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Zum Thema Wirtschaftskriminalität (Die Schweiz – und was noch alles auf Luxemburg zukommt, vgl. forum Nr. 195, Okt. 1999) hat die Redaktion eine Reihe interessanter Reaktionen erhalten. forum wird versuchen, das Thema in seiner nächsten Ausgabe ausführlicher zu behandeln.
"Therefore those skilled at the unorthodox are infinite as heaven and earth, inexhaustible as the great rivers.
When they come to an end, they begin again, like the days and months; they die and are reborn like the four seasons."
Sun-Tzu*
Sehr geehrter Herr Bär vom Dienst,
ich wollte meinen Leserbrief, als Reaktion auf Ihre Rezension des Rügemer-Buches mit einem Zitat eines gescheiteren Menschen als ich beginnen und es ist mir gelungen: nach mehrfachem Lesen fällt mir bei dem Geistesblitz von Sun Tzu erst dessen Doppelsinn auf: „Begabung in Unorthodoxem“ – zeichnet ein solches Prädikat nicht sowohl die, welche sich diesseits
und die welche sich jenseits der feinen Linie des Rechtes bewegen, gleichermaßen aus?
Die Probe aufs Exempel? Könnten Holzwürmer und Termiten lesen, hätten sie wahrscheinlich dieser Tage ein Spendenkonto eingerichtet – in einem Steuerparadies, versteht sich, damit die Spender anonym bleiben können – um ihren bescheidenen Beitrag zur Stopfung der 240 Millionen DM Finanzierungslücke bei einem deutschen Grosskonzern, welcher schon lange nicht mehr mit Holz baut, zu leisten. Hinter dem Potemkinschen Dorf eines Weltkonzerns der Baubranche stehen sich 14000 (weltweit 70000 – aber was bedeuten derartige Zahlen noch) ratlose Beschäftigte einerseits und die sprichwörtlichen „Peanuts“-Manager und ihre Kollegen der Bank „mit dem braunen Band der Sympathie“ und dem Stigma der Mitschuld andererseits gegenüber…
Er könne wohl eine 24er Mauer mauern, aber keine Bilanzen lesen, meinte einer der betroffenen Beschäftigten. Da sind die Meister des Kapitals und die Schwarzgeldpoliere ihm einen Ziegelstein voraus: sie mauern „chinese walls“ und könnten Bilanzen lesen – oder lieber vielleicht dann doch nicht zu genau, bitte?
„Überfüttern, melken bis zum letzten und dann ausschlachten“ – es geht hier nicht um die Kritikpunkte eines Pamphlets für „humane Sterbehilfe bei Schlachtvieh“, sondern um den Lebenslauf so mancher Opfer der Nieten in Nadelstreifen: Sie betreiben moderne Piraterie, ohne „lettre de course“ und ohne den Charme und die Noblesse eines Errol Flynn: Kapitalismus in seiner schönsten Form, der sämtliche Predigten über „soziale Marktwirtschaft“, die wir den gelehrigen Schülern Osteuropas etwas mitleidig von oben verordnen – bevor wir aus ihnen, im wahrsten Sinne des Wortes „Bananenrepublikaner“ machten – Lügen strafen. Wirtschaftsinterventionismus nennt man das, und das Recht auf wirtschaftliche Selbstbestimmung geht dabei unter. Sozial ist da schon lange nichts mehr – nur der Dumme, in dieser wie in allen anderen Geschichten zu dem Thema, ist immer derselbe: der Bürger, der für den Schaden aufzukommen hat.
Sie erinnern sich, lieber Herr Bär, an die französische Grossbank mit ihrem 140 Milliarden Francs-Loch im Strumpf. Sie sind fast vergessen, die Namen derer, die sich als Finanzminister nacheinander ratlos am Boulevard des Italiens die Klinke in die Hand gaben, um dann verlautbaren zu lassen, dass dieser „Skandal“ – denn darum geht es letztendlich, wenn ein Staat seine Pflichten derart vernachlässigt – den Steuerzahler keinen Pfennig koste… Nur vergaßen alle das Offensichtlichste: dass ohne den Steuerzahler der Staat nichts ist und nichts hat: „Beware of the naked man who offers you his shirt!“
Bevor man mich der Arroganz beschuldigt: ich werfe keinen Stein. Auch in Luxemburg hat niemand, bis nachdem die Kost aufgestoßen hat und selbst die „Ugemaachten“ als „Digestif“ nichts vermochten, etwas von BCCI, Ambro-
siano und all den anderen „Freunden“ gewusst – auch nicht die, die eigentlich hätten sollen können müssen.
Sie sehen, lieber Herr Bär, das Bermuda-Dreieck ist schon lange kein Dreieck mehr sondern eher ein Polyeder dessen Schenkel in einer Vielzahl von „erogenen Zonen“ der grauen Wirtschaft zusammenlaufen.
Allem voran steht weltweit das Prinzip der Verantwortungslosigkeit und der rücksichtslosen Vorteilssuche.
Allem voran steht dabei weltweit das Prinzip der Verantwortungslosigkeit immer grösser werdender Etagen der Wirtschaft – angewandtes Peterprinzip. Wer von sozialer Verantwortung eines Unternehmens spricht, ist ein utopischer Linker, wer den Mehrwert von Managern, die monatlich Millionenbeträge mit nach Hause schleppen (die sie weder in ihrem Erdenleben unter die Leute bringen könnten, noch ins bessere Jenseits mitnehmen), ohne dass sie dafür irgendein Risiko tragen, hinterfragt, ist ein RAF-Nostalgiker.
Sie kennen mich, lieber Herr Bär, als einen fröhlichen Optimisten. Daher
möchte ich nicht in diesem Kontext der um sich greifenden grauen Wirtschaft mit dem Frisch-Zitat, „Andorra“ sei nur ein Modell, es sei überall, aufwarten. Aber Sie müssen zugeben, dass es neben dem in Rügemers „Grüetz-Buch“ beschriebenen Wirtschaftsbereich den der „legalen Kriminalität“ – man verzeihen mir diese Antinomie – gibt, den der rücksichtslosen Vorteilssuche, hart am Rande, oft jenseits des Gesetzes – aber inmitten der Gesellschaft. Ja sogar so sehr mittendrin, dass das Phänomen schon zum guten Ton gehört. Globalisierung nennt man die Hydra heute, und wird sich hüten, ihr die Köpfe abzuschlagen.
Es gibt viel zu tun, Herr Bär, – etwa Bewusstseinsbildung, dass es nicht zu spät ist, trotz aller Unkenrufe der Pseudo-Experten, dass die legale Welt vor der anderen nicht kapituliert, geschweige denn untergeht.
J.P.
„Die, welche begabt sind in Unorthodoxen sind unendlich, wie der Himmel und die Erde, unermüdlich wie die großen Flüsse. Sie kommen an ein Ende und beginnen erneut, wie die Tage und Monate, sie sterben und werden wiedergeboren, wie die vier Jahreszeiten.“
Illustration: Serguei (Le Monde)
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