Andreas Hofer und Michel Eiffes
Zur merkwürdigen Verwandtschaft der Nationenkonstruktion in Luxemburg und Tirol
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Zur merkwürdigen Verwandtschaft der Nationenkonstruktion in Luxemburg und Tirol
Michel
Dormal
Unter dem Motto „Geschichte trifft Zukunft“ feiert das österreichische Bundesland Tirol dieses Jahr das Jubiläum der historischen Ereignisse von 1809, als die einheimische Bevölkerung unter Führung des legendären Andreas Hofer zusammen mit den Habsburgern am Bergisel bei Innsbruck gegen die Truppen Napoleons und der mit ihm verbündeten Bayern kämpften. Interessant und gut zu beobachten ist, wie sich die Tiroler Erinnerungskultur seit dem letzten großen Gedenkjahr 1959 verändert hat. Anstelle einer unvermittelten, rein reaktionären Bezugnahme auf die Legende Hofers und der nationalistischen Forderung, das italienische Südtirol wieder mit dem Stammland zu vereinigen, ist zumindest teilweise eine bewusst zukunftsgerichtete Gedenkpolitik getreten. Wirklich kritisch ist man dabei nicht unbedingt geworden, aber Andreas Hofer gilt hier nun eher als eine Inspiration, die man als Rohstoff für die Konstruktion einer vorwärtsgerichteten tiroler Identität verwendet.¹ In einer Veranstaltung mit dem Titel „Andy meets Andy“ malten so etwa Kunststudenten Porträts Hofers im Pop-Art-Stil Andy Warhols. Bezugspunkt ist dabei mittlerweile immer weniger Österreich oder die deutsche Sprache, als die Vorstellung eines freien Tiroler Volks als Teil eines vereinigten „Europas der Regionen“. Federführend in diese Richtung ist unter anderem der bekannte Bergsteiger und ehemalige grüne Europaabgeordnete Reinhold Messner, der in seiner zum Museum umgebauten Burg in Bozen eine Ausstellung unter dem Titel „Anno ’09: Ein Bergvolk wehrt sich“ zeigt.
Der von Andreas Hofer angeführte Aufstand ähnelt sowohl in seinen historischen Umständen wie von der Art, in der er sich späterhin zum lieu de mémoire entwickelte, dem Luxemburger „Klöp-
pelkrich“. Dem Märtyrerkult rund um Hofer entspricht dabei in abgeschwächter Form die Figur des „Schäfermisch“. Man kann davon ausgehen, dass vor allem die Luxemburger sich an Tirol inspirierten.² Berichten zufolge, die sich gleichwohl auf Anhieb nur schwer überprüfen lassen, wurde die Tiroler Landeshymne „Zu Mantua in Banden“, die Hofers Schicksal vertont, in Luxemburg lange Zeit gerne gesungen.³ Plausibel erscheint diese These angesichts dessen, wie beispielsweise auch das Luxemburger Wort den Mythos um Andreas Hofer zeitweise für politische Auseinandersetzungen in Stellung brachte. So heißt es in einem Artikel aus dem Jahre 1857: „Bekanntlich zeichnet sich Tirol, eben wie unser luxemburger Vaterland, durch Treue an den katholischen Glauben und an seinen Fürstenstamm … aus; wie das luxemburger Land in den neuern Zeiten seinen Klöppelkrieg hatte, so stritt auch das Tiroler Volk unter der Führung des Andreas Hofer … gegen die Herrschaft Napoleons für seinen Kaiser und seinen Glauben. Wie Luxemburg, hat es auch bis jetzt seinen katholischen Glauben treu bewahrt; Tirol hat der Glaubensspaltung und einem seiner Geschichte widerstrebenden Liberalismus seine Täler und Dörfer versperrt.“⁴ Eine populäre Rezeption des Hofer-Mythos in Luxemburg belegt für das frühe zwanzigste Jahrhundert unter anderem etwa eine großformatige Anzeige im Tageblatt, mit welcher ein Escher Kino einen Stummfilm über Hofers Leben bewirbt.⁵ Nach der Ankündigung „Ein Werk, das die ganze Welt begeistert“ wird der Film inhaltlich dann bezeichnenderweise mit den Worten „der Klöppelkrieg der Tiroler“ zusammengefasst. Als
Der Autor arbeitet an der Universität Luxemburg im Forschungsprojekt PARTIZIP – Nationenbildung und Demokratie.
Der von Andreas Hofer angeführte Aufstand ähnelt sowohl in seinen historischen Umständen wie von der Art, in der er sich späterhin zum lieu de mémoire entwickelte, dem Luxemburger „Klöppelkrich“.
Begleitprogramm wird zusätzlich allerdings ein „köstliches Lustspiel“, ein Film mit dem Namen Die nackte Tatsache, angeführt – mit dem strengen Katholizismus ist es bei dieser Variante der Hofer-Huldigung also wohl nicht mehr so weit her. Es wäre sicherlich interessant, bei Gelegenheit weitere Quellen wie Liederbücher u. ä. systematischer zu diesem Thema auszuwerten.
Wie auch der „Kléppelkritch“ mittlerweile nicht mehr primär als Aufstand gegen Napoleon, sondern als Widerstand der Luxemburger gegen die Einziehung in die französische Armee gedeutet wird, in einer narrativen Linie mit der späteren Resistenz gegen die Zwangsrekrutierungspolitik der Nazis, so tritt auch in Tirol der prohabsburgische und erzkatholische Charakter des Aufstands von 1809 im kollektiven Gedächtnis heute weitgehend zurück hinter die Erzählung von Tirol als einer zwischen fremden Mächten kontinuierlich zerrissenen Region. Die Trennung Tirols 1919 und die Auseinandersetzungen um die „Option“ von 1939⁶ sind dabei heute immer mit gedacht.
Eine besondere Ironie der Geschichte, an der man zugleich manches über die Konstruktion nationaler Narrative ablesen kann, ist dabei die Tatsache, dass es gerade ein Luxemburger war, welcher an der Hinrichtung Andreas Hofers seinerzeit maßgeblich beteiligt war. Michel Eiffes aus Befort kämpfte damals als Soldat der napoleonischen Armee und befehligte die Einheit, die im Jahre 1810 im italienischen Mantua mit der Exekution des Rebellenführers beauftragt wurde. Zuvor war es gelungen, Hofer, der sich nach der Niederschlagung des Aufstands von 1809 im Gebirge versteckte, festzunehmen. Die Legende will es, dass die französischen Soldaten, beeindruckt von der Unerschrockenheit Hofers, der ihnen mit unverbundenen Augen entgegen trat und selbst das Kommando „Feuer“ gegeben habe, mehrmals vorbei schossen und ihn bloß leicht verletzten. Mehreren Berichten zufolge soll es der Luxemburger Eiffes selbst gewesen sein, der daraufhin hervortrat, um Hofer den Gnadenschuss zu verpassen;⁷ eine Version, die von Eiffes überlieferten Memoiren⁸ allerdings nicht gedeckt wird. Eiffes selbst bedauerte die Ereignisse wohl durchaus, sah er doch in Hofer einen „vrai héros“, der „avait défendu son pays, ses montagnes et ses vallées, sa liberté et celle de son peuple, comme le font tous ceux qui aiment sincèrement leur patrie“. Andererseits: „mais la guerre, c’est la guerre“. Eiffes scheint auch späterhin stets Anhänger Frankreichs geblieben zu sein. Noch einer seiner Enkel trug den Namen „Napoleon“.
Interessant ist nicht nur diese Zwiegespaltenheit bei Eiffes selbst, sondern vor allem in der Rezeption seiner Lebensgeschichte, wie man sie insbesondere in lokalhistorischen Schriften rund um seinen Heimatort Befort, wo Eiffes nach Ende des Krieges als Gastwirt und Bürgermeister wirkte,
Anzeige eines Escher Kinos im Tageblatt vom 22.9.1933
findet.⁹ Durchweg wird hier Andreas Hofer die größte Sympathie entgegengebracht. Der Aufstand der Tiroler wird nirgends als Kampf gegen Aufklärung und Modernisierung begriffen, sondern meist als Verteidigung der „Religionsfreiheit“ gedeutet. Ein schierer Euphemismus, handelte es sich dabei doch um die alleinige „Freiheit“ einer Spielart des Katholizismus, nicht aber um individuelle Glaubensfreiheit, wie antijüdische Übergriffe während der kurzen Herrschaft Hofers verdeutlichen. Auch dass die Niederlage Hofers mit auf dessen völliger militärischer Selbstüberschätzung beruhte, wird nicht erwähnt – stattdessen wird sie auf die Feigheit seiner Verbündeten, die ihn ins Messer hätten laufen lassen, zurückgeführt. So gedenkt man Hofers als einem mutigen Patrioten, der dem Luxemburger Volk eigentlich seelenverwandt sei. Gleichzeitig wird Eiffes, dessen Helm und Säbel als Museumsstücke erhalten blieben, seinerseits als mutiger Held, als pflichtbewusster Offizier und „treuer Beforter“ gefeiert. Die beiden gegenstrebigen Lebensläufe werden so posthum zusammengebracht im Narrativ der tüchtigen und ehrenvollen Männer, welche im Kampf gegen die von außen auferlegten Widrigkeiten des Schicksals stets anständig geblieben seien. Alle politischen und ideologischen Inhalte und Zusammenhänge der Zeit werden dabei ausgeblendet. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man diese Erzählung eines individuellen Lebenslaufs mit seiner selektiven Konstellation von Erin-
Eine besondere Ironie der Geschichte […] ist die Tatsache, dass es gerade ein Luxemburger war, welcher an der Hinrichtung Andreas Hofers seinerzeit maßgeblich beteiligt war.
Eiffes selbst bedauerte die Ereignisse wohl durchaus, sah er doch in Hofer einen „vrai héros“ […].
nerung und Vergessen als Prototyp sieht, der auch in den „Biographien der Nationen“¹⁰ insgesamt sich spiegelt: Tirol und Luxemburg, zwei friedliebende kleine Völker, die unfreiwillig zum Spielball der Großmächte werden und dabei jeweils erstaunlichen Mut und Treue zur Heimat, sei es Müllertal oder Passeiertal, beweisen.
Unfreiwillig illustriert die gegenstrebige Fügung Luxemburgs und Tirols aber noch etwas anderes: die Willkür, die der Konstruktion von Nationen zugrunde liegt. Durchaus vergleichbar in ihren politischen, demographischen oder linguistischen Ausgangsbedingungen, wurde aus der einen Region aufgrund einer weitgehend zufälligen internationalen Machtkonstellation ein eigenständiger Staat, der erst im Nachhinein ein „nationales“ Bewusstsein seiner selbst entwarf, während Tirol nur eine autonome Provinz ist, wo man zwar anlässlich von Gedenkjahren wie dem aktuellen immer noch Schützenumzüge veranstaltet, eine Eigenstaatlichkeit aber keine ernsthafte politische Perspektive ist. Im vereinigten Europa treffen sie sich heute wieder, als Finanzplatz und Urlaubsparadies. Weder für das eine noch für das andere ist die Nation besonders wichtig. Touristen speisen zwar gerne im volkstümlichen „Gasthof Andreas Hofer“, wollen dort aber auch gerne mit stabilen Euros bezahlen. ♦
¹ Vgl. zum Wandel der Gedenkpolitik: Steinlechner, Siegfried, Des Hofers neue Kleider: Über die staatstragende Funktion von Mythen, Innsbruck 2000.
² So auch Sonja Kmec, „De Kleppelkrich“, in: Dies. et. al (Hg.), Lieux de mémoire au Luxembourg, Band 1, S. 141ff.
³ So behauptet es pathetisch Nicolas Muller, „Vor 220 Jahren wurde Michael Eiffes aus Beaufort geboren“, in: Lëtzebuerger Journal, 1999, Nr. 147, S. 8.
⁴ „Der Protestantismus und Tirol“, in: Luxemburger Wort, 10.7.1857, S. 2.
⁵ Tageblatt, 22.9.1933, Anzeigenteil.
⁶ Dass Tirol Zankapfel zwischen Österreich und Italien war, hat manche Skurilität gezeigt. So sehen Tiroler Nationalisten sich gerne als „Antifaschisten“, solange damit der italienische Faschismus Mussolinis gemeint ist. Der deutsche Nationalsozialismus fand dagegen in Tirol nach dem „Anschluss“ so viele Anhänger wie in keiner anderen österreichischen Region. Das hat sicherlich mit der langen Tradition eines katholischen Antisemitismus zu tun, den u. a. die Tirolerin Ingrid Strobl eindringlich beschrieben hat in ihren Buch Anna und das Anderle, Frankfurt 1995.
⁷ So etwa Jean Haan, „Michael Eiffes aus Beaufort erschoss Andreas Hofer“, in: An der Ucht, Kalemner von der Illustrierter Familienzeitung Revue, 1956, S. 129ff., oder auch Daniel Geisen, „Michael Eiffes, Soldat du premier Empire“, in: Beaufort im Wandel der Zeiten, herausgegeben von der Gemeinde Beaufort, Band 2, 1993, S. 7ff.
⁸ „Mémoires du sous-lieutenant Michel Eiffes qui commanda le peloton d’exécution d’Andreas Hofer“, in: Jaques Dollar, Napoléon et le Luxembourg, 1979.
⁹ Neben den bereits aufgeführten Artikeln etwa: J.P. Cigrang, „Einem getreuen Beforter zum Andenken“, in: 75ᵉ anniversaire Fanfare Beaufort, 1966, S. 155ff.
¹⁰ Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation, erweiterte Neuausgabe von 2005, S. 205ff.
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