Die Presse und das Geiseldrama

Die Medien möchten als neutrale Beobachter respektiert werden, während sie längst eine aktive Rolle spielen

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Die Medien möchten als neutrale Beobachter respektiert werden, während sie längst eine aktive Rolle spielen.

Nach dem forum-Dossier über die Presselandschaft in Luxemburg fällt es schwer, in der darauffolgenden Nummer ein Editorial mit einer Pressescheite zu beginnen. Was sich die Journalistenvereinigungen ALJ und FIJ im Anschluss an die Wasserbilliger Geiselnahme (31.5.-1.6.2000) geleistet haben, fordert aber zu einem Kommentar heraus. In Kommuniqués (t. 3. und 5.6.2000) protestierten der Luxemburger (dem nur die ISP-Mitarbeiter nicht angehören) und der internationale Journalistenverband gegen das Vorgehen der Luxemburger Polizei, die eine Fernsehkamera beschlagnahmt hatte, um den Geiselnehmer zum Interview vors Haus zu locken und dann kaltzustellen. Die Journalisten drückten die Befürchtung aus, dass durch diese Aktion ihr Beruf sehr viel gefährlicher werden könnte, da sich in Zukunft kein Gangster mehr auf ihre Neutralität verlassen werde. Die Journalisten verlangen analog mit Rot-Kreuz-Mitarbeitern oder Geistlichen als neutrale, nicht-bewaffnete Beobachter respektiert zu werden.

Dieser Anspruch mag berechtigt sein, doch können höhere Güter, in diesem Fall das Leben von 25 Kindern und drei Erzieherinnen, den Einsatz einer beschlagnahmten oder auch manipulierten Kamera absolut rechtfertigen. Die Forderung des Journalistenverbandes macht sowieso nur Sinn, wenn die Reporter vorhaben, in Zukunft bei solchen Geiseldramen aktiv in Erscheinung zu treten, um etwa selbst Interviews mit Kriminellen zu führen, möglichst live und exklusiv. Anscheinend hatte RTL ja schon ein solches Interview im Kasten, ließ es dann aber aus

Rücksicht auf die Geiseln nicht ausstrahlen!

Man fragt sich natürlich, warum es überhaupt aufgenommen wurde? Solche "Einsätze" waren bislang Exklusivität von Bild und ähnlichen Boulevardblättern oder von Sensationssendern und wurden von verantwortungsbewussten Journalisten abgelehnt. Uns

scheint es sehr wohl einen Unterschied zu geben zwischen dem Auftreten derartiger Reporter einerseits und Rot-Kreuz-Mitarbeitern bzw. Geistlichen andererseits. Letztere sind am Tatort, einzig um den Opfern zu helfen, während es erstere (unter dem Druck ihrer Redaktionsleiter und der Einschaltquoten) offenbar darauf abgesehen haben, so nahe wie möglich an den Täter und an das Leid der Opfer heranzukommen.

Wenige Tage nach dem Wasserbilliger Geiseldrama kam von den Philippinen die Nachricht, dass die dortigen Geiseln, sechs Wochen nach ihrer Entfüh-

rung, die ständige Präsenz von Medienvertretern satt haben (LW, 5.6.2000). Diesen "einsatzfreudigen" Journalisten und ihren jeweiligen Verlagshäusern war bislang der dortige Staatssterrorismus und die elenden Lebensbedingungen von 70 Millionen Philippinos (Bp3W, Nr. 188/Mai 2000) kaum eine Zeile wert, ebenso wie die unzähligen Entführten philippinischer Nationalität, die in den letzten Jahren Opfer der Gewaltspirale auf Jolo wurden. Durch ihre Präsenz machen die Reporter nun das Spiel der Entführer mit und verlängern möglicherweise die Geiselhaft der Opfer. Ganz skrupellosen Journalisten darf unterstellt werden, dass sie sich ihre Reportageausflüge in den Dschungel gar von den Geiselnehmern erkaufen.

Im Zeitalter der Mediendemokratie wird die Präsenz der Presse ganz bewusst einkalkuliert, von Politikern, von Aktionsgruppen à la Greenpeace, von allen möglichen Lobbys und halt auch von Kriminellen. Ob jeder Reporter sich der Gefahr seiner Instrumentalisierung bewusst ist, darf bezweifelt werden, auch bei uns. Die Rolle der Presse müßte es aber sein, von den Ereignissen, so schrecklich sie auch sein mögen, möglichst umfassend und distanziert zu berichten. Es kann dabei nicht ihre Aufgabe sein, darüber hinaus ins Geschehen einzugreifen oder sich ins Geschehen einbeziehen zu lassen. Es ist unvermeidlich, dass ihre Präsenz und Berichterstattung automatisch die Lage verändert. Das gilt für jede Situation, in der Menschen beobachtet werden, sei das in einer Schulklasse oder als Wahlvolk: Die Präsenz von Beobachtern (etwa Lehramtskandidaten

oder Wahlbeobachter) verändert ungewollt und unvermeidbar das Verhalten der Beobachteten. Das müssen sich gerade Journalisten in solchen Fällen ständig vor Augen halten. Solange ihre Präsenz passiv bleibt, erfüllen sie eine positive Rolle. Ja, sie kann, wie das LW am 16.6.2000 bemerkte, dazu beitragen, dass Schicksale wie jenes der Entführten der Insel Jolo, nicht in Vergessenheit geraten. Die aktive Rolle muß aber der Polizei und den politischen Verantwortungsträgern überlassen bleiben, zwischen denen es ja auch Rollenunterschiede gibt, die beide Seiten respektieren sollten (ein Premierminister ist kein Polizeipsychologe), wie Marc Gerges zurecht im Lëtzebuerger Land (9.6.2000) betonte. Die Presse läuft dann auch nicht Gefahr sich als Handlanger der Staatsmacht zu diskreditieren.

Allerdings setzt die Selbstbeschränkung der Presse auf ihre Rolle als

Berichterstatter auch einen ähnlich verantwortlichen Umgang der Regierung und ihrer Sprecher mit der Presse

Die Selbstbeschränkung der Presse setzt natürlich einen ähnlich verantwortlichen Umgang der Regierung und ihrer Sprecher mit der Presse voraus. Ein solcher verantwortungsvoller Umgang war in Wasserbillig trotz Versorgung der Presseleute mit Kaffee und Brötchen nicht gegeben.

voraus. Dass ein solcher verantwortungsvoller Umgang in Wasserbillig trotz Versorgung der Presseleute mit Brötchen und Kaffee nicht gegeben war, wurde deutlich, als sich nachträglich herausstellte, dass die Presse nicht nur während der Geiselnahme von

Polizei- und Justizvertretern belogen wurde, sondern ihr noch nach der gelungenen Befreiungsaktion, ja noch am Tag danach die ganze Wahrheit verschwiegen wurde. Politiker und Verwaltungen, die täglich auf die Presse auf positive Weise angewiesen sind – nicht nur um sich ins Rampenlicht zu stellen und um das Volk auf ihren Kurs einzuschwören (vgl. die Pressemitteilung des Justizministers zur Ausweisung eines Tunesiers) – steht es nicht zu, dieselbe Presse mit Halbwahrheiten zu bedienen.

Presse und Regierung bzw. Verwaltung haben jede ihre Rolle zu spielen. Beide verdienen Respekt, beide sollten die Rolle des andern respektieren. Aber das ist nur möglich, wenn beide ihre jeweilige Rolle ehrlich spielen.

forum

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