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Die Kontroverse über die Geschichtlichkeit der Person Jesu Christi geht in die dritte Runde. Nach Karl-Heinz Ohlig, der in Heft Nr. 204 darlegte, was wir über den historischen Jesus wissen können, und Frédéric Krier, der in der letzten Ausgabe diese Darstellung als unglaubwürdig und unhistorisch bewertete, antworten in dieser Ausgabe die Historiker Volker Zotz und André Grosbusch sowie der Herz-Jesu-Pater Jean-Jaques Flammang.
Die endlose Debatte, ob Jesus wirklich lebte oder nicht, erweist sich in der Regel als keine historische, verfolgen doch Befürworter wie Leugner der Geschichtlichkeit Jesu oft andere Interessen als jene des Historikers. Wer im Sinn des kirchlichen Lehramts an Jesus glaubt, geht mehr oder weniger fraglos von der Verlässlichkeit der Evangelien als Basis eigener Erlösung aus. Das Bestreiten des Daseins Jesu steht dagegen häufig im Kontext umfassender Kritik an Traditionen und Aussagen der Kirche, deren Ursprungsbericht als Märchen entlarvt werden soll. Doch ob die eigene Biografie zum Annehmen oder Ablehnen des Christentums führte, ob man glaubt oder einfach will, dass Jesus lebte oder nicht lebte, ist für tatsächlich Geschehenes gänzlich irrelevant. Diese Binsenweisheit gilt es angesichts der Emotionalität nicht zu vergessen, mit der viele Beiträge persönliches Bekenntnis oder Enttäuschte ein von Religion und politische Gegnerschaft zu ihren Institutionen offenbaren, ohne dem Klären des Problems von Legende und Wirklichkeit Jesu zu dienen. Wer sich so nach anderen Kriterien als denen historischen Forschens für die Geschichtlichkeit oder dagegen entschied, das Ergebnis wissenschaftlicher Fragen also nach ideologischen oder gefühligen Präferenzen festlegte, wird kaum eine halbwegs objektive geschichtliche Perspektive einnehmen.
Buddha und Sokrates – oder: Wer ist historische Gestalt?
Wie vorgeprägte Haltungen historische Urteile beeinflussen, zeigt das Beispiel eines anderen Religionsstifters.¹ Als Europa ab dem frühen 19. Jahrhundert den Buddhismus näher kennenlernte, wurde er christlichen Forschern zum Ärgernis. Neben der scheinbar nihilistischen Lehre betraf dies den Anspruch, bereits ein halbes Jahrtausend vor Jesus sei in Gautama der Gründer einer kulturübergreifenden Weltreligion aufgetreten. Schon vom biblischen Erbe des Abendlands distanzierte Gelehrte werteten auch religiöse Traditionen Asiens als unaufgeklärte Kulte
und sahen im Osten keine Gestalt, deren Bedeutung jener der griechischen Philosophen entsprach. Quer durch weltanschauliche Lager bestritt Europas Wissenschaft so die Geschichtlichkeit des Buddha Gautama, was dem Kolonialismus jener Zeit entgegenkam. Wollte man das Christentum in eroberten Ländern verbreiten oder diese als materialistischer Utilitarist ausbeuten, durfte eine Region wie Indien auf keine zu eindrucksvolle Kulturgeschichte zurückblicken, allenfalls vor der abendländischen Intervention im Bann seiner Mythen dämmern. Was Hegels Geschichtsphilosophie vorgab, fanden Altphilologen und Historiker bestätigt. Vorreiter in der Buddhismusforschung wie Hendrik Kern und Emile Senart erklärten den Buddha als Kunstfigur oder mythischen Helden eines Astralkults. Doch erlaubte wissenschaftliches Vorgehen nicht lange das einseitige Deuten der umfangreichen Textquellen. Zwar wandelt in diesen Gautama gelegentlich übers Wasser und diskutiert mit Göttern, aber ungeachtet solch wunderbarer Elemente enthalten sie die konsistente Biografie eines Menschen und dessen klar umrissene Lehre, wobei sich die Informationen sinnvoll in all das einfügen, was man über die indische Geschichte jener Zeit wusste. Als Hermann Oldenberg dies
Quellen als Hinweise auf Geschehenes zu akzeptieren, bedeutet keinesfalls jede ihrer Informationen unbesehen als Tatsache zu nehmen.
Cartoon: Simone Johann
in seinem Werk Buddha (1881) herausarbeitete, gerieten europäische Vorurteile ins Wanken. Sie schwanden weiter, als man 1898 im nordindischen Piprahv— eine Urne mit sterblichen Überresten des “erhabenen Buddha” ausgrub, wie die mehr als zweitausend Jahre alte Inschrift sagt. Heute besteht an der Geschichtlichkeit des Buddha allgemein kein Zweifel mehr, obwohl die Urne, wie man inzwischen weiss, nicht von der Originalbestattung stammen kann und viele textliche Diskrepanzen und Datierungsprobleme immer neue Fragen aufwerfen. Aber nachdem man von ideologischen und kulturellen Vorbehalten abrückte, siegten Methode und Wahrscheinlichkeit: Lassen sich textliche Überlieferungen zu einer Begebenheit mit Kenntnissen aus anderen Quellen über die betreffende Zeit verknüpfen, kommt archäologische Evidenz stützend hinzu und existiert eine kontinuierliche Wirkungsgeschichte, gibt es keinen vernünftigen Grund, Berichte über das Wirken einer Gestalt auszuschliessen. Man wäre der größere Phantast, würde man einen abgefeierten Schwindel konstruieren, mit dem antike Autoren die Nachwelt täuschen wollten.
Quellen derart als Hinweise auf Geschehenes zu akzeptieren, bedeutet keinesfalls jede ihrer Informationen unbesehen als Tatsache zu nehmen. Philologen und Historiker sind gefordert, Abweichungen und Widersprüchlichkeiten zu prüfen, durch sprachliche und inhaltliche Analysen ältere Schichten und spätere Zutaten offenzulegen, Absichten der Autoren zu ergründen, um das wahrscheinlich Gewesene klarer zu sehen oder zumindest die Unklarheiten darüber bewusst zu machen. Für Sokrates, einen Zeitgenossen des Buddha, der wie dieser nichts schrieb und für den keine sichere archäologische Evidenz spricht, gibt es mit Aristophanes, Platon und Xenophon drei voneinander abweichende Berichte. Die Diskrepanzen zwischen der lächerlichen Gestalt, die der Komödiendichter Aristophanes in Die Wolken zeichnet, dem praktisch veranlagten Denker, der sich bei Xenophon findet und dem radikal fragenden Philosophen bei Platon führten nicht zur Erkenntnis, der Vater des abendländischen Philosophierens habe nie gelebt und man überlieferte hier bloße Märchenbücher. Vielmehr ging man davon aus, drei Autoren schrieben aus ihrer Perspektive und ihren Interessen folgend. Kritisches Vergleichen der Berichte und ihr Spiegeln am Wissen über die Geschichte Athens jener Epoche führte bei allen Unklarheiten im Detail zu einem plausiblen Bild des historischen Sokrates.
Was für den Buddha und Sokrates gilt, trifft gleichfalls auf Jesus und die zu ihm überlieferten Quellen zu. Die Evangelientexte sind antike biografische Literatur wie jede andere. Wer die
Geschichtlichkeit Jesu wegen der Quellenproblematik leugnet, müsste beginnend mit Gautama und Sokrates konsequent ungezählte weitere Personen und Ereignisse der alten Geschichte des Erdballs als ungeschichtlich erklären, für die wir nur voneinander abweichende, ausgeschmückte und tendenziöse Berichte besitzen.
Die Evangelien als Geschichtsquelle
Unbestreitbar litt die wissenschaftliche Rezeption der Evangelientexte darunter, dass sie als “Wort Gottes” lange Zeit kritischem Forschen entzogen waren. In der Konsequenz erscheinen diese Texte als eine kanonisierte Einheit, was dann auch zu der oft geäusserten Idee führen konnte, es würden keine frühen “ausserbiblischen Berichte” über Jesus existieren. Diese Vorstellung geht jedoch an der Tatsache vorbei, dass das Neue Testament eine Anthologie ist, die Texte verschiedener Autoren enthält. Ihre spätere Zusammenfassung durch die Kirche zu einer Sammlung, ändert nichts an der Tatsache vier unterschiedlicher und teilweise abweichender Biografien Jesu. Von der Quellenlage her ist Jesus damit eine relativ gut dokumentierte Gestalt des Altertums.
Dass die Autoren jeweils dem Interesse folgten, diesen Jesus als den erlösenden Christus darzustellen, spricht ebensowenig gegen die Geschichtlichkeit der Person, wie Platons Versuche, seine eigenen Gedanken in Sokrates Mund zu legen, diesen als historische Personen erledigen. Texte mit Anspruch auf Objektivität im heutigen Sinn kennt die Antike nicht, denn der Schreibende verfolgt in der Regel eine Absicht. In De origine et situ Germanorum will Tacitus nicht zuletzt Rom im Spiegel einer anderen Kultur kritisieren. Doch schließt dieses Vorhaben keinesfalls seriöse Informationen über Germanien aus. Natürlich sind die Evangelien Tendenzwerke, doch das degradiert sie nicht zu reinen Erfindungen.
Auch die wunderbaren Elemente in den Jesus-Biografien erschüttern deren Quellenwert nicht, müsste doch in diesem Fall wiederum ein grosser Teil der antiken Literatur ausscheiden. Finden sich etwa in einem Reisebericht Angaben über eigenartige Tiere oder Seeungeheuer, widerstreitet dies nicht korrekten geographischen Angaben im Text oder der Tatsache, dass die geschilderte Reise stattfand.
Behandelt man die Evangelien wie jede andere Schriftquelle der Antike und geht von der Hypothese aus, dass sie mangels anderer Evidenz die Erinnerung an eine historische Person widerspiegeln, wird die Frage nach dem Alter der Texte wichtig. Je näher sie an der Zeit des Biografierten stehen, um so verlässlicher kann das Wie-
Lässt sich aus schriftlichen Quellen unter allen Legendenschichten eine Persönlichkeit rekonstruieren, sich das Erzählte in den Rahmen dessen einpassen, was aus anderen Quellen über die Zeit bekannt ist und gibt es zudem stützende archäologische Befunde, ist die Annahme, dass die Texte Erinnerungen an Gewesenes spiegeln plausibler als die Alternative einer Verschwörungsidee.
dergegebene angenommen werden. Hier ist in den letzten Jahren in der Forschung einiges in Bewegung geraten, was die Entstehung der Evangelien näher an die überlieferte Lebenszeit Jesu rückt. Seit John A.T. Robinson Bedenkenswertes zu einer früheren Datierung vorbrachte², wurde manches Argument in dieser Richtung geliefert.³ Sogar die Reihenfolge, in der die Texte entstanden, steht neu in der Diskussion. Galt das Johannes-Evangelium als späte Jesus-Biografie lassen sich manche Gründe anführen, dass es auch die erste gewesen sein könnte.⁴ Carsten Peter Thiede legte eine gemeinverständliche Gesamtschau der neueren Forschungen vor.⁵ Demnach könnte Markus bereits um 40 n.Chr. seine Jesus-Biografie verfasst haben, also im Abstand von nur zehn Jahren zu den letzten Ereignissen. Auch das Matthäus-Evangelium scheint früher zu datieren, als bislang angenommen.
Ein wichtiges Hilfsmittel für diese Revision der Datierung ist der lange vernachlässigte Vergleich der Evangelientexte mit anderen Werken der antiken Literatur. So enthält der Roman Cháiras kai Kallirrhoe des Chariton aus Aphrodisias offensichtlich eine Anspielung auf das Matthäus-Evangelium, was durch inhaltliche Entsprechungen und sprachliche Übernahmen gezeigt werden kann. Da das Todesdatum des Chariton mit 62 n.Chr. überliefert ist, müsste Matthäus vor diesem Datum gearbeitet haben, was seinen Text um mindestens zwei Jahrzehnte näher an die Ereignisse schiebt, als bisher angenommen. Das Betrachten der Evangelien im breiteren Kontext der Antike hat erst begonnen und die vorliegenden Ergebnisse sind nicht unumstritten, doch geht die Wahrscheinlichkeit eher in Richtung der Geschichtlichkeit Jesu
Gibt es archäologische Evidenz? Wie im Fall des Sokrates kennt man keine physischen Beweise für Jesu Existenz. Doch gibt es Funde, die in den Evangelien Berichtetes bestätigen. 1990 wurde die Grabanlage der Familie Kaiaphas entdeckt, wo auch ein gewisser Joseph beigesetzt war, der mit einiger Wahrscheinlichkeit jener Hohepriester ist, der nach dem Evangelienbericht als treibende Kraft bei der Anklage gegen Jesus auftrat.⁶ Schon 1961 fand man einen Stein, heute im Jerusalemer Israel Museum zu sehen, dessen Inschrift Pontius Pilatus als Vertreter Roms in der Region bestätigt. Weitaus spektakulärer als diese Zeugnisse für in den Evangelien genannte religiöse und politische Autoritäten ist ein Fund von 1941, heute im Besitz der Hebrew University in Jerusalem. Es handelt sich um ein Ossuar, das der Inschrift zufolge einem Alexander, dem Sohn des Simon von Kyrene gehörte. In Markus 15, 20 erscheint dieser Simon aus dem nordafrikanischen Kyrenaika, der auch als „Alexanders Vater“ bezeichnet wird, als Name des Mannes,
den man zwang Jesus beim Tragen des Kreuzes zu helfen. Dass sich damit eine nur im Evangelientext im Zusammenhang mit der Hinrichtung Jesu genannte Person als geschichtlich erweist, stützt die Glaubhaftigkeit des Textes.
Lässt sich aus schriftlichen Quellen unter allen Legendenschichten eine Persönlichkeit rekonstruieren, sich das Erzählte in den Rahmen dessen einpassen, was aus anderen Quellen über die Zeit bekannt ist und gibt es zudem stützende archäologische Befunde, ist die Annahme, dass die Texte Erinnerungen an Gewesenes spiegeln plausibler als die Alternative einer Verschwörungsidee, mehrere antike Autoren hätten ihren fiktiven Meister erfunden.
Doch erlaubt das Anerkennen von Gestalten wie Gautama, Sokrates oder Jesus als historische, trotzdem nicht die simple Rede von der tatsächlichen Person. Über subjektive und überlagerte Quellen nähert sich der Historiker Wahrscheinlichkeiten. Je wichtiger ein Mensch in der weiteren Entwicklung wurde, umso mehr prägt die Wirkungsgeschichte das Bild. Dies gilt übrigens nicht nur für die Antike. Wie schwer fällt heute vielen ein nüchterner Blick auf den Karl Marx des 19. Jahrhunderts, der nicht durch die Wirkungen seiner Lehren im 20. Jahrhundert getrübt ist.
Volker Zotz
Dr. Volker Zotz lehrt Religions- und Altertumsgeschichte sowie Philosophie am Centre Universitaire de Luxembourg.
Nimm’s leicht, es wünschen auch viele, ich hätte nie gelebt!
Cartoon: Simone Johann
Anmerkungen
1 Vgl. hierzu Volker Zotz: Auf den glückseligen Inseln. Buddhismus in der deutschen Kultur. Berlin 2000, insbesondere S. 261-269.
2 John A.T. Robinson: Redating the New Testament. London 1976.
3 Vgl. etwa Hugo Staudinger: Die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien. Wuppertal und Zürich (7. Auflage) 1995.
Hans-Joachim Schulz: Die apostolische Herkunft der Evangelien. (3. Auflage) Freiburg, Basel und Wien 1997.
4 Klaus Berger: Theologiegeschichte des Urchristentums. Tübingen und Basel 1994; derselbe: Im Anfang war Johannes. Datierung und Theologie des vierten Evangeliums. Stuttgart 1997.
5 Carsten P. Thiede: Ein Fisch für den römischen Kaiser. Juden, Griechen, Römer: Die Welt des Jesus Christus. München 1998.
6 Ronny Reich: „Caiaphas Name Inscribed on Bone Boxes.“ Biblical Archeological Review 18/5.1992, S. 38-44.
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