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Warum werden eigentlich Menschen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, als Randgruppe in unserer Gesellschaft abgestempelt? Warum werden ihre Tätigkeiten als abstoßend und verpönt empfunden?

Prostitution ist ein Thema, das immer wieder Aufsehen erregt. Der Handel mit der menschlichen Sinnlichkeit gab es zu fast allen Zeiten bei allen Völkern und doch wird kaum ein anderes Thema mit so viel Spitzengefühl angefasst. Es hat viele Versuche gegeben, das Angebot von sexuellen Dienstleistungen wegen sittlicher Bedenken zu verhindern und zu verbieten. Trotzdem hat die Prostitution immer fortbestanden, unter den verschiedensten Formen, nicht zuletzt, weil das Gewerbe mit der Sexualität schon immer ein wichtiger Wirtschaftszweig war. Im Laufe der Jahre hat die Kultur der Prostitution ihre eigene Sprache und Wahrheiten entwickelt, die denen der Gesellschaft entgegengesetzt sind. Die Arbeiterinnen aus der Sexbranche genießen bis heute wenig Anerkennung und gesellschaftliches Ansehen. Ihre Tätigkeiten werden als unanständig und schmutzig bezeichnet, weil sie gegen gesellschaftliche Normen verstoßen.

Definition von Prostitution

Von Prostitution wird gesprochen, wenn eine Person sexuelle Handlungen gegen einen bestimmten Geldbetrag anbietet und durchführt. Dabei kommt es in der Regel zum direkten physischen Kontakt. Um ihren Beruf ausüben zu können, sind die Sexarbeiterinnen u. a. in Bordellen, Erotikzentren, Clubs, Wohnungen oder Bars untergebracht. Die wohl älteste Form der Prostitution, wie wir sie heute kennen, ist der Straßenstrich.

Die Ursachen, die eine Person dazu treiben ins Geschäft der käuflichen Liebe einzusteigen, sind vielfältig. Finanzielle Notlage, Versorgung der Familie, teure Lebensführung oder Drogenabhängigkeit können u. a. Gründe sein. Die Möglichkeit, ohne professionelle Qualifikation, schnelles Geld

zu verdienen, lockt Frauen zu den ersten Versuchen, als Prostituierte zu arbeiten.

Prostitution im Wandel der Zeit: Prostitution als das älteste Gewerbe der Welt?

Setzt man sich mit dem Thema der Prostitution auseinander, so hört man oft die Aussage, dass Prostitution das älteste Gewerbe der Welt sei. Diese Aussage ist in dieser Form nicht ganz korrekt. Die Prostitution bzw. das Gewerbe mit dem Sex gibt es streng genommen nicht seit ewig. Diese Kulturerscheinung ist relativ jung und hat sich durch die Entstehung der Städte entwickelt. Prostitution in der Form, wie wir sie heute kennen, gab es bspw. in den Kreisen der Bauern nicht, jedoch wurden damals die Mägde oder Sklavinnen sexuell ausgebeutet und mussten sexuelle Handlungen über sich ergehen lassen. Bereits in der Bibel wurde von Dirnen¹ geschrieben, wie Maria Magdalena, die sogar später im Mittelalter zur Schutzpatronin der Dirnen erklärt wurde.

Bereits in den Schriften der alten Griechen, u. a. bei Homer und Herodes, geht hervor, dass in Griechenland die Prostitution weit verbreitet war. Im Tempel der Aphrodite, Göttin der Liebe, gingen Dirnen ihrem Gewerbe nach. Der griechische Staatsherr Solon soll angeblich in Athen das erste staatliche Bordell auf der ganzen Welt erbaut haben.

Eine weitere wichtige Epoche in der Geschichte der Prostitution ist das Mittelalter. In den alten Liedern der Vagabunden wurde den Dirnen ein Denkmal gesetzt. Das wohl bekannteste Beispiel hierfür ist Carmina Burana. Neben den Studenten und den Geistlichen waren es vor allem Soldaten, die in die Gunst der Liebesdienste der Dirne kamen. In Bert Brechts großem Werk

Bafferding

Im Laufe der Jahre hat die Kultur der Prostitution ihre eigene Sprache und Wahrheiten entwickelt, die denen der Gesellschaft entgegengesetzt sind.

Mutter Courage werden die „Troßweiber“ sogar geehrt. Dirnen wurden als gefährlich, triebhaft und habgierig eingestuft. So existierte u. a. der Glaube, dass der Blick einer Prostituierten einem Neugeborenen Schaden zufügen könnte. Ähnlich waren viele Zeitgenossen der Überzeugung, dass Dirnen angeblich den Penis eines Mannes schrumpfen lassen könnten, wenn sie misshandelt oder nicht bezahlt wurden. Nicht selten wurden sie auch gezwungen, auffällige Kleider zu tragen. So mussten Dirnen bspw. einen grünen Streifen am Schleier haben oder ein rotes Käppchen tragen.

Im 16. und 17. Jahrhundert wurde Prostitution entsprechend dem herrschenden Sittenkodex totgeschwiegen. Erst ab dem 18. Jahrhundert war sie wieder in der Gesellschaft toleriert. Nach den Versuchen sie zu verbannen, wurden nach und nach in den größeren Städten Bordelle errichtet. Paris, Amsterdam und Venedig waren weltberühmt für ihre Vergnügungsetablissements.

Über die Jahrhunderte hinweg wurde immer wieder versucht, die Prostitution zu verhindern und ihre Kultur zu vernichten, jedoch blieb dieses Milieu, das Prostitution überhaupt erst möglich macht, immer erhalten.

Aus den geschichtlichen Epochen kann zurückbehalten werden, dass die Kultur der Prostituierten Funktionen in einer Gesellschaft erfüllt, obwohl diese sie eigentlich ablehnt und immer wieder versucht sie loszuwerden.

Dass Prostitution nicht weiterhin als Tabuthema in der Gesellschaft gelten soll, haben sich einige europäische Staaten zum Ziel erklärt. Die politische und juristische Regelung sieht in den einzelnen Ländern ganz unterschiedlich aus. Das Angebot

wie auch der Kauf von sexuellen Dienstleistungen sind in Norwegen nicht verboten. Strafbar sind allerdings die Zuhälterei und das Profitieren Dritter aus der Prostitution. In Schweden müssen die Freier seit 1999 mit Sanktionen rechnen, wenn sie sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung in Anspruch nehmen. Die Politiker sind sich einig, dass die Bedürfnisse der Kunden das Geschäft am Leben lassen. In den Niederlanden dagegen, dürfen die Prostituierten seit Anfang des 21. Jahrhunderts ganz legal ihrer Tätigkeit nachgehen. So nach dem Prinzip: Was nicht verhindert werden kann, soll so wenigstens geregelt sein.

Prostitution als Randgruppe

Prostitution wird als Randkultur des illegalen und verpönten Geschäfts empfunden. Die Lebensbedingungen der Prostituierten sind maßgeblich von der gesellschaftlichen Einstellung ihnen gegenüber und dem Grad der sozialen Integration bestimmt.

In der Sozialwissenschaft wird dieses Phänomen „am Rande der Gesellschaft“ und „Außenseiter-tum“ mit dem Ansatz des Labeling Approach, der auch unter dem Begriff Etikettierungstheorie bekannt ist, erklärt. Dieser Ansatz behandelt weniger das abweichende Verhalten an sich als vielmehr die Reaktionen der Gesellschaft auf ein Handeln, das als abweichend bezeichnet wird. Ursprung der Etikettierungstheorie ist der symbolische Interaktionismus. Er setzt eine Umwelt voraus, die auf bestimmte Verhaltensweisen reagiert und mit Normen definiert, was abweichendes und was nicht abweichendes Verhalten ist. Demzufolge wird der Person, welche sich normbrechend verhält, durch ihre Umwelt abweichendes Verhalten zugeschrieben. Durch die Anwendung von gesellschaftlichen Definitionen und Regeln kann der Einzelne zum Randständigen und Außenseiter kategorisiert werden. So hat die Prostitution als Randkultur nur dann einen Sinn, wenn juristische Regelungen die Personen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, kontrolliert, gegebenenfalls sogar bestraft und sie kein Recht auf öffentliche Förderungen haben.

Stigmatisierung

Jene Haltung von der angenommen wird, dass sie eine allgemein geltende Norm einer Gesellschaft verletzt, wird als Abweichung definiert. Unehrenhaftes Verhalten, das gegen institutionalisierte Erwartungen verstößt, wird von der Gesellschaft stigmatisiert. Ein Stigma ist eine Zuschreibung, die von außen kommt und bezeichnet Eigenschaften und Attribute, die zur Konsequenz haben, dass die betreffenden Individuen diskriminiert werden. Ihnen wird grundsätzlich mit Vorurteilen begegnet und ein Stigma zugeschrieben, das meist ewig an ihnen haften bleibt. Die Zuschreibung

von Attributen weist eine Tendenz zur Stereotypisierung und Generalisierung auf. Prostitution ist demzufolge kein abweichendes Verhalten per se, sondern entwickelt sich erst als Konsequenz, wenn die Kontrollinstanzen aus einer Person, die dem Geschäft mit der Sexualität nachgeht, eine Prostituierte machen. Die Diskriminierung bezeichnet die negativen Sanktionshandlungen der Stigmatisierenden gegenüber den Angehörigen der Randgruppe. Das Gesellschaftssystem setzt einen Prozess in Gang, der Prostituierte zur Randgruppe degradiert und ihnen die Chancen und Möglichkeiten zur vollständigen Teilnahme an der Gesellschaft verwehrt.

Prostitution gegen jegliche Moralvorstellung

Als ehrlos, ungewöhnlich und obszön wird das Berufsbild der Prostituierten begriffen. Prostitution wird als etwas Unanständiges und Schmutziges empfunden, weil wesentliche Normen der Gesellschaft verletzt werden. Wegen ihrer sexuellen Besonderheit und ihrer Tätigkeit sind sie Diskriminierungen ausgesetzt. Der Abweichlerinnenstatus der Prostitution beruht im Wesentlichen auf der bewussten und offenen Negation der herrschenden Sexualmoral, da der Monogamievorschrift in unserer Gesellschaft immer noch einen hohen Stellenwert eingeräumt wird. Nach christlichem Glauben und dem Ideal der braven Bürger, sollte Sexualität nur im Ehebett stattfinden und der Fortpflanzung dienen. Nur der inner-eheliche Geschlechtsverkehr war und ist noch immer vom christlichen Standpunkt aus tolerierbar und jegliche Form von käuflicher Liebe absolut inakzeptabel. Sex als körperliches und seelisches Vergnügen außerhalb des Ehebettes wurde als reine Sünde betrachtet. Andere Formen der Geschlechterbeziehung auf sexueller Ebene, sei es bspw. Ehebruch oder Prostitution, widersprachen diesem Grundprinzip und konnten somit nicht toleriert werden.

Auch in der heutigen Zeit wird es noch oft als falsch und leichtsinnig angesehen, wenn zwei Personen miteinander schlafen, ohne eine starke Empfindung für einander zu haben. Die Gesellschaft empfindet die Arbeit einer Prostituierten als abstoßend und beurteilt diese als sozial abweichendes Verhalten, weil ihr Geschlechtsverkehr nicht in stabilen zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Ehe stattfindet und weil grundsätzlich nicht auf Fortpflanzung, Vermehrung und Kinderaufzucht, und deshalb nicht auf die Erhaltung der Gesellschaft abzielt. Der Sex und die Sexualität gehören nach Ansicht der Mehrheit der Gesellschaft in den Privatbereich jeder Person, der unangetastet bleibt, weswegen auch der Handel und der Einkommenserwerb mit dem Sex als Verstoß gegen gewisse Normen angesehen werden.

Schlussbemerkung

Prostitution ist wie kein anderes Thema mit Urteilen, Vorurteilen und Klischees behaftet. Sexuellen Verkehr gegen Bezahlung ist eine alltägliche Realität. Aus den historischen Erkenntnissen weiß man, dass sich an der Art der Ausübung der Prostitution sich im Laufe der Geschichte erstaunlich wenig verändert hat, nur die gesellschaftliche Einstellung ihr gegenüber hat zeitlich und regional variiert.

Prostituierte gehören heute immer noch zu einer der meist diskriminierten Gruppen in unserer Gesellschaft. Prostitution nimmt eine Doppelstellung ein, sie wird in der Öffentlichkeit anerkannt und zugleich verachtet. Sowohl das Gewerbe Prostitution als auch die einzelnen Personen werden sozial stigmatisiert. Prostituierte verkaufen Sexualität, was als abweichendes Verhalten aufgefasst wird, da es gegen jegliche Moralvorstellung verstößt. Randgruppen werden von der Gesellschaft produziert und dauerhaft in ihre Rolle verwiesen. Wer einmal als Prostituierte entlarvt ist, wird als bedrohlich empfunden und minderwertig behandelt. Prostitution als abweichendes Verhalten per se existiert nicht, sondern wird u. a. durch Kontrollinstanzen als solches bewertet.

Obwohl bei Prostitution sowohl Prostituierte als auch Freier beteiligt sind, neigt die Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder dazu, die Prostituierte zu verurteilen, als der Kunde, der die Prostituierte besucht. ♦

$^{1}$ Dinge ist ein altes Wort für Prostituierte.

Literaturangaben

Freund-Widder M. (2003): Frauen unter Kontrolle: Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik. Lit Verlag. Berlin-Hamburg-Münster

Girtler R. (1995): Randkulturen. Theorien der Unanständigkeit. Böhlau Verlag. Wien

Girtler R. (2004): Der Strich. Soziologie eines Milieus. Lit Verlag. Wien

Goffman E. (1975): Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main

Heume D. (2007): Ungeordnete Unzucht 12.-16. Jahrhundert. Böhlau Verlag. Köln

Kreuzer Dr. med M. (1989): Prostitution. Schwer Verlag. Stuttgart

Pheterson G. (1990): Huren-Stigma. Wie man aus Frauen Huren macht. Galgenberg. Hamburg

Puenzieux D./Ruckstuhl B. (1994): Medizin, Moral und Sexualität. Chronos Verlag. Zürich

Roeck B. (1993): Außenseiter, Randgruppen, Minderheiten. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen

Wer einmal als
Prostituierte
entlarvt ist, wird
als bedrohlich
empfunden und
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