Ende. Zum andern hat Luxemburg keinen direkten Zugang zu den großen Hochseehäfen, die einen kostengünstigen Nachschub an Rohmaterial ermöglichen. Doch da waren gleichzeitig das technische Know-how und das wirtschaftliche Potential, die stets die luxemburgische Stahlindustrie ausgezeichnet haben. Es galt also, Strukturen für eine neue Zukunft zu sichern. So hat sich die ARBED entschieden, ihre luxemburgischen Standorte mit einem umfassenden Investitionsprogramm auf das Elektrostahlverfahren umzurüsten. Der Aufwand hat sich gelohnt. Die Produktivität stimmt und in Luxemburg

werden weiterhin wettbewerbsfähige Stahlprodukte für den Weltmarkt hergestellt.

Freilich hat dies Auswirkungen auf das traditionelle Erscheinungsbild der Minett-Region. Doch man sollte nicht vergessen, daß die Stilllegung des letzten Hochofens im Sommer vergangenen Jahres ein neues, zukunftsorientiertes Kapitel in der luxemburgischen Stahlindustrie eingeleitet hat.

1975 zählte die luxemburgische Stahlindustrie rund 27 000 Mitarbeiter, 1996 noch 6 700. Und der Prozeß ist ja noch nicht abgeschlossen.

Um nun zu den Industriebrachen zu kommen, die mit der Neuausrichtung verbunden sind: Es ist geradezu ein Glücksfall, daß die heutige luxemburgische Stahlindustrie mit ihren kompakten Elektrostahlwerken und modernen Stranggießanlagen wesentlich weniger Landfläche benötigt als früher. So wird Nutzfläche frei für die künftige Raumplanung der Gemeinden und Städte, in denen traditionell die Aktivitäten der Stahlindustrie angesiedelt waren.

Die Neuausrichtung der luxemburgischen Stahlindustrie kam ja nicht wie ein plötzlicher Sommerregen über das Land. Bereits Anfang der siebziger Jahre zeichnete sich im Gefolge der er-

sten großen Stahlkrise ab, daß neue wegweisende Weichenstellungen vorgenommen werden müßten. Welche Bilanz läßt sich im Rückblick auf wirtschaftlicher und industrieller Ebene ziehen?

Michel Wurth: Man muß die gesamte Entwicklung in ihrem historischen Kontext sehen. Seit den siebziger Jahren haben sich weltweit in der Stahlindustrie zwei Modelle durchgesetzt. Einerseits gibt es die großen integrierten Hüttenstandorte, vornehmlich als Küsten-Hüttenwerke. Andererseits gibt es die kompakten Elektrostahl-Anlagen, die umweltfreundlich arbeiten und durch das Recyclieren von Schrott neue hochwertige Stahlprodukte produzieren. Die ARBED ist diese Entwicklung weitsichtig angegangen. Sie hat an verschiedenen ihrer ausländischen Standorte – etwa in Gent und Bremen – das integrierte Modell und parallel dazu in Luxemburg und Thüringen das Elektrostahl-Modell entwickelt. Im Gegensatz zu den Stahlproduzenten aus unseren Nachbarregionen hat die ARBED es so geschafft, ein internationaler eigenständiger Konzern mit Entscheidungssitz im Heimatland zu werden. Das ist heute ein wichtiger Vorteil sowohl für das Land Luxemburg als auch für die luxemburgische Wirtschaft.

Die Umstrukturierung der luxemburgischen Stahlindustrie hat jedoch auch dazu geführt, daß ihre Rolle unter gesamtwirtschaftlichen Aspekten zurückgegangen ist. So ist das Produktionsvolumen an Fertigprodukten auf dem Niveau der siebziger Jahre geblieben.

ben. Doch gleichzeitig wurden jedes Jahr kräftige Produktivitätsschübe erzielt. Das hat zu einer rigorosen Anpassung der Belegschaftszahlen geführt. 1975 zählte die luxemburgische Stahlindustrie rund 27 000 Mitarbeiter, 1996 noch 6 700. Und der Prozeß ist ja noch nicht abgeschlossen.

Parallel zu den Umstrukturierungen in der Stahlindustrie hat sich die luxemburgische Wirtschaftsstruktur verändert. Wie in allen hochindustrialisierten Ländern hat sich der Trend hin zur Dienstleistungsgesellschaft sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich verstärkt. Neue Arbeitsplätze wurden geschaffen. So erhöhten sich von 1970 bis 1994 etwa im Bereich der Finanzdienstleistungen die Beschäftigtenzahlen um 300%, im Sektor der sonstigen Dienstleistungen um 110% und im Öffentlichen Dienst um 80%. Gleichzeitig ging, wie ich eben schon gesagt habe, die Zahl der Mitarbeiter in der Stahlindustrie um 57% zurück.

Gesamtwirtschaftlich gesehen hat das Land diesen Kurs doch aber gut…

Michel Wurth: … verkraftet, das ist richtig. Das wirtschaftliche Wachstum ist zwischen 1970 und 1993 stark angestiegen, der Reichtum Luxemburgs erhöhte sich in diesem Zeitraum um 250%. Insgesamt erhöhte sich die Zahl der Arbeitnehmer um 50%. Im Schnitt wurde also jeder Einwohner des Landes wesentlich wohlhabender. Doch während die neuen Arbeitsplätze vornehmlich im Zentrum des Landes, in der Stadt Luxemburg und in ihrer direkten Umgebung angesiedelt wurden, gingen im Süden weiterhin Arbeitsplätze verloren – dies trotz der großen Anstrengungen neuer Industriebetriebe. Das führte dazu, daß heute weit über die Hälfte des luxemburgischen Bruttosozialproduktes in der Stadt Luxemburg oder ihrer nahen Umgebung erarbeitet wird.

Birgt die immer stärkere Konzentration des erwirtschafteten Mehrwertes auf die Umgebung der Hauptstadt nicht die Gefahr eines neuen, diesmal regionalen Monolithismus?

Michel Wurth: Es ist einerseits das Problem des regionalen Monolithismus,

Four électrique ProfilARBED Belval (Foto: ARBED)

doch es ist auch eine Frage des ökonomischen Monolithismus. Es wird freilich niemand in Abrede stellen können, daß die Entwicklung der Finanzdienstleistungen eine hervorragende Sache für die luxemburgische Wirtschaft ist. Heute hat der Sektor jedoch Dimensionen erreicht, die vergleichbar sind mit dem Impakt der Stahlindustrie am Anfang der siebziger Jahre. Das heißt, daß die luxemburgische Wirtschaft, die Öffentlichen Finanzen und auch das Gleichgewicht der Sozialkassen stark von einem Sektor abhängig sind.

Ist der Süden nicht geradezu vorbestimmt, ebenfalls in Zukunft ein Sammelbecken von modernem industriellen Know-how zu bleiben? Was kann die ARBED hier bewirken?

Michel Wurth: Es geht nicht nur um ein Sammelbecken von industriellem Know-how. Die ARBED hat dies frühzeitig erkannt. Sie hat einerseits in Unternehmen wie TrefilARBED Bettembourg, Galvalange, Ewald Giebel,

IEE, ALZ Luxembourg und andere ihr nahestehende Aktivitäten investiert.

Doch darüber hinaus hat sie sich an neuen Dienstleistungsunternehmen im Süden beteiligt. Telindus ist ein gutes Beispiel aus dem Bereich der Informationstechnologie. Ein weiteres Beispiel ist Luxcontrol. Das Unternehmen ist aus den Laboranlagen der Hüttenwerke entstanden. Beide Betriebe sind heute wettbewerbsfähige Dienstleister, die vornehmlich für Dritte arbeiten.

Vor diesem Hintergrund erinnere ich ebenfalls daran, daß die ARBED das Hauptquartier von ProfilARBED, die Entscheidungszentrale der luxemburgischen Stahlindustrie, im "Schlassgoart" in Esch-Alzette angesiedelt hat. Der "Schlassgoart" ist zudem ein wegweisendes und herausragendes Beispiel moderner Stahlarchitektur.

Für die Aufwertung des Südens kommt auch der Forschungs- und Entwicklungs-tätigkeit von ProfilARBED

Esch-Belval (Foto: Mouvement Ecologique)

Recherches und den Synergien mit anderen Forschungseinrichtungen große Bedeutung zu. Wir begrüßen es daher, daß das "Centre de Recherches Henri Tudor" nach Esch kommen wird, um hier einen "Technopôle" aufzubauen. Das wird dazu beitragen, die hiesige Forschung den Unternehmen sowohl in Luxemburg als auch im Saar-Lor-Lux-Großraum besser zugänglich zu machen.

Das alles hat mehr als Symbolcharakter. Es handelt sich um neue Aktivitäten in Bereichen, in denen die Minett-Region und die Stadt Esch sich vorteilhaft positionieren können. Gerade solche Strukturen bergen Chancen für den künftigen wirtschaftlichen und menschlichen Reichtum der Minett-Region und damit des ganzen Landes.

Kommen wir zurück zur Raumplanung und – konkret – zur Umwandlung nicht mehr von der ARBED benötigter Liegenschaften. Mit dem Projekt beschreibt die ARBED ja kein Neuland.

Michel Wurth: Nein, wir besitzen bereits eine gewisse Erfahrung mit der Rekonversion von nicht mehr benötigten Industrieflächen. Anfang der siebziger Jahre hatte die ARBED noch rund 4000 Hektar Nutzfläche. Durch die Schließung der Erzgruben wurde ein Teil dieses Landes nicht mehr benötigt. So wurden seit 1980 von diesen ehema-

ligen 4000 Hektar bereits 2000 einer neuen Nutzung zugeführt. Drei Viertel dieser Landflächen wurden für Grünzonen aufgewendet. Mit den restlichen 500 Hektar wurden neue Industriezonen zum Beispiel in Düdelingen, Bettemburg, in Differdingen oder im grenzübergreifenden "Pôle Européen de Développement" erschlossen. Ein Teil diente auch der Neugestaltung des Stadtkernes von Düdelingen.

Es bieten sich einmalige Chancen. Unter der Bedingung, daß alle Betroffenen – die ARBED, die Öffentliche Hand und die Gemeinden – zu einem Konsens finden.

Mit dem Gemeinschaftsprojekt GIE-ERSID wurde aber eine neue Dimension erreicht…

Michel Wurth: … und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum ersten befinden sich die in diesem Projekt eingebundenen Liegenschaften in einer Größenordnung von 500 Hektar näher an den Stadtzentren und bieten vielschichtige Nutzungsmöglichkeiten. Zum zweiten liegen diese Flächen in der am dichtesten besiedelten Region

des Landes. Die Angelegenheit ist also komplex und dürfte auf allen Ebenen das Potential eines einzelnen privaten "Promoteur" übersteigen. Es reicht also nicht mehr, auf alte bewährte Vorgehensweisen zurückzugreifen, wenn möglichst optimale Lösungen gefunden werden sollen.

Doch diese Herausforderungen bieten einmalige Chancen. Unter der Bedingung, daß alle Betroffenen – die ARBED, die Öffentliche Hand und die Gemeinden – zu einem Konsens finden, dem letztlich auch der derzeitige Besitzer zustimmen kann.

Deswegen hat die ARBED die Problematik in die Stahl-Triparite vom 24. April 1996 eingebracht. Es wurde beschlossen, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln und ein "Groupement d’intérêts économiques pour l’étude de la reconversion de sites sidérurgiques" (GIE-ERSID) zu gründen. Die Vereinigung ist paritätisch strukturiert, das heißt, Staat und ARBED sind jeweils zu 50% beteiligt. Auch die anfallenden Kosten werden paritätisch geteilt. Die Öffentliche Hand ist durch das Finanzministerium – das den Vorsitz übernommen hat -, das Wirtschaftsministerium, das Umweltministerium und das Landesplanungsministerium vertreten. Die ARBED hat ihrerseits Experten von ProfilARBED und ARBED S.A. in das Gremium entsandt. Eine wesentliche Aufgabe des GIE besteht im Informationsaustausch und in der Koordinierung mit den jeweiligen Gemeinden. Ich bin fest davon überzeugt, daß damit nachhaltige Grundlagen für eine zukunftsträchtige Raumplanung gegeben sind.

Wie weit sind die GIE-ERSID-Arbeiten konkret gediehen? Wie sieht der weitere Arbeitskalender aus?

Michel Wurth: Während des ersten Jahres wurden Studien durchgeführt. Es wurde beispielsweise unter Umweltaspekten untersucht, welche Flächen für welche alternativen Aktivitäten in Betracht gezogen werden könnten. Es stellte sich dabei heraus, daß die hundertjährige industrielle Nutzung die Bodenbeschaffenheit nicht so beeinträchtigt hat, daß eine Rekonversion für

neue Zwecke schwierig wäre. Es gab ja auch nie Kokereien an luxemburgischen Stahlstandorten. Gerade diese Anlagen sind für schwerwiegende Belastungen des Bodens verantwortlich.

Darüber hinaus wurde eine Studie erstellt, die den Flächenbedarf in Luxemburg und insbesondere im Süden des Landes untersucht und offenlegt, inwieweit das Angebot an ARBED-Liegenschaften der Marktnachfrage entgegenkommt. Auch da zeichnen sich vielversprechende Resultate ab.

Die Studien befinden sich jetzt in der Endphase. In Kürze werden die Schlußfolgerungen den jeweiligen Gemeinden unterbreitet und mit den Verantwortlichen intensiv durchdiskutiert werden, um dann in die Realisierungsphase überzugehen. Selbstverständlich werden die Gemeinden dabei auch weiterhin eingebunden sein.

Gute Voraussetzungen für eine zukunftsorientierte Neuausrichtung also?

Michel Wurth: Sofern noch einige andere Voraussetzungen erfüllt werden. Wenn der Süden weiter entwickelt werden soll, darf das nicht gegen die Stadt Luxemburg gerichtet sein, sondern es muß komplementär und kohärent vonstatten gehen. Die dazu notwendigen Strukturen sind ja gegeben.

In diesem Zusammenhang muß man auch die Rolle von Esch-Alzette als zweitgrößte Stadt des Landes berücksichtigen. Esch war nicht nur lange Zeit das wirtschaftliche und soziokulturelle Gegengewicht zur Stadt Luxemburg, es war geradezu ein Impulsgeber für wegweisende Entwicklungen. Esch war und ist eine dynamische Stadt und hat mit den Nachbargemeinden auf etlichen Gebieten große Leistung vollbracht. Wenn heute zum Beispiel das luxemburgische Modell funktioniert, ist das sicher auch der Verdienst der Minett-Region, der Stadt Esch und der Menschen, die hier leben.

Eines ist allerdings klar: Eine nachhaltige politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Neuausrichtung ist nur möglich, wenn auch eine nachhaltige

wirtschaftliche Substanz zugrunde liegt. Hier überschneiden sich die Interessen sowohl der nationalen als auch der regionalen Wirtschafts- und Strukturpolitik mit den Interessen des privaten Unternehmers ARBED.

Die Erfahrungen der letzten fünfundzwanzig Jahre zeigen uns, daß im Süden eine neue Priorität auf zukunftsorientierte wirtschaftliche Entwicklung gelegt werden muß. Man darf sich dabei nicht auf das Schema beschränken, die Zentrumsregion allein für Dienstleistungen reservieren und den Süden lediglich auf die Industrie festlegen zu wollen.

Eine neue Chance für die Raumplanung, die die Interessen von Mensch, Umwelt und Wirtschaft in Einklang bringt, ist demnach nur durch ein umfassendes Konzept gegeben?

Michel Wurth: Wenn es um Nutzflächen in der Größenordnung von Hunderten von Hektar geht, ist ein umfassendes Konzept die Voraussetzung für eine zukunftsträchtige Lösung. Ich möchte es noch einmal betonen: Die Industrie ist heute so effizient und produktiv, daß neue Betriebe, wenn man sie in Relation zur benötigten Fläche setzt, nicht in dem Maße neue Arbeitsplätze schaffen wie Dienstleistungszentren. Spricht man also von der wirtschaftlichen Entwicklung des Südens, kann es dabei nicht nur um Industrie, sondern auch um Dienstleistungen gehen, die der Industrie zuarbeiten. Es ist wesentlich, ein Umfeld zu schaffen, das die spezifischen Interessen des Südens und seiner Bevölkerung berücksichtigt. Diesen Weg geht die ARBED mit.

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code