Der ganz normale Wahnsinn

Die Probleme des Weltfinanzsystems sind mit Finanzspritzen und geringeren Zinsen nicht zu lösen. Es braucht mehr.

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Die Probleme des Weltfinanzsystems sind mit Finanzspritzen und geringeren Zinsen nicht zu lösen. Es braucht mehr.

Wolfgang Kessler

Da sind zwei Träumer unter sich: „Die Bedingungen auf den Finanzmärkten normalisieren sich“, träumt Jean-Claude Trichet, der oberste Währungshüter Europas, in aller Öffentlichkeit. Und auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück träumt, dass es „wegen der Turbulenzen an den Börsen keinen Grund zur Nervosität“ gebe.

Macht man die Augen auf, sieht die Realität weniger verträumt aus. Zwar konnten die Zentralbanken mit Finanzspritzen von 200 Milliarden Euro und geringeren Leitzinsen erreichen, dass der Geldfluss zwischen den Banken nicht zum Erliegen kommt. Doch abgesehen davon, dass öffentliche Gelder eingesetzt wurden, um die Folgen der Habgier privater Spekulanten auszugleichen, haben die Maßnahmen der Zentralbanken keines der tiefen Probleme gelöst, die das Weltfinanzsystem bedrohen.

Im Gegenteil. Diese Probleme werden weiterhin kaschiert. Noch immer schieben Fachleute die Krise in erster Linie leichtsinnigen US-Häuslebauern und ihren Hypothekenbanken in die Schuhe. Natürlich war es fatal von den Banken, Eigenheimkäufern ohne Eigenkapital günstige Kredite anzubieten. Als die US-Notenbank in den vergangenen Jahren dann die Zinsen erhöhte, konnten viele Eigenheimbesitzer ihre Kredite nicht mehr abzahlen und brachten die Hypothekenbanken in Bedrängnis. Doch der gescheiterte amerikanische Traum vom Eigenheim auf Pump erklärt noch lange nicht, warum die Finanzkrise in der US-Wohnungswirtschaft zu Kurseinbrüchen an den globalen Finanzmärkten geführt hat. Dies erklärt sich erst durch jene Faktoren, die die Weltfinanzmärkte in den vergangenen Jahren für Anleger,

Banken und Börsianer immer unberechenbarer und gefährlicher gemacht haben.

1. Der Handel mit Krediten

Die US-Hypothekenbanken taten, was viele Banken tun. Sie verkaufen die Risikokredite an andere Banken weiter – es entstand ein regelrechter Handel mit Krediten, an dem sich Geldhäuser weltweit beteiligten, auch deutsche. Man verteile nur die Risiken auf mehrere Schultern, rechtfertigen sich die Banken. Ein Trugschluss: „Der Bezug zur Realwirtschaft geht vollkommen verloren“, sagt Thomas Jorberg, Chef der alternativen GLS-Gemeinschaftsbank in Bochum. „Bei diesen Geschäften wird Geld mit Kapitalanlagen verdient – und die Risiken steigen, weil diese Kapitalanlagen immer abstrakter werden. Und dann weiß der Investmentbanker nicht mehr genau, womit das Geld verdient wird.“ So wurden Kartenhäuser aus Milliardenkrediten gebaut, die jederzeit zusammenbrechen können.

2. Der Renditewahn

Diese Kartenhäuser aus immer abstrakteren Geldanlagen wurden immer attraktiver, weil an den Finanzmärkten nur das Ziel der höchstmöglichen Rendite zählt. „Inzwischen glaubt sogar die Postbank, dass sie Eigenkapitalrendite von mindestens 20 Prozent erwirtschaften muss. Das ist nicht zu schaffen“, kritisiert UNO-Ökonom Heiner Flassbeck, ehemaliger Staatssekretär im Bundesfinanzministerium: „Da dies nicht zu schaffen ist, geht man immer riskantere Geschäfte ein, indem man sich zum Beispiel indirekt an den

Ein Banker weiß längst nicht mehr, woran sein Kollege am benachbarten Schreibtisch gerade arbeitet: Die Unübersichtlichkeit im Finanzgewerbe wächst.

faulen Krediten US-amerikanischer Hypothekenbanken beteiligt.“

3. Immer mehr Geld

Jeden Tag werden an den Devisenbörsen rund 1 900 Milliarden Dollar umgesetzt – sie stammen von multinationalen Konzernen, Pensionsfonds und Ölexporteuren. Jetzt fließen zusätzlich Milliardenbeträge aus Schwellenländern wie Russland, Indien, China oder Südafrika auf die Finanzmärkte. Zusammen mit spekulativen Fonds in den Steueroasen der Karibik und in Europa entstand ein globales Finanznetzwerk, das immer mehr Geld umschlägt, kaum kontrolliert wird und wenig Steuern abwirft.

4. Computerchaos

Die weltweit elektronisch vernetzten Börsen machen den Handel mit Geld ungeheuer schnell. Kleine Entwicklungen können sich minutenschnell zu Katastrophen ausweiten. Hinzu kommt, dass sich inzwischen so komplexe Geldanlagemodelle entwickelt haben, dass Computerprogramme notwendig sind, um die Risiken zu entschlüsseln. Auch weiß ein Banker längst nicht mehr, woran sein Kollege am benachbarten Schreibtisch gerade arbeitet. Die Unübersichtlichkeit wächst.

Durch diese Faktoren gerät das Weltfinanzsystem ständig unter Stress – obwohl die Sicherungsmechanismen im Bankensystem sich seit dem großen Crash von 1929 sehr verbessert haben. Ein Zusammenbruch wie 1929 ist derzeit nicht zu befürchten. Stattdessen drohen regelmäßige Kurseinbrüche und – mindestens so schlimm – die Gewöhnung an den ganz normalen Wahnsinn: Das Weltfinanzsystem arbeitet außerhalb jeder politischen Kontrolle, und den grandiosen Renditen stehen große Tragödien gegenüber: Während mit vierstelligen Milliardenbeträgen spekuliert wird, werden Hunderttausende Hausbesitzer in die Überschuldung getrieben; während Milliardenbeträge nach Rendite gieren, fehlt das Geld, um die globale Armut wirksam zu bekämpfen.

Vor diesem Hintergrund bewirken Finanzspritzen der Notenbanken und Zinssenkungen allenfalls eine kurze Atempause. Mittelfristig müssen strikte politische Rahmenbedingungen und ein verändertes Bewusstsein der Geldanleger das Weltfinanzsystem stärker an das reale Wirtschaftsleben anbinden.

Vier Strategien sind aussichtsreich:

1. Finanzgeschäfte besteuern

Die Besteuerung von Börsenumsätzen und Veräußerungsgewinnen in den wichtigsten Industrieländern und in den Steueroasen könnte das spekulative Hin- und Herschieben von Anlagen

beschränken – und die Aktivitäten auf den Finanzmärkten für die Gesellschaft fruchtbar machen.

2. Eigenkapital vorschreiben

Der Handel mit Krediten und der Kauf von Unternehmen ausschließlich auf Kreditbasis könnte durch klare Vorschriften eingedämmt werden: Banken und Anlagegesellschaften wie Hedgefonds sollten den größten Teil ihrer Anlagegeschäfte durch Eigenkapital abdecken.

3. Begrenzung der Renditen

Der Drang nach immer höheren Renditen gebiert immer risikoreichere Anlagemodelle. Sie gefährden letztlich das gesamte System und schaden allen. Abhilfe könnte eine Selbstverpflichtung der Finanzagenten auf eine Begrenzung der Renditen schaffen. Sie hilft allen, weil sonst irgendwann alle bei Börseneinbrüchen verlieren.

4. Kritische Anleger

Sparer können sich und ihre Ersparnisse schützen, indem sie auf besonders risikoreiche internationale Anlageformen verzichten – zugunsten von vertrauenswürdigen Unternehmen, festverzinslichen Wertpapieren und Projekten mit klar definierten sozialen und ökologischen Zielen. Das wäre ein klares Signal für den Kapitalmarkt: weg von der Anonymität – hin zu bewussten Anlagen.

(Erstveröffentlichung in Publik-Forum 16, 2007)

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code