Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
«Wat en Theater!»
Wie museal ist die Bühnenkunst?
Kleine Bilanz der Langzeitausstellung (Oktober ’97 – April ’98)
im historischen Museum der Stadt Luxemburg
Genau sechs Monate dauerte die Ausstellung
«Wat en Theater!», eine für Luxemburger
Verhältnisse extreme Zeitspanne. Über mangelnden Publikumszulauf konnten sich die
Museumsverantwortlichen nicht beklagen: statistisch entsprechen die Besucherzahlen der
bemerkenswerten Resonanz, die das sehr junge
Museum bisher verzeichnen darf. Nun sagen
Zahlen sicher noch nichts aus über Interesse
und Zuspruch, der blosse Besuch eines
Museums ist nicht gleichbedeutend mit Auseinandersetzung oder gar simpler Rezeption. Erörtern wir also gleich ein auffallendes Phänomen,
das vermutlich nicht nur für die Ausstellung
«Wat en Theater!» symptomatisch sein dürfte.
Das Museum als Ort
der Verlangsamung:
Wieviel innere Ruhe
hat der Besucher?
Das Museum ist zwar Bestandteil der Stadt,
entsplicht aber nicht der hektischen Betriebsamkeit im realen städtischen Alltagsleben. Mit
einem etwas altmodischen Ausdruck könnte
man das Museum als «Oase der Besinnung»
charakterisieren. Es ist ein abgeschirmter
Raum, der sich bewusst dem Einbruch aller
modischen Strömungen und Zeitgeisterscheinungen verschliesst, oder zumindest eine
bedeutsame Distanz schafft zwischen Objekt
und Betrachter. Theoretisch soll der Besucher
im Museum die Möglichkeit haben, im ersten
Wortsinn «zu sich zu kommen». Er soll sich –
sein Milieu, seine Lebensumstände – kennen-
lernen, indem er in aller Ruhe «auf Distanz zu
sich selber geht» und zu einer kontemplativen
Haltung kommt.
Die Herausforderung besteht also darin, dass
das Museum praktisch eine Biorythmus-Änderung vom Besucher verlangt. Er soll aus der
Hochgeschwindigkeit des städtischen Lebens
hinüberwechseln in die fast unerträgliche Langsamkeit des musealen Ambiente. Es zeigt sich,
dass viele Besucher diese Langsamkeit tatsächlich kaum ertragen. Würde man die durchschnittliche Besuchsdauer systematisch vermessen, käme man zu einem ernüchternden
Resultat: viele Besucher hasten durch die Ausstellungsräume, als wären sie nur die Verlängerung des städtischen Strassennetzes. Dieser
angelernten Hast stellt sich das Museum sperrig
entgegen. Es verlangt unbedingte Konzentration und ungeteilte Aufmerksamkeit. Dieser
immanenten Provokation sind viele Besucher
nicht gewachsen.
In der Ausstellung «Wat en Theater!» sah sich
der Besucher mit einem weiteren Hindernis
konfrontiert. Theater ist per Definition Bewegung, Dynamik, also fortwährende, wenn auch
künstlich hergestellte Lebendigkeit. In der
Ausstellung erscheint Theater nun als tote
Materie, als Ansammlung von Reliquien und
Devotionalien sozusagen. Zwar werden über
Monitorschirme Sequenzen aus Theaterproduktionen übertragen, aber letztenendes ist eine
Videoaufzeichnung auch nur die technische
Vortäuschung von Lebendigkeit.
Der Besucher soll nun aus diesen verstreuten
Bestandteilen sozusagen die Illusion des
Macbeth,
Photo: C. Olinger
Theaters rekonstruieren. Es fragt sich, ob ein solcher Kraftakt überhaupt zu bewältigen ist. Hier setzt auch die prinzipielle Kritik zahlreicher Theaterschaffender an: Ist eine Abbildung von Theater über die eigentliche Theateraufführung hinaus überhaupt möglich? Lässt sich Theater konservieren und dann in strukturierter Form neuaufbereiten? Kann man das eigentliche Theatererlebnis, das ja am Ende der Vorstellung buchstäblich verflogen ist, durch grafische oder fotografische Aufbewahrung retten? Was bleibt vom Theater? Als beständige Komponente bleiben wohl die Texte. Aber lassen sich eine bestimmte Regieform, eine schauspielerische Leistung, eine choreografische Konzeption, ein Bühnenbild, eine Lichtdramaturgie überhaupt noch vermitteln, wenn sie vom Ort der Darbietung abgetrennt sind?
Die Alternative wäre, Theater, das sich bei jeder neuen Darbietung förmlich selber auflöst, ruhen zu lassen und keine Anstrengungen zu machen, es après coup mühsam noch einmal nachzuempfinden. Dies aber würde der Be-
Stimmung eines historischen Museums zuwiderlaufen. Es setzt sich zum Ziel, wenigstens die Ingredienzien der Historie dauerhaft zu veranschaulichen. Das Problem, Theater in einer geschichtlichen Perspektive zu zeigen, ist das gleiche, als irgendein anderes historisches Ereignis zu fixieren, das ja auch unwiederholbar und unwiederbringlich verflossen ist.
Das Museum als ungeeignete Bühne:
Theater lebt von der Distanz des Publikums
Die wohl waghalsigste Idee der Ausstellungsplaner war, via Museum die Distanz zwischen Bühne und Publikum aufzuheben und die Möglichkeit anzubieten, Theater «taktil» zu erleben. Indem die Theaterschöpfung in ihre einzelnen materiellen Bestandteile zerlegt wurde und in der Ausstellung nur mehr als Objektpanorama erschien, sollte dem Besucher etwas angeboten werden,
das ihm gewöhnlich verwehrt bleibt: er sollte eigenhändig in die Theater-«wirklichkeit» hineingreifen können, Kostüme anfassen, Masken befühlen, Bühnenbildmodelle aus nächster Nähe inspizieren. Die Mystifikation, die das Theater aufbaut und auf die es angewiesen ist, wenn es funktionieren soll, wurde demnach gezielt zerstört. Im Kern war die Ausstellung «Wat en Theater!» also eine breitangelegte Entmystifizierung des Theaters. Diese Idee, das eigentliche Fundament der Aus-
Ausstellung, hat sich im späteren Verlauf der Ausstellung als untauglich erwiesen. Die wesentliche Erkenntnis, die sich aus dieser Ausstellung über Theater gewinnen lässt, ist paradox: Theater verschwindet, wenn es entmystifiziert wird. Da es eine «gebaute» Wirklichkeit vorspielt, bricht es in sich zusammen, wenn es mit wissenschaftlichen Mitteln «enttarnt» wird. Die Mystifikation ist organisch mit dem Theaterprozess verwachsen. Entmystifizieren heisst also nichts weniger, als Theater seiner Essenz zu berauben. Diese Irritation war während der gesamten Ausstellungsdauer nicht wegzuargumentieren. Der Theaterliebhaber weigert sich, die Bühnenkunst regelrecht unter dem klinischen Mikroskop zu erleben. Damit die Theaterillusion aufrechterhalten bleibt – und die Illusion ist ja der Motor des Theaters -, muss Distanz bewahrt werden. Kostüme sagen nichts über die Sinnlichkeit, wenn nicht eine Schauspielerin oder ein Schauspieler sich darin bewegt. Teile eines Bühnenbilds‘ sagen nichts über die eigentümliche Stimmung im Theatersaal, wenn das Bild belebt ist, also vom Inhalt des jeweiligen Stücks erst legitimiert wird.
Der Erfolg der Ausstellung «Wat en Theater!» liegt, ebenso paradox, auf einer anderen Ebene. Indem eine bestimmte städtische Bühne – das Kapuzinertheater – vom Museum extrapoliert und somit einem erhöhten öffentlichen Interesse ausgesetzt wurde, geriet diese Bühne immer stärker in den Mittelpunkt öffentlicher Kritik. Die Reaktionen gegenüber dem Kapuzinertheater waren zum Teil so heftig und leidenschaftlich, dass die Ausstellungsplaner immer wieder ihre Autonomie und Gestaltungsfreiheit unterstreichen mussten.
Das Theater als städtischer Betrieb:
Können Künstler vertragsgebundene Beamte sein?
Die ersten Pressekritiken zur Ausstellung «Wat en Theater!» waren von einer unverhältnismässigen Vehemenz. Zwischen den Zeilen liess sich schon herauslesen, wer visiert war: nicht etwa die Ausstellungsmacher, die ja nicht mit dem Objekt ihrer Ausstellung identifi-
CREATION & METIER
L’architecture clefs en main
Pascal Zimmer • Unicum • S.A.
6a, rue de Crauthem • L-3334 Hellange
Tel: 352-51.26.52 • Fax: 51.26.68
ziert werden können, sondern das Kapuzinertheater als solches und vor allem die Theaterpolitik des aktuellen Direktors. Die Kritik am Kapuzinertheater, die sich regelmässig auch während der thematischen Gesprächsabende im Museum äusserte, lässt sich in mehrere Aspekte aufteilen.
Ein unmittelbar persönlicher Aspekt sind die frustrierten Reaktionen von Theaterschaffenden, die im Kapuzinertheater gearbeitet haben und einen Nachweis ihrer Arbeit in der Ausstellung nicht gefunden haben. Objektiviert man diesen Vorwurf, so muss man feststellen: Das Kapuzinertheater verfügt über keinerlei Instrumente, um die eigene Geschichte zu schreiben und die eigenen Leistungen zu archivieren. Man mag dies auf katastrofalen Personalmangel zurückführen. Es liegt aber auch an der Direktion, die dem Sammeln von Daten und Belegen nur insofern Bedeutung beizumessen scheint, als es um das Verewigen und Glorifizieren der eigenen glanzvollen Auftritte geht. Während beispielsweise das französischsprachige Theater, die Spezialdomäne des Direktors, überproportioniert dokumentiert ist, fehlen für deutschsprachige Produktionen oft die geringsten Spuren fotografischer Natur. Das Anlegen und Betreiben eines nach den Regeln der Kunst geführten Archivs wäre für das Kapuzinertheater ein Imperativ – aber welche Chance kann eine solche Forderung haben, wenn die Stadt selber Theater nur als dekoratives Anhängsel ihrer Kulturpolitik betrachtet, das mit einem absoluten Mindestaufwand an Personal und Investitionen über die Runden gebracht wird?
Natürlich gerieten die Ausstellungsmacher gehörig in die Bredouille, weil das Kapuzinertheater nur ein sehr selektives Dokumentarmaterial zur Verfügung stellen konnte. Sofort waren einige Kritiker mit dem Vorwurf der «bewussten Geschichtsfälschung» (dixit der Schauspieler Christian Kmiotek) zur Stelle. Eine solche Absicht kann man aber dem Direktor des Kapuzinertheaters nicht unterstellen. Er schaltet und waltet nach eigenem Gutdünken und gestaltet die Programme nach seinen persönlichen Prä-
ferenzen. Dies ist im europäischen Ausland gängige Praxis – mit einem wesentlichen Unterschied: überall in Europa ist das Mandat von Theaterdirektoren begrenzt. Die luxemburgischen Theaterdirektoren sind Beamte auf Lebenszeit, eine Anomalität mit verheerenden Konsequenzen.
Wenn nämlich ein Theaterdirektor ein fünfjähriges (erneuerbares) Mandat bestreitet, ist es in jeder Hinsicht gerechtfertigt, dass er dem von ihm geführten Theater seinen Stempel aufdrückt. Tut aber ein auf Lebenszeit ernannter Direktor das Gleiche, so führt dies zu einer permanenten Ausgrenzung von Theaterschaffenden, die einfach nicht die Aussicht haben, unter einem nächsten Theaterdirektor zum Zuge zu kommen. Der Beamtenstatus des Kapuzinertheaters verleitet nicht nur zu einer kontraproduktiven Routine und Bequemlichkeit, er erweist sich zudem als gefährliche Verführung zu Machtmissbrauch, Cliquenwirtschaft und Manipulationen ausserhalb der städtischen Finanzkontrolle. Die kreativen Energien verkommen, weil es einfach an künstlerischer Zugluft fehlt.
Das Museum als Forum für Theaterdiskussionen:
Gibt es eine Theaterkultur in Luxemburg?
Die 22 Diskussionsabende im Museum, gedacht als komplementäre Ergänzung des ausgestellten Materials, waren zusammengenommen der bislang substantiellste Versuch, in Luxemburg einen öffentlichen Disput über Theater zu installieren. Das ist nur zum Teil gelungen. Während die sechs Probenabende mit Auszügen aus aktuellen Kapuziner- Produktionen ein beträchtliches Publikum anzogen, verzeichneten die 16 thematischen Gesprächsrunden äusserst schwankende Besucherzahlen zwischen 1 (einem) und 43 Zuhörern.
Die oft vorgebrachte, beschwörende Formel «Wir müssen zusammenhalten, denn wir sind eine einzige, grosse Theaterfamilie» wurde (abgesehen davon, dass sie ohnehin nicht stimmt) während
der Diskussionsrunden jedenfalls nicht eingelöst. Dem grandiosen Desinteresse der Theaterschaffenden – Ausnahmen bestätigen die Regel – entsprach lediglich der noch auffälligere Absenteismus der städtischen Kulturfunktionäre inklusive des Kulturschöffen, der ansonsten durch blumige und pathetische Ergüsse über die Wichtigkeit des Theaters in den Programmheften des Kapuzinertheaters auffällt.
Man darf es zu den (fragwürdigen) Verdiensten der Ausstellung «Wat en Theater!» rechnen, dass sie die einheimische Theaterszene im ernüchternden Licht erscheinen liess: ein zerstrittenes, zersplittertes, egozentrisch abgekapseltes Häuflein, das den eigenen gesellschaftlichen Stellenwert tragisch überschätzt. «Wat en Theater!» hat folgerichtig die soziale Bedeutung des Theaters in der Stadt auf ihre tatsächliche Dimension zurückgeschraubt: die Bühnenkunst interessiert nur sehr wenige Leute, sie ist nach wie vor kein dringendes Diskussionsthema, sie reflektiert nur unzureichend die gesellschaftliche Wirklichkeit von heute. Provisorisches Fazit: Es gibt (noch) keine Theaterkultur in Luxemburg. Aber diese Feststellung ist zugleich das Eingeständnis, dass wir künftig auf eine solche Kultur unter gar keinen Umständen verzichten möchten.
Guy Rewenig
Dostoievski va à la plage
Photo: C. Olinger
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!