Forschen mit und über Grenzen
Eine Besprechung zu Christian Wille: Grenzgänger und Räume der Grenze. Raumkonstruktionen in der Großregion SaarLorLux
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Eine Besprechung zu Christian Wille: Grenzgänger und Räume der Grenze. Raumkonstruktionen in der Großregion SaarLorLux
Gregor Schnuer
Insgesamt gibt es über 200 000 Pendler die zwischen Frankreich, Belgien, Deutschland und Luxemburg alltäglich Grenzen überqueren. Dementsprechend ist das Thema Grenzgänger weiterhin äußerst aktuell. Christian Wille, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Luxemburg und Koordinator des Projekts IDENT2, das Identitäten und Raumvorstellungen in Luxemburg erforscht, hat vor Kurzem bereits einen Beitrag zu dem Thema Grenzgänger in forum (Ausgabe 315) veröffentlicht und in den ersten Seiten des Buches Grenzgänger und Räume der Grenze wird ebenfalls auf die Relevanz des Themas hingewiesen. Als erster Band der Serie Luxemburg-Studien – Études luxembourgeoises ist das Buch auch eine wichtige neue Veröffentlichung der Forschungseinheit Identités. Politiques, Sociétés, Espaces (IPSE) an der Universität Luxemburg.
Christian Wille, Grenzgänger und Räume der Grenze. Raumkonstruktionen in der Großregion SaarLorLux, Frankfurt/M., Peter Lang, 2012 (Luxemburg-Studien, Bd. 1), 393 S.
Bemerkenswert ist nicht nur der Umfang dieser Studie, die sich von methodischen und theoretischen Grundsätzen über einen historischen Überblick bis hin zur Analyse der gesammelten Daten erstreckt, sondern auch die im Ansatz innovative Herangehensweise: Anstatt sich wie üblich mit dem Thema nur aus einer Makroperspektive zu beschäftigen, besteht der Kern dieses Buches aus einer Umfrage mit Folgeinterviews, in denen die Grenzgänger über ihr alltägliches Leben befragt werden. Wille beschränkt sich nicht nur auf finanzielle Aspekte, sondern untersucht die verschiedenen Arten und Weisen der alltäglichen Raumkonstruktionen. In anderen Worten befasst sich dieses Buch mit der erfahrenen Realität der Grenzgänger und wie diese die Grenze und die dadurch differenzierten „Räume“ wahrnehmen.
Mit knapp 400 Seiten ist es ein umfangreicher Text. Die Strukturierung ist sehr überschaubar und präzise: nach einer Erläuterung der theoretischen und methodischen Grundlagen folgt ein historischer Überblick. Das dann folgende Kapitel ist eine Analyse der Ergebnisse der Umfrage, gefolgt von einer Zusammenfassung.
Die theoretischen Grundlagen sind dadurch auszuzeichnen, dass sie das abstrakte Konzept der Raumkonstruktion praktisch nutzbar ausformulieren. Der Autor geht also davon aus, dass die Grenze und die dadurch differenzierten Länder das Ergebnis komplexer sozialer und politischer Handlungen sind. Die Grenze ist nicht „natürlich“ oder ein unabhängiges „Objekt“, sondern sie muss andauernd durch Alltagshandlungen instandgehalten und erneuert werden. Auch wenn die Grenze an sich politisch festgelegt ist, so sind Bedeutung und Erfahrung der Grenze von einzelnen Personen ambivalenter und heterogen. Es geht in diesen Buch nicht um die abstrakte politische Grenze, sondern um konkrete Erfahrungen des Grenzraums.
Das Kapitel zum geschichtlichen Hintergrund des Grenzgängerwesens ist eine gelungene Mischung aus vorhandener Literatur und Auswertung von statistischen Daten. Da sich der Autor hier auf quantitative Quellen und Sekundärliteratur verlässt, wird die sozialkulturelle, alltägliche Realität hier noch nicht erfasst. Statt dessen werden die lange und frühe Geschichte der Grenzüberschreitung in der Region
Gregor Schnuer ist Soziologe und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Luxemburg.
SaarLorLux und deren wirtschaftliche Ursachen und Folgen kompetent ausgearbeitet. Das Grenzgängerwesen zwischen 1900 und 1945 „war von zwei Weltkriegen und der Weltwirtschaftskrise geprägt und die Wirtschaftsaktivitäten im Gebiet der heutigen Großregion SaarLorLux gründeten sich hauptsächlich auf dem Steinkohlebergbau, der Eisen- und Stahlindustrie und der Textilindustrie.“ (S. 129) Die zeitlich leicht versetzten Industrialisierungsprozesse und bessere Verkehrswege schufen bereits damals Pendlerströme zwischen Saarland, Lothringen und Wallonien. Luxemburg empfing die ersten Grenzgänger erst als Folge der Montankrise in den siebziger Jahren. Ab 1990 entwickelte sich Luxemburg als Anlaufland für Grenzgänger. Der Arbeitsplatzabbau der umliegenden Regionen, die wachsenden Einkommensdifferenzen und der Ausbau des Dienstleistungssektors in Luxemburg spielen bis heute bei dieser Entwicklung eine zentrale Rolle.
Die Auswertung der Forschungsergebnisse bildet das umfangreichste Kapitel und es ist meiner Meinung nach der wichtigste Beitrag dieses Buches zum Thema Grenzgänger. Die verschiedenen Untersuchungsschwerpunkte werden Stück für Stück ausgewertet. Alle erhobenen Daten werden beschrieben und oft sind die quantitativen Daten in leicht zugänglichen Tabellen und Diagrammen dargestellt. Die qualitativen Interviews werden regelmäßig zitiert, und obwohl dies manchmal oberflächlich erscheint, geben sie an vielen Stellen vertiefende Erklärungsansätze.
Im Bezug auf Erwerbsprojekte stellte sich zum Beispiel Folgendes heraus: „Nahezu die Hälfte der Grenzgänger hat die aktuelle Arbeitsstelle über informelle Informationskanäle gefunden.“ (S. 326) Interviews vertiefen diese Beobachtung: der Arbeitgeber findet schnell und preiswert einen qualifizierten Kandidat und der Kandidat findet eine begehrte Stelle. Die informelle Stellenvermittlung kann soweit gehen, „dass z. B. ein nicht unerheblicher Anteil der Einwohner einer lothringischen Gemeinde in einem bestimmten Unternehmen in Luxemburg eine Beschäftigung findet.“ (S. 217) Ein befragter Arbeitgeber sagt: „Wir suchen keine neuen Arbeitskräfte im Elsass. Die kommen von alleine.“ (S. 218)
Als Hauptgrund für den Arbeitsplatzwechsel über die Grenze wurden das bessere Einkommen in Luxemburg und der Mangel an Arbeitsplätzen in der Wohnregion genannt. Besonders hervorzuheben sind dadurch entstehende Unterschiede in Qualifikationen: so arbeiten in Luxemburg teils überqualifizierte Grenzgänger. Die Arbeitgeber sparen durch den Kompetenzgewinn und die Arbeitnehmer profitieren von den hohen Gehältern. Die Interviews zeigen aber auch negative Seiten, wie z. B. einen Mangel
an Herausforderung. So berichtet eine Pendlerin: „Trotz Verbesserung meiner Arbeitsqualität fühle ich mich zurückgesetzt, da mein Beruf als Altenpflegerin nicht anerkannt wird.“ (S. 224)
Die zwischenmenschlichen Aspekte werden vom Autor nicht vernachlässigt. So zeichnen sich in der Studie deutliche Fremdbilder zwischen den Nationalitäten ab. Deutsche werden als diszipliniert und penibel dargestellt, Franzosen und Belgier eher als unpünktlich und locker. Ein Pendler berichtet „Wenn deutsche und französische Kollegen beim Kaffeeautomat einen Schwatz halten, gehen die deutschen Kollegen an die Arbeit, wenn der Chef in Sicht ist; die französischen Kollegen warten, bis er kommt und fragen ihn, ob er einen Kaffee ausgibt.“ (S. 248) Auch wenn solche Vorurteile bekannt erscheinen, verfolgt der Autor deren Konsequenzen in zwischenmenschlichen Handlungen. Eine solche Konsequenz ist eine Hierarchie der verschiedenen Gruppen. „Grenzgänger aus Deutschland [werden] aufgrund der Ausbildung, der ihnen zugeschriebenen Arbeitsweise und der Sprachkompetenz von Arbeitgebern sehr geschätzt“, während Belgier, obwohl sie im Schnitt die höchste Anzahl Bildungsabschlüsse aufweisen, eher unbeliebt sind. Ein Angestellter erzählt folgendes Beispiel: „Man hört auch, wenn die Personalchefs unter sich reden, dass die sagen ‚Wenn wir Geld sparen wollen, dann stellen wir einen Belgier ein.‘ – das hört man öfter und es zeigt ja auch die Hierarchie der Grenzgänger.“ (S. 288)
Im letzten Kapitel werden die Teilaspekte der Studie zu sieben Hauptmerkmalen zusammengefasst: 1) Pluralität der Grenzgänger die eine äußerst heterogene Gruppe darstellen; 2) Persistenz des Grenzgängerwesens, das sich hauptsächlich durch das hohe Einkommen auszeichnet; 3) Informalität der Vermittlung von Arbeitsplätzen sowie Gruppen z. B. bei Fahrgemeinschaften; 4) Konfliktpotential am Arbeitsplatz und Wohnort; 5) Kontingenz, bzw. eine prinzipielle Offenheit bei Missverständnissen am Arbeitsplatz, die durch sozialkulturelle Differenzen entstehen; 6) Ambivalenz wenn der Pendleralltag als positiv und negativ empfunden wird; und 7) Non-Integration in der Arbeitsregion. Es sind diese Merkmale, die als akademische Leistung des Autors hervorgehen, besonders wenn man sie mit der detaillierten Ausarbeitung des vorhergehenden Kapitels in Verbindung bringt.
Leser die sich für das Thema der Grenzgänger interessieren, werden in diesem Buch eine Vielzahl von Denkanstößen und Erklärungen finden. Was man allerdings bedenken sollte, ist, dass sich dieses Buch an Sozialwissenschaftler/innen richtet. Auch wenn das Buch für einen allgemeinen Leser/in, der sich für das
Ein befragter Arbeitgeber sagt: „Wir suchen keine neuen Arbeitskräfte im Elsass. Die kommen von alleine.“
Thema interessiert, zu empfehlen ist, so ist die Studie doch recht anspruchsvoll. Besonders die Kapitel, die sich mit Methodik und Theorie auseinandersetzen, werden für Wissenschaftler/innen von Interesse sein, aber anderen Lesern/innen unter Umständen unzugänglich erscheinen. Zusammenfassend erschöpft das Buch, trotz des Detailreichtums und der Länge, das Thema, aber nicht (oder nur kaum) den Leser und bietet neue Erkenntnisse über die Alltagserfahrung der Grenzgänger. ♦
metzay@uni.lu mission culture scientifique et technique http://metzay.uni.lu
AMPHI OUVERT SERIE VIII
En neie Bléck op d’Lëtzebuerger Geschicht
Michel Pauly Université du Luxembourg
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- 20.11 1815-1890 – En neit Lëtzebuerg
- 04.12 Zwee Weltkricher an en Debat ëm Onofhängegkeet an Identitéit
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D’Universitéit stellt Atteste fir de Besuch vun de Coursen aus.
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Herausgeber: forum ASBL
Durchschnittliche Auflage: 1 900 Exemplare
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ISSN 1680-2322
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Koordination
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Autoren dieser Ausgabe
Laurence Brasseur, Véronique Bruck, Luc Heuschling, André Hoffmann, Ane Kleine-Engel, Serge Kollwelter, Arno J. Mayer, Michel Pauly, Laurent Schmit, Gregor Schner, Jürgen Stoldt, Bernard Thomas, Laurent Zeimet
Interviewpartner dieser Ausgabe
Eirikur Bergmann, Jean-Claude Franck, Victor Gillen, Laurent Mosar, Alain Rousseau, Mathias Schiltz, Paul Schmit
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