Wenn die Lachse steigen
Nachträge zu Lex Jacobys Jahrhundertbuch
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Michel Raus
Wenn die Lachse steigen…
Nachträge zu Lex Jacobys Jahrhundertbuch
„Eines Tages sollte ich einen Noah erfinden, dem kein Gott rät, eine Arche zu bauen, sondern der dies tut, weil er überzeugt ist, daß es für die Gesellschaft, in der er lebt, nur eine Lösung gibt: Die Sintflut. Regnen lassen. Er selbst will davonkommen, zur Rettung baut er eine Arche, am Ende aber erkennt er, daß auch ein anderer an seiner Stelle während der Flut die Tiere durchfüttern konnte.“ (Hugo Loetscher)
Auf die Frage nach dem in seinen Augen, nach seinen Kriterien, nach seinem Geschmack bemerkenswertesten, repräsentativsten, kurzum eindrucksvollsten, schönsten literarischen Werk, das ein Luxemburger Autor während der letzten fünfzig bis siebzig Jahre geschrieben und veröffentlicht habe, fällt es dem Rezensenten aufrichtig schwer, von Roger Manderscheids Trilogie aus Schako klak, De Papagei um Käschtebam und Feier a Flam (1988-95) sowie von dem zwischen 1985 und 1991 von Guy Rewenig abgelieferten Viererpack Hannert dem Atlantik, Gemäschte Chouer, Mass mat dräi Hären und Grouss Kavalkad abzusehen. Das Zweigespann Manderscheid-Rewenig hat zweifelsfrei das Schrifttum in Luxemburger Sprache endlich und endgültig aus einem Schmollwinkel aus vermeintlich ursprünglicher Folklore und wohlfeilem Klamauk befreit und auf ein beachtliches literarisches Niveau befördert.
Dennoch, die Wende des 20. ins 21. Jahrhundert überragt einsam Logbuch der Arche des Romanciers Alex Jacoby: In dem mit 333 Seiten echten „opus magnum“ erreicht Jacoby 1988 im reifen Schaffens-
alter von 58 Jahren den Gipfel seines ohnehin unvergleichlichen literarischen Könnens.
Zeit und Welt im Visier
Manderscheid verbindet neben artistischen, mitunter sogar artifiziellen Arbeiten in teils nachdenklicher, nachdrücklicher, teils satirischer, karikaturaler, aber auch zweifelsfrei sprachschöpferischer Form die eigene persönliche, intime, kleine Lebens- mit der großen Zeit- und Weltgeschichte. Freund Rewenig verwindet lange nicht sein seelisches und weltanschauliches Leiden am erzfrommen Elternhaus und seinen vermeintlichen Makel, im Verlagsanhängsel des monopolistischen Bistumsblattes debütiert zu haben, verarbeitet es schließlich doch noch kreativ, indem er sich für die Dauer seines ansehnlichen literarischen und reichen publizistischen Lebens in einer für das Land seltenen Radikalität in einen nach allen Seiten gnadenlos austeilenden „angry man“ verwandelt.
Der von Manderscheid und Rewenig ausgehenden medialen Lautstärke setzt ein Alex Jacoby zeit seines ergiebigen
literarischen Schaffens spontan Stille nach innen und nach außen entgegen und raffiniert so, etwas außerhalb der engen und engherzigen Luxemburger Literaturszene, fortlaufend seine absolut originelle deutsche Erzähltechnik.
Die Kollegen Manderscheid und Rewenig beherrschen das Deutsche als Literatursprache genauso wie Jacoby, treffen aber, um spezifischer lokaler und regionaler Aspekte und Wirkungen willen, für Romane, sonstige Prosa, Poesie, Essay und Polemik mit der gezielten Wahl des Dialekts in gewissem Sinne eine nicht nur sprachliche, sondern sogar politische Entscheidung.
Indem er sich für die erste Luxemburger Fremdsprache entscheidet, nimmt Lex Jacoby die ihm zugemessene Zeit und die Welt, in die er sich versetzt fühlt, umfassender ins Visier. Diesem Befund scheinen zwar zahlreiche kürzere, leichtere, lokaler temperierte Geschichten,
Michel Raus hat Literatur und Philosophie in Köln studiert, von 1970 bis 1997 war er zuerst in der Nachrichten-später in der Kultur-Redaktion von Radio Lëtzebuerg tätig. Langjährige Mitarbeit in Luxemburger, deutschen und österreichischen Zeitungen und Zeitschriften.
Erzählungen und auch Romane des Autors zu widersprechen, diese Arbeiten sind jedoch vielfach nur Vorstufe bzw. Nachhall von Logbuch der Arche eines Sprachblocks, eines Romanbrockens, der seit 20 Jahren so einsam wie massiv als Findling aus Luxemburgs Literaturebene herausragt.
Gegen das Idyll
Kollege Georges Hausemer hat 1988 das „Logbuch“ für die seinerzeit literarisch noch anspruchsvolleren Editions Guy Binsfeld (wie nicht anders zu erwarten), sehr wohlwollend begutachtet. Damals durfte man allerdings noch befürchten, der Schauplatz Sintflut gebe nur eine ausgesprochen plane, öde, abwechslungsarme, biblisch antikisierende, kurzum recht unzeitgemäße Geschichte her. Die mittlerweile schon an stärkeren Tobak gewöhnten Luxemburger LeserInnen könnten den Text für weltfremd, hinterwälderlich, ja, sogar für idyllisch verlogen halten. Diese Angst, diese Vermutung, diese Analyse ist schon 1988 fehl am Platz, ausgerechnet in der Rückschau erscheint Logbuch der Arche auf Anhieb als einzigartige, einsame, eminent hellsichtige Zeit- und Weltschau, wenn nicht sogar als geradezu unbestechliche Umweltdiagnose „avant l’heure“.
Oberflächlich besehen schreibt in Logbuch der Arche ein lcherzähler, vermutlich der in Noahs Haut geschlüpfte Romancier Lex Jacoby in persona, wie in einer solchen Chronik zu erwarten, deslangen und desbreiten über die unbanalen, skurrilen, menschlich-allzumenschlichen, tierischen, animalischen, klimatischen Ereignisse und Beschwerden auf der Wind und Wetter, Eis und Schnee, Nebel und Klarsicht ausgesetzten Kreuz- und Querfahrt einer Arche, auf der zwei Menschen und eine schwer zu beziffernde Schar von Tieren aller Arten und Rassen für die Dauer einer jahrelangen Sintflut zusammengepfercht sind. Jacoby gesteht, sein „Logbuch“ gehe auf die ganz einfache, fast simple Idee zurück, sich eine möglichst solide und zugleich beliebig dehnbare Grundlage zu schaffen, auf der über ein Mindestmaß an Handlung ein Höchstmaß an Aussage zu erzielen sei. Auf diese Weise ist Lex Jacoby, unter scheinbar konservativem formalen und stofflichen Deckmantel, ein Sprachkunstwerk sondergleichen geglückt, aber diese außerordentliche Kunst aus reiner,
geschliffener, innovativer, meist buchstäblich fabelhafter Sprache ist darüber hinaus (oder drunter durch?) in Form einer großen, weiten epischen Mär ein Zeiten- und Gezeitengemälde, wie es weder in der kleinen Luxemburger noch in der vermeintlich höheren deutschen Literatur zu finden ist.
Rodange in Prosa?
Lex Jacoby nutzt in der Tat die Möglichkeit, sich in seinem Tier- und Menschenepos, frei nach den Vorbildern der Aesop, Lafontaine und Rodange, so treffsicher realistisch, so betont engagiert und unkorrumpierbar wie oft auch dezent satirisch, blasphemisch nach Herzens- und (ja auch Hirnes-)Lust
- über tierische Ernährungsweisen, über Vereinsmeiere:
„Kommissionen gelingt es stets, das Mögliche unmöglich zu machen. Kommissionen planten eine sanfte Gemüseart und schufen die Brennnessel, Kommissionen planten den Windhund, der seine Hütte selber tragen sollte, und schufen die Weinbergschnecke, Kommissionen standen Gott zur Seite, als Er die Rose schuf, sie machten die Dornen“,
- über Tiere, denen das Lachen vergeht:
„Unsere Tiere würden vor den Manövern, mit denen die Armeen den Ernstfall proben,
die Köpfe schütteln und unwillig mit den Schwänzen schlagen. Unsere Tiere sind der Meinung, daß der Ernstfall so ernst ist, daß man ihn nicht auch noch spielen sollte und daß er dann auch noch sowieso anders wird, als ihn die Generale ihren Sandkästen und die Admirale in ihren Badewannen üben. Oft schon ist mir aufgefallen, daß man den Tieren vorwirft, nicht lachen zu können“,
- über üble Sprücheklopfer:
„Dürfen wir schreiben! Ich bin ein wenig sprachlos, in meiner Sprachlosigkeit reicht es bei mir nur zu einer kleinen Handbewegung und zu einem kurzen Nicken. Das genügt den Affen. Gleich hüpfen sie im Schnee, nach jedem Tanzschritt schauen sie zurück auf ihre Spur und begeistert: Wir schreiben Romane! rufen sie.
Dann setzen sie einen Fuß dicht vor den anderen: Wir schreiben Kurzgeschichten!
Schlußendlich wischen sie einmal mit den nackten Händen ganz leicht über den Schnee: Wir schreiben Gedichte!
Affentheater!…Einer schaut zurück auf all die Geschichten, die sie in den Schnee schrieben, und dann schauen alle zurück, jeder auf seine kleine Geschichte, und dann gehen sie auf die Luke zu, eine kleine, gebeugte Prozession, an deren Füßen der Schnee nur langsam schmilzt.
Affen haben eine dünne Seele.
- über wahre und eingebildete Prominenz:
„Eben kommen die Kamele an der offenen Kombüsentür vorbei. Mit den Kamelen kann ich mich nicht so recht anfreunden. Sie tragen etwas Studiertes mit sich herum, etwas, das mich an Elite erinnert und vor allem an die dümmlichen Extravaganzen und Eingebildheiten der Elite. Mir ist immer so, als wollten sie mich fragen: Sie möchten doch wohl auch ein Kamel sein? Das du ist nicht in ihrem Wortschatz zu finden. Sie sind so erhaben, die Kamele, daß es ihnen nicht nur scheinbar die Wirbelsäule krümmt. Ihre Frauen sind Gattinnen, ihre Köpfe sind Häupter, stets schnäuzen sie sich in Seide“,
- über antiquiertes Schulwesen:
„Nur selten gelang es der Schule, sich über die Baumgrenzen vorzwungen. Für die Schule war der ewige Schnee, waren die Gletscher auch nur entfernter Pazifik, und die Gemsen waren Geschöpfe aus Handschriften von Andersen und von den beiden Grimm. Für die Schule waren die Flüsse nur geographische Wasser, soweit sie nachbarliche Schiffe trugen, die Häfen lagen samt und sonders im Binnenland; allzu nahe am Meer hätten sie Gefahr bedeutet und Piratentum und fremdländischen Unsinn, und dann war, wie gesagt, das Meer sowieso nur die große Weide der Heringe und Freitagsfische, für mich war der Globus wie eine ewige Ampel vor den hohen, verklebten Schulfenstern“
und über unzählige andere menschliche und tierische Eigenarten und Spleens zu verbreiten, was auch nur zitatweise anzudeuten spielende und schnurstracks vom Hundertsten des Wahren ins Tausendste des Treffendsten und Betreffendsten führen würde. Überhaupt, Logbuch der Arche kommt einem einzigen großen autogenen Zitat sehr nahe, einige besonders leuchtende, dazu noch aphoristisch bündige Blüten seien an dieser Stelle unbedingt als Sprachperlenkette aufgereiht:
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„Liebe ist wie das Meer, sagt die Möwe“
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„In den Zeitungen ist die Lage zwar hoffnungslos, aber nicht ernst“
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„Madagascar, sagt Budapest der Waschbär, war schon immer ein versteinertes Schiff“
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„Damals hatte mir ein Wolf gesagt: Wir sind Wölfe, aber wir haben noch nie eine Menschenart ausgerottet“
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„Die Bambusbären sagen: Der Mond ist jemand, der immer wieder sein Gesicht verliert“
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„Schneeglöckchen, haben gestern unsere Bachstelzen gesagt, Schneeglöckchen kannst du mit den Augen essen“
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„Unsere Brieftauben sind gewerkschaftshörig. Das macht sie unberechenbar, das macht sie streitbar und streikbar“
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„Wissen Sie übrigens, daß Gott, nachdem er die Donnerworte der Schöpfung gesprochen hatte, den Muscheln sein Schweigen schenkte“
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„Mit ein bißchen Abwechslung können Sie die Runzeln in den Gesichten der Krokodile glätten“
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„Gott hat keine Zahnschmerzen. Gott ist allmächtig“
Indem er sich für die erste Luxemburger Fremdsprache entscheidet, nimmt Lex Jacoby die ihm zugemessene Zeit und die Welt, in die er sich versetzt fühlt, umfassender ins Visier.
Philologen lesen das „Logbuch“ demnach wohl als luzide Sprachanalyse, aber auch als geharneische Polemik wider Sprachverballhornung; dass sich ausgerechnet Tiere, nicht nur für klug gehaltene Haustiere, sondern auch notorisch tumbe Wildtiere sich über verluderte Sprechweisen erregen, verleiht der Kritik des Romanciers Jacoby noch ein sympathisches Plus an Würze.
Überhaupt gilt es, endgültig Abschied zu nehmen vom Klischee, vom Vorurteil, Lex Jacoby habe als braver, konservativer Literaturbourgeois, als letzter Romantiker und Gutmensch unter Luxemburgs Poeten und Literaten zu gelten. O nein, weder Mensch noch Tier hat im Logbuch des Steuermanns auf Jacobys Arche viel zu lachen über den Klimawandel, eine neue Sintflut bildet immerhin die Haupt-„Handlung“ des Romans; die tragikomisch nutzlosen Anti-Atom-Proteste, die Exzesse des Parlamentarismus und der Bürokratie, die Stupiditäten von Diplomaten und die Hysterien von Emanzen sind zwar lächerlich, aber nicht zum Lachen. Kurzum, Jacoby entpuppt sich in Logbuch der Arche nicht nur „durch die Blume“ als politischer
Autor und vermag sich bisweilen genau so beißend böse zu äußern wie Kollege Rewenig (dem es freilich an Jacobys mildem Humor gebricht).
Die Arche des „Logbuchs“ wird, von außen besehen, über uferlose Weltmeere getrieben, es entsteht im Leser, trotz der kleinen und größeren Zwischenfälle an Bord, möglicherweise sogar der Eindruck eines endlosen Strömens und Gleitens auch deshalb, weil Jacoby bewusst drauf verzichtet, den Erzählfluss, der sich ständig an sich selbst entzündet, in Kapitel aufzuteilen und so mehr und minder mutwillig zu brechen. Lex Jacoby wäre sich freilich selber nicht gleich und nicht treu, wenn er nicht ein besonders frappierendes, witziges Mittel und einen originellen Weg gefunden hätte, seinen Textteig zu tranchieren, die Sprachmasse des „Logbuchs“ zu rhythmisieren, ja beinahe jazzig zu synkopieren. Leser, die sich nach 20 Jahren vielleicht nicht mehr im Einzeln an dieses Buch zu erinnern vermögen, sie haben aber mit Sicherheit noch das Ostinato im Ohr, mit dem ausgerechnet Braunbären mit manchmal launigen, manchmal erfrischend schwachsinnigen Sprüchen dem Erzähler keck in die Erzählparade fahren:
- „Unsere Braunbären sagen, Jahreszeit ist, wenn die Lachse steigen“,
- „Unsere Braunbären sagen, Adel ist, wenn die Lachse steigen“,
- „Unsere Braunbären sagen, Speisezettel ist, wenn die Lachse steigen“,
- „Saumpfad ist, wenn die Lachse steigen“,
- „Kultur ist, wenn die Lachse steigen usw. usf…“
Im Rückblick auf das vor 20 Jahren erschienene Logbuch der Arche und in der festen Überzeugung, dass eine Wertung hier und heute auf alles nur nicht auf Rückständigkeit des Nachlesers geschlossen werden soll, werde denn auch als Bilanz auf die braunbärenstarke Litaneiformel Zuflucht genommen: „Große Literatur ist, wenn Alex Jacoby die Lachse steigen lässt.“ ♦
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