Anmerkungen zu einem Desiderat christlicher Theologie
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Guido Knörzer
Das Verhältnis der Menschen zu den Tieren hat sich in den letzten Jahrzehnten besonders unter dem Einfluss der industriellen Produktion dramatisch verändert. Vor allem in den Bereichen Ernährung und Gesundheit hat das zur Folge, dass das jahrtausendealte Band, das den Menschen mit dem Tier innerhalb einer landwirtschaftlichen und nomadisierenden Subsistenzwirtschaft miteinander verband, zerrissen ist. Tiere werden nicht mehr als fühlende und damit leidensfähige Wesen behandelt, sondern als Produktionsfaktoren gezüchtet und verwertet. Massentierhaltung (ca. 135 Mio. in Deutschland) und Tierversuche in großem Stil (in den USA jährlich 17 Mio.) sind dafür beredte Beispiele.
Situationsanalyse
Das Descartesche Paradigma, wonach das Tier nur eine "res extensa", fühllos und seelenlos ist, entfaltet nach einer grausamen Phase der Tierversuche heute seine vollen lebensfeindlichen Tendenzen. Das Leben selbst wird zur reinen Verfügungs- und Manipulationsmasse des Menschen (Gentechnik). Tiere werden patentiert, als ob sie eine "Erfindung" des Menschen seien.
Reaktionen
Diese Entwicklungen blieben nicht ohne Folgen. In der Tierschuschutbewegung haben sich Menschen organisiert, die das Leiden der Tiere mindern und nach Möglichkeit beenden möchten. Ihr Engagement hat dazu geführt, daß die Rechte der Tiere, wenn auch bisher nur unzureichend, in die Gesetzgebungen der Staaten Eingang fanden. So hat etwa die Schweiz im Mai 1992 in ihr Grundgesetz einen Passus auf-
aufgenommen, der die "Würde der Kreatur" betont und damit die Grundlage für eine veränderte Tierschutzgesetzgebung bildet.
Die Aktion Kirche und Tiere (AKUT) versteht sich als Teil der Bewegung für die Würde und die Rechte der Tiere. Sie ist der Meinung, daß Christen verpflichtet sind, für unsere "älteren Geschwister" oder: Mitgeschöpfe, die Tiere, einzutreten.
Für dieses Engagement bietet unsere biblisch-christliche Tradition vielfache Anhaltspunkte.
Topologie des Mensch-Tier Verhältnisses
Aufgrund von verschiedenen Impulsen hat sich die christliche Theologie methodisch zu einem sanften Inklusivismus entwickelt. Sie steht – außer in fundamentalistischen Zerrformen – der Welt, nicht-religiösen Gedanken, naturwissenschaftlichen Weltbildern nicht mehr einfach ablehnend gegenüber, sondern bemüht sich um Integration.
Ich will hier erinnern an die jüngere Theologiegeschichte, die Auseinandersetzung um die Friedensproblematik in
den siebziger Jahren oder um die ökologischen Probleme in den achtziger Jahren.
Dieser Inklusivismus ist allerdings noch nicht bis zu den Tieren vorgedrungen. Insbesondere theologische Ethiken, auch schöpfungstheologische Reflexionen halten sich hier eigentümlich bedeckt. Warum dies so ist, ist im Einzelfall schwer zu beantworten. Aber ich vermute, daß im Kern hier ein spirituelles Problem stecken dürfte, das ich so formulieren möchte:
Der Spiegel des Animalischen, des Tierischen, des nicht-Rationalisierten, des Schattens zeigt sich besonders im Verhältnis des Menschen zum Tier. Das Verhalten des Tieres zeigt noch etwas von der bedrohlichen Ambivalenz des Unverfügbaren, das gerade dann ängstigt, wenn der Mensch dies rational beherrscht zu haben glaubt. Im Begriff der Ehrfurcht steckt der Begriff der Furcht. Falls dies stimmt, dann wäre ein erster Topos für das Tier in der Theologie gefunden: das Tier als Manifestation Gottes.
Das Tier als Schöpfung. Wir können zwar insofern einen Platz für das Tier in der Schöpfung finden, als ja alles, was
existiert, geschaffen ist. Aber mit dem Tier werden wir auf ein schöpfungstheologisch immanentes Problem von Schöpfungstheologie gestoßen: Eine Schöpfungstheologie läßt sich im christlichen Sinne nicht retrospektiv-deskriptiv gewinnen, so wie dies etwa die NW in ihrem eigenen Bezugssystem machen, sondern nur prospektiv-eschatologisch.
Erst im Licht der Erlösung wird der Zweck von Schöpfung deutlich. Schöpfung ist mit Richtung auf Erlösung. Hier gibt es zugleich ein inkomprehensibles Moment zu jedem Diskurs in den Naturwissenschaften. Christlich können wir Schöpfung nur im Licht des Erlöstseins und des Erlöstwerdens durchbuchstabieren.
Nun zeigt sich in der zeitgenössischen Theologie eine weitgehende Eschatologie, vielleicht auch Erlösungsvergessenheit, (rein empirisch). Die Hoffnung ist uns etwas abhanden gekommen, die Hoffnung gegen alle Hoffnung, die Behauptung einer end-gültigen Lösung des Nicht-erlösten, die Ent-zweigung des mit sich selbst entzweiten Willens zum Leben, damit auch die Versöhnung des Kampfes um das Dasein zwischen Tier und Tier, aber auch Tier und Mensch. Mit dem Verlust der Perspektive gerät zugleich auch diese drängende Aufgabe des Vollzuges des Erlösungswerkes aus dem Blickfeld. Damit aber werden Tiere wie Menschen zu reinen Objekten, jedenfalls nicht mehr Subjekte der Erlösung.
Ich vermute, daß die Theologie und die christlichen Gemeinschaften sich allzu sehr einem gesellschaftlichen und denkerischen mainstream angepaßt haben, der das Faktische nur im Modus seiner Tatsächlichkeit als Vorhandenheit gelten läßt. Wird dies in einer positivistischen Sichtweise als non plus ultra von Weltsicht verkauft, ebnet es doch die vielen Perspektiven dieser Wirklichkeit letztendlich nur ein und verhindert die Eröffnung von Freiheitsspielräumen.
Vielleicht steckt hierin auch eine Aufgabe christlicher Theologie, um diese Räume wieder zu eröffnen.
Ich will diese Gedanken biblisch etwas nachzeichnen.
Die Bibel beginnt mit einem Schöpfungsepos, das den ursprünglichen Schöpfungswillen Gottes bekennt und deutlich macht, daß kein Lebewesen auf Kosten anderen Lebens leben soll.
„Im Lebenshaus des Schöpfergottes soll kein Lebewesen auf Kosten anderer Lebewesen leben. Die Erde soll nicht durch Gewalttat und Blut zu einem Haus des Todes werden. Das Haus des Friedens soll nicht zu einem Platz von Kampf und Krieg um die besten Fleischstücke werden“ (E. Zenger).
Der durch die Sünde des Menschen beendete Schöpfungsfrieden wird vom Propheten Jesaja als Wirken des Messias poetisch umschrieben, bleibt aber als neue Herstellung der ursprünglichen Harmonie der Zeitpunkt der menschlichen Geschichte. Auf diesen Zustand hin werden die Grunddokumente des christlichen Glaubens entworfen:
„Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.
Kühe und Bären werden zusammen weiden, daß ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge, denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt“ (Jes. 11, 6-9).
Diese eschatologische Ausrichtung läßt sich an vielen Stellen der Bibel aufzeigen, sie bleibt der Grundzug auch der christlichen Botschaft nach dem Urschisma der Trennung von den Juden. Paulus gibt dieser Hoffnung der gesamten Schöpfung auf Erlösung im Römerbrief beredten Ausdruck: „…denn die ungeduldige Sehnsucht der Schöpfung harrt auf das Offenbarwerden der Söhne (und Töchter) Gottes. Wurde doch die Schöpfung der Nichtigkeit nicht mit freiem Willen unterworfen, sondern durch den, der sie unterwarf, mit der Hoffnung, daß auch sie, die Schöpfung, von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werde zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Rö. 8, 19-21)
Für diejenigen, die sich als Christen in der Nachfolge des Christus befinden ergibt sich daraus die Aufforderung, als diese Nachfolger (Töchter und Söhne Gottes) handelnd hervorzutreten, d.h. in der Welt lebendig zu bezeugen, daß die Versöhnung bereits geschehen ist und es darauf ankommt, dieses Angebot Gottes umzusetzen.
In dieser Traditionslinie steht auch Karl Barth, wenn er betont, daß auch die Tiere ein besonderes Sein bei Gott haben (KD II,2, S. 165) und mit uns auf den Tag des Messias warten (KD II,1, S. 202)
Thesen
Schöpfung und Erlösung gehören zusammen
Gott versöhnt in seinem Leben und Sterben nicht nur die Menschen, „alles ist durch ihn versöhnt, sei es auf Erden oder im Himmel“ bekennt der Kolos-
Kolosserhymnus, eines der ältesten Dokumente des christlichen Glaubens (Kol. 1,20).
„Wird nicht die ganze Schöpfung versöhnt, dann kann Christus nicht der Christus Gottes und nicht der Grund aller Dinge sein. Ist er dies aber, dann können Christen anderen Geschöpfen nicht anders begegnen als anderen Menschen. Jedes Geschöpf ist ein Wesen, für das Christus gestorben ist, um es in die Weltversöhnung hineinzunehmen“. (Moltmann)
Zur Schöpfung gehören Menschen und Tiere
Aus diesem Grund werden in der Bibel nicht nur die Menschen zum Lob des Schöpfers aufgerufen, sondern ebenso die Tiere, die Pflanzen, das Wasser, die Luft, die Berge, der Himmel usw.. (Dan. 3, 57-90 in Auszügen; vgl. Pss. 19, 69, 145, 148, 150)
Landtiere und Menschen werden am gleichen, dem 6. Schöpfungstag geschaffen (Gen. 1, 24 ff); alle Tiere werden, wie die Menschen, vom Schöpfer gesegnet. (Gen. 1, 22 f. und 28). Sie gehören nach dem ursprünglichen Schöpfungswillen nicht zur menschlichen Ernährung (Gen. 1, 29 f). Aber auch nach der „Freigabe“ bleibt es beim strikten Blut-Tabu (Gen. 9, 4f), denn im Blut ist das Leben (Dtn. 12, 23).
Das Blut ist der Sitz des Lebens, daraus leiten die biblischen Autoren das sog. Bluttabu ab, d.h. das Verbot des Genusses von Fleisch, in dem noch Blut ist. (Gen 4; Dtn 12,23).
Dieses Blut-Tabu gilt für Juden bis heute. Dieses Bluttabu gilt nach frühchristlicher Vorstellung auch für die Christen.
Nach Apg. 15, 20 + 29 wird den Heidenchristen auferlegt, sich „von
Unzucht, von Ersticktem und vom Blut zu enthalten.
Der Mensch hat innerhalb des Schöpfungs-Erlösungswerkes einen besonderen Auftrag.
Er übt als Gottes Statthalter das dominium terrae (Gen 1,28) aus. Dies ist eine funktionale Bestimmung, die in einem engen Zusammenhang mit der Formulierung des Imago Dei (Gen 1,26), (im hebr. interessanterweise saelaem (Statue des Gottes) zu sehen ist: Der Mensch ist insofern Statue Statthalter Gottes, als er nach Gottes Weise für die Lebewesen sorgt, das h. in Fürsorge, Barmherzigkeit, als Hirte, als Gartenbauer für seinen Garten, nicht als Vernichter dieses Lebens.
Nach christlicher Auffassung ist Jesus Christus mit seiner in einem ganz ausgezeichneten Sinne das Bild, das Zeichen dieses Gottes in seinem Hirtensein, seiner Fürsorge, Barmherzigkeit, Liebe. Weil das so ist, daß Menschen dadurch zum Bild Gottes werden, zu dem sie von Anfang an bestimmt sind, indem sie in diesem Sinne handeln, suchen Christen in der Nachfolge Jesu Christi Wege, Kranke zu heilen, Gefangene zu befreien und den Armen die frohe Botschaft unter dem Vorbehalt der endgültigen Vollendung durch Gott weiterzugeben. (Lk. 4,18-21; Jes. 61, 1,2; Mk. 16,15). So ergibt sich eine besondere Verantwortung für alles, was schwach ist.
Alle Lebewesen sind nicht nur als Mittel zum Zweck, als Objekte zu sehen, sondern gemäß ihrer Würde, d.h. als Subjekte zu behandeln.
Aus dem Dienstauftrag ergibt sich die besondere Verpflichtung, Gewalt und Leid so weit wie möglich zu verhindern und zu vermindern.
Aus dem Dienen ergibt sich eine besondere Verantwortung für alles, was schwach und der Macht anderer ausgeliefert ist. Dazu gehören heute vor allem die Nutztiere. Sie sind fühlende und damit leidensfähige Wesen. Es ist Christenpflicht, ihr Leid so weit wie möglich zu mindern, besser noch: es zu verhindern. Die Weisung: du sollst nicht töten bezieht sich auf alles Lebendige.
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