Ein großer Künstler verlässt seinen Thron
Kostümierte Heimat. Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (34)
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Kostümierte Heimat
Ein großer Künstler verlässt seinen Thron
Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (34)
Am 28. September 2000 wird Großherzog Jean abdanken und seinem Sohn Henri den Thron überlassen. Schon jetzt macht sich bittere Trauer breit im luxemburgischen Künstlermilieu, denn der da geht, hat es auf seinem langen Weg zum famosen Artisten gebracht, zum echten Übervater der heimischen Kunstschaffenden, zum wandernden Kunstdenkmal förmlich. Derart intim und evident sind seine Beziehungen zur heutigen Weltkunst, dass sein Volk es ihm innig dankt und das neue, eben aus der Erde sprießende Museum für zeitgenössische Kunst in der Hauptstadt nach ihm benennt. Das „Zentrum Großherzog Jean“ wird nicht etwa so heißen, weil sich der Monarch auf die billige Mäzenentour aufgedrängt und ein paar Peanuts aus seinem sagenhaften Privatkapital in das flotte Museumsgemäuer investiert hätte. Die 16 Milliarden Luxemburger Franken aus der fetten Familienschatulle – allesamt nicht etwa vom tumben Steuerzahler beigebracht, sondern eines schönen Tages einfach vom Himmel gefallen, wie alles in der Monarchie – spielen bei der Namensgebung nicht die geringste Rolle. Vielmehr ging es darum, unter allen herausragenden großherzoglichen Künstlern den allerbesten ausfindig zu machen und das nagelneue Kunstkonservierungshaus mit dessen Namen auszustatten.
Allein das Vorhandensein einer Dynastie ist schon ein permanentes künstlerisches Happening. Welcher andere Künstler würde es wagen, sich wie der große Künstler Jean darauf zu berufen, von Gott auserwählt zu sein? Diese gewagte Stammbauminformation, die jedem darwinistisch angehauchten Kollegen einen kalten Schauder über den Rücken jagt, ist sozusagen das anthropologische Fundament der künstlerischen Aktivitäten von
Großherzog Jean. Keinem anderen einheimischen Künstler ist es bisher gelungen, mit der gleichen artistischen Unverfrorenheit Gott für seine Talente verantwortlich zu machen. Unter uns gesagt, käme eine bürgerliche Künstlerin oder ein Künstler aus der ordinären Plebs auf den schlechten Gedanken, diesen Monarchentrick zu wiederholen, würde beispielsweise eine kunstbegabte Persönlichkeit behaupten, sie hätte von Gottes Gnaden Anrecht auf eine Künstlersozialversicherung, es würde ihr schlecht bekommen, und man würde sie vermutlich in ein Kunstatelier verfrachten, wo nur Seelenklempner und Verwirrungsspezialisten ihrer künstlerischen Arbeit nachgehen.
Allein das Vorhandensein einer Dynastie ist schon ein permanentes künstlerisches Happening.
Nur neidvoll kann die Fraktion der politischen Künstler zur Kenntnis nehmen, wie sich der Künstler Jean zeitlebens provokant über alle demokratischen Gepflogenheiten und Vereinbarungen hinwegsetzte, die lieblichen Verfassungsartikel außer Kraft setzte und all jenen, die gleiches Recht und gleiche Freiheit fordern, mit einer künstlerisch perfekten Ganzkörperdrehung die verlängerte majestätische Wirbelsäule vorführte. Selbst die frechsten und aufmüpfigsten Konkurrenten aus der Kunstszene haben es versäumt, mit einer solchen Grandezza, einem solchen künstlerischen Übermut der bürgerlichen Gesellschaft immerfort und schmerzvoll ans Schienbein zu treten.
Statt sich, wie ihr begnadeter Kollege Jean, unmittelbar an der Substanz des demokratischen Staates zu vergreifen, nämlich dem Prinzip, dass kein Mensch von Geburt und Herkunft her über einem anderen Menschen stehen darf, haben diese Künstler aus dem zweiten Glied immer nur den beschwerlichen Umweg über antiautoritäre Ausstellungen, rotzige Punkkonzerte, antikapitalistische Theaterstücke, zweideutige Skulpturen oder pubertär lautstarke Manifeste gewählt. Kein Wunder, dass sie sich gegen den großen Staatskünstler Jean nie behaupten konnten. Er war einfach ein künstlerisches Urgestein, einer, dem radikal nichts heilig war – außer vielleicht Gott, der ja sein bester Sponsor blieb -, ein Tabubrecher und Sozialradikalinski, wie ihn selbst Josef Beuys in seinen inspiriertesten Momenten nicht spielen konnte.
Es erfüllt uns nunmehr alle mit Wehmut, dass Luxemburgs weltweit bekanntester Künstler so früh seinen Thron verlässt. Leider steht zu erwarten, dass nun all die künstlerischen Nieten, die Möchtegerne und Epigonen, die im Großherzogtum ganz zu Recht als der letzte Dreck angesehen werden, all die Kritzeler und Pinselschwinger, die Bühnenaffen und Musiktrottel, schamlos ins Rampenlicht drängen und die künstlerische Nachfolge von Großherzog Jean antreten möchten. Da können wir nur sagen: Viel Glück beim Aufbau einer künstlerischen Honorarschattelle von 16 Milliarden Luxemburger Franken! Uns bleibt ein schöner Trost: Jedesmal, wenn wir das künftige Zentrum Großherzog Jean für zeitgenössische Kunst betreten, wird uns zum Glück der oberste Staatskünstler persönlich heimsuchen. Gott sei Dank!
SR2 Kultur 28/02/2000
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