Falscher Albaner

Kostümierte Heimat. Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (26)

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Kostümierte Heimat

Falscher Albaner

«Groß-Herz-ogtum» heißt unser Land vor allem deshalb, weil die dort lebenden Menschen mit einem «großen Herzen» ausgestattet sind. Über die Landesgrenzen hinaus ist bekannt, daß sie vorbildlich lieb zu Ausländern sind, voller Verständnis für die Nöte fremder Menschen, die in weniger privilegierten Regionen zur Welt kommen mußten, spendierfreudig und unterstützungsbereit wie kein zweites europäisches Volk, richtige Spendenaktionen-Wettläufer, die jüngst bei einer nationalen Solidaritätsinitiative zugunsten der katastrophengeschädigten Nicaraguaner sogar eine astronomische Summe auf das Hilfekonto einzahlten. Das Ergebnis von Kultur ist der kultivierte Mensch, und den Luxemburgern kann keiner vorwerfen, wegen ihres Reichtums auf aktive Kultur zu verzichten.

Nur in den Polizeistuben sieht man die Sache ein bißchen anders. Da wird streng unterschieden zwischen glaubwürdigen und betrügerischen Ausländern, also zwischen förderungswürdigen Gästen und zwielichtigen Subjekten. «Falscher Albaner» war eine Polizeimeldung überschrieben, die das «tageblatt» am 13. Januar abdruckte. Es ist eine Warnung an die Bevölkerung, und der vollständige Text lautet so: «In der Minettemetropole ist derzeit ein Jugoslawe unterwegs, der sich aber als mittelloser Albaner ausgibt und versucht, sich das Vertrauen besonders älterer Frauen zu erschleichen. Gelingt ihm dies, so läßt er sich mit fadenscheinigen Argumenten Geld aushändigen. Bis jetzt sind der Escher Polizei einige solche Fälle bekannt. Dennoch bittet sie eventuelle weitere Opfer des Prellers, sich bei ihr zu melden.»

Glückliche Polizei! möchte man angesichts soviel stupender Klarheit ausrufen. Während wir nichtpolizeilichen Laien längst nicht mehr wissen, wie wir

die verschiedenen Angehörigen der zersplitterten ex-jugoslawischen Gemeinschaft zu nennen haben, spricht die Polizei kurzerhand von einem «Jugoslawen» und bewirkt so im Handumdrehen die Wiedervereinigung des Vielvölkerstaats. Sie weiß auch, daß mittellose Jugoslawen, im Gegensatz zu mittellosen Albanern, keines Vertrauens würdig sind und sich im gelobten Lande

Die Idee, Asylsuchende zu kasernieren, könnte sogar glatt als Geniestreich durchgehen, denn wo wären Menschen, die eben einem militärischen Konflikt entkommen sind, besser geschützt…

Luxemburg als Preller betätigen, wobei echte Albaner, zum Beispiel jene aus dem Kosovo, die ja auch noch immer irgendwie Jugoslawen sind, wenn wir recht verstanden haben, sich beim Betteln keiner Prellerei schuldig machen, natürlich aber nur, wenn sie sich nicht als mittellose Jugoslawen ausgeben. Die Polizei scheint auch genau zu wissen, daß ein falscher Albaner keinen Grund hat, im Großherzogtum um ein paar milde Gaben zu bitten, vor allem nicht außerhalb der eben ausgelaufenen Weihnachtszeit. In der Vorstellung der Polizei sind falsche Albaner vor allem deshalb falsch, weil sie offenbar keine finanzielle Unterstützung brauchen und sich nur Albaner nennen, um den eigenen Reichtum schändlich zu kaschieren. Manchmal wünscht man sich einfach, Polizist zu sein. Dann kann man nämlich per Kommuniqué die sehr komplizierte Welt wieder in ein sehr einfaches Lot bringen.

Verwunderlich ist nur, daß die öffentliche Macht es für nötig hält, sich auch

von den echten Albanern sicherheitshalber abzuschirmen. Einige dieser echten Albaner, Flüchtlinge aus dem kriegsbedrohten Kosovo, wurden nämlich in einem leerstehenden Block der Diekircher Herrenberg-Kaserne einquartiert, wo sie ihr Asylrecht nun in einer kriegerisch anmutenden Umgebung genießen dürfen und so nicht allzusehr von ihrem Heimatambiente abgeschnitten wurden. Die Idee, Asylsuchende zu kasernieren, könnte sogar glatt als Geniestreich durchgehen, denn wo wären Menschen, die eben einem militärischen Konflikt entkommen sind, besser geschützt als unter den Fittichen einer demokratisch legitimierten militärischen Macht?

Nun aber hat die Luxemburger Armee zwischen ihrem Arbeitsfeld und der provisorischen Behausung der Albaner einen Zaun errichten lassen, die Gäste also optisch abgetrennt von den Einheimischen, und man fragt sich, was diese Leute, die ja nun wirklich keine falschen Albaner sind, denn ausgefressen haben, um derart wie jugoslawische Preller behandelt zu werden? Wahrscheinlich ist die beunruhigte Frage überflüssig. Denn demnächst erscheint ganz sicher unter dem Titel «Echter Albaner» eine Mitteilung der Armee in der Luxemburger Presse, mit folgendem Wortlaut: «In Diekirch sind derzeit einige Albaner einquartiert, die sich als notleidende Jugoslawen ausgeben und sich schnell das Vertrauen der Luxemburger Armee errungen haben. Um unsere kriegsgeschädigten, ausländischen Freunde vor jedem weiteren traumatischen Kontakt mit Soldaten und Waffen zu bewahren, hat die Armee ihnen einen therapeutischen Schutzzaun geschenkt.» Womit wir wieder am Anfang wären: «Groß-Herz-oglich» heißt die Luxemburger Armee vor allem deshalb, weil sie ein «großes Herz» ihr eigen nennt.

SR2 Kultur 18.01.99

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