Der Fall Dillenburg

Von den allseitigen kleinen, häßlichen Korruptionen in Luxemburg

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Steine spielten im Sommerloch 2002 eine bestimmende Rolle, doch der Stein der Weisen war nicht darunter. Diese merkwürdige Angelegenheit überspielte rasch ein anderes Dossier. Darin ist Geld nur am Rande von Bedeutung, eher geht es um die Frage, wie es um die moralische Verfassung des öffentlichen Lebens in Luxemburg bestellt ist. Man darf nachträglich bedauern, daß diese Frage aus dem politischen Augenmerk geriet, bevor sie eine abschließende Antwort fand.

Es sollte der Verwaltungschef des Parlaments in den vorzeitigen Ruhestand versetzt werden. Diese Entscheidung wollte sich der greffier mit ordentlichen Rentenbezügen und etwas Ehr‘ bzw. Ehrenarbeit versüßen lassen. Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Man hätte dem Mann anstandslos geben sollen, was ihm von Rechts wegen finanziell zusteht, und ihn gleichzeitig jeglicher weiteren beruflichen Verpflichtung im Umfeld des Hohen Hauses entbinden — dort hat er als begnadeter Veranstalter des Interieurs genügend ästhetisch-politischen Schaden für mindestens eine Generation angerichtet.

So entwickelte sich aus der Affäre ein Lehrstück über den fehlenden (moralischen) Rigorismus an höchster Stelle in diesem Lande: in den politischen Institutionen.

Warum hat die Volksvertretung (von den Sozialisten einmal abgesehen) nicht einfach Nein gesagt zu Pierre Dillenburgs Begehr, ihr bis zu seiner endgültigen Pensionierung in fünf Jahren beratend beizustehen? Weil der greffier ihr das Gefühl vermittelte, er habe Anspruch auf eine derartige Vorzugsbehandlung aufgrund beruflicher Meriten? Das Eigenlob in den ersten Absätzen

zen seines Briefs an den Parlamentspräsidenten ist nicht leicht zu ertragen: "J’ai rempli mes diverses fonctions au Greffe avec engagement, droiture et compétence, en contribuant entre autres … à rehausser … l’image de la Chambre des députés, notamment … par l’organisation de conférences, cérémonies et événements qui ont profondément marqué l’histoire parlementaire de notre pays." Merke: Rechtschaffene

Der Privatier glaubte, ein Pfand einfordern zu können — im Namen seines Arbeitgebers! Offensichtlich waren ihm die Grenzen zwischen Eigennutz und Gemeinwohl völlig abhanden gekommen.

Beamte erfüllen ihre Pflicht, Pierre Dillenburg schreibt Geschichte…

Nun geriet dieses weihrauchbetüterte Schreiben mitsamt den Wünschen des Absenders an die Öffentlichkeit. Es erregte zumindest allgemeines Erstaunen und führte unter den Parlamentariern zu einem teilweisen Rückzieher. Daraufhin warf der greffier die PR-Maschine an. Zunächst mißbrauchte er seine eigene Kolumne La chronique de Dill, um via Le Jeudi seine Enttäuschung zu bekunden und den Abgeordneten ein Signal zu senden: "Rien n’est aussi blessant que d’être trahi par ceux qu’on croyait amis et qui n’étaient que sympathisants par intérêt ou nécessité." Und offenbar kein Redakteur weit und breit, um die Leser vor derartiger Peinlichkeit zu bewahren.

Im Gegenteil: Eine Woche später gestand der Chefredakteur Pierre Dillenburg

lenburg ein Interview zu. Vorneweg fragte Jean Portante: "Qu’est-ce qui s’est vraiment passé?" Nicht: Wie sehen Sie die Dinge? Bzw. Wie stellt sich die Sache in Ihren Augen dar? Nein: Der Hauptbetroffene soll sagen, wie es wirklich zugegangen ist. Damit des kriecherischen Journalismus nicht genug. Empört zeigte sich die Revue, die Pierre Dillenburg in staatstragender Pose gleich auf den Titel hob, und vermutete "Rufmord", zumindest aber kleinmütige Rache: "Über Recht und Unrecht entscheidet letztendlich, wer zur Geburtstagsparty eingeladen war und wer nicht." Dieses nicht sonderlich sinnvolle Verdikt läßt Abgründe moralischer Verderbtheit, neudeutsch: Korruption, erahnen: Geladene Gäste wissen, was Recht ist…

Beschämend an dieser Angelegenheit, die im Grunde keine ist, weil sie ohne viel Federlesens als profaner Verwaltungsakt in wenigen Augenblicken hätte entschieden werden müssen, ist der Umstand, daß Pierre Dillenburg partout nicht als Vorbild an Integrität taugen will. Die Volksvertreter hätten sich dessen eigentlich bewußt sein müssen, wurden sie doch regelmäßig Zeuge (gar Dulder) seines wunderlichen Treibens.

Aus eigener Anschauung weiß ich von einem Fall zu berichten, der inzwischen gut zehn Jahre zurückliegt. Ich hatte meinen Job als parlamentarischer Assistent gerade angetreten, und nun ging es darum, daß jeder Abgeordnete sich sein Büro für 150.000 Franken einrichten konnte. Der damalige greffier adjoint beschied, das Hohe Haus erstatte nur Kosten für Möbel und andere Gegenstände zurück, wenn sie aus einem unweit der Chamber gelegenen Designerladen (der längst Konkurs anmelden).

den mußte) stammten. Für jemanden, der nicht einsehen mag, warum er überteuerten postmodernen Schnickschnack sich zulegen soll, wenn er handfestes Büromaterial benötigt, war diese Einschränkung höchst ärgerlich und schwer hinzunehmen. Doch erstaunlicherweise mochte sich kein Abgeordneter bereitfinden, sich gegen diesen willkürlichen Beschluß ernsthaft zu wehren, auch nicht in einer anderen Fraktion, in der ich um Unterstützung nachsuchte. Zusammengenommen ging es angesichts von 60 Volksvertretern um neun Millionen Franken, die einem Geschäft – ohne Ausschreibung – zugedacht waren. Ist es ehrenrührig zu vermuten, daß es sich mit einem solchen Polster im Rücken beim nächsten Privatkauf leichter verhandelt?

Meine zweite persönliche Erfahrung ist in der Sache kaum der Rede wert, allerdings in der Denkungsart, die dahintersteckt, erschreckend. Bei einem Projekt, für das ich die Verantwortung trug, mußte ich Pierre Dillenburg (wohlverstanden als Privatperson) aus Gründen, die mit der Ausrichtung des Vorhabens zu tun hatten, abblitzen lassen. (Er war im übrigen nicht der einzige, der eine Absage erhielt.) Daraufhin schickte er einen handschriftlichen Brief – auf offi-

ziellem Papier des Parlaments -, um sich zu beklagen: "Eintlech misst ich jo lo insistéieren bei allem waat Dir schons fir eis gemach hut!" (Im Kontext muß man diesen Satz so verstehen: „bei allem, wat Dir bis ewell mat Aarbechte fir d’Chamber verdéngt hutt".) Mit anderen Worten: Der Privatier glaubte, ein Pfand einfordern zu können — im Namen seines Arbeitgebers! Offensichtlich waren ihm die Grenzen zwischen Eigennutz und Gemeinwohl völlig abhanden gekommen.

Als ich unlängst meine Entrüstung über diese Begebenheit einem Bekannten gegenüber äußerte, antwortete der mir mit einem eigenen Erlebnis. Er habe Pierre Dillenburg einmal – privat – einen Gefallen erwiesen, und dieser hätte sich mit einem prächtigen Geschenk revanchiert – aus den Beständen des Hohen Hauses, wenn nicht alles täuscht.

Wer darin grundsätzlich kein Skandalon erkennen mag, der konnte auch nicht anders, als Pierre Dillenburg die Wünsche, die über den korrekten Rentenbezug hinausgehen, zu erfüllen. Daß es dem greffier nicht darum geht, wie er stets versichert, mehr Geld zu erhalten als ihm von Gesetzes wegen zusteht: geschenkt. Es ist ja nicht die Frage, ob

seine Forderungen illegal sind, vielmehr geht es um eine Frage der Dezenz. Ein Mann, der vorgibt, immerzu auf korrekte Formen bedacht zu sein, müßte dies eigentlich wissen (gerade als Nachfolger eines Bonusmeilen-Kreditkünstlers).

Inzwischen hat das zuständige Parlamentsgremium entschieden: Pierre Dillenburg bleibt dem Parlament ehrenamtlich erhalten. Dabei nimmt zumindest die zustimmende Haltung des ADR und der Grünen wunder. Nun ist es nicht wirklich ein Geheimnis, daß der greffier dem Frisinger Bürgermeister bei der Inneneinrichtung seines Hauses behilflich war und ein lauffreudiger Ökopolitiker schon öfters auf Pierre Dillenburgs rauschenden Festen gesichtet wurde. Doch solche vordergründigen Gefälligkeiten schaffen hintergründige Abhängigkeiten. Die Beweisführung ist dem baldigen Vorruheständler in der sommerlichen Hanswurstiade ausgezeichnet gelungen.

Bleibt allein die Hoffnung, dem neuen Mann an der Verwaltungsspitze möge es gelingen, die verhunzten Sitten aufzupolieren. Ein Parlament ohne Eigenschaften steht einer Demokratie schlecht an.

Romain Kohn

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