Batty Weber „Fenn Kaß“
Zu Josiane Webers Studienausgabe in der Lëtzebuerger Bibliothéik
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Zu Josiane Webers Studienausgabe in der Lëtzebuerger Bibliothéik
Als die „Cahiers luxembourgeois“ 1930 zu Batty Webers 70. Geburtstag ein Sonderheft herausgaben, wollte man in ihm „le représentant le plus parfait de notre type national et de notre discipline bilingue“¹ ehren. Neun Jahre später feierte die Illustrierte „A-Z“ Webers Eintritt in sein achtzigstes Lebensjahr als ein „nationales Ereignis“². In der Tat fügt sich Weber in die Reihe derjenigen Autoren ein, die nicht nur Meilensteine in der kurzen Geschichte der Luxemburger Literatur darstellen, sondern in deren Werk man auch so etwas wie den emblematischen Ausdruck des Luxemburgertums vermutet hat.
¹ Les Cahiers luxembourgeois, 7 (1929-1930), Nr. 8, S. 716.
² „Batty Weber erzählt seine Lebensgeschichte“. In: A-Z, 1939, Nr. 47, S. 2-5.
³ Cornel Meder: Wat wëssemer wum Batty Weber? In: Galerie, 3 (1985), Nr. 4, S. 509-527, hier S. 509.
⁴ „De’ gud öl Zeit“. In: Über sich selbst. Autobiografisches Luxembourg, 1977. (=Gesammelte Werke, Bd. 2). S. 113-138.
⁵ Lentz * 1820, Dicks * 1823, Rodange * 1827
⁶ Emil Marx: Batty Weber. Zu seinem 100. Geburtstag am 25. November 1960. In: D’Lëtzebuerger Land, 7 (1960), Nr. 48, S. 3.
⁷ Tockert * 1875, Ries * 1876, Noppeney * 1877, Engelmann * 1880, Esch * 1882, Clément * 1882, Palgen * 1883
⁸ So die Selbstbezeichnung in der Zeitschrift Junge Welt, 1928 ff.
⁹ Michels * 1897, Steil * 1898, Hoeffler * 1899, Marx * 1899, Funck * 1902, Molling * 1902.
¹⁰ Eine Bekanntschaft, die auf die Kindheit in Stadtbredimus zurückgeht, wo Webers Vater Volksschullehrer, Dicks dagegen Schlossherr und Unternehmer war.
¹¹ In: Über sich selbst, S. 161-217.
Diese Einschätzung geht auf die Zwischenkriegszeit zurück. Weber war damals der „grand old man“ wum Lëtzebuerger Journalismus, wum der Lëtzebuerger Literatur, wum Lëtzebuerger Gesellschaftsliewen ganz allgemeng³ und schon zu Lebzeiten ein Monument.
Gesicherte Aussagen über die Gründe für diese herausgehobene Stellung werden wohl erst auf der Grundlage genauer Untersuchungen zur Rezeption des Autors möglich sein. Trotz seiner Bedeutung wurden bisher erst einzelne, wenn auch wichtige Aspekte seines Schaffens beleuchtet. Einige Eckdaten sollen an dieser Stelle aber zur Orientierung angeführt werden.
Ein nicht zu unterschätzender Erklärungsfaktor für Webers Wirkung ist seine reine Präsenz. Der 1860 in Rümelingen geborene Weber war einerseits noch Zeuge der „gud öl Zeit“, um seinen gleichnamigen Text aus dem Jahr 1924 zu zitieren⁴, die ihm zufolge mit der Einweihung des „Feierwon“ (1859) in ihr letztes Stadium eintrat und 1870 definitiv zu Ende ging, andererseits erlebte er den Ausbruch des zweiten Weltkriegs und die Annexion seines Landes, dessen Ikone er für viele war, als er Ende 1940 starb. Zwei Menschenleben lang kommentierte und interpretierte er als Journalist und Schriftsteller von liberaler Warte aus das politische und kulturelle Leben, davon 27 Jahre im Rahmen seiner täglichen Feuilleton-Rubrik Abreißkalender, mit dem er zusehends identifiziert wurde.
Webers singuläre Stellung bestätigt auch ein Blick auf die literarische Generationenfolge, hält er doch rein chronologisch ziemlich genau (und
ziemlich allein) eine Schlüsselposition zwischen der in den 1820er Jahren geborenen Generation der „Klassiker“ Lentz, Dicks und Rodange⁵ und den beiden Generationen, welche die Moderne in Luxemburg heimisch gemacht haben. Gemeint sind damit einerseits die um 1880 geborenen bürgerlich-liberalen Intellektuellen, die im Fahrwasser von Naturalismus und Symbolismus zur „ersten intellektuellen Blütezeit“⁶ Luxemburgs beitrugen, also etwa Joseph Tockert, Nicolas Ries, Marcel Noppeney, René Engelmann, Mathias Esch, Frantz Clément oder Paul Palgen⁷. Ihnen folgten die um 1900 herum geborenen, literarisch vom Expressionismus oder dessen sachlicheren Gegenströmungen geprägten, in den ideologischen Wirren der Zwischenkriegszeit ihren Weg suchenden „Jungen“⁸, wie z. B. Pol Michels, Marie-Henriette Steil, Albert Hoeffler, Emil Marx, Joseph Funck oder Nic Molling⁹. Bedenkt man, dass Weber für die Autoren der Moderne nicht selten die Rolle eines Mentors und Vorbilds einnahm, dass er andererseits aber noch mit Dicks persönlich bekannt gewesen war¹⁰ und ihn mit seinen „Erinnerungen und den Dicks“¹¹ sozusagen lebendig in eine Zeit hinüberrettete, die ihn nur mehr als Mythos kannte, so scheint er als ein Bindeglied zwischen den Generationen geradezu die Kontinuität der Luxemburger Literatur von ihren Anfängen bis zur Moderne zu verkörpern¹².
Innerhalb dieses zeitlichen Rahmens wäre vor allem auf Batty Webers Beitrag zur kulturellen und politischen Legitimation des in seiner Existenz zunehmend gesicherten, sich seiner Identität aber noch nicht gewissen Staatswesens hin-
zuweisen¹³. Zu bedenken wäre aber auch, dass es sich bei Weber um den facettenreichen Autor eines umfangreichen Werks handelt, der sich nicht leicht auf einen Nenner bringen lässt. Je nachdem auf welche Schaffensperiode oder Ausdrucksform – Schauspiel, Roman, Essay – man sich bezieht, schwankt das Bild, z.B. zwischen dem des engagierten Polemikers und dem des konzilianten und altväterlichen Plauderers und Idyllikers.
Als repräsentativer Ausdruck des kämpferischen Batty Weber gilt der 1913 erschienene Roman Fenn Kaß, der jetzt in einer von Josiane Weber besorgten Studienausgabe in der Reihe Lëtzebuerger Bibliothek des Merscher Literaturarchivs neu vorliegt¹⁴. Fenn Kaß ist Webers bedeutendster Roman und mit Norbert Jacques’ Der Hafen (1910) einer der ersten überhaupt, die sich realistisch mit der Luxemburger Wirklichkeit auseinandersetzen. Von den vorhergehenden Zeitungsromanen Webers, die wie etwa Bella Ghita oder Mein Freund Gunther¹⁵ nicht mehr als Erzählungen mittlerer Länge sind, unterscheidet er sich durch die Breite des dargestellten Wirklichkeitsausschnittes.
Der Roman erzählt die Jugend und das frühe Mannesalter des Küstersohnes Ferdinand Kaß, der Dorfpfarrer wird und nach einer Reihe von Enttäuschungen den Priesterrock ablegt. Im Gegensatz zu den meisten Priesterromanen scheitert er nicht an Glaubenskrisen oder am Zölibatsgebot. Vielmehr findet er sein weltliches Heil in der Aufnahme eines Ingenieurstudiums in München, eine folgerichtige Konsequenz seiner seit Kindesbeinen gehegten Faszination durch die Technik. Eine ganze Reihe von Nebenfiguren dienen der Konturierung des Helden und ergeben zusammen ein Bild der luxemburgischen Gesellschaft der Jahrhundertwende.
Durch seine Thematik ist der Roman ein Dokument des Kulturkampfes, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die luxemburgische Gesellschaft in ein ländlich verankertes, katholisches und ein bürgerlich-liberales Lager spaltete. Er ist daher in hohem Maße in der Wirklichkeit seiner Zeit verankert. Je nach weltanschaulicher Orientierung des jeweiligen Rezensenten traf er bei seinem Erscheinen denn auch auf schroffe Ablehnung oder begeisterte Annahme, wobei sich der Autor selbst gegen eine ideologische Verkürzung des Werks zur Wehr setzte. Doch bevor solche Fragen der Deutung überhaupt sinnvoll gestellt werden können, bedarf es u.a. einer gesicherten Textgrundlage und einer genauen Kenntnis des Entstehungskontextes und des zeitgenössischen Verstehenshorizonts. Genau darin, dieses Wissen zuverlässig bereit zu stellen, besteht, wie im folgenden dargelegt werden soll, die Leistung der vorliegenden Studienausgabe.
Für die Form des Kommentars von Studienausgaben gilt, dass von Fall zu Fall über die nützlichste Art der Materialanordnung zu entscheiden ist. Die Herausgeberin hat sich gegen zahlreiche Einzelstellenkommentare zugunsten von zusammenfassenden Kapiteln entschieden. Diese raffende Form der Darstellung bietet sich sinnvollerweise bei einem Roman wie Fenn Kaß an, der den Leser rein textlich kaum vor Schwierigkeiten stellt. Sie erhöht zudem die Überschaubarkeit des Kommentarkonvolutes und damit die Leserfreundlichkeit¹⁶.
Der Kommentarteil der Ausgabe¹⁷ besteht, neben der Vorbemerkung, die über die Textgrundlage aufklärt und die Frage nach der Relevanz des Unternehmens stellt, aus drei Teilen: den „Wort- und Sacherläuterungen“, dem in das Werk und seinen Kontext einführenden Hauptteil sowie einer Auswahlbibliografie. Die „Wort- und Sacherläuterungen“ bieten Lesehilfen wie etwa die Erklärung von veralteten, ungebräuchlichen oder fachsprachlichen Ausdrücken, die Übersetzung lateinischer Zitate, Erläuterungen zu Namen oder zu Anspielungen auf Bildungsgut, das beim Leser nicht unbedingt vorausgesetzt werden kann. Die Auswahlbibliografie vermerkt die benutzten Hilfsmitteln, Batty-Weber-Archivalien, relevante autobiografische und journalistische Veröffentlichungen des Autors sowie eine Auswahl aus der Literatur über Batty Weber, die einen Zugriff auch auf neuere, in den Bibliografien von Hury und Tockert (ebenfalls angeführt) noch nicht erfasste Literatur ermöglicht. Es sei schon hier angemerkt, dass die Ausgabe aufgrund ihrer Anlage für universitäre Einführungsveranstaltungen, ausdrücklich aber auch für die Schullektüre in der Oberstufe geeignet ist. Dabei müsste dem Umfang des Romans und des Kommentars durch eine sorgfältige Didaktisierung Rechnung getragen werden.
Mit immerhin 125 Seiten machen die Ausführungen zu Entstehung, Kontext und Wirkung den weitaus größten Teil des Kommentars aus, wobei die Herausgeberin drei große Schwerpunkte setzt: die Entstehungsgeschichte, die biografischen und zeitgeschichtlichen Hintergründe, die Rezeptionsgeschichte, von der auch die Versuche einer literarischen Einordnung des Romans ausgehen. Die Dokumentation ist akribisch recherchiert und übersichtlich angeordnet. Dabei wird nicht nur der bisherige Forschungsstand zusammengefasst, vielmehr geht der Kommentar häufig darüber hinaus, wobei auch kontroverse Aspekte zur Sprache kommen.
Batty Weber hat sich über die Arbeit am Roman öffentlich offenbar nie geäußert. Auch private Zeugnisse wie Tagebücher oder Korrespondenz geben über die Genese keinen Aufschluss. Schließ-
¹² Es ergäbe sich also, leicht schematisierend, die nach Geburtsdaten geordnete Generationenfolge: 1820: die postromatischen „Klassiker“ – 1860: der „Realist“ Batty Weber – 1880: die „erste Moderne“ – 1900: die „zweite Moderne“.
¹³ Vgl. z.B. Victor Weitzel: Batty Weber und die Deutschen. In: Uwe Grund, Günter Schold (Hg.): Literatur an der Grenze. Der Raum Saarland – Lothringen – Luxemburg – Eisab als Problem der Literaturgeschichtsschreibung. Festgabe für Gerhard Schmidt-Henkel. Saarbrücken, 1992. S. 90-108.
¹⁴ Batty Weber: Fenn Kaß. Der Roman eines Erlösten. Studienausgabe. Vorgestellt und kommentiert von Josiane Weber. Mersch: Centre national de littérature, 2001. (=Lëtzebuerger Bibliothek 9)
¹⁵ Am leichtesten greifbar in: Galerie 8 (1990), S. 69-98 bzw. Galerie 7 (1989), Nr. 2, S. 224-249, jeweils mit einem Nachwort von Cornel Meder.
¹⁶ S. dazu z.B. Winfried Woesler: Zu den Aufgaben des heutigen Kommentars. In: editio, 7 (1993), S. 18-35; Wolfgang Frühwald et al. (Hg.): Probleme der Kommentierung. Bonn 1975. (=Kommission für germanistische Forschung, Mitteilung I). Studienausgaben halten die Mitte zwischen in selten Fällen gerechtfertigten historisch-kritischen Ausgaben und nur summarisch kommentierten Leseausgaben.
¹⁷ Im Textteil sind eine Reihe Druckfehler zu verzeichnen, die wohl auf die Konversion von Fraktur in Antiqua zurückgehen. Als Gewinn für das Lesevergnügen sind dabei „eine schlumpige Magd“ (S. 39) und „die priesterliche Keuchheit“ (S. 210) zu verbuchen.
Pfarrer Franz Gaspar
(1826–1909) – das Vorbild
für Fenn Kaß †
lich ist auch das Manuskript verschollen. Die Grundlage für die Neuausgabe ist daher der Text der „Erstausgabe“ (S. 11). Damit ist die erste Buchausgabe gemeint, denn bevor der Roman 1913 vom Frankfurter Verlag Rütten & Loening ins Programm aufgenommen wurde, war er 1912 in 31 Fortsetzungen in der Kölnischen Zeitung erschienen – auf Vermittlung eines dort tätigen Luxemburgers.
Die Buchausgabe ist, wie es in einer vermutlich von Batty Weber selbst verfassten Vorankündigung heißt, „an mehreren Stellen durchgreifend umgestaltet und erweitert“ (S. 344). Dies ist eine der wenigen Stellen, wo der Kommentar hinter der Neugier des Rezensenten zurückbleibt, der gern mehr über das Verhältnis der beiden Text-Varianten erfahren hätte. Im gleichen Abschnitt geht Josiane Weber kurz auf die Frage nach der Stellung des Romans in Batty Webers Schaffen ein und ordnet ihn in eine Reihe motivisch verwandter Werke der europäischen Literatur ein. Für den Luxemburger Kontext ist vor allem der Verweis auf Nikolaus Welters wenige Jahre früher veröffentlichtes Trauerspiel Der Abtrünnige interessant, das ebenfalls die Problematik des ausgetretenen Priesters gestaltet.
Den zweiten Schwerpunkt bildet, wie erwähnt, die Erforschung des biografischen und zeitgeschichtlichen Hintergrunds. Neben Fragen der Datierung der Handlung bemüht sich Josiane Weber darum, eine Vielzahl außertextlicher Bezüge für die Handlungsorte, die Figuren und sogar einzelne Szenen des Romans ausfindig zu machen. Äußerungen des Autors, dessen Gewohnheit, Fotos als Belege in seine Bücher zu kleben, schließlich topografische Übereinstimmungen zwischen dem Roman-Dorf „Wiesingen“ und dem wirklichen Frisingen verleihen dem Nachweis Plausibilität, dass die allermeisten Figuren des Romans – „porträtähnlich“, wie Batty Weber schreibt (S. 352) – auf reale Vorbilder zurückgehen. Im Fall des tyrannischen Konviktsdirektors gibt es wiederum eine Parallele zu einem Werk des literarischen Rivalen Nikolaus Welter, nämlich der Novelle Singrün. In der Batty-Weber-Literatur ganz neu ist die Vermutung der Herausgeberin, die Figur des Fenn Kaß selbst könnte der Gestalt des Pfarrers Gaspar nachempfunden sein, den Batty Weber aus Stadtbredimus kannte und der bei ihm nachweislich einen starken Eindruck hinterlassen hat. Mangels direkter Belege muss sich Josiane Weber hier auf Indizien stützen, die in der Tat nicht fehlen, vom Exemplar von Gaspar’s Werk Populäre Philosophie des Staates (1872) mit Widmung an Webers Vater über die freiheitliche Gesinnung, die sowohl Gaspar als auch Fenn mit der kirchlichen Autorität in Konflikt bringt, bis hin zu thematischen Anklängen zwischen den beiden Fällen. Diese die Deu-
tung des Romans berührende Hypothese verdient eine ernsthafte Erörterung.
Nach dem biographischen leuchtet die Herausgeberin in einem weiteren Kapitel den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Romans aus. Sie zeichnet mit einer Fülle von Informationen, die den Abschnitt auch ohne den Bezug zum Roman zu einer lohnenden Lektüre machen, die Entwicklung der Agrar- zur Industriegesellschaft nach, sie schildert die Rückständigkeit der Dorfgemeinschaft und ihren Widerstand gegen die Moderne, das Wahlrecht, den gesellschaftlichen Einfluss der Kirche, die Auseinandersetzung zwischen Klerikalismus und Antiklerikalismus und legt Webers weltanschauliche Position dar. Auch hier weist sie immer wieder Bezugspunkte zum unmittelbaren zeitgeschichtlichen Kontext des Romans auf, die dessen Rang als historisches Dokument bestätigen. Eine Klärung dieser Sachverhalte trägt wesentlich dazu bei, die historische Distanz zum Text zu überbrücken.
Für das Gesamtbild Batty Webers besonders interessant sind die Ausführungen zu seinem Frauenbild, mit denen sich Josiane Weber einem ihrer bisherigen Forschungsschwerpunkte nähert. Sie weist auf die Diskrepanz zwischen der Tatsache hin, dass Weber zwar mit einer Frauenrechtlerin verheiratet war und im Abreißkalender an manchen Stellen eine fortschrittliche Haltung zur Frauenfrage einnahm, in der schriftstellerischen Praxis jedoch „viel Frauenfeindlichkeit […]“, gepaart mit einem rückständigen Patriarchalismus und einer Ablehnung von Sexualität“ (S. 403) verrät¹⁸. In diesen Ambivalenzen zeichnen sich interessante, über den Roman hinausgehende Fragen zu Batty Webers weltanschaulichen Positionen ab.
Die beiden letzten Abschnitte sind Fragen der Aufnahme und Wirkung, der literaturgeschichtlichen Einordnung und damit auch des richtigen Verständnisses und der übergreifenden Deutung des Romans gewidmet. Besonders stolz war Batty Weber auf das brieflich ausgesprochene, insgesamt lobende Urteil der deutschen Heimatschriftstellerin Clara Viebig. Anerkennende Besprechungen erschienen in den renommierten deutschen Literaturzeitschriften Hochland und Das literarische Echo. In der Luxemburger Presse hing die Aufnahme des Romans, wie erwähnt, u.a. auch von der weltanschaulichen Tendenz des jeweiligen Presseorgans ab. Während das Luxemburger Wort den Roman ablehnte, erfuhr er in liberalen Organen eine eher positive Aufnahme. Gelobt wurde vor allem die Tatsache, dass es sich dabei um ein „Heimatbuch“ (S. 410) handle, auf das man lange gewartet habe, weil es als erstes einen größeren heimatlichen Stoff künstlerisch gestalte. Positive Erwähnung fan-
¹⁸ Schon für Michelle Pleger und Victor Weitzel war Weber „ein in der Form gütiger, in der Tat aber tyrannischer Patriarch“. Siehe: Dieselben: Die bürgerliche Familie in Batty Webers Romanen. Zum 125. Geburtstag von Batty Weber. In: D’L’etzeburger Land, 32 (1985), Nr. 46, S. 8-9.
den Webers Beobachtungsgabe, die Landschafts- und Menschenschilderungen, die Stimmungsbilder, die Handhabung der Sprache, insbesondere der luxemburgischen Gesprächs-Einschübe.
Getadelt wurde dagegen von Anfang an die fehlende innere Entwicklung und mangelnde psychologische Konsistenz des Helden, sowie die Abwesenheit einer wahren Beschäftigung mit Glaubensfragen, allesamt Faktoren, welche die Handlung unwahr erscheinen ließen. Besonders die Aussparung der Seminarjahre, während deren sich die Auseinandersetzung mit dem Glauben und der Berufung abgespielt haben müsste, wurde bemängelt. An diesen Unzulänglichkeiten setzt die immer noch offene Diskussion um Wertung und Deutung des Romans an, die von der Herausgeberin ausführlich dokumentiert wird.
In der Tat fällt es schwer, der Figur eines Fenn Plausibilität abzugewinnen, der einerseits hartnäckig an seinem Wunsch festhält, Priester zu werden, dem man andererseits seine Bekenntnisse zu seiner Berufung kaum ernsthaft abnehmen kann. Noch bevor wir seinen Namen erfahren haben, sehen wir ihn in eine „Geschichte der Dampfmaschine“ vertieft (S. 19). Während damit an seiner wirklichen Berufung kein Zweifel bestehen kann, wird das Priestertum als eine schlichte „Berufswahl“ (S. 119) bezeichnet, es ist eine Art Job¹⁹, die dem „Freidenker“ (S. 108) keine großen weltanschaulichen Kopfschmerzen bereitet²⁰. Joseph Groben sieht darin wohl ganz zu Recht das implizite Eingeständnis eines Unvermögens des Autors, sich mit einem ihm „wesensfremden“ Glauben auseinander zu setzen, den er mit einem vagen „Humanitätsideal“ gleichsetzt²¹. In der Tat steht Fenn, wie der junge Batty, „dem Erlebnis Kirche kühl bis ans Herz hin gegenüber“²².
Doch wollte Weber überhaupt einen auf eine Glaubenskrise hinauslaufenden Entwicklungsroman schreiben, wie zumeist implizit angenommen wird? Die Vorankündigung aus dem Jahr 1913 legt Zweifel daran nahe: „Das Priestertum hat ihn nie durchdrungen. Er darf darum ungestraft […] den Beruf des Geistlichen verlassen, weil er in diesen nie hineingehört hat.“ (S. 343)
Michelle Pleger und Victor Weitzel nehmen diese Bruchstellen des Romans zum Ausgangspunkt für eine Neuinterpretation. Sie sehen in Fenn Kaß eben nicht mehr vorrangig einen Entwicklungsroman, sondern einen Propagandaroman im Interesse der im Gefolge der Industrialisierung entstandenen großbürgerlichen Familien, die ihre beherrschende gesellschaftliche Stellung durch den Hinweis auf ihre naturgegebene Überlegenheit zu legitimieren versuchten. Batty Webers Sozialdarwinismus erfülle „anhand des exem-
Batty Weber (2. von links) als Kind mit seinen Geschwistern
plarischen Lebenslaufs des Fenn Kaß den offenen Zweck, metaphorisch Macht und Erfolg der großen liberalen Familien mit ihrer genetischen Überlegenheit zu rechtfertigen.²³ Für diese Interpretation werden z.T. sehr plausible Argumente vorgebracht. Vor allem gebührt den Autoren das Verdienst, als erste den Roman mit einer fundierten Untersuchung im sozialgeschichtlichen Kontext der Zeit verankert zu haben. Leider sind sie bisher auch die letzten geblieben.
Es stellt sich daher die Frage, ob von der vorliegenden Studienausgabe, die ihrem Wesen nach kein Abschluss, sondern eine gesicherte Grundlage für die weiterführende Beschäftigung mit dem Roman sein soll, neue Impulse auch für die übergreifende Deutung des Romans ausgehen können? Die Antwort fällt m. E. positiv aus. Ein Ansatzpunkt könnten die m.W. vor Josiane Webers Recherchen noch nie in dieser Deutlichkeit und Ausführlichkeit vor Augen geführten autobiografischen Bezüge sein, die sich durch weitere Befunde stützen lassen.
Kaum beachtet wurde bisher auch die Tatsache, dass es sich bei dem Roman u.a. um die Geschichte eines sozialen Aufstiegs, um einen Sieg nicht nur der genetischen, wie Pleger und Weitzel feststellen, sondern auch gegen die soziale Determination handelt. Fenn Kaß wird vor allem deswegen Pfarrer, weil ein gescheiter aber armer Landjunge keine andere Alternative hat. Erst das verletzte Selbstwertgefühl macht aus dieser Not eine Tugend²⁴. Explizit formuliert der Konvikt-Leiter die gesellschaftliche Arbeitsteilung: „Er
¹⁹ „Herr Direktor […] was wollen Sie von mir? Ich gehe meinen Weg und tue meine Pflicht. Was haben Sie mir vorzuwerfen? […] lassen Sie mich nur machen. Sie werden sehen, es geht auch ohne Begeisterung.“ (S. 110)
²⁰ „Theo, jetzt will ich dir mal was sagen. Über glauben und nicht glauben, da zerbrech ich mir nicht den Kopf.“ (S. 113)
²¹ Joseph Groben: Aspekte des deutschsprachigen Romans in Luxemburg. In: nos cahiers, 10 (1989), Nr. 3/4, S. 85-107, hier S. 94.
²² Batty Weber: Von fünf bis zwölf. Ein Stück Kindheit. In: Über sich selbst, S. 33-109, hier S. 53.
²³ Michelle Pleger und Victor Weitzel: Die bürgerliche Familie…, S. 8. Der Beitrag fußt auf den Erkenntnissen von Michelle Plegers sehr aufschlussreicher Saarbrücker Staatsexamsarbeit „Fenn Kass“ von Batty Weber. Die Erlösung in der industriellen Produktion. Ein Versuch über liberale Bewusstseinsstrukturen in einem Luxemburger Roman der Jahrhundertwende Saarbrücken, 1985 (unveröffentlicht)
²⁴ „Wenn ich einmal gelehrt bin, weiß ich mir andere Sachen.“ – „Ei was denn, zum Exempel.“ – „Ich baue Maschinen.“ […] – „So studiere auf Inschenier.“ – „Dazu muß man sehr viel Geld haben. Und dann, weißt du, so meine ich es nicht. Ich meine, wenn ich Pastor bin, habe ich genug Zeit, um nebenbei allerhand zu fingern. […] So’n Ingenieur ist heute auch nicht mehr das Richtige.“ (S. 34)
Erstausgabe 1913
sprach […] von dem begüterten Bauernstand, dessen Söhne Advokaten, Ärzte, Ingenieure werden […], von den bescheidenen Landfamilien, die ihre Söhne dem Herrn als Diener am Altar widmen“ (S. 63) Fenn Kaß durchbricht aus eigener Kraft diesen sozialen Determinismus, er wird nicht zum „Diener“, sondern zu einem der „Generale des […] Arbeitsheeres“ (S. 115). Die Schlussseiten des Romans lassen am sozialen Aspekt von Fenns Entscheidung keinen Zweifel: „Er las in dem einen die Gewohnheit des Bestehens, in dem anderen die Gewohnheit des Gehorchens. Die Herrschenden und die Dienenden, alle trugen ihre Bestimmung zur Schau, und wieder ward er sich glücklich bewußt, daß er einer Welt entgegenging, in der sich sein Inneres heimisch fühlen würde.“ (S. 327) Welche „Gewohnheit“ bei ihm stärker ausgeprägt war, dürfte am Ende dieser Geschichte eines „Bestehens“ klar sein.
Bedenkt man, dass Batty Webers Vater ihn „nach dem Abitur […] ins Seminar zwingen wollte“²⁵ und er selbst ausdrücklich eine gewisse Identifikation mit seiner Figur nahelegte²⁶, so tun sich für das Verständnis des Romans weitreichende Parallelen zur Geschichte des Dorflehrersohnes und gescheiterten Studenten Batty Weber auf, der kraft des eigenen Durchsetzungsvermögens seine Bestimmung und die dazu passende Weltanschauung gefunden hat. Unterstützt wird eine solche Sichtweise durch einen Blick auf autobiografische Schriften, in denen sich Motive finden, die ganz deutlich an vergleichbare Szenen im Roman anklingen²⁷.
Damit erscheint die vermutlich von Weber selbst stammende Einschätzung in einem neuen Licht, der Verfasser habe „kein antiklerikales Tendenzwerk“ schreiben wollen, es sei ihm lediglich darum gegangen, „einen der zahlreichen Fälle
durchzuentwickeln, in denen junge Luxemburger, weil es die Familie so beschlossen hat und weil sie in den Knabenjahren nichts besseres wussten, die Soutane anziehen und sich auf einen Pflichtenkreis festlegen, der ihnen später so wenig genügt, wie er ihren Neigungen entspricht. Sie bringen nicht nur das Opfer ihrer selbst, sondern das Opfer all der ungeleisteten Kraft, mit der sie zum Vorteil des Ganzen ausgestattet waren.“ (S. 344 f.) Eine Deutung, die autobiografischen Gesichtspunkten einen Stellenwert einräumt, wäre mit der These von Pleger-Weitzel übrigens nicht unvereinbar. Auch die hier skizzierte Geschichte eines Siegs des selbstbestimmten Individuums, der letztlich im Interesse des gesellschaftlichen Ganzen liegt, würde dem Roman, wenn auch mit anderen Akzenten, den Charakter einer Apologie liberaler Werte verleihen – oder einer Apologie des eigenen Werdegangs auf der Grundlage eines liberalen Weltverständnisses? Oder aber einer höchst interessanten Verquickung von individueller und gesellschaftlicher Geschichte, die ein neues Licht auch auf die Figur und die Entwicklung Batty Webers werfen könnte.
Einen ausführlichen Nachweis für den angedeuteten Ansatz zu erbringen, wobei neben der Hauptfigur auch andere Merkmale des Romans erwogen werden müssten, überschreitet bei weitem den Rahmen dieser Besprechung und setzt Erkenntnisse über Batty Webers Entwicklungsweg voraus, die noch nicht bereit stehen. Hier mögen die wenigen Ausführungen als ein Beispiel für neue Impulse dienen, die Josiane Webers hervorragend dokumentierte Studienausgabe zu vermitteln vermag.
Pierre Marson
Mitarbeiter des Centre national de littérature
– Lëtzebuerger Literaturarchiv
²⁵ Zitiert nach Cornel Meders Einführung zu: Batty Weber: Abreißkalenderblätter von 1913-1940 mit historischen Photos. Luxembourg, [1999], S. 10.
²⁶ „über meine Pennälerzeit im Athenäum und Konvikt von 1873 bis 1881 steht das Wesentliche in meinem Roman ‚Fenn Kaß‘“ (Batty Weber erzählt seine Lebensgeschichte, a.a.O., S. 2)
²⁷ Man vergleiche etwa die feinen sozialen Nuancierungen an einer Vielzahl von Stellen des ersten Romanteils mit dem Text ‚Vaterhosen und Mutterliebe‘ (in: Über sich selbst, S. 25-29) oder auch das Leitmotiv der eigenen Kraft und Intelligenz, aufgrund derer man sich gegen fremde Mächte durchsetzt. Im Roman z.B. S. 88, wo Fenn Kaß Sieg über den Konviktdirektor mit den Worten quittiert wird: „Fenn Kaß ging an diesem Abend zu Bett mit einem großen, sichern Gefühl der Beruhigung. Er war sich in seinem Knabeninstinktbewusst: […] du hast zu den Menschen und Dingen das Verhältnis gewonnen, das dir Lebensbedingung ist, du hast dich durchgesetzt.“ Vgl. damit: „Das Verhältnis, das du als Kind zu Kirche und Schule hast, wird danach bestimmt, wer im Innern der Stärkere ist: du oder das Fremde. Davon hängt es ab, ob das Verhältnis ein äußerliches bleibt oder ob die fremde Macht das Zellegewebe deines Wesens durchdringt.“ (Von fünf bis zwölf, S. 52)
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