Die Rolle der Medien in der Diskriminierung

Jugendliche in der kritischen Auseinandersetzung mit den Medien

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Sandra Britz

Die Rolle der Medien in der Diskriminierung

Jugendliche in der kritischen Auseinandersetzung mit den Medien

Die Medien spielen in der heutigen Gesellschaft eine übergeordnete Rolle. Jugendliche sind mit einer totalen Mediatisierung ihrer Lebenswelt konfrontiert. Täglich werden sie am Bildschirm, im Radio und in Zeitschriften mit Informationen überflutet, mit Werbung zugeschüttet und mit Gesellschaftsbildern bombardiert. Wie Jugendliche mit den Medien umgehen und wie kritisch sie ihnen gegenüber sind, hängt oft von verschiedenen Faktoren wie Herkunft, Geschlecht und Alter, aber auch von den Gelegenheitsstrukturen und Bildungsräumen ab, die man Jugendlichen diesbezüglich zur Verfügung stellt. Demzufolge ist es wichtig, Jugendlichen Räume zu bieten, wo sie sich kritisch mit den Medien auseinandersetzen dürfen und können.

Der Jugendkonvent zum Thema „Deine Stimme gegen Diskriminierung“, den die Jugendkonferenz (CGJL) im November 2006 organisiert hatte, hat den Verantwortlichen unmissverständlich vor Augen geführt, dass Jugendliche sich einer Wirkung der Medien auf sie durchaus bewusst sind und als Mitglieder der Arbeitsgruppe „Vielfalt – Die Rolle der Medien“ die Notwendigkeit zum Ausdruck brachten, die Präsenz der Medienerziehung in schulischen und außerschulischen Angeboten zu verstärken. An diesen Erfolg anknüpfend und den Forderungen der Jugendlichen folgend, fand am 18. Mai ein weiterer Konvent in der Abgeordnetenkammer statt. Den thematischen Rahmen erhielt dieser durch das „Europäische Jahr der Chancengleichheit für alle“, welches in Luxemburg vom Ausländerrat koordi-

niert wird. In enger Zusammenarbeit mit letzterem und in Partnerschaft mit dem Conseil national des programmes schloss sich der Konvent thematisch an den vorherigen an und widmete sich inhaltlich der Frage nach der Rolle der Medien in der Diskriminierung.

Die Frage, ob Medien tatsächlich 100%ig objektiv sein können, löste heftige Diskussionen um die Rolle der Journalisten aus […]

An die fünfzig Jugendliche aus unterschiedlichen Lyzeen des Landes fanden sich in den Räumlichkeiten der Abgeordnetenkammer ein, um sich der Herausforderung zu stellen, gemeinsam mit Experten in einer der fünf Arbeitsgruppen, die Frage nach der medialen Darstellung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen kritisch zu analysieren, zu dis-

kutieren und zu hinterfragen. Das Forum sollte den jungen Teilnehmern nicht nur die Gelegenheit bieten, sich mit den Medien als solche auseinanderzusetzen, sondern bot ihnen auch die Möglichkeit sich untereinander auszutauschen, ihre eigene Einstellung den Medien gegenüber zu reflektieren und konkrete Aktionsvorschläge an die Politiker zu formulieren, die sie letzteren in einer Plenarsitzung vorstellten und mit ihnen diskutierten.

Die Arbeitsgruppen

Die Medien – mit „Vorsicht“ zu genießen!

Die Arbeitsgruppe wurde von Ady Richard (d’Wort) und Carole Schimmer (Radio 100,7) als Experten und Luc Ramponi als Moderator geleitet. Ergänzt wurde die Runde durch die Anwesenheit von Herrn Tom Krieps vom Conseil national des programmes, der sich als Diskussionspartner zur Verfügung stellte. Nach einer Einführung

Sandra Britz ist als Mitarbeiterin der Luxemburger Jugendkonferenz für die Durchführung von Jugendprojekten zuständig, die vor allem die Partizipation der Jugendlichen in der Gesellschaft fördern sollen.

der Experten drehte sich die Diskussion der Teilnehmer hauptsächlich um die in ihren Augen oft vermeintliche Objektivität der Medien. Die Frage, ob Medien tatsächlich 100%ig objektiv sein können, löste heftige Diskussionen um die Rolle der Journalisten aus, die, wie alle anderen Menschen auch, meist unbewusst von ihren eigenen Erfahrungen in ihrem Denken und Handeln beeinflusst werden. Noch problematischer erschien den Jugendlichen die Parteilichkeit vieler Medien in Luxemburg sowie ihre generelle Abhängigkeit von der Marktwirtschaft. Die Werbung stellt hierbei ein wesentlicher Faktor dar, da sie die Inhalte der Medien durchaus mitbestimmt. Welcher Autohersteller möchte z. B. seine Werbung auf einer Seite platzieren, der die CO₂-Problematik behandelt. Die Medien richten sich hauptsächlich nach den Themen, die sich gut verkaufen lassen. So rücken oftmals wichtige Nachrichten in den Hintergrund, weil sie keine „Kassenschlager“ sind. Gerade gesellschaftliche Minderheiten kommen dabei oft zu kurz. Die Diskussion führte die Teilnehmer schließlich zu der Frage, wer denn eigentlich die Verantwortung dafür trägt, was in den Medien zur Sprache kommt. Trägt jeder die Verantwortung für sich selbst oder obliegt es der Politik,

dieser generellen Sensationsgier Einhalt zu gebieten.

Instrumente, die die Vielfalt feiern

Cynthia Hornick (Radio 100,7) leitete diese Arbeitsgruppe mit der Unterstützung von Joachim Colyn als Moderator. Hier stand die Musik im Mittelpunkt der Gespräche sowie die Frage, wie Musik Brücken zwischen den einzelnen

Insgesamt waren sich die Jugendlichen einig, dass eine zu große Abhängigkeit zwischen Medien und Wirtschaft bestehe.

Menschen und Nationen schlagen kann. Neben einer Einführung in die Ursprünge der Musik und ihrer Bedeutung diskutierten die Jugendlichen anhand konkreter musikalischer Beispiele über die unterschiedlichen Facetten der Musik und wie sie sinnvoll eingesetzt werden kann, um die Realität darzustellen oder sich für eine bestimmte Sache einzusetzen. Dabei wurde den Jugendlichen schnell klar, dass ihnen zur Analyse der unterschiedlichen musikalischen Dar-

Darbietungen ganz einfach ein fundiertes Allgemeinwissen fehlte.

Spricht man von Chancengleichheit, darf man auch die jungen Musiker in Luxemburg nicht vergessen, die es oftmals schwer haben, sich zu behaupten und die zusätzlicher Unterstützung bedürfen.

Die Rolle der Medien in der Integration

In Luxemburg leben sehr unterschiedliche Nationalitäten zusammen auf engstem Raum. Insgesamt liegt der Anteil der ausländischen Einwohner bei 43%, so dass das Thema Integration in Luxemburg eine ganz besondere Rolle spielt. Wie wirkt sich dies jedoch auf die Medienlandschaft aus? Laurent Moyse (La Voix du Luxembourg) und Roy Grotz (DNR) gestalteten das Rahmenprogramm dieser Arbeitsgruppe, die sich der Frage widmete, wie die Medien mit dieser Multikulturalität umgehen und wie sie zur Integration ausländischer Gemeinschaften beitragen können. Eine Analyse des Sprachgebrauchs in gängigen Luxemburger Tageszeitungen führte die Teilnehmer zu der Erkenntnis, dass die meisten Zeitungen zweisprachig gehalten sind und alle Artikel jeweils in nur einer Sprache veröffentlicht werden. Die Luxemburger Sprache kommt dabei, so die Teilnehmer, viel zu kurz. Wird der Leser einerseits von der Präsenz der Politik in den Tageszeitungen förmlich erschlagen, kommen andererseits Kultur und Sport in den kritischen Augen der Jugendlichen viel zu kurz, obwohl gerade diese Themen Brücken zwischen den unterschiedlichen Nationalitäten schlagen könnten. Sowohl der thematische Aufmacher als auch der Sprachgebrauch tragen zur Kaufentscheidung des Lesers bei. Da auch die ausländischen Medien in vielfältiger Form in Luxemburg gut vertreten sind, greifen Ausländer oftmals zu internationalen Medien, die, hinsichtlich der fehlenden Informationen in Luxemburg, nicht zur Integration der ausländischen Mitbürger beitragen können.

Kino – Der Zuschauer konfrontiert mit Klischees und Manipulation

Paul Lesch (Luxemburger Filmkritiker) und Taina Bofferding legten den Fokus in ihrer Arbeitsgruppe auf die diskriminierende Darstellung bestimmter Gruppen in Film und Fernsehen. Eine kurze Einführung in die Filmsprache anhand von

(© CGJL)

konkreten Beispielen sollte den Jugendlichen einen ersten Eindruck darüber vermitteln, wie einzelne Charaktere und ganze gesellschaftliche Gruppen mit Hilfsmitteln, wie zum Beispiel Musik und Licht, abwertend dargestellt werden können. Daraus entstehen Stereotypen, die sich gesellschaftlich rasch verbreiten und denen schwer entgegenzuwirken ist. Mit Hilfe ausgesuchter Filmausschnitte konnten sich die Jugendlichen ein Bild davon machen, welche gesellschaftlichen Gruppen von einer solchen diskriminierenden Darstellung betroffen sein können. Durch die Möglichkeit, Filmmaterial wahllos zusammenschneiden zu können, kann der Zuschauer leicht manipuliert werden.

Diskutiert wurde vor allem über den Ursprung der Diskriminierung und ihre möglichen Konsequenzen. In heftigen Diskussionen begegneten die Jugendlichen der Frage nach der Grenze zwischen Spaß und Abwertung. Die Meinungen gingen besonders bei der Diskussion um die Präsenz von Minoritäten in den Medien auseinander. Ist es wirklich notwendig, heutzutage ganz minutiös darauf zu achten, dass alle Minoritäten in den Medien vertreten sind? Die Frage, ob wirklich alles auf die Waage gelegt werden muss, erhitzte die Gemüter, wobei besonders die Darstellung von Homosexuellen in den Medien heftige Reaktionen hervorruft.

Die Plenarsitzung

In der Plenarsitzung bekamen die Jugendlichen nach einem arbeitsreichen Tag die Gelegenheit, den anderen Arbeitsgruppen sowie den anwesenden Vertretern der nationalen Politik, die Früchte ihrer Arbeit kurz vorzustellen und mit ihnen zu diskutieren.

Insgesamt waren sich die Jugendlichen einig, dass eine zu große Abhängigkeit zwischen Medien und Wirtschaft bestünde. Verkaufszahlen seien entscheidend dafür, was zum Aufmacher und dadurch sozusagen wichtig werde. Dies führe dazu, dass besonders Themen, die Minoritäten betreffen, vollständig in den Hintergrund gerieten. Dabei scheint auch die Werbung eine ausschlaggebende Rolle bei der Entscheidung über die Inhalte zu spielen. In den Augen der Teilnehmer seien dies alles Faktoren, die einer Unparteilichkeit der Medien im Weg stünden. Hinzu käme in Luxemburg noch die offensichtliche Beziehung

zwischen den Medien und den politischen Parteien. Enttäuscht zeigten sich die Teilnehmer vor allem auch über die neue EU-Direktive, die das product placement erlauben soll. Die Teilnehmer sehen den Ausweg eher in einer radikalen Einschränkung des zur Verfügung stehenden Platzes für Werbung, so dass die Nachfrage größer ist als das Angebot. Auf diese Weise könnten Auftraggeber für Werbung sich keine Forderungen mehr erlauben, weil die Konkurrenz um die verfügbaren Werbeplätze viel größer sei. Entgegen der derzeitigen Entwicklung forderten die Teilnehmer ein Verbot der Werbeblöcke in Kindersendungen. Da Kinder eine sehr verwundbare und leicht zu beeinflussende Zuschauergruppe sei, sollten sie vor den negativen Werbeeinflüssen geschützt werden.

Zieht man Bilanz, so stellt sich besonders eine Frage: Bereitet die Schule in Luxemburg junge Menschen wirklich auf das Leben in der Gesellschaft vor?

Medien sollte eine rein informative Funktion zukommen. Die Jugendlichen sehen einen möglichen Weg dahin auch in der Verbesserung der Pressehilfe, die dazu beitragen könnte, Medien finanziell unabhängiger zu machen. Dies gilt vor allem auch für kleinere Zeitungen, die oftmals aus Personalmangel thematisch sehr eingeschränkt sind. Natürlich, so die Teilnehmer, würde sich eine solche Entkopplung von Medien und Wirtschaft schwierig und langwierig gestalten.

Vor allem dürfe man jedoch nicht vergessen, auch kulturellen, ethnischen oder religiösen Minoritäten in den Medien das Wort zu geben, damit sie sich die Aufmerksamkeit nicht eines Tages gewaltsam nähmen, so wie dies zum Beispiel in den Vororten von Paris der Fall war. Um vor allem die Präsenz der Jugend in den Medien zu erhöhen, forderten die Jugendlichen wiederholt eine Art nationale Schülerzeitung als Sprachrohr und eine erhöhte Präsenz der Jugend in Radio- und Fernsehsendungen von Jugendlichen für Jugendliche.

Eine ausschlaggebende Rolle komme auch der Schule zu. Zum einen müssten

frühzeitig sowohl schulische als auch außerschulische Angebote der Medienerziehung gefördert werden. Zum anderen müsste in den Schulen ein Umdenken dahingehend erfolgen, dass die Ausbildung des kritischen Denkens vor dem blinden Auswendiglernen des Unterrichtsstoffes stehe. Nur so könnten junge Leute kompetent im Umgang mit den Medien werden.

Die Teilnehmer unterstrichen die Fähigkeit der Musik, Brücken zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften zu schlagen und stellten sich den nichtssagenden Pop-Einflüssen entgegen. Junge Musiker sollten in Luxemburg noch mehr gefördert werden, damit sie sich leichter etablieren können. Zudem gäbe es allgemein nur wenig Information über Musik in Luxemburg. Die Teilnehmer forderten daher die Schaffung einer nationalen Musikplattform.

Die Jugendlichen haben auf diesem Konvent bewiesen wie analytisch und kritisch sie mit gesellschaftlichen Themen umgehen können. Zieht man Bilanz, so stellt sich besonders eine Frage: Bereitet die Schule in Luxemburg junge Menschen wirklich auf das Leben in der Gesellschaft vor? Vieles mit dem Jugendliche in ihrem Alltag in Berührung kommen, wird weder thematisiert, noch wird ihnen vermittelt, wie sie sich einen kritischen Zugang zu den unterschiedlichen Themen verschaffen können. Schule kann jedoch sicherlich nicht alles leisten. Hier müssen vor allem auch die Akteure der non-formalen Bildung Farbe bekennen und innovative Medienangebote ausarbeiten. Nachfrage sollte es reichlich geben. Entgegen der oftmals propagierten öffentlichen Meinung sind die jungen Leute wissbegierig und motiviert, sich an gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen wenn man ihnen die hierfür nötigen Räume schafft. Hier sollten wir ansetzen, um Jugendlichen Lust und Mut zu machen sich an dem öffentlichen Geschehen und dem gesellschaftlichen Leben mehr zu beteiligen.

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code