Fallen endlich die Mauern?
Europäische Bischofssynode
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Fallen endlich die
Mauern?
Im Oktober 1999 tagte im Vatikan die zweite Europäische Bischofssynode. Das LW berichtete darüber aus rein papsttreuer Sicht und übersah natürlich das Forum der Internationalen Bewegung Wir sind Kirche, die zeitgleich bei Rom stattfand. Über beide Ereignisse berichtet der folgende Beitrag von Ruth Pfriem, den wir aus der österreichischen Zeitschrift Kirche intern (11/99) übernehmen. Ergänzt wird er im Kasten durch einen Auszug aus der Erklärung des Forums kritischer Christen, die integral von der von den Schweizer Jesuiten herausgegebenen Zeitschrift Orientierung (Nr. 20/31.10.1999) veröffentlicht wurde.
Es war die letzte in der Reihe der kontinentalen Synoden vor dem großen Ereignis, dem Heiligen Jahr. (…) Die erste Sonderversammlung, die nach dem Fall der Mauer 1989 stattfand, war geprägt von der Hoffnung, daß sich der Widerstandsgeist der Kirchen im Osten auf die von der Säkularisierung gebeutelten Kirchen in Westeuropa überträgt. Doch der frische Wind von Osten hielt nicht lange vor. Nach wenigen Jahren schon müssen die Bischöfe der Kirchen im Osten gestehen (hinter vorgehaltener Hand und abseits von der Synode), daß die Neu-Evangelisierung Europas nicht von ihnen ausgehen kann, weil auch sie nicht mehr wissen, wie und welche Botschaft verkünden. (…)
Große Hoffnung
Kardinal Jan Schotte, der Generalsekretär der Synode, drückte das in der Pressekonferenz zum Auftakt so aus: «Heute können wir sagen, daß die oberflächliche Euphorie nach dem Zusammenbruch der totalitären Systeme im Osten zu Ende ist, nicht aber die Hoffnung.»
179 Synodenväter waren gekommen, 84 gewählt von den heimischen Bischofskonferenzen und 72 von Papst Johannes Paul II. selbst ernannt. Dazu bevölkerten 17 Experten, 39 Auditoren und 10 Delegierte von Bruderkirchen die Versammlung. In gut drei Wochen
sollten in 19 Vollversammlungen und 15 Arbeitsgruppen die Probleme diskutiert werden, die in fast zwei Jahren Vorbereitung benannt wurden. Das Synodenthema hieß: «Jesus Christus, der lebt in seiner Kirche, Quelle der Hoffnung für Europa».
Drittes Vatikanisches Konzil?
Journalistische Beobachter der Vollversammlung zu Beginn der Synode kommentierten, daß das Leitthema von jedem Sprecher anders interpretiert wurde: jeder redete von dem, was er für richtig hielt, keiner bezog sich auf die Beiträge der Vorredner. Und wie bei jeder Synode wurde mehr Kirchenpolitik in trauten Zweiergesprächen gemacht, als in einer offenen Diskussion in den Arbeits und Sprachgruppen. Die Pressepolitik des Vatikans beschränkte sich auf die tägliche Mitteilung, daß die Vollversammlung oder die Arbeitsgruppen getagt hätten. Die Bischöfe öffneten sich abends, nach getaner Arbeit. Der aufsehenerregende Vorschlag von Kardinal Martini, ein Drittes Vatikanisches Konzil einzuberufen, wurde von vielen Synodenvätern erst in den Zeitungen wahrgenommen.
Dasselbe gilt für den Warnruf des Bischofs von Smyrna, Giuseppe Bernardini, der vor einer klar erkennbaren Absicht des Islam warnte, Europa für sich zurückzuerobern. Der Bischof
Der Vorschlag
von Kardinal
Martini, ein
Drittes
Vatikanisches
Konzil
einzuberufen,
wurde von
vielen Synoden-
vätern erst in
den Zeitungen
wahrgenommen.
Bischöfe berichten, andere hören zu, aber man versteht sich nicht.
von Taranto (Italien) antwortete ihm vor der Presse und mahnte ihn, den Dialog mit dem Islam fortzusetzen, wenn auch ohne Illusionen.
Keine gemeinsame Sprache
Was die Bischöfe wirklich bewegt, was die Probleme der Kirche in Europa sind, wurde im «Instrumentum Laboris», dem Arbeitspapier für die Synode, festgestellt: die Neu-Evangelisierung Europas, die Massenmedien, die Familie und die Verteidigung des ungeborenen Lebens, die Arbeit der Laien, die Rolle der Frauen, die Ökumene. In den Arbeits- und Sprachgruppen wurde darüber gesprochen, es wurde aber offenbar, daß es an einer gemeinsamen Sprache
fehlt. Bischöfe berichten, andere hören zu, aber man versteht sich nicht. Die Mauern – nicht nur zwischen Ost und West – sind nicht wirklich gefallen. Und schon gar nicht die Mauern zwischen den Bischöfen und ihren Gemeinden.
In den Abschlußsitzungen stimmten die Synodenväter über ca. 40 Vorschläge und Forderungen politischer und kirchenpolitischer Natur und die Abschlußbotschaft ab. Die Ergebnisse der Synode behält sich Papst Johannes Paul II. vor, bei einem seiner Pastoralbesuche zu veröffentlichen. (…)
«Schattensynode»
Parallel zu den Bischöfen hatten sich in Santa Severa bei Rom die Vertreter der europäischen Laienbewegung «Wir sind Kirche» zu einer Art «Schattensynode» getroffen, zum Forum europäischer Christinnen und Christen. In elf europäischen Ländern vertreten und mit über fünf Millionen Mitgliedern hat die Bewegung Zäsuren für die Diskussion der Bischöfe gesetzt. In ihrer Erklärung «Europa Hoffnung geben» fordert sie die Bischöfe auf, den Frieden in Europa durch die Verteidigung der Menschenrechte zu fördern, ein neues Europa in dem Bewußtsein zu schaffen, daß uns Jesus Christus den Weg zum Heil gezeigt hat, die Einheit der christlichen Kirchen und die brüderliche Begegnung mit Juden und Moslems zu suchen. Außerdem soll ein Statut als «Grundgesetz» oder «Verfassung» für die katholische Kirche die Gewalten- und Kompetenzenteilung, rechtlich einwandfreie Verfahren sowie Mitentscheidungsrechte und Subsidiarität auf allen Ebenen der Kirche gewährleisten. Aber das Forum blieb ungehört, abseits von der Synode innerhalb der Mauern des Vatikans. Viele Bischöfe, befragt von den Journalisten, wußten nicht einmal von ihrer Existenz. Die Gleichgültigkeit der Kirchenhierarchie gegenüber den Reformgruppen bestätigt den Eindruck Ingrid Thurners von der österreichischen Plattform «Wir sind Kirche», die Bischöfe schwebten über allem drüber, es fehle ihnen an Bodenhaftung.
Thurner sieht in der internationalen Zusammenarbeit der Reformgruppen daher vor allem ein Ziel: «Wir wollen mit dem Zusammenbrechen der Mauer, die von der Kirchenhierarchie errichtet wurde, erreichen, daß die Bischöfe wieder auf den Boden zurückkehren.»
Die Mauer bröckelt bereits – an der Basis.
Ruth Pfriem
aus Kirche intern (11/99)
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