Wie halten Sie es mit dem Glauben?

Eine Ausstellung stellt die Gretchenfrage

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Beat Hächler

Wie halten Sie es mit dem Glauben?

Eine Ausstellung stellt die Gretchenfrage

Die Rue du Saint-Esprit macht ihrem Namen alle Ehre. Drei elektronische Laufschriften leuchten aus der Glasfassade des Musée d’histoire de la Ville de Luxembourg (MHVL) und stellen den Passanten Fragen. Gretchenfragen am laufenden Band: Sind Sie gläubig? Glauben Sie, dass beten hilft? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Würde es Sie stören, wenn Ihre Kinder nicht dasselbe glauben wie Sie? Wäre die Welt besser, wenn mehr Menschen dasselbe glauben wie Sie? – Wenige Schritte weiter ragt ein goldfarbener Vorbau in die Gasse hinein. Er hat zwei Türen. Links, einen Eingang für Gläubige, rechts, einen Eingang für Ungläubige. Zwei Fußgängerstege führen auf getrennten Wegen direkt ins Foyer zur Museumskasse. Gläubige und Ungläubige stehen dort am gleichen Kassenkorpus, aber auf entgegengesetzter Seite. Beide erhalten als Ticket und Werkzeug einen USB-Datenstick ausgehändigt, aber mit unterschiedlicher Aufschrift. Mit ihrem persönlichen Datenstick loggen die Besucherinnen und Besucher mehrmals an Computerstationen in der Ausstellung ein und beantworten weitere Fragen zu ihrem Gottesbild, zu ihrer Glaubenspraxis, zu ihrer Wahrnehmung einer zunehmend

säkularen und interreligiösen Glaubenslandschaft Luxemburg. Der Datenstick ist zugleich sichtbares Glaubenszeichen. Er wird wie ein Amulett um den Hals getragen und macht die Besucherinnen und Besucher für alle als „Gläubige“ oder „Ungläubige“ erkennbar. Die Privatsache Glauben wird so zur öffentlichen Glaubenssache. Das Museum zum Ort der Selbstwahrnehmung und – hoffentlich – zur Plattform für private Gespräche und öffentliche Diskussionen.

Glaubenspositionen statt Religionsschubladen

Bei „Glaubenssache“ geht es nicht um Religionen, sondern um Glaubenspositionen im Alltag. Es gab in den letzten Jahren in Kunst- und kulturgeschichtlichen Museen¹ verschiedene Religionsausstellungen, die sich mit dem Wesen der Weltreligionen auseinandergesetzt und Religionswissen aufbereitet und vermittelt haben. Dieser Ansatz ist be-

Eingang zur Ausstellung in Lenzburg (© Donovan Wyrsch)

Beat Hächler (geb. 1962) ist Ausstellungsmacher und Co-Leiter des Staplerhauses Lenzburg. Er studierte Geschichte und Medienwissenschaften in Bern und Madrid. Seit 2007 Beginn eines PhD in Szenografie in Zürich und Wien zum Thema „social scenographies“.

rechtigt. Doch bei „Glaubenssache“ geht es um etwas anderes. Eine Szene vom Eröffnungstag der Lenzburger Erstpräsentation mag dies kurz verdeutlichen: Sevim Polat, 29 Jahre, Muslimin, und Simon Blättler, 20 Jahre, Christ und Mitglied der evangelikalen Freikirche ICF (International Christian Fellowship) – sie werden beide in der Ausstellung porträtiert – besuchten für das Schweizer Fernsehen zusammen die Ausstellung und beantworteten auch die am Computerstationen gestellten Glaubensfragen, die jedem Besucher eines von fünf religionsübergreifenden Glaubensprofilen zuweisen. Die Muslimin und der freikirchliche Christ landeten zu ihrem großen Erstaunen beide im Segment der „Traditionsreligiösen“. Sie stimmten also in wesentlichen Ansichten zum Gottesbild, zum Gebet, zur Tradierung des Glaubens in der Gesellschaft, zum Stellenwert des regelmäßigen Gottesdienstbesuchs und zur interreligiösen Toleranz überein – trotz ihrer unterschiedlichen Religionszugehörigkeit und ihrer Wahrnehmung, doch „ganz anders“ zu sein. Umgekehrt setzten sie sich von ausgesprochen areligiösen oder – wie in der Ausstellung näher ausgeführt – kulturreligiösen Gläubigen und Ungläubigen der eigenen Religion ab. Der Schluss daraus ist banal, aber wesentlich: Es gibt ebenso wenig „die Christen“ wie es „die Juden“ oder „die Muslime“ gibt. Ein gläubiger, praktizierender Christ hat mit einem gläubigen, praktizierenden Muslim mehr gemeinsam als mit einem ungläubigen Christen. Gräben und Gemeinsamkeiten verlaufen in Glaubenssachen religionsübergreifend, haben ebenso sehr mit sozial und kulturell unterschiedli-

chen Backgrounds zu tun und verlangen nach neuen, nicht nur institutionellen Dialogformen, wenn es um Fragen von Religion und Staat, Glaube und Gesellschaft geht. Zum Beispiel in der Form einer Ausstellung wie „Glaubenssache“.

Luxemburg zählte im Jahr 1999 nahezu 80% Katholikinnen und Katholiken. Inzwischen dürften es noch einige Prozent weniger geworden sein. Was aus diesen Zahlen nicht hervorgeht, welche Glaubensprofile sich hinter diesen 80%

Ein gläubiger, praktizierender Christ hat mit einem gläubigen, praktizierenden Muslim mehr gemeinsam als mit einem ungläubigen Christen.

verbergen. Wie verstehen Katholikinnen und Katholiken ihr Katholisch-Sein? Glauben Sie (noch) an den personalen Gott, den sich manche als weisen alten Herrn mit Rauschebart vorstellen? Oder ist die traditionelle Vorstellung von Gott der patchworkreligiösen Idee einer umfassenden Kraft und Energie gewichen? Wird in katholischen Kinderzimmern Luxemburgs noch gebetet? Und wenn ja, was? Warum können Gebetsmuffel dennoch katholisch sein? Was bedeutet es, wenn Katholiken die Ausstellung durch den Eingang der Ungläubigen betreten? Glaubenslandschaften, so scheint es, sind weit komplizierter als die Landkarten der Religionsgemeinschaften. Glaubenspositionen sind oft widersprüchlich, nicht kongruent und

wenig reflektiert. Sie verlangen nach genauer Betrachtung und Befragung. Die Befunde liegen keineswegs offen und sind oft nicht einmal den „Gläubigen“ und „Ungläubigen“ selbst bewusst. Genau da versucht die Ausstellung anzusetzen.

Selbstbefragung als Prinzip

„Glaubenssache“ bietet verschiedene Methoden an, der eigenen Glaubensposition näher zu kommen. Die Selbstbefragung gehört zweifellos zu den wirkungsvollsten. Der bereits erwähnte Glaubens-Test entstand in Zusammenarbeit mit dem Münchener Religionspsychologen Stefan Huber vom Kompetenzzentrum Orient-Okzident Mainz resp. Universität Bern. Huber entwickelte für die monotheistischen Religionen einen interreligiösen Religiositätstest, der stark an der Glaubenspraxis orientiert ist. Für „Glaubenssache“ wurde die Reichweite auf pantheistische Konzepte (Buddhismus und Hinduismus) erweitert und die Glaubensstypologie auf fünf Profile reduziert. Alle Besucherinnen und Besucher entdecken am Schluss des Rundgangs ihr persönliches Glaubensprofil jenseits ihrer Religionszugehörigkeit und dürfen den Datenstick mit der Aufschrift „gläubig“/„ungläubig“ in einer Tonne entsorgen. Außerdem werden die spannendsten Daten der anonymen Glaubensbefragung online und in Echtzeit in der Ausstellung sichtbar gemacht. Eine andere Art der Selbstbefragung liegt in der wiederkehrenden Begegnung mit neun ausgewählten Personen verschiedener Religionen und Religiositäten. Sie werden in Text, Ton und Film vorgestellt. Die Besucherinnen und Besucher erfahren, wie sich diese Personen Gott denken, wie sie beten (oder nicht beten), wie sie den Glauben an ihre Kinder weitergeben, wie sie Gottesdienste feiern oder welches Objekt für ihre ganz persönliche Glaubenshaltung steht. Dass diese Leitpersonen auf die eine oder andere Art die Glaubenspositionen der Besucherinnen und Besucher spiegeln, ist offensichtlich. Auf Einladung des MHVL haben zudem 100 repräsentativ ausgewählte Luxemburgerinnen und Luxemburger, stellvertretend für die Gläubigen und Ungläubigen dieses Landes, ein persönliches, privates Glaubensobjekt zur Verfügung gestellt, das diese Vielfalt der Glaubenspositionen sichtbar macht. Doch anders als in der Schweizer Präsentation bleiben die

Ausstellungsraum mit Glaubensobjekten (© Theres Büttler)

Luxemburger Leihgeber in der Ausstellung anonym; es scheint fast, dass die Glaubenssache in Luxemburg nicht nur Privatsache, sondern Intimsache geworden ist und besser gehütet wird als das Bankgeheimnis in der Schweiz.

Schließlich zoomt die Ausstellung beim Thema „Glaubensstreit“ aktuelle Luxemburger Fallbeispiele heran, wie die Einführung eines obligatorischen, „weltanschaulich und konfessionell neutralen, menschenrechtsorientierten Werteunterrichts“ an Luxemburger Schulen, die eine offene Debatte über Glaubenswerte brauchen.

Richtig oder falsch? Die falsche Frage

Bezeichnenderweise lässt das Passkreuz auf dem Erscheinungsbild von „Glaubenssache“ offen, ob und wo sich die angedeuteten Linien kreuzen. Die Glaubensposition ist eine Leerstelle, die individuell zu füllen ist. „Glaubenssache“ verteilt keine Noten, kürt keine Sieger und Verlierer und urteilt nicht über richtig oder falsch. Die Ausstellung prognostiziert keinen Clash of Culture und keinen Kampf der Religionen. Sie zeichnet nur Glaubenspositionen auf und setzt sie untereinander und mit den Besucherinnen und Besuchern in Beziehung. „Glaubenssache“ gibt keine abschließende Antwort, weil es keine abschließende Antwort gibt. Fragen sind die besseren Antworten. „Gläubige“ und „Ungläubige“ jeder Couleur können sich in der Ausstellung wiederfinden. Selbstverständlich ist auch dies nicht unumstritten. Kritik kommt meist von den „Rechtgläubigen“ beider Seiten: Die orthodoxen Frommen finden zu wenig, wie wichtig und einzigartig ihr Glaubensbekenntnis ist. Die gläubigen Atheisten vermissen, dass die Ausstellung mit dem Glauben zu wenig hart ins Gericht geht. Das Stapferhaus ist in dieser Auseinandersetzung jedoch nicht Gericht, sondern Observatorium. Es beobachtet, konstruiert und reflektiert mit seinen Ausstellungen die Gegenwart und sieht sich als Plattform, auf der die unterschiedlichen Positionen zusammengeführt und diskutiert werden. Ziel eines solchen Projekts ist nicht Konsens, aber wenigstens Verständigung und Respekt.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Szenografie von „Glaubenssache“ die Besucherinnen und Besucher als Experten

Ausstellungsraum mit Glaubensobjekten (© Donovan Wyrsch)

in eigener Glaubenssache mitinszeniert. Angefangen bei der Doppeltür und ihren Laufstegen über die Checkpoint-Stationen des Glaubensstests bis zum runden Tisch aller Gläubigen und Ungläubigen am Schluss der Ausstellung. Raumkörper portionieren das Publikum je nach Inhalten unterschiedlich. Beim Gebet sind es beichtstuhlartige Kabinen für zwei Personen. Bei den Glaubensritualen haben schon ganze Familien Platz. Beim Gottesdienst versammelt sich bereits eine ganze Ausstellungsgemeinde. Die Besucherinnen und Besucher erleben sich als Akteure und nicht nur als Betrachter. Atmosphärisch arbeitet „Glaubenssache“ mit der stilisierten Sakralisierung des Raums. „Glaubenssache“ will kein Tempel und keine Kirche sein. Die Ausstellung imitiert nicht, aber sie bedient sich einzelner Elemente, die in sakralen Räumen eine Bedeutung haben: der Bildschirm-Tryptichon der Glaubensbekenntnisse etwa, die wolkige Leuchtwand bei den Glaubenssachen, welche die kindliche Vorstellung

eines himmlischen Jenseits zum Vorbild hat, die Wand der frei schwebenden Glaubenssachen, die an Ex Voto-Wände erinnert, die purpurne Herrlichkeit im Muttergottes-Raum, in dem die Madonnen-Kostüme aus drei Jahrhunderten auf einem Catwalk Karussell fahren, oder – mehrfach verwendet – der Einsatz der Farbe weiß. Sie bestimmt nicht nur das Erscheinungsbild, sondern auch die Wirkung der schneckenartigen Raumkörper. Weiß signalisiert in fast allen Religionen Ruhe, Feierlichkeit, Heiligkeit und vor allem die Abwesenheit von Bildern. Die Bilder vom eigenen Glauben bringen die Besucherinnen und Besucher selber mit. Vielleicht auch das Bild vom Heiligen Geist, der sich an der Rue du Saint-Esprit eigentlich zu Hause fühlen müsste.

¹ Im Zeitraum von „Glaubenssache“ waren allein in der Schweiz die Ausstellungen „Urban Islam“ (Museum der Kulturen Basel), „Gott sehen“ (Kartause Ittingen), „Choosing My Religion“ (Kunstmuseum Thun), „Ankerperlen – Zeitneln. Geschichten um den Rosenkranz“ (Museum Bruder Klaus Sachseln) und „Maria Magdalena Mauritius. Umgang mit Heiligen“ (Schweizer Landesmuseum Zürich) zu sehen.

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