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forum versucht sich diesen Monat an einer Jahrhunderterzählung: Vor beinahe 100 Jahren, am 30. Oktober 1911, entstand die ARBED. Und zur historischen Freske gehört ein epischer Spannungsbogen: der glanzvolle Aufstieg, der tragische Einbruch und der langsame Verfall.
Die ARBED symbolisierte während fast einem Jahrhundert die Dynamik, den Wohlstand und die internationale Ausstrahlung des Industriestandortes Luxemburg. Auf dem Cover ist das in Stein gehauene Symbol dieser Macht abgebildet. Den Touristen muss man heute erklären, dass in diesem Monumentalpalast nie ein Großherzog und auch kein Präsident lebten, sondern dass von hier aus ein internationaler Konzern verwaltet wurde.
Als Gustav Simon, Chef der Zivilverwaltung, im Sommer 1940 seinen Sitz in Luxemburg suchte, fiel die Wahl zwangsläufig auf dieses ARBED-Gebäude in der zur Adolf-Hitlerstraße umbenannten Avenue de la Liberté. Über die Rolle der ARBED während der Okkupation und diejenige ihres Direktors Aloyse Meyer publiziert forum gleich zwei Artikel. Dies zeigt, wie heikel das Thema noch immer ist, zeigt aber auch, dass Geschichte an sich nie abgeschlossen – ja, eigentlich nicht einmal vergangen – ist, und so lebt die historiographische Debatte weiter und mit ihr die Frage, ob man die Rolle der ARBED moralisch als opportunistisches „Doppelspiel“ oder als notgedrungene „collaboration-survie“ interpretiert…
Doch weg vom hauptstädtischen Palast und runter zu den (Stahl-)Hütten im Süden. Ben Fayot erzählt wie, am Anfang des 20. Jahrhunderts, mit dem Einzug der Hochöfen im Kanton Esch eine regional sozialpolitische Kultur der Radikalität entstand, und mit ihr die Figur des „Minettsdapp“. Denn die Stahlindustrie zwängte
meist junge Menschen in neue Formen des Zusammenlebens: « un mode de vie nouveau, différent de tout ce qu’on avait vécu jusque-là dans les campagnes soumises à l’Église et aux notables, une sociabilité au travail et après le travail, une population jeune, plus libre et déjà détachée des interdits de la vieille société traditionnelle, avec des étrangers venant de nombreux pays, et une communauté industrielle au-delà de la frontière. »
Denis Scuto analysiert das ambivalente Verhältnis zwischen ARBED, Arbeiterbewegung, Patronat und Staat. Dieses
Die ARBED symbolisierte während fast einem Jahrhundert die Dynamik, den Wohlstand und die internationale Ausstrahlung des Industriestandortes Luxemburg.
Verhältnis schwankte zwischen Auseinandersetzung und Dialog. Dass dabei der Dialog im Laufe der Jahre immer mehr die Auseinandersetzung zurückdrängte, zeigt sich im Interview mit John Castegnaro. „Wir möchten eine saubere Situation für einen sauberen Dialog“, meint der frühere Gewerkschaftsführer im Rückblick. Doch eigentlich hatte der lange Abstieg der ARBED bereits in den 1970er Jahren begonnen. 1987 arbeiteten mehr Menschen im Land in Banken als in der Eisenindustrie und so langsam wurde die Schwerindustrie lästig.
Die großen Umwälzungen in der Stahlindustrie ab der 1970er Jahre zwangen die ARBED zu gewaltigen Umstrukturierungen, Entlassungen und technologischen Weichenstellungen. 2001 kam dann die Fusion mit USINOR und Aceralia. Dass die Geschichte des neuen Unternehmens Arcelor dann schon 5 Jahre später ein ab-
ruptes Ende fand, ist in hohem Maße dem Umstand geschuldet, dass die Interessen des heimischen Bankplatzes nicht mehr mit denen der Schwerindustrie konkordierten. Dem feindlichen Übernahmeversuch durch Mittal Steel war Arcelor schutzlos ausgeliefert. Hatte die Regierung sich geweigert, das nötige juristische Rüstzeug bereitzustellen? Dieser Verdacht erhärtet sich durch die Lektüre eines kurz nach der feindlichen Übernahme anonym publizierten Insiderberichts, aus dem forum ausgewählte Passagen publiziert. Auch der Ex-Arcelor-Präsident Guy Dollé wittert den ökonomischen Vatermord. Im forum-Interview gibt er zu Protokoll: « Je pense – mais peut-être à tort – que certains n’étaient pas malheureux de voir l’ex-ARBED, dont ils avaient critiqué l’attitude impérialiste et arrogante des décennies précédentes, en difficulté. Et dans la relativité entre l’importance de l’industrie et l’importance de la finance, il y a eu un changement de pied. Et certains en étaient satisfaits. »
Und dennoch, ganz tot ist die ARBED nicht. Guy Bock erzählt uns die wundersame Geschichte des Hochofens C, dessen Organe und Pläne sich im fernen Osten reinkarniert haben und dort – unter dem Namen N6, der „Number 1 Blast Furnace of South-West China“ – weiterglühen. Und auch die „Minettsdapp“-Radikalität schwappt noch von Zeit zu Zeit hoch und erzeugt Bestürzung und Entsetzen bei Politwissenschaftlern und Wahldemographen.
Ein bisschen Intrige, ein bisschen Technik, ein bisschen Krimi, dazu politische Verstrickungen, Mentalitäts-, Industrie- und Sozialgeschichte und obendrein noch ein Vatermord: die Lektüre der hier gestrickten Geschichte der ARBED lohnt sich. ♦
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