So wohnt der König
Gespräch mit Generalstaatsanwalt Roger Everling
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Generalstaatsanwalt Roger Everling ist überzeugt,
daß das äußere Erscheinungsbild der geplanten Cité judiciaire
das Image der Justiz verbessern wird.
forum: Herr Generalstaatsanwalt, die Richter,
Staats- und Rechtsanwälte haben sich für einen
Verbleib der Gerichte in der Oberstadt ausge-
sprochen. Was mißfällt Ihnen an der Idee, auf
Kirchberg zu tagen?
Roger Everling: Ein Gericht ist ein Ort, an dem
die Autorität des Staates ausgeübt wird. Es
gehört daher in die unmittelbare Nähe der bei-
den anderen Gewalten. Wenn die Justizeinrich-
tungen abseits von Parlament und Regierung
untergebracht sind, werden sie im staatlichen
Gefüge an den Rand gedrängt. Es gab noch eine
andere Überlegung, aber die war eher
nebensächlich. Die der Rechtsprechung unter-
worfenen Menschen, also die Bürger, fahren
höchst ungerne an den Rand der Stadt, wenn sie
in ein Verfahren verwickelt sind. Insofern hätte
ein Umzug auf Kirchberg der Autorität der
Justiz eher geschadet.
forum: Warum haben Sie sich für eine Cité judi-
ciaire ausgesprochen? Warum nicht für einen
Justizpalast im klassischen Sinn?
Everling: Diskussionen über diese Frage wur-
den geführt, allerdings nicht sehr intensiv. Wir
sind ausgegangen von der Grundüberlegung:
«Das Volk stellt sich den König so vor wie das
Haus, in dem er wohnt.» Dabei standen uns
zwei Optionen offen: Entweder ein Gebäude, in
dem alle Dienststellen untergebracht sind, oder
eine Cité judiciaire, wie sie nun vorgesehen ist.
Wir waren der Ansicht, ein majestätisches
Turmgebäude hätte ein weniger freundschaftli-
ches Bild der Justiz vermittelt. Eine Cité judi-
ciaire ist einladender und nimmt den Menschen
die Angst vor dem Zugang zur Justiz. Das
Image der Justiz kann dadurch nur gewinnen.
forum: Hat die Architektur eine Rolle in den
Beratungen des Begleitkomitees gespielt? Oder
ging es vorrangig um die Räumlichkeiten?
Everling: Vor allem, ja. Ich schätze, 90 Prozent
der Zeit drehten sich die Diskussionen um die
Räumlichkeiten. Obwohl uns auch die äußerli-
che Erscheinung am Herzen lag. Wir haben vor
allem darauf geachtet, daß die einzelnen
Gerichtsbarkeiten und die angegliederten
Dienststellen, wie der service central d’assi-
stance sociale, ihren Platz in der Cité judiciaire
finden.
forum: Ein öffentlicher Bau ist immer auch ein
Symbol, zumal wenn es um den Sitz der dritten
Gewalt geht. Welches Zeichen setzt die Cité
judiciaire?
Everling: Sie soll vertrauenerweckend gegenü-
ber den Bürgern wirken, nicht Angst schüren
vor der Justiz. Dank des äußeren Erscheinungs-
bildes soll ein psychologisch vorteilhafter Ein-
druck entstehen.
forum: Die Cité judiciaire steht in der Tradition
der höfischen-kirchlichen Monumentalarchitek-
tur. Die Ästhetik bildet eine Zeit nach, als die
Justiz der Willkür eines autokratischen Herr-
schers ausgeliefert war. Dabei ist das Ideal der
Brüder Krier die mittelalterliche Stadt. Ist das
ein angemessener Baustil für die Justiz am
Beginn des 21. Jahrhunderts?
Everling: Ich bin davon ausgegangen, daß die
Brüder Krier diese Ästhetik gewählt haben
wegen der mittelalterlichen Festungsanlagen, in
die sie ihr Projekt eingebettet haben. Mir war
bis jetzt nicht bewußt, daß sie ganz allgemein
die mittelalterliche Stadt als Vorbild sehen. Hät-
ten sie die Cité judiciaire beispielsweise auf
Kirchberg errichtet, dann hätten sie, so würde
ich annehmen, einen anderen Stil gewählt.
forum: Kaum. Léon Kriers Vorstellungen von
der Gestaltung des Kirchberg-Plateaus, die er
1978 vorgestellt hat, unterscheiden sich in
ästhetischer Hinsicht keinen Deut vom vorlie-
genden Entwurf. Die Frage ist also: wenn die
Ästhetik wie im Mittelalter oder im Ancien
«Ein Gericht ist
ein Ort, an dem
die Autorität
des Staates
ausgeübt wird.
Es gehört daher
in die unmittel-
bare Nähe der
beiden anderen
Gewalten.»
Régime aussieht, entsteht dann nicht im öffentlichen Bewußtsein der Eindruck, der Geist der Justiz entspreche ebenfalls dieser Epoche?
Everling: Die damalige Idee der Justiz hat mit ihrer heutigen Idee nichts zu tun. Ich kann mir nur schwer ausmalen, daß die Menschen heute solche Vorstellungen haben.
forum: Wie muß die ideale Justizstadt der Zukunft in Ihren Augen aussehen?
Everling: Die Cité judiciaire ist so geplant, daß sie der künftigen Arbeitsweise der Gerichte entspricht. Sie wird vollständig auf Computer umgestellt, weil diese Informationsmittel enorme Wichtigkeit haben. Auch der Personalerweiterung, die irgendwann anstehen wird, wurde Rechnung getragen. Momentan haben wir 140 Richter; im Jahr 2100 sind es vielleicht 200. Es müssen also Ausweichmöglichkeiten vorgesehen sein.
forum: Etwas, das nicht im Entwurf der Brüder Krier vorgesehen ist…
Everling: In der Tat sind diese Möglichkeit schon jetzt bis zum äußersten ausgeschöpft. Das liegt daran, daß die Stadt Luxemburg auf die unbedingte Berücksichtigung verschiedener Maßnahmen gedrängt hat. Konkret: die Zufahrtswege mußten aus Sicherheitsgründen breiter gemacht werden, wodurch Teile der Gebäude verschwanden. Wir fügen uns selbstverständlich diesen Bestimmungen. Doch ich muß zugeben, daß dadurch bestimmte bauliche Beschränkungen unvermeidbar wurden. Dafür haben wir die Idee, daß alle Gerichte mit einem Gebäude auf dem Heiliggeist-Plateau vertreten sein sollten, retten können.
forum: Die Cité judiciaire prangt auf einem gewaltigen Felsvorsprung und wirkt, soweit man dies aufgrund der Computersimulationen beurteilen kann, reichlich imposant und erdrückend. Fast so, als werde statt einer Gerichtsstadt eine Gerichtsfestung entstehen? Wie wollen Sie die Transparenz an einem solchen Schauplatz retten?
Everling: Vielleicht sollte man nicht von unten hochschauen, sondern die Cité judiciaire aus dem Blickwinkel betrachten, den man hat, wenn man sie betritt. Wenn ich mir das Modell ansehe, dann
kann ich nicht erkennen, was daran erdrückend sein soll.
forum: Sie können die herausragende Stellung im Stadtbild aber nicht einfach außen vor lassen.
Everling: Sie meinen den Anblick, der sich mir präsentiert, wenn ich, sagen wir, von Fetschenhof komme? Nun, ich gehöre zur Institution dazu, und mich würde diese Ansicht nicht in dem von Ihnen beschriebenen Sinn berühren. Ich glaube, es kommt vielmehr auf den Eindruck an, den zum Beispiel ein Zeuge hat oder überhaupt jemand, der am Gericht zu tun hat.
Es kommt vor allem auf den Eindruck an, den beispielsweise ein Zeuge hat, wenn er die Cité judiciaire betritt.»
forum: Das Heiliggeist-Plateau kannte bislang keine urbane Attraktion, einmal abgesehen vom Brunnen, in dem vor allem die Kinder im Sommer gerne plantschen. Glauben Sie, daß die Cité judiciaire, die ja wie ein Stadtteil angelegt ist, den Platz mit Leben erfüllen kann?
Everling: Tagsüber, sicher. Abends sehe ich das nicht recht…
forum: Wie sieht es mit Kunst aus. Es wäre ausdrücklich der Wunsch der Brüder Krier, an diesem Ort Kunst zu zeigen.
Everling: Warum nicht? Wir haben durchaus ein paar Säle vorgesehen, in denen man Vorträge halten kann, vor allem juristischer Natur. Daneben haben wir die Verpflichtung, Nachwuchsjuristen auszubilden. Das geschieht nach den offiziellen Bürostunden, von 17,30 Uhr bis gegen 20 Uhr. Damit erhalten wir eine gewisse kulturelle Aktivität, allerdings erst nach Büroschluß. Daß dort im Sommer abends Menschen flanieren, sehe ich dagegen nicht so recht.
forum: Was fällt Ihnen zum Stichwort Tour des vents ein?
Everling: Das ist ein Bauwerk, das kein Gerichtsgebäude beherbergt, sondern als
architektonisches Zeichen in der Landschaft erscheinen soll. Es ist viel diskutiert worden.
forum: Braucht die Justiz diesen Turm?
Everling: Die Justiz braucht ihn sicher nicht. Doch darüber hinaus, heißt es, paßt er ins Festungsbild.
forum: Sie möchten aber doch keine Festung, sondern eine offene Justiz.
Everling: Gut, dann lassen Sie es mich anders formulieren. Der Turm würde sich gut ins allgemeine architektonische Bild einfügen. Darin gibt es übrigens bereits viele Türme.
forum: Das sind aber Türme von kirchlichen Bauwerken.
Everling: Es sind Türme von Kirchen, aber auch solche, die zur Festung gehören.
forum: Die beiden Türme, auf welche die Brüder Krier sich in der Diskussion berufen, sind jene der Kathedrale und der St. Michaelskirche. Sie gehören folglich zu einer religiösen Einrichtung. Hat eine weltliche Institution wie die Justiz diese Parallele nötig?
Everling: Ich würde diese Assimilierung nicht machen. Für mich ist es bloß ein zusätzlicher Turm.
forum: Sehen Sie den Turm als Symbol, der unmittelbar mit der Justiz zusammenhängt?
Everling: Ich persönlich überhaupt nicht.
forum: Es hat keinen Architektenwettbewerb gegeben. Wäre es nicht von Vorteil gewesen, aus mehreren Projekten das beste auszuwählen?
Everling: Das ist eine Frage, die sich die hohen Justizbeamten nicht gestellt haben. Wir waren glücklich, als die Regierung uns zu verstehen gegeben hat, es würde sich etwas regen in Sachen Gerichtsneubau. Vergessen Sie nicht, diese Frage ist so alt wie das Jahrhundert.
(Mit Generalstaatsanwalt Roger Everling sprach Romain Kohn am 16. November 1998.)
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