Die Lüge von der gesunden Konkurrenz
Erfurt und die Folgen
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Die Mordorgie des 19-jährigen "Sportschützen" aus Erfurt hat zusammen mit ihrer Furcht erregenden Alltäglichkeit nicht nur Deutschland in inneren Aufruhr versetzt, dem Entsetzen folgt Nachdenklichkeit. Doch ausschließen lässt sich eine solche Bluttat nie, die menschliche Geschichte ist voll davon. Ajax ist in uns, die Schergen Stalins und Hitlers machten deren Verbrechen möglich. Und doch: Grundsätzliche Fragen der Wertebildung und Werteverankerung tun sich auf. Und zwar als nur ein Teil der Verantwortung von Schule. Unsere Freiheit braucht humanisierende Grenzen – statt einer Kultur, in der das Recht des Stärkeren gilt.
Wer kümmerte sich noch und merkte, dass Robert S. sich in sich verkrümmte und nicht nur emotional verkümmerte, sondern seine Kränkungen und Rachefantasien in eine geplante Tat umzusetzen plante? Tiefe Kommunikationsstörungen zwischen Elternhaus, Schule und Gesellschaft werden offensichtlich, obwohl dies schon lange erkennbar sein konnte.
Unsere Gesellschaft ist als pluralistische nicht hinreichend beschrieben. Sie zerfällt, wo die soziale Konkurrenz samt ihren Lebensregeln in dem Maße schwindet wie das Durchkommen, Weiterkommen und Dastehen des Einzelnen vor den anderen dominiert. Die Kehrseite ist vereinsamte Vereinzelung, kaschiert durch diverse Zusammenkünfte der Eventkultur. Hier bilden sich keine Beziehungen, sondern Kurzkontakte auf. Robert S. – von einer langjährigen Freundin als "lustig" beschrieben – lebte nach seiner Niederlage in einer Sonderwelt von Überlegenheitsgefühlen und hatte wohl niemanden, der ihn ansah oder fragte, wie es mit ihm nach dem Schulverweis weitergehen könne. Als er – mitten im Mordrausch – mit Namen angesprochen und aufgefordert wurde, seinen Lehrer anzusehen, ihm in die Augen zu sehen, Auge in Auge vor ihm zu stehen, war der Bann für einen Moment gebrochen. Aber es war alles zu spät: 16 Tote auf seinem rasenden Weg durch die Schule. Die emotionalen Schranken waren längst durchbrochen. Tötungsfantasien hatten sich in ihm vor Computerspielen aufgebaut. Mit ihm und in ihm war
etwas passiert, was ihn für andere nicht mehr erreichbar machte. Er war ein normaler junger Mann und macht auf bestürzende Weise eine banale Erkenntnis offenbar: Der Mensch ist das Wesen, das erzogen werden muss und dessen zivilisatorische Haut dünn ist. Wir sind ungesicherte Wesen und Kulturmenschen auf Abruf.
Die Schule kann nur zusammen mit dem Elternhaus und im Kontext des sozialen und politischen Milieus helfen, Kompetenzen auszubilden und zu stärken. Es geht eben nicht nur um Aneignung und Anwendung von Wissen, sondern auch um den Erwerb von Grundorientierungen und Wertmaßstäben für das Verhalten und die Herausbildung eines Selbstwertgefühls, das zugleich gemeinschaftsbezogen ist. Wertebildung wächst aus Verehrung, Nacheifern und Einfühlung. Wer aber sind heute die Vorbilder, die Helden, die Idole?
Was ein Heranwachsender in seiner Umwelt erlebt, spricht mehr als das, was ihm gesagt wird. Um sich zurechtzufinden in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt, brauchen Kinder das Unterscheidungsvermögen, was mehr und was weniger wichtig ist und was etwas wert ist, das sich nicht in Geldwert ausdrücken lässt. Bald erleben sie, dass die Fülle eine Leere hinterlässt; wenn es nichts mehr gibt, was einen Menschen ausfüllt. Gut ist, was gut tut: mir und den anderen, was sich bewährt, was nützlich ist und nicht auf Kosten anderer, auch nicht auf Kosten der
Es geht um das Experiment Mensch und um die "Erziehung des Menschengeschlechts" – mitten in einer noch unabsehbaren Medienrevolution, die offensichtlich die Psyche der Menschen überfordert.
Evangelischer Kirchentag
der DDR 1983
Friedrich Schorlemmer lässt
ein Schwert zur Pflugschar
umschmieden
Nachfolgenden geschieht. Wie lässt sich so etwas lernen? Nur im sozialen Kontext auf der Schnittlinie von Egozentrierung und Altruismus. Dabei ist die emotionale Bildung eine Folie für jede Wertebildung: Was einen anrührt, aufregt, empört, traurig oder fröhlich macht, bestimmt das Verhalten. Gewaltdarstellungen in Serie mit ständiger Erhöhung des Kicks führen zur Enthemmung unter Ausschaltung jedes Mitgefühls. Tötung als Unterhaltungskitzelt! Wir sind offensichtlich in der Falle der Freiheit; Zensur wollen wir nicht zurück, zumal das Internet alle Schleusen geöffnet hat. Es geht um das Experiment Mensch und um die „Erziehung des Menschengeschlechts“ – mitten in einer noch unabsehbaren Medienrevolution, die offensichtlich die Psyche der Menschen überfordert.
Wenn Wertebildung im häuslichen Kontext nicht mehr erfolgt, ist die Schule auf verlorenem Posten. Sie ist geradezu angewiesen auf die Herausbildung von Verhaltensregeln, die die Sekundärtugenden ausdrücklich einschließen: dass Rücksichtnahme geübt wird, Absprachen eingehalten und Pünktlichkeit hilfreich für ein Zusammenleben erfahren werden! Dazu gehört Respekt der jüngeren vor den Älteren und umgekehrt. Dazu gehört die Einschärfung, dass Gewalt keine Lösung von Konflikten bietet, sondern einen Gewaltkreislauf eröffnet. Also sind Konfliktlösungsstrategien einzuüben, ganz alltäglich.
Über das, was Lehrer tagtäglich auszuhalten haben, wie viele ungeliebte, unversorgte, sprachunfähige, emotional zugemüllte Kinder sie in den Lernprozess zu integrieren haben, macht sich kaum einer klar. Immer wenn in der Gesellschaft ein neues Problem auftaucht, bekommt die Schule eine neue Aufgabe zugewiesen.
Eine Vorbedingung für das Gelingen ist Compassion, elementares Mitgefühl und Aufmerksamkeit für den Nebenmenschen. Die Abtrennung eines Faches „Ethik“ vom Gesamtprozess, des Lernens ist dann verheerend, wenn die ethischen Fragen auf Ethik- und Religionsunterricht reduziert werden. Und welch überraschende Wirkung Literatur haben kann, erlebten wir, als Harry-Potter-Demonstrationen Ausdruck fantasievoller Friedlichkeit und spontaner Selbstorganisation von Kindern wurden. Die Schule braucht viel mehr spielerische Orte, an denen der Ernst des Lebens durchgespielt wird. Orientierungen bilden sich in Lebenszusammenhängen. Die Lehrer müssen Zeit haben, auf die Probleme des Einzelnen einzugehen, sie verarbeiten zu helfen und strittige Fragen in der Gesellschaft zu besprechen. Über das, was Lehrer tagtäglich auszuhalten haben, wie viele ungeliebte, unversorgte, sprachunfähige, emotional zugemüllte Kinder sie in den Lernprozess zu integrieren haben, macht sich kaum einer klar. Immer wenn in der Gesellschaft ein neues Problem auftaucht, bekommt die Schule eine neue Aufgabe zugewiesen. Die Lehrer fühlen sich so überfordert, dass viele sich zurückziehen und „gesellschaftlich“ verweigern.
Was sich in den Schulen abspielt, ist weitgehend tabuisiert, zumal alle Aufmerksamkeit den Gymnasien und nicht den Haupt- und Sekundarschulen gilt. Gewalt bestimmt viele Alltagsbeziehungen in Schulen, sekundiert durch das, was die Schüler von der großen Politik täglich hören. Nicht zuletzt der Welthorizont und das Sprachgebaren des mächtigsten Sheriffs der Welt wirkt zurück auf das, was man alltäglich denkt, fühlt und tut und auf welche Weise man „Entlastung“ sucht – durch Draufhauen, Ausräuchern, Unschädlichmachen, Drohen. Lauter Überlegenheitsrituale!
In summa: Mitten in unserer gnadenlosen Durchsetzungskultur, wo das Recht des Stärkeren gilt – und man das „gesunde Konkurrenz“ nennt –, wo etwas zählt, was sich in Geld ausdrücken lässt, wo im Mittelpunkt steht, wovon Menschen leben, und zurückgedrängt wird, was lebensdienlich ist und wofür sie leben, geht es um elementaren Wiedergewinn dessen, was mit dem altmodischen Wort „Humanität“ bezeichnet wird.
Unsere Freiheit braucht selbst gesetzte humanisierende Grenzen statt der Grenzenlosigkeit der Gewalt – sowohl in der Vorstellungswelt wie in der erfahrenen Welt – vor Ort und im globalen politischen Kontext.
Friedrich Schorlemmer
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