World Music Days 2000 in Luxembourg
Gespräch mit John Schadeck und Marcel Wengler
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World Music Days 2000
in Luxemburg
Anfang Oktober fanden in Luxemburg die „World Music Days“ statt, ein Festival zeitgenössischer Musik, das alljährlich von der International Society for Contemporary Music (ISCM) in einem der 49 angegliederten Länder organisiert wird. In einem Gespräch mit John Schadeck, Präsident der Lëtzebuerger Gesellschaft für Nei Musek (LGNM), und Marcel Wengler, Komponist und künstlerischer Leiter der diesjährigen Auflage der „World Music Days“, versuchen wir Bilanz zu ziehen und den Standort Neue Musik näher zu bestimmen.
forum: Wie sind Sie mit den Besucherzahlen bei den Veranstaltungen der „World Music Days 2000“ zufrieden?
Marcel Wengler: Es waren erstaunlicherweise genau so viele Leute anwesend wie bei anderen Veranstaltungen klassischer Natur. Sinn und Zweck eines Festivals bestehen darin, innerhalb einer sehr kurz gefassten Zeit möglichst viele verschiedenartige Veranstaltungen anzubieten. An manchen Tagen fanden bis zu vier Konzerte statt. Wegen der massiven Präsenz ausländischer Gäste kann das Festival auch nicht über Wochen hinausgezogen werden. Diesen Zwängen zum Trotz waren die Besucherzahlen doch überraschend hoch.
John Schadeck: Einige unserer Veranstaltungen waren in bekannte Konzertreihen wie die Soirées de Luxembourg oder das Festival d’Echternach integriert worden. Die Leute hatten so die Möglichkeit innerhalb ihres Abonnements ein Konzert mit Neuer Musik zu entdecken. Diese Konzerte waren denn auch so gut besucht, wie dies normalerweise der Fall ist, wenn keine Neue Musik auf dem Programm steht.
forum: Hat der Umstand, dass die „World Music Days 2000“ in Luxemburg stattgefunden haben, Luxemburger Komponisten Vorteile gebracht?
J. S.: Ein Ziel dieses Festivals besteht natürlich auch darin, den vielen in- und ausländischen Gästen einheimische Komponisten und Interpreten vorzustellen. Als wir die Herausforderung angenommen haben, dieses Festival in Luxem-
burg zu organisieren, haben wir uns bereit erklärt, Werke von Komponisten aus allen angeschlossenen Ländern zu spielen. Diese Bedingung haben wir erfüllt und für den Rest bleibt natürlich ein Freiraum, den wir gerne zu unseren Gunsten nutzen.
M. W.: Die Gäste erwarten, dass man ihnen etwas aus dem Veranstalter-Land anbietet, bzw. dass sie informiert werden. Bis zu diesem Zeitpunkt war Luxemburg wie so oft gänzlich unbekannt. Dieses Festival war für uns eine einmalige Gelegenheit zu zeigen, dass wir auch Komponisten und Interpreten haben.
forum: Wurden bei diesem Festival Leute angesprochen die sowieso schon Neue Musik kennen, oder haben sie sich bemüht, auch andere Kreise der Bevölkerung mit einzubeziehen?
M. W.: Unser Vorhaben besteht nicht darin Kultur auf der „place publique“ anzubieten. Kultur ist kein Gegenstand, der von jedem benutzt werden kann. Interesse muss schon vorhanden sein. Trotzdem haben wir uns bemüht, möglichst vielen Leuten diese Musik zugänglich zu machen. Wir haben z. B. Austragungsorte ausgewählt, wo normalerweise keine Konzerte stattfinden.
J. S.: Durch die bereits erwähnte Verknüpfung mit bestehenden Konzertreihen wurden Leute angesprochen, die diese Musik noch nicht kennen. Durch die Klangeinrichtungen im Casino wurde ein Publikum, das vielleicht stärker an bildender Kunst interessiert ist, gleichzeitig auf unser Festival aufmerksam gemacht.
John Schadeck
Marcel Wengler
M. W.: Bei unseren Tanztheater-Veranstaltungen waren Leute anwesend, die aus der Tanzbranche kommen, also eigentlich nicht direkt mit Musik in Verbindung stehen.
J. S.: Dass Leute, die sich eigentlich sehr wenig für Musik interessieren, den Weg zur Musik über die Neue Musik finden, scheint uns unrealistisch. Man muss sich schon mit Musik befasst haben, um den Sprung zur Neuen Musik zu wagen.
forum: Arne Mellnäs, derzeitiger Präsident der International Society for Contemporary Music stellt im Vorwort des Veranstaltungskatalogs die Frage, ob es nicht an der Zeit wäre, etwas Neues zu probieren. Worin könnten diese Neuerungen bestehen?
M. W.: Diese Fragestellung von Arne Mellnäs ist eine allgemeine Feststellung, die dem Festival vorangestellt wurde. Wenn etwas sich bewährt hat, dann sollte man es ändern, bevor es plötzlich zu spät ist. Vor diesem Festival hatten wir sehr lange Konzerte mit riesigen Kompositionen, so dass eigentlich sehr wenig Werke vorgetragen werden konnten. Bei diesem Festival haben wir die Komponisten gebeten, ihre Werke auf eine Dauer von zehn Minuten zu beschränken, ohne längere Werke – falls dies unumgänglich war – auszuschließen. Die „World Music Days“ sind schon ein altes Festival. 1922 wurden sie in Salzburg aus der Taufe gehoben. Damit so ein Festi-
Festival funktioniert, muss man es ständig umändern bzw. weiterentwickeln.
J. S.: Das diesjährige Festival hatte im Vergleich zu anderen Festivals bereits viele Neuerungen eingebaut. Die Tatsache z. B. dass die „World Music Days 2000“ in einem ganzen Land bzw. in einer Großregion stattgefunden haben und nicht in einer einzigen Stadt, war schon etwas Neues.
forum: Die Formel Concert-Conférence besteht darin, dass vor dem Konzert Erläuterungen zu den dargebotenen Werken gegeben werden, um dem interessierten Zuhörer Neue Musik zugänglicher zu machen. Diese Formel fehlte gänzlich in Ihrem Programm?
M. W.: Aus organisatorischen Gründen konnten wir solche Aufklärungsabende nicht in unser Programm aufnehmen. Die Veranstaltungstage waren einfach zu prall gefüllt. Aufklärung anhand von Klangbeispielen fällt vielleicht eher in den Bereich der Musikerziehung, die über Sinn und Zweck eines Festivals hinausgeht.
J. S.: Wir hatten bei einer Veranstaltung einen Zwischenfall, wo ein Vertreter meinte, die Leute über die bevorstehende Aufführung aufklären zu müssen. Aufklärung kann auch peinlich sein, zumal die Zuhörerschaft oft sehr heterogen ist. Dass Werke z. B. zwei Mal aufgeführt werden, wie das des öfteren bei zeitgenössischen Konzerten der Fall ist, konnte aus Zeitgründen nicht in unser Programm integriert werden. Unsere Absicht bestand eigentlich nur darin, den Leuten eine reichhaltige Palette von Kompositionen im weiten Sinne anzubieten. Nichts wurde ausgeschlossen. Alle Sparten, von der Kammermusik bis zur elektroakustischen Musik, waren vertreten.
Heute besteht aber auch vielfach eine Manie zu fragen, wie eine Komposition zu Stande gekommen ist. Zu einer 5-Minuten-Komposition schreiben zeitgenössische Komponisten 20 Seiten Text, um den Werdegang des Stückes zu erläutern. Bei Beethoven hat niemand nachgefragt, wie die Sinfonien entstanden sind. Letztlich zählt eigentlich nur das Resultat.
M. W.: Es wurde noch nie so viel über Musik geschrieben, wie in den letzten 50 Jahren. Meines Erachtens nach handelt es sich da einfach um eine Rechtfertigung für etwas, das emotional nicht erfaßbar ist.
forum: Wie definieren Sie zeitgenössische Musik?
M. W.: Zeitgenössische Musik ist Musik, die von Leuten geschrieben wurde, die in unserer Zeit leben. Marschmusik für die Dorfkapelle gehört eigentlich nicht zur zeitgenössischen Musik, doch schließen wir nichts aus. Pop und Jazz zählt man auch nicht zur zeitgenössischen Musik. Die Grenzen wurden eigentlich nicht von uns festgelegt, wir fügen uns den bestehenden Normen.
Christof Schläger, Akustische Installation von mechanisierten Klangobjekten
J. S. Wir sehen das Ganze eher positiv, als dass wir jemanden ausschließen würden. Leute gleichen Geschmacks tun sich zusammen, um ihren Interessen und Vorlieben eine größere Dimension zu verleihen. Ein Pop-Sänger z. B. würde sich nicht zu unserem Verein bekennen.
M. W.: Mit elitären Ansprüchen hat das meiner Meinung nach nichts zu tun. Leute, die sich Beethoven anhören, stellen 1% der Bevölkerung dar. Kultur ist vielleicht eher individuelle Geschmackssache.
J. S.: Mit der Begriffsbestimmung nimmt man es auch nicht so genau in der Musik. Musik aus dem 19ten Jahrhundert z. B. wird oft fälschlicherweise als Klassische Musik bezeichnet, obschon es sich eigentlich um romantische Musik handelt. Der Begriff Klassische Musik wird hier einfach als Abgrenzung zur Unterhaltungsmusik benutzt. Vor zwanzig Jahren war, was die zeitgenössische Musik anbelangt, der Begriff der Avant-Garde in aller Munde. Dieser Begriff wird heute überhaupt nicht mehr gebraucht. Überall und allerorten wird jetzt von Neuer Musik gesprochen, womit einfach ein sehr weites Feld von Darstellungsmitteln gemeint ist.
forum: Muss Neue Musik serieller Natur sein, mit Mikrointervallen arbeiten und schwerwiegende Akkorde verwenden!
M. W.: Serielle Musik wird heute bereits zu den alten Klamotten gezählt. Man kann den Komponisten nicht vorschreiben, wie sie komponieren sollen.
J. S.: Die „World Music Days 2000“ haben gezeigt, dass Neue Musik auch tonal sein kann. Vor etlichen Jahren haben auf der Welt zwei Komponisten entschieden, wie und was geschrieben werden soll. Dies ist heute nicht mehr der Fall.
forum: Wo setzen Sie denn die Anfänge der Neuen Musik!
M. W.: Für die meisten Leute ist das ganze Jahrhundert neu. Weil bei unseren gängigen Veranstaltungen, Musik von Komponisten gespielt wird, die bereits 100 Jahre tot sind, ist alles, was jünger ist, Neue Musik. Die Musik hinkt hinter her. Abstrakte Malerei z. B. schockiert niemanden mehr. Musik ohne Melodie und Refrain schockiert die ganze Welt. Die Bedürfnisse der Leute sind in Sachen Musik doch relativ bescheiden geblieben.
J. S.: Man könnte die Anfänge der Neuen Musik bei Stockhausen und Boulez setzen, also nach 1945. Schönberg, Berg und Webern haben anfangs des Jahrhunderts Musik geschrieben, die sehr schwer zugänglich ist, werden auch nicht mehr zur zeitgenössischen Musik gezählt, sondern bereits zur Zweiten Wiener Klassik. Nach dieser
Periode wurde Musik geschrieben, die leichter verdaulich und vielfältiger ist.
forum: Neue Musik muss sich oft den Vorwurf gefallen lassen, sie sei zu intellektuell. Wie stehen Sie dazu!
M. W.: Es gab eine Epoche in der Musikgeschichte, die sogenannte dodekaphonische Epoche, wo Musik als Resultat eines entrückten Gedankenganges betrachtet wurde. Da wurden Zahlen aufgeschrieben, gewürfelt, Geburtsdaten hinzugefügt und das Ganze dann in Tonreihen umgesetzt. Von den Gefühlen her wäre wahrscheinlich niemand auf diese Tonfolgen gekommen. Dem ist heute nicht mehr so. Musik ist und soll ein Ausdruck, ein körperlicher Ausdruck könnte man fast sagen, von Gefühlen sein.
J. S.: Eine Ursache, warum Leute Veranstaltungen klassischer Natur besuchen, besteht vielleicht einfach darin, dass sie Sinfonien wiedererkennen. Man kann ja kaum behaupten, dass man ein Werk kennt, man erkennt es lediglich wieder. Bei Neuer Musik kann das natürlich nicht der Fall sein, Neue Musik wirkt in dieser Hinsicht etwas befremdend.
forum: Wie steht es um den Stellenwert der Neuen Musik in der musikalischen Ausbildung!
M. W.: Eine musikalische Ausbildung soll mit Neuer Musik anfangen, ähnlich wie bei einem Kind, das zuerst sein Wohnviertel auskundschaftet und sich dann allmählich weiter hinaus wagt. Wissen baut man auf, indem man von heute ausgeht. Es gibt Schulen, da wird es bereits so gemacht. Bach z. B. hat die Fuge zur Vollendung gebracht. Besser wie Bach kann man eine Fuge nicht schreiben. Man kann davon lernen, man kann sie aber nicht mehr weiterentwickeln. Das Kapitel Barock ist einfach ausgeschlachtet, auch wenn es in unserem Kulturbetrieb noch vielfach auftaucht.
J. S.: Eine musikalische Ausbildung in Neuer Musik heißt auch nicht, dass nur schiefe Töne auf der Tagesordnung stehen. Die anwesenden Gäste bei den „World Music Days 2000“ haben sich über das gepflegte Interpretationsniveau der Darbietungen geäußert. Es besteht nämlich ein Vorurteil, dass Interpreten Neuer Musik normale Musik nicht spielen können. Dies ist nicht der Fall.
forum: 1983 wurde die LGNM, die Lëtzebuerger Gesellschaft für Nei Musek, ins Leben gerufen. Im Forderungskatalog stand unter anderem die Einrichtung eines nationalen Dokumentationszentrums. Wie steht es um dieses Projekt!
M. W.: Will man über Luxemburger Musik reden, dann muss man auch auf Partituren zurückgreifen können. Das CEDOM, das Centre
"Man kann kaum behaupten, dass man ein simphonisches Werk kennt, man erkennt es lediglich wieder. Bei Neuer Musik kann das natürlich nicht der Fall sein, Neue Musik wirkt in dieser Hinsicht etwas befremdend."
Weitere Informationen zur
Lëtzebuerger Gesellschaft
für Nei Musek unter:
www.lgnm.lu
und zu den
World Music Days
unter:
www.worldmusicdays.com
de Documentation Musicale, besteht als eine Abteilung der Nationalbibliothek. Dort werden Partituren gesammelt und archiviert. Ein Musikarchiv ist eine Voraussetzung, kann Luxemburger Musik aber nicht bekannt machen. Wichtig für uns ist, dass wir, dank unserer Mitgliedschaft bei der International Society for Contemporary Music, international verknüpft sind, um einen Austausch zu ermöglichen.
forum: Die LGNM hat ein eigenes CD-Label!
M. W.: Die Editions LGNM bringt regelmäßig Aufnahmen mit fast ausschließlich Luxemburger Musik auf den Markt. Wir haben bereits 15 solcher CDs fertiggestellt. Wir werden dabei großzügig vom Ministère de la Culture unterstützt. Auch hier ist es wichtig, dass wir internationale Kontakte haben, damit diese Aufnahmen weltweit in den Vertrieb gelangen.
forum: Gehört die Musikerziehung auch zum Aufgabenbereich der LGNM!
M. W.: Musikerziehung ist eigentlich nicht so sehr unser Feld. Dem Erfindungsgeist sind eigentlich keine Grenzen gesetzt. Wenn Bach nur Fugen geschrieben hätte, bis die Leute sie verstanden hätten, dann wären sie wahrscheinlich
nie geschrieben worden. Die musikalische Realität macht uns natürlich zu schaffen. Musikerziehung hat in der Schule vorwiegend Alibi-Funktion und ist auch sehr unterbewertet. Eine Ursache besteht sicherlich darin, dass Musikerziehung sich mit Musik beschäftigt, die 300 Jahre alt ist. Damit kann man Jugendliche meines Erachtens nach nicht für Musik begeistern. Anlässlich des Festivals hatten wir Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit den Konservatorien. Wir waren leider unter uns. Wenige Schüler und Lehrer hatten den Weg ins Konservatorium gefunden. Musikerziehung muss anderswo gemacht werden. Wir können diese Aufgabe nicht auch noch übernehmen.
forum: Wer kann Mitglied bei der LGNM werden!
M. W.: Jeder kann bei uns Mitglied werden. Die Komponisten und Interpreten stellen den aktiven Teil unserer Mitglieder dar. Wir führen aber auch Ehrenmitglieder, die jederzeit willkommen sind.
forum: Herr Schadeck, Herr Wengler, vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch mit John Schadeck und Marcel Wengler hat Jean-Paul Barthel am 3.11.2000 aufgenommen.
Pub: Domizil
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