Lapsus monumentalis
Kostümierte Heimat. Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (19)
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Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (19)
Kostümierte Heimat
Lapsus monumentalis
Mit grossem Pomp feiert die katholische Tageszeitung «Luxemburger Wort» ihre 150 Jahre. Feiern wir also munter mit! Denn die Auflage dieser Zeitung war stets so hoch, dass kein Luxemburger – und hätte er sich noch so unbändig gesträubt – ihr je entkommen konnte. 150 Jahre lang wurden die neugeborenen Landsleute buchstäblich nicht in Windeln, sondern in eine Ausgabe des «Luxemburger Wort» eingewickelt, und die meisten konnten sich ein Leben lang von dieser unfreiwilligen Kompresse nicht mehr befreien. Stets verkündete das «Luxemburger Wort» die Wahrheit, und zwar nicht irgendeine magere, schwindsüchtige, wackelige Flohmarktwahrheit, sondern die einzig richtige, echte, authentische, römische Wahrheit, die keinerlei Konkurrenz duldet und alle gegenteiligen Ansichten ohnehin sofort in den Bereich der Vorhölle verweist. Wir «Wort»-Leser führten bis vor kurzem ein bequemes Leben. Wir waren nicht geplagt von der zwanghaften Vorstellung, es könnte neben der katholischen Wahrheit so etwas wie eine alternative Wahrheit geben. Wir glaubten fröhlich und ungehindert. Aber nun wird uns die Festfreude fürchterlich vergällt. Und zwar ausgerechnet vom Direktor der Jubiläumszeitung «Luxemburger Wort».
Als dieser Mann aus festlichem Anlass im Fernsehen gefragt wurde, warum denn seine Zeitung heute nicht mehr so meinungsbildend sei wie früher, gab er zu aller Schrecken tatsächlich die Antwort: «Weil die Menschen heute vollständig aufgeklärt sind.» Wie kann ein katholischer Mensch einen derart horrenden Satz von sich geben? Will er unser ganzes ideologisches Lebensgebäude zum Einsturz bringen? Man müsste sofort eine hochdotierte Auszeichnung erfinden, einen «Preis für paradoxale Courage», und ihn dem Direktor des «Luxemburger Wort» unverzüglich verleihen. Denn sofern
wir nicht vollkommen begriffsstutzig sind, hat dieser Mann in aller Öffentlichkeit zugegeben, seine Tageszeitung sei das 150-jährige Produkt der Unaufgeklärtheit seiner Leser. Darf man fragen, ob eine solch destruktive und kontraproduktive Einsicht schon je irgendwo in der Welt von einem Zeitungsdirektor geäussert wurde?
Jahrzehntelang waren wir mit dem «Luxemburger Wort» päpstlicher als der Papst, wir liessen nichts gelten, was nicht sechsmal in Weihwasser gebadet war, wir verschwiegen und verbannten, was nicht penetrant nach Weihrauch roch, wir konnten über weltanschaulichen Flitter und Tand, vor allem den linken und roten, nur barmherzig den
Aufklärung ist das eigentlich Unkatholische, das fundamental Unfromme.
Kopf schütteln, und das «Luxemburger Wort» streckte uns förmlich seine hilfreiche Hand in den Nacken, damit unser Kopfschütteln noch plastischer und entsetzter aussah. Jetzt auf einmal wird da ein luziferischer Begriff eingeführt, ein Wort aus dem Handbuch der Satansrhetorik, jetzt wird unvermittelt von «Aufklärung» gesprochen, und uns armen «Wort»-Lesern bleibt nichts anderes übrig, als unser Haupt flugs in Sack und Asche zu hüllen und lauthals um die Vergebung der Sünden des «Wort»-Direktors zu bitten.
Er weiss in seiner Verwirrung offenbar nicht, was «Aufklärung» heisst. Aufklärung ist das eigentlich Unkatholische, das fundamental Unfromme, wer aufgeklärt ist, richtet den Blick nicht länger auf Tabernakel und Gipsheilige, sondern schaut unbefangen, wie die Welt gemacht ist und was die Erdenbürger in diesem Jammertal erwartet. Aufgeklärte Menschen neigen zum Handeln statt
zum Beten, sie werden mit der Zeit auch konsequent das tägliche Gebetbuch in Form ihrer Tageszeitung verweigern. Wie konnte es nur passieren, dass im erzkatholischen Luxemburg «Aufklärung» überhaupt Fuss fasste? Überall in der Landschaft lagen doch die Tellerminen und Fangeisen der kirchlichen Übermacht! Wie konnte sich die Aufklärung überhaupt durch dieses verminte Gelände schleichen?
Und wie können sich in einer Bevölkerung, die seit Urzeiten zu 120% katholisch ist, überhaupt Aufklärer breitmachen? Das «Luxemburger Wort» hat uns doch immer gelehrt, dass Aufklärer Miesmacher seien, Gotteslästerer und infame Lügenverbreiter, unzufriedene Subjekte und frustrierte Kreaturen, die aus reiner Böswilligkeit abstruse Theorien gegen die katholische Weltsicht zusammenbasteln, eine verschwindend geringe Minderheit von ewigen Jüngern der Zerstörung, professionelle Kaputtmacher und Aushöhler des harmonischen Gemeinwesens. Wir könnten die Liste beliebig verlängern, denn die Munition des «Luxemburger Wort» gegen alle Spielarten der Aufklärung war stets unerschöpflich. Und nun auf einmal sollen die Aufklärer gesiegt und den Einfluss des «Luxemburger Wort» arg beschnitten haben?
Wenn der «Wort»-Direktor im Fernsehen die Wahrheit gesprochen hat, also für einmal die nichtkatholische, nichtgenehmigte, nichtgebenedeite Wahrheit, sitzen wir «Wort»-Leser fortan gewaltig in der Bredouille. Denn was gibt es denn jetzt noch zu feiern? 150 Jahre Aufklärungsverhinderung? Oder was? Wenn wir recht verstanden haben – aber vielleicht sind auch wir nur vom Virus der Aufklärung befallen – ist das «Luxemburger Wort» die letzte unaufgeklärte Zeitung im Grossherzogtum. Und darauf sollen wir unser Glas heben?
SR2 Kultur 25.5.98
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