Erotik im Film
Retrospektive in der Cinémathèque municipale de Luxembourg
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Retrospektive in der Cinémathèque municipale de Luxembourg
Die Filmliteratur zum Thema Erotik füllt ganze Regale. Darin wird das ausschweifende Feld der Kinoerotik historiographisch sauber in Genres und Subgentes parzelliert, vom stag film, dem frühen amerikanischen Porno "für den Hausgebrauch", über die Vamp- und Sittenfilme der Stummfilmzeit bis hin zu den nudies, roughies, sexploitation movies, Teenage-Sexkomödien, "Frau Wirtin"-Klamotten und Hardcore-Streifen im Nachklang der sexuellen Revolution. Semiotiker nehmen die Inszenierungsstrategien der weiblichen Kino-Stars ins Visier, die erotischen Signifikanten der femmes fatales, der Diven, der Flapper und der Mondänen. Schließlich beackern produktionsgeschichtliche Chronisten das Spannungsfeld zwischen moralinsaurem Code Hays und subversiven Tabubrechern.
Derartig lineare Definitions- und Klassifizierungsbemühungen stehen jedoch in einem eigentümlichen Widerspruch zu den sinnlichen Turbulenzen, traumartigen Brechungen und doppelbödigen Paradoxien des Sujets ("Angezogen sieht eine Frau viel nackter aus", hat bereits Balzac erkannt). Erotische Chiffren und Signale liegen gleichsam quer zu den Grenzen der erotischen Genres, Typologien und Perioden – letztlich ist jede filmische
Geste, jeder Blick, jede Modulation der Stimme erotisch motiviert. Es scheint, als bezöge das gesamte Zeichenreservoir der Filmgeschichte seine Energie aus einem einzigen chaotisch-libidinösen Subtext, in dem unverblümte Obszönität mit beziehungsreicher Aussparung, testosteron-strotzende Virilität mit irritierender Androgynität, Trash-Erotik mit Kunstfilm-Sinnlichkeit um die Wette buhlen. Filmerotik stellt sich eben, um den Begriff von Deleuze/Guattari zu bemühen, auf "mille plateaux" zur Schau.
Dem hat eine filmhistorische Rekonstruktion Rechnung zu tragen. Die Retrospektive "Les plaisirs de la chair" versteht sich als "wilde Phänomenologie" des Erotischen, die scheinbar Disparates zusammenfaßt. So steht das utopische Arkadien von Pasolinis Erotischen Geschichten aus 1001 Nacht neben der düsteren Schwulen-Szenerie von Fassbinders Querelle, die Hochglanz-Erotik von Basic Instinct neben der alptraumhaften SM-Beziehung in Cavanis Il Portieri di Notte, der bizarr-exotische Ästhetizismus von Erich von Stroheims Queen Kelly neben dem satirisch-phallischen Camp eines Flesh Gordon…
Claude Bertemes
Cinémathèque de la Ville de Luxembourg
Queen Kelly, Erich von Stroheim
Die Retrospektive "Les plaisirs de la chair – l’érotisme au cinéma" läuft in den Monaten Juli und August in der hauptstädtischen Cinémathèque, jeweils montags bis freitags um 20.30 Uhr. Das Gesamtprogramm ist der Broschüre "Rendez Vous Lëtzebuerg" zu entnehmen (Gratis-Abonnement unter Tel. 4796-2644).
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